Die Tiny-Haus Revolution: Weniger ist mehr?
In den vergangenen Wochen habe ich oft von den Besuchern meines Tiny Houses in Ettlingen den Satz gehört: „Da ist alles drin, was man braucht! So könnte ich mir auch vorstellen zu leben.“ Nach meinen Wochen in diesem kleinen Haus kann ich das nur bestätigen. Wirklich viel mehr Platz und Dinge braucht man nicht, um glücklich zu sein.
Zuhause in Stuttgart habe ich ebenfalls eine wunderschöne Wohnung mit einem riesigen Garten. Aber all das will gepflegt sein, und es steckt wahnsinnig viel Arbeit darin. Jeder, der eine große Wohnung hat und sich keine Reinigungskraft leisten kann, weiß, wie viel Aufwand es ist, sie ordentlich zu halten. Meine Frau Flavia war bei einem Besuch ganz überrascht, wie ordentlich ich sein kann. Aber in einem Tiny House ist das auch nicht wirklich schwer. Man hat ja nicht viel, was es aufzuräumen gäbe. In nur drei Minuten ist das ganze Haus gefegt und auf Vordermann gebracht. Zu Hause verliere ich oft schon die Lust, weil ich weiß, wie lange es dauern wird und ich ja noch so viele andere Dinge zu tun habe.
Die große Frage: Zeit gegen Geld
Doch es geht nicht nur um die Ordnung. Wie viel Zeit unseres Lebens müssen wir arbeiten – oft in Jobs, die uns nicht einmal Freude bereiten oder erfüllen –, nur um Miete oder Kredite für unsere großen Wohnungen oder Häuser zu bezahlen? Und dann verbringen wir auch noch viel Zeit, in der wir nicht schlafen, bei der Arbeit oder unterwegs. Wer so wenig Platz hat, kann sich auch nicht mehr so viel kaufen. Man muss sich bei jedem Gegenstand, selbst bei Kleidungsstücken, zweimal überlegen, ob er wirklich nötig ist. Irgendwo muss das Zeug ja verstaut werden.
Würde man das Geld, das man durch den gewissermaßen erzwungenen Konsumverzicht und die geringeren Investitionskosten für ein Tiny House spart, nicht in überteuerte Autos oder Kreuzfahrten investieren, könnte man meiner Meinung nach gut mit 40 bis 50 Prozent des heutigen Einkommens auskommen. Plötzlich hätten wir wieder Zeit, um uns um das zu kümmern, was uns wirklich wichtig ist!
Eine Utopie, die unser System herausfordert
Aber mal ehrlich: Weder die Politik noch die Wirtschaft können das wirklich wollen, dass wir nur noch 40 bis 50 Prozent arbeiten und weniger konsumieren. Ich habe einmal gedanklich durchgespielt, was passieren würde, wenn die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung Tiny Houses als eine tolle Sache ansehen würde, weil man dann nicht mehr so viel arbeiten muss. Wenn wir mit dem auskämen, was wir wirklich zum Leben brauchen, hätten wir plötzlich unglaublich viel mehr Zeit, zum Beispiel um einander wieder richtig zuzuhören und füreinander da zu sein.
Wer würde dann unsere ganzen Steuern zahlen? Unser Sozialstaat würde in kürzester Zeit daran zerbrechen, die Renten wären nicht mehr finanzierbar, und ich als Künstler würde wahrscheinlich als Erster alle Förderungen gestrichen bekommen, von denen ich zum Teil lebe. Diese Utopie ist mit dem derzeitigen kapitalistischen System überhaupt nicht vereinbar.
Sie würde nur funktionieren, wenn zeitgleich ein wirklicher Bewusstseinswandel stattfinden würde. Wenn wir die frei gewordene Zeit nicht dafür verwenden, noch mehr Zeit in den sozialen Medien zu vergeuden, sondern vieles von dem, was wir an den Staat ausgelagert haben, wieder selbst in die Hand nehmen.
Spielt man dieses Gedankenexperiment weiter, wird klar, welch radikalen Wandel es hervorrufen würde – der aber zuerst einmal in den Köpfen beginnen müsste. Davon sind wir weit entfernt, denn sobald Einschnitte drohen, ist dann doch wieder jeder sich selbst der Nächste. Aber was ist die Alternative? Weitermachen wie bisher? So, dass immer mehr Hitzewellen, Überschwemmungen und Kriege Unsummen verschlucken, die an anderer Stelle fehlen werden? Dass wir immer mehr arbeiten müssen, in Jobs, die uns nicht gefallen, weil das Wachstum erlahmt? Dass immer mehr Menschen ausbrennen, weil sie keinen Sinn mehr in dem sehen, was sie machen und uns der Konsum auf Dauer auch nicht wirklich glücklich macht?
Die Tiny-Haus-Revolution mag klein anfangen, aber die Gedanken, die sie anstößt, sind gewaltig.
Video: Álvaro García
