
Als ich nach meinen zweieinhalb Wochen „Projekt-Urlaub“ aus dem Zug in Berlin stieg, empfingen mich frostige Temperaturen. Es war spürbar kälter als in Stuttgart, die Gehwege waren vereist. Die Wettervorhersagen für die kommenden Tage versprachen keine Besserung – im Gegenteil: Es sollte von Tag zu Tag noch kälter werden am Ende der Woche war Schneesturm angesagt.
Meine Station für drei Tage war die Kapelle der Versöhnung. Ein wunderschöner Ort – allerdings ungeheizt. Vier Stunden pro Tag saß ich dort und hörte zu, der Kälte ausgesetzt. Das bereitete mir durchaus Sorgen, aber Heizdecken für den Stuhl schafften etwas Abhilfe und zugleich war ich dankbar, überhaupt an diesem besonderen Ort zuhören zu dürfen.

Die Kapelle ist Teil der Gedenkstätte Berliner Mauer – eines Ortes, der wie kaum ein anderer in Deutschland für Trennung, Grenze, Gewalt und Verlust steht. Heute ist er zugleich ein Raum für Erinnerung, Heilung und Versöhnung. Dass ich an diesem geschichtsträchtigen Ort zuhören durfte, bedeutet mir sehr viel. Es fühlt sich zutiefst stimmig an, gerade hier nach Verbindung zu suchen – an einem Ort, der über Jahrzehnte Symbol einer scheinbar unüberwindbaren Spaltung war.
Die Kapelle wurde exakt an der Stelle errichtet, an der einst die alte Versöhnungskirche stand. Diese lag nach dem Mauerbau 1961 im Todesstreifen, war nicht mehr zugänglich und wurde im Januar 1985 – nur wenige Jahre vor dem Fall der Mauer – gesprengt. Der heutige Rundbau entstand in einer besonderen Stampflehmtechnik, in die die zerkleinerten Bruchstücke und Ziegel der zerstörten Kirche eingearbeitet wurden. So trägt die Kapelle die Geschichte ihres Vorgängers buchstäblich in sich – als sichtbares Zeichen dafür, dass aus Zerstörung Neues wachsen kann.
Man erzählte mir, dass im Sommer an manchen Tagen bis zu 4.000 Besucherinnen und Besucher in die Kapelle kommen. Ich war froh, dass der Winter die Massen fernhielt. Das versprach mehr Ruhe und Intimität für die Begegnungen. Selbst im Winter können es laut einer Hüterin – so werden die Aufsichten genannt – noch bis zu 1.000 Menschen am Tag sein. An meinem ersten Tag jedoch wurden in den vier Stunden meiner Anwesenheit nur etwa vierzig Besucher gezählt. Und niemand wollte mir etwas erzählen.
Ich konnte es gut verstehen. Es war bitterkalt, und vermutlich hätte ich an ihrer Stelle auch anderes im Sinn gehabt, als mich in einer ungeheizten Kapelle aufzuhalten.


Stattdessen habe ich an diesem Tag den beiden Hütern zugehört – und auch in den folgenden Tagen ergaben sich viele Gespräche mit ihnen. So bekam ich ein immer klareres Bild von diesem Ort und von ihrer ehrenamtlichen Arbeit. Da ich selbst spüren konnte, wie herausfordernd es war, stundenlang in der Kälte zu sitzen, fragte ich sie nach ihrer Motivation. Alle erzählten mir übereinstimmend, wie besonders sie diesen Ort empfinden und wie erfüllend die Tätigkeit für sie ist – auch wenn man dafür gelegentlich Tage wie diese in Kauf nehmen muss.
Zwei Frauen sagten unabhängig voneinander, dass sie sich jedes Mal besser fühlten, wenn sie in der Kapelle seien. Eine meinte sogar, es sei für sie wie ein kleines Mini-Retreat – sie fühle sich danach ein paar Jahre jünger. Hinzu kommen die Gespräche mit Besucherinnen und Besuchern, die an diesem geschichtlich aufgeladenen und zugleich spirituellen Ort oft sehr unterschiedlich, manchmal auch überraschend tief sind. Aus dem, was mir die Hüterinnen und Hüter erzählten, hatte ich das Gefühl, dass ihre Arbeit – neben dem Weitergeben von Informationen und der Aufsicht – vor allem viel mit Zuhören zu tun hat. Und ich kann mir gut vorstellen, dass durch diese Gespräche eine besondere Verbindung zu den Menschen entsteht, die hier ihre Gedanken teilen.
Ein weiterer Beweggrund wurde immer wieder genannt: wofür dieser Ort steht – für Versöhnung und Aufklärung. In einer Zeit, in der weltweit neue gewaltsame Konflikte entstehen und die Polarisierung zunimmt, empfinden viele ihre Arbeit hier als einen kleinen, aber wichtigen Beitrag. Nicht nur über Krieg zu sprechen, sondern aktiv etwas für Versöhnung zu tun. Dafür steht man dann auch bei Minusgraden gern zwei Stunden ehrenamtlich in der Kälte.
Dass mir am ersten Tag niemand etwas erzählen wollte, hat mich erstaunlich wenig bekümmert. Ich lerne immer besser, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind. Ich hatte in den vergangenen Monaten so viele berührende Begegnungen, dass ich mir keine Gedanken darüber machen musste. Und am zweiten und dritten Tag kamen dann plötzlich Menschen – obwohl es kaum wärmer geworden war. Immerhin schien draußen die Sonne.
Unter diesen Begegnungen gab es einige, bei denen ich das Gefühl hatte, dass sie nicht zufällig entstanden sind. Eine davon möchte ich erzählen.

Ein junger Vater kam mit seinem schlafenden Kind im Kinderwagen in die Kapelle und setzte sich nach einer Weile zu mir. Zunächst sagte er – wie so viele –, dass er mir eigentlich gern Fragen stellen würde: zu meinem Projekt, zu meinen Erfahrungen, zu meiner Motivation. Doch er erkannte schnell, dass es darum nicht ging, und begann, von sich zu erzählen. Wie so oft startete es mit dem Satz, dass er eigentlich gar nicht wisse, was er erzählen solle, und dass er sonst eher der sei, der lieber zuhört.
Dann erzählte er mir, dass an diesem Tag der Todestag seiner früheren Verlobten sei. Jedes Jahr gehe er an diesem Tag hinaus, mache einen Spaziergang, habe Erwartungen, die oft enttäuscht würden. Heute sei er später losgekommen als geplant, habe deshalb eine kürzere Runde gemacht – und sei so ungeplant in der Kapelle gelandet. Eigentlich sei er kein spiritueller Mensch. Und nun saß da plötzlich jemand, der schweigend zuhörte.
Er sprach von Selbstzweifeln, von schwierigen Phasen in seinem Leben – und erzählte schließlich von der Erkenntnis, dass es immer wieder besondere Menschen gegeben habe, die ihn geliebt hätten: Freunde, seine verstorbene Verlobte, seine jetzige Partnerin. In dem Moment, in dem ihm diese Liebe bewusst geworden sei, habe er gespürt, dass er so falsch nicht sein könne. Zum ersten Mal habe er sich selbst annehmen können, wie er ist. Das sei damals fast ein spiritueller Moment gewesen und auch beim Erzählen blühte er wieder auf.
Am Ende bedankte er sich für mein Zuhören und dafür, dass ich an diesem Tag dort gewesen war. Er verließ die Kirche in einer anderen Energie. Ob seine Erwartungen an diesen schwierigen Tag durch diese Begegnung erfüllt wurden, weiß ich nicht. Sollte dem so sein, dann war mein Beitrag gering. Es waren seine eigenen Worte, seine Erinnerungen und das Wieder-Spüren von Liebe, die ihm Kraft gegeben haben – so habe ich es empfunden.
Und solange ich solche Begegnungen erleben darf – in denen durch Zuhören, durch ein paar Notizen und kleine Fragen Gedanken in Bewegung kommen, die man allein vielleicht nicht erreicht – solange harre ich auch bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt gern aus.






























