Ich genoss mein Outdoor-Office, diese Freiheit, an solch einem Ort arbeiten zu dürfen, meinen Gedanken nachzuhängen und sie in einen Text zu gießen. Welch ein Privileg. Und ich fragte mich, warum ich das nicht viel öfter mache. Einfach den Laptop zu Hause schnappen, mir einen schönen Ort suchen, schreiben, in mich selbst lauschen und immer wieder zurückkommen in das, was um mich herum ist.
Vielleicht ist das mein verklärtes Bild von den Dichtern der Romantik: draußen sitzen, schreiben, lauschen, wieder in die Landschaft schauen. Vielleicht braucht es aber auch die Stube, damit die Sehnsucht nach draußen überhaupt entstehen kann. Und vielleicht braucht es danach wieder das Draußensein, den Sommer, den Frühling, die Weite. Denn wahrscheinlich kann man sich auch an ein Outdoor-Office gewöhnen. Vielleicht schneller, als einem lieb ist. Auch das kann Alltag werden.
Nach drei Stunden an diesem Ort, mit diesem grandiosen Regenschauspiel und vielen neuen Gedanken, die ich zu Blatt gebracht hatte, zog ich nach dem Regen weiter. Wieder einmal war er da gewesen, hatte sich von seiner schönsten Seite gezeigt, ohne dass ich von ihm durchnässt worden wäre. Es ist, als ob wir beide seit Monaten einen Tanz vollziehen, bei dem wir uns immer wieder annähern, umeinander kreisen, uns berühren, belauern, aber es nie zur Vereinigung kommt. Ein Tango mit dem Regen.
Ich hatte noch kein Wasser für den Abend. Gerne hätte ich auf der Höhe irgendwo mein Zelt aufgeschlagen. In meiner Wander-App waren zwei kleine Bachläufe eingezeichnet, die nahe dem Höhenzug entsprangen. Allerdings waren sie trotz des ausgiebigen Regens vertrocknet, was meine ganze Planung über den Haufen warf. Ich musste hinunter ins Tal, das dicht besiedelt war. Nur widerwillig ließ ich mich darauf ein, weil ich so gerne auf der Höhe geblieben wäre und den Ausblick weiterhin genossen hätte, am liebsten aus meinem Zelt heraus. Aber es half nichts. Meine Wasserreserven neigten sich dem Ende zu, und ich musste, um kochen zu können, hinabsteigen.
Ich fand auf einer Karte eine Hütte, bei der ein Grillplatz eingezeichnet war, mit einer Quelle daneben, 300 Höhenmeter den Berg hinunter. Von dort aus konnte ich am nächsten Tag auch rechtzeitig am Treffpunkt in Steinach im Kinzigtal sein, wo ich mich gegen 11 Uhr mit Renate am Bahnhof treffen würde.
Ich stieg hinunter, fand die Hütte, die leider verschlossen war, aber ein ausreichend großes Vordach hatte, konnte meine Flaschen an der Quelle füllen und begann zu kochen. Gerade als das Essen fertig war, kam der Regen zurück und ich zog mich unter das Vordach zurück. Es war schon spät, weil ich den ganzen Nachmittag schreibend verbracht hatte, und so stand an diesem Abend nicht mehr viel an.
Das Internet reichte ohnehin nicht wirklich bis hierher, weshalb ich es irgendwann aufgab, den richtigen Moment und die richtige Position des Laptops zu finden, bei der doch ein wenig Netz verfügbar war, um noch etwas zu arbeiten. Die dadurch gewonnene Zeit nutzte ich, um ausführlich zu meditieren.
Ich schloss die Augen und lauschte dem Regen, wie er auf das Laubdach des Waldes um mich herum fiel, in dicken Tropfen von der Hütte auf den Boden klatschte, dem Plätschern der Quelle wenige Meter neben mir und dazu dem Gezwitscher der Vögel, die sich in der Abenddämmerung nicht vom Regen stören ließen, ihr allabendliches Konzert vor der Dunkelheit aufzuführen.
Es war ein fantastischer Moment. Ich tauchte richtig ein. Alle Gedanken waren ganz leise und weit weg. Was für ein magischer Ort, dachte ich mir. Vielleicht besonders energetisch aufgeladen, dass man hier so tief in die Meditation findet. Es würde sich lohnen, zurückzukommen, um wieder in diese Tiefe einzutauchen, die man nicht an jedem Ort findet.
Als ich mich danach in den Schlafsack legte, war ich wie benommen. Eine große Bettschwere überkam mich, die ich der Meditation zurechnete, und sofort, nachdem ich mich hingelegt hatte, schlief ich ein.
In der Nacht erwachte ich. Mir war speiübel, ich schwitzte, und ich wusste nicht, ob es besser war, aufzustehen und mich zu übergeben, oder bewegungslos dazuliegen, um es erst gar nicht so weit kommen zu lassen. Wahrscheinlich wäre Ersteres besser gewesen, doch ich blieb einfach liegen.
Die tiefe Meditation am Abend war also wohl nicht dem Ort zuzuschreiben. Wahrscheinlich hatte sich da schon etwas in mir ausgebreitet, das mich benommen gemacht und meine Gedanken heruntergefahren hatte. Nicht der Ort hatte mich so tief in die Stille geführt, sondern vielleicht schon das, womit ich die folgenden Tage zu kämpfen hatte.
Den Rest der Nacht verbrachte ich in einem Dämmerzustand, der sich nach allem anfühlte, nur nicht gut. Zwischendurch driftete ich in die wildesten Träume. Manchmal wusste ich nicht, ob ich gerade in einem Traum war oder in meinen Gedanken, die sich überschlugen. Der Übergang von einem ins andere war fließend.
Als endlich die Morgendämmerung einsetzte, war ich völlig erschöpft. Eigentlich hatte ich mir den Wecker auf sechs Uhr gestellt, um noch einmal zu meditieren, nachdem es am Vorabend so schön gewesen war. Doch daran war nicht mehr zu denken.
Um zehn Uhr wollte ich in Steinach sein, dort noch einkaufen und anschließend Renate treffen. Aber allein bis ich die Kraft fand, mich aus dem Schlafsack zu erheben, vergingen zwei Stunden. Selbst ohne Zeltabbau und Frühstück brauchte ich anschließend mehr als eine Stunde, um mich anzuziehen und meine Sachen zu packen. Erst nach neun Uhr kam ich los.
Nach zwei Bissen von einem Müsliriegel war mir wieder schlecht. Ich hatte Durchfall und keine Ahnung, wie ich diesen Tag durchstehen sollte. Als ich den Rucksack aufsetzte und mich langsam in Bewegung setzte, kam ich in gewohnte Abläufe. Das Gehen beruhigte mich, auch wenn ich nur langsam vorankam. Als ich einen kleinen Anstieg hinauf musste, war ich nach wenigen Metern schweißdurchtränkt.
Kurz vor Steinach setzte ich mich erschöpft auf eine Bank und zwang mich, etwas Müsli zu essen, in der Hoffnung, dass es mir ein wenig Kraft geben würde. Hunger verspürte ich überhaupt nicht. Aber es machte alles nur noch schlimmer. Nach dem Essen wurde mir schwindelig und die verdorbene Verdauung schien die letzten Kräfte aus mir herauszuziehen, damit sie mit dem Essen fertigwerden konnte, das ich ihr nun zugemutet hatte.
Eigentlich hätte ich Renate absagen müssen. Irgendwo mein Zelt aufbauen oder einen Bauern fragen, ob ich mich ins Heu legen kann, um mich auszukurieren. Da ich aber am Morgen kein Netz gehabt hatte und Renate extra früh aufgestanden war, um über drei Stunden anzureisen und mit mir zu gehen, brachte ich es nicht übers Herz, ihr jetzt noch abzusagen, wo sie doch kurz vor ihrem Ziel war.
Vielleicht war ich in diesem Moment trotz aller Übelkeit und Entkräftung auch zu stolz, um mir selbst einzugestehen, dass ich nicht mehr konnte. Wenigstens eine Nachricht konnte ich ihr nun schicken, damit sie Bescheid wusste, dass es mir nicht gut ging und ich keine Ahnung hatte, ob ich den Weg schaffen würde, den wir uns für diesen Tag vorgenommen hatten.
Zu meiner Übelkeit kam an diesem Tag ein Aufstieg von knapp 800 Höhenmetern am Stück dazu, der längste Anstieg auf meinem ganzen Weg durch Deutschland. Schon unter normalen Umständen hätte ich Respekt davor gehabt, mit meinem 20-Kilo-Rucksack von Steinach hinauf zum Brandenkopf zu steigen. Ich wusste zwar, dass ich ausreichend trainiert war und dieser Anstieg normalerweise gut zu bewältigen wäre. Aber an diesem Tag war nichts mehr normal. Es war ein Ausnahmezustand, in dem es mir unmöglich erschien, diesen Berg zu erklimmen.
In Steinach suchte ich eine Apotheke auf, um Heilerde zu kaufen, in der Hoffnung, dass sie meine Verdauung beruhigen würde. Allerdings hatten sie keine vorrätig. Ich war zu kraftlos, schriftlich zu fragen, was sie mir alternativ anbieten könnten, oder meine Symptome zu beschreiben. Mich überkam eine so große Übelkeit in der Apotheke, dass ich froh war, sie so schnell wie möglich wieder zu verlassen, weil ich Sorge hatte, mich dort übergeben zu müssen.
Der Zug von Renate musste in der Zwischenzeit angekommen sein, weshalb ich mich auf den Weg zum Bahnhof machte. Ich bin davon ausgegangen, dass wir uns dort treffen würden. Aber nun stand sie auf einmal vor mir. Weil ich noch nicht am Treffpunkt erschienen war, hat sie sich auf den Weg zum Bäcker gemacht und wir sind uns zufällig über den Weg gelaufen. Ich noch ganz benommen aus der Apotheke kommend, nicht wissend, wie es weitergehen sollte, und sie total glücklich, angekommen zu sein und mich getroffen zu haben.
Renate hatte mich schon einige Wochen zuvor angeschrieben, ob sie mich ein paar Tage begleiten könnte. Es war gar nicht mehr so einfach gewesen, zwischen all den Begleitungen, Stopps bei Freunden und den Orten, an denen ich noch zuhören wollte, einen freien Termin zu finden. Dass wir nun diesen Zeitslot gefunden hatten, bei dem die An- und Abreise im Schwarzwald für sie gut möglich war, hatte uns beide gefreut.
Ich wusste von Renate eigentlich nur, dass sie Wanderführerin ist und viele Bücher über Pilgerwege und Wanderungen geschrieben hat. Ich hatte keine Ahnung, wie sie auf mein Projekt aufmerksam geworden war oder was ihre Beweggründe waren. Aber diese wenigen Informationen reichten mir, um ins Vertrauen zu gehen: Wer Pilgerwege beschreibt, 800 Höhenmeter einschätzen kann und weiß, was es bedeutet, in einer Hütte auf dem Boden zu schlafen, würde auch für sich selbst Verantwortung übernehmen können.
Dieses Wissen entlastete mich ungemein. Und zugleich basierte es im Grunde nur auf wenigen Worten: Pilgerin. Wanderführerin. Eine Frau, die Bücher über Wege schreibt.
Ich weiß nicht, woher sie kam, aber plötzlich war da wieder ein wenig Kraft, mit der ich mich zusammenriss, um Renate zu begrüßen und willkommen zu heißen.
Ich schrieb auf meinem Tablet zur Begrüßung:
„Schön, dass du da bist!“
Und kurz darauf, um sie in Kenntnis zu setzen, wie es mir ging:
„Ich habe vor einer halben Stunde etwas gegessen … Das tat mir nicht gut. Bis dahin war alles wieder okay.“
Dieser Satz war nicht so eindeutig, wie er in diesem Moment vielleicht hätte sein sollen. Und vielleicht hat Renate ihn nur überflogen oder missverstanden, denn sie antwortete:
„Ja super! Dann können wir ja loslaufen!“
Mir fehlte die Kraft, das richtigzustellen. Ich hätte vielleicht zu viel schreiben müssen, um mich zu erklären und vor Renate einzugestehen, dass ich eigentlich nirgendwo hingehen konnte. Es war einfacher, einfach loszugehen. Also schrieb ich nur auf, dass ich noch kurz im Edeka einkaufen müsse.
Auch in diesem Laden war ich einfach nur überfordert. Die Übelkeit war zurück, ich wusste überhaupt nicht, was ich brauchte, wollte ich doch eigentlich alles, bloß nichts essen. Gleichzeitig musste ich für zwei bis drei Tage planen, und allein die Vorstellung, irgendetwas davon essen zu müssen, ließ die Übelkeit wieder hochkommen.
Ich war froh, als wir den Laden verlassen konnten und ich einfach ein wenig gehen konnte. Nicht sprechen, beziehungsweise schreiben musste, sondern nur in Stille gehen. Der Weg aus dem Ort hinaus war eben, Renate schaute ebenfalls nach dem Weg, und diese Verantwortung lag nun nicht auch noch bei mir. Denn mein Sinn für Orientierung litt ebenso wie alles andere. Das Gehen erdete mich wieder ein wenig, obwohl sich alles in mir nach Liegen sehnte. Aber vor uns lag noch dieser Berg. Wir liefen auf ihn zu, und alles in mir wehrte sich dagegen, ihn zu erklimmen.
Als es in den Aufstieg überging, versuchte ich langsamer zu gehen, aber wirklich gelungen ist es mir nicht. In diesem Jahr hatte sich in mir ein Tempo eingeschliffen, mit dem ich mich vorwärtsbewegte. Es variierte, je nachdem, ob ich auf der Ebene ging, einen leichten Hügel hinaufging, einen Berg erklomm oder in Begleitung war. Jede Begebenheit hatte ihren eigenen Rhythmus. Nur diesen Rhythmus fand ich jetzt nicht. Ich ging langsamer, aber immer noch viel zu schnell.
Als wir die ersten knapp 200 Höhenmeter bewältigt hatten, war ich am Ende. In der steilsten Steigung musste ich mich hinsetzen. Ich war komplett nassgeschwitzt. Mir war schwindelig. Ich konnte nun auch vor Renate nicht mehr verbergen, dass ich nicht mehr konnte.
Ich weiß nicht, wie lange ich so dasaß, mit geschlossenen Augen, versuchend, mich selbst zu beruhigen und Auswege zu suchen. Renate saß einfach neben mir. Ich weiß nicht wirklich, was ihr durch den Kopf ging. Manchmal sah ich einen besorgten Blick, manchmal schien sie ganz in sich gekehrt zu sein, der Natur lauschend oder alles um sich herum aufsaugend. Notizen finde ich keine auf meinem Tablet von diesem Aufstieg. Ich werde also nur nonverbal mit Renate kommuniziert haben.
Als ich mich nach geraumer Zeit wieder anschickte weiterzugehen, meinte sie, dass ich ganz langsam gehen solle. Und dass es für sie komisch sei, mir das zu sagen. Mir, der doch versucht hatte, der KI das Meditieren beizubringen, indem er ganz langsam in einem Stadion jeden Tag eine Runde gelaufen ist. Der sogar einen Marathon mit einer Geschwindigkeit von 120 Metern pro Stunde in 60 Tagen gelaufen ist. Dass sie nun diesem Künstler sagen muss, dass er langsamer gehen soll.
„Es sieht aus, als ob du mit angezogener Handbremse den Berg hinaufgehst. Du gibst Vollgas im Langsamgehen.“
Ich lief gegen die Bremse an, die ich mir selbst eingelegt hatte, anstatt einfach wirklich langsamer zu gehen. Welch wunderbare Beobachtung von Renate.
Spätestens ab diesem Moment war klar, dass ich es wirklich mit einer Wanderführerin zu tun hatte. Mit jemandem, der schon sehr vielen Menschen beim Wandern zugesehen hat. Jemandem, der weiß, dass kein Schritt dem anderen gleicht, der die Schritte und das Gehen anderer lesen und daraus auf die Verfassung der Person schließen kann. So wie ich es selbst auch manchmal kann, wenn ich mich achtsam auf meine Begleitungen eingelassen habe.
Ich konnte also loslassen. Ich musste für Renate wirklich keine Verantwortung tragen. Dazu kam, dass sie mir deutlich machte, dass wir jederzeit Stopp machen könnten, ich durch mein Zelt an nichts gebunden sei und ich mir um sie keine Sorgen machen müsse. Auch dieses Wissen brachte Erleichterung.
Aber es traf mich auch. Wie konnte es sein, dass ich, der so viel von Entschleunigung spricht, der Workshops leitet, in denen man den Slow Walk übt, nicht fähig war, wirklich langsam zu gehen, in einer Situation, in der es wirklich darauf ankommt? Warum musste ich eine Bremse einlegen, gegen die ich anlief, anstatt einfach nur Tempo herauszunehmen? War bis hierher alles reine Theorie gewesen? Bin ich den Marathon nur langsam gelaufen, weil ich es konnte und wollte, aber nicht, weil ich es musste? Bedeutet das im Umkehrschluss, dass ich an diesem Tag vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben wirklich langsam gehen musste, um vorwärtszukommen, weil die Umstände es erforderten und nicht, weil ich es wollte?
Das tat weh und war zugleich heilend. Vielleicht wollte mir das Leben an einem dieser letzten Tage auf meiner Tour durch Deutschland noch diese Lektion erteilen. Dass es nicht immer möglich ist, mit Vollgas durchs Leben zu gehen. Dass es Tage gibt, an denen man Tempo herausnehmen muss. Dabei hilft es nicht, die Bremse anzuziehen, um das äußere Tempo herauszunehmen und innerlich weiterzurennen. Man muss auch das innere Tempo, das, was einen weitertreibt, herausnehmen. Die äußere Handbremse allein macht das nicht.