In Leipzig hatte ich die große Freude, für die Dauer meines Aufenthalts eine eigene Wohnung und damit einen Rückzugsort zu haben. Neben dem Leben im Zelt ermöglicht mir so ein Ort, etwas mehr bei mir zu bleiben, mich den Dinge anzunehmen, die während des Wanderns und bei den vielen Begegnungen liegen geblieben sind, und mich körperlich von den Strapazen zu erholen – vor allem aber, nach langen Wintertagen Wärme zu tanken. Wie wertvoll ein Ort ist, an dem man einfach nur sein darf, weiß man wohl erst dann wirklich zu schätzen, wenn man zuvor durch die winterliche Einöde Brandenburgs und Sachsens gewandert ist und von einem Ort zum anderen kommt.
Zu verdanken hatte ich dieses wunderbare Quartier Wolfgang Ullrich. Er hatte bereits zum Start meines Projekts in einem Künstlergespräch mit mir über mein Vorhaben gesprochen. Es war für mich eine schöne und zugleich sehr berührende Veranstaltung, nach der ich meine letzten Worte sprach. Das Gespräch lässt sich hier noch einmal ansehen: MEINE LETZTEN WORTE
Schon damals bot mir Wolfgang Ullrich an, bei ihm unterzukommen, sollte ich durch Leipzig kommen. Seither gehört er zu den Menschen, die meinen Weg aufmerksam verfolgen. Einige meiner Texte, etwa jener über die Euphorie beim Einlaufen in Hamburg, sind erst durch den E-Mail-Austausch mit ihm entstanden, der mich zum Nachdenken gebracht und meine Erkenntnisse weiter geschärft hat. So war ich sehr gespannt, nun nicht mehr nur schriftlich, sondern persönlich – sozusagen mit meiner „Performance“ – bei ihm zu Gast zu sein.
Am Abend meiner Ankunft nahm mich zunächst seine Frau Annekathrin Kohout in Empfang, da ihr Mann noch auf Reisen war. Auf meinem Bett fand ich neben Handtüchern ausreichend Süßigkeiten, die meinen Zuckerbedarf für eine ganze Woche gedeckt haben. Am nächsten Morgen kam Wolfgang Ullrich zu mir herauf. Er fragte nach meinem Befinden, stellte aber direkt selbst fest, dass es mir gut zu gehen schien – zumindest sah ich nach dem Winter wohl nicht ausgemergelt aus, sondern zufrieden und konnte lächeln.
Die erste Zeit in einer Begegnung mit mir als Schweigendem ist immer spannend. Die einen stellen viele Fragen, weil sie nicht wissen, wie sie die Stille füllen sollen, andere betonen, dass sie eigentlich eher Zuhörer seien und ich sie nun zum Sprechen bringe. Bei Wolfgang Ullrich musste ich nach kurzer Zeit innerlich schmunzeln: Er ging äußerst professionell mit der Situation um. Ich saß dem Kunstkritiker gegenüber, wie ich ihn schon bei Podiumsdiskussionen und Vorträgen erlebt hatte – mit seiner Fähigkeit, die Kunstwelt scharf zu durchleuchten. Nur mit dem Privileg, dass dieser „Vortrag“ diesmal mir allein galt und es zudem um mein eigenes Werk ging. Ich fühlte mich geehrt.
Da Wolfgang Ullrich vor dreißig Jahren selbst zu Fuß von München nach Berlin gegangen war, schmückte er seine Ausführungen mit Anekdoten aus seiner eigenen Wanderung. Sicherlich half ihm diese Erfahrung, mein Projekt nicht nur kunsthistorisch, sondern auch aus eigener Erfahrung heraus zu betrachten. Je länger wir zusammensaßen, desto mehr wurde daraus ein „ganz normales Gespräch“ – so normal es eben ist, wenn einer der Beteiligten nur Sätze auf ein Tablet schreibt. Als er mir aus dem Küchenfenster das Nachbarhaus zeigte, in dem Friedrich Schiller die „Ode an die Freude“ geschrieben hatte, und wir über seine Erfahrungen als „Wessi“ im Osten sprachen, war das Schweigen fast vergessen.
Ich war glücklich über diese Außensicht, hatte aber auch eigene Gedanken im Gepäck, zu denen ich seine Meinung hören wollte. Wenn man lange alleine unterwegs ist und nur eingeschränkt kommuniziert, passiert es leicht, dass sich Gedanken verirren oder man Dinge zu sehen glaubt, die so nicht existieren. Man braucht ab und zu Menschen, mit denen man prüfen kann, ob man sich in etwas verrannt hat. Da ich mir nicht zutraute, die Komplexität dieser Gedanken spontan auf dem Tablet zu formulieren, hatte ich vorab einen Text geschrieben, ihn ihm aber noch nicht zugeschickt.
Interessanterweise kamen wir auch ohne diesen Text am Küchenfenster auf das Thema zu sprechen. Vieles, was ich notiert hatte, bestätigte er mir in seinen Überlegungen bereits vorweg. Ich war überrascht, dass es mir gelang, die Diskussion allein über die Fragen auf meinem Tablet dorthin zu lenken. Die besten Gespräche finden eben doch in der Küche statt.
Bevor ich versuche, den weiteren Austausch zu rekapitulieren, füge ich hier jenen Text ein, der meine Gedanken im Vorfeld am besten spiegelt. Später wurde er auch zur Grundlage für ein gemeinsames Abendessen mit Wolfgang Ullrich und Annekathrin Kohout – ebenfalls Kunstkritikerin –, bei dem wir das Thema noch einmal vertieften:
„In den letzten Wochen habe ich mich oft gefragt, warum meine Wahrnehmung der Welt – trotz Winter, Kälte und all den Herausforderungen – so anders ist als das Bild, das mich aus vielen Medien, Gesprächen mit Freunden und Begegnungen unterwegs erreicht.
Erst gestern hatte ich einen Video-Call mit einem meiner engsten Freunde. Er erzählte, ich hörte zu und schrieb nur ein paar Sätze in den Chat. Die Grönlandfrage hat ihn eine Zeit lang so verunsichert, dass er fast in Panik geraten ist. Seine Sorge war richtig spürbar. Und wenn ich ehrlich bin, kenne ich dieses Überfordertsein sehr gut: den Weltschmerz, der kaum auszuhalten ist, das Gefühl, dass alles nur schlimmer wird und die Zukunft düster wirkt.
Die Nachrichten gehen auch jetzt nicht an mir vorbei. Ich lese sie weiterhin, nicht einmal so viel weniger als vor meiner Wanderung. Wenn ich durch manche kleinen Ortschaften laufe, sehe ich manchmal überproportional viele Deutschlandfahnen, AfD-Aufkleber, Parolen wie „Deutschland zuerst“. All das macht mir Sorge. Aber im Moment führt es bei mir nicht in Fatalismus. Ich blende es nicht aus, versuche nicht, es wegzuschieben – und trotzdem bestimmt es meine Gedanken nicht dauerhaft.
Ich glaube, das hat mehrere Gründe. Einer davon ist ganz schlicht das Gehen in der Natur, von dem wir wissen, dass es das Wohlbefinden stärkt. Mir gelingt es oft, in den gegenwärtigen Moment zurückzukehren – und der ist aufs Ganze gesehen eher selten mit Parolen gepflastert, sondern mit vielen kleinen, schönen Eindrücken, die mich nähren.
Aber das allein erklärt es für mich noch nicht. Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Gefühl von Selbstwirksamkeit: die Erfahrung, in meinem Rahmen etwas beitragen zu können. Ich glaube an das, was ich tue, und das gibt mir Kraft. Es hebt die Schwierigkeiten nicht auf und überdeckt sie auch nicht, aber es bildet ein Gegengewicht. Ich erlebe Menschen, die handeln, Verantwortung übernehmen, neue Formen von Miteinander ausprobieren. Diese Begegnungen inspirieren mich – und gleichzeitig bekomme ich gespiegelt, dass das, was ich tue, auch für andere wertvoll ist. So lässt sich für mich sowohl der Winter mit all seinen Herausforderungen als auch vieles, was sonst gerade passiert, besser aushalten.
Von dort aus habe ich in den letzten Wochen auch immer mehr über die Rolle von Kunst und Hochkultur in dieser Zeit nachgedacht. Ähnlich wie in den Nachrichten habe ich auch hier manchmal das Gefühl, dass sehr oft ein düsteres Bild unserer Gegenwart gezeichnet wird. Und natürlich: Es gibt viel, das im Argen liegt, und es ist wichtig, dass Kunst das sichtbar macht, Kritik übt, Erinnerungskultur pflegt, blinde Flecken benennt und sich für vielfältige, gerechtere Sprache einsetzt. Das alles möchte ich nicht gering schätzen – im Gegenteil, ich halte es für sehr wichtig.
Gleichzeitig frage ich mich: Braucht es nicht auch ein spürbares Gegengewicht, das uns Kraft gibt? Bilder und Erfahrungen, die uns nicht nur zeigen, was alles schiefläuft, sondern auch, wie eine lebenswerte Zukunft aussehen könnte – und warum es sich lohnt, dafür zu gehen?
Ich erinnere mich an eine Klassenbesprechung an der Kunstakademie. Jemand brachte einen Katalog von Andy Goldsworthy mit, damals lief auch eine Filmdokumentation über ihn im Kino. Der Tenor in der Klasse war ziemlich eindeutig: schöne Arbeiten, aber irgendwie kitschig, belanglos, nicht kritisch genug. In meinem eigenen Blick auf Kunstmessen war lange etwas Ähnliches: Vieles schien mir zu dekorativ, zu angepasst, zu wenig kritisch. Wirklich wichtig kamen mir damals die Biennalen vor, auf denen gesellschaftskritische Kunst gezeigt wurde, die Missstände benannte, Machtstrukturen offenlegte.
Ich weiß, dass es bereits viele Menschen gibt, die genau das versuchen: hoffnungsvolle Bilder entwerfen, neue Formen von Zusammenleben erproben, konkrete Utopien testen. Ich entdecke diese mit großer Freude. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass sie im Gesamtbild oft leiser bleiben als die Kritik.
Die Rechten sind in diesem Punkt – zumindest was die Wirkmacht von Bildern betrifft – erschreckend gut aufgestellt. Sie rufen eine Vergangenheit herauf, die es so nie gegeben hat, verklären sie und vermitteln das Gefühl: „Wir müssen nur die Zeit zurückdrehen und bestimmte Menschen ausschließen, dann wird alles wieder gut.“ Diese Bilder sind gefährlich – aber sie sind emotional wirksam.
Ich frage mich: Welche starken Gegenbilder setzen wir dem in der Hochkultur entgegen? Welche Geschichten erzählen wir darüber, wie ein solidarisches, ökologisch verantwortliches, vielfältiges Zusammenleben aussehen könnte? Bilder, die nicht nur sagen, was wir alles nicht mehr wollen, sondern zeigen, wie ein Morgen aussehen könnte, auf das wir uns freuen können. Eine Zukunft, für die es sich lohnt, Kraft aufzubringen, weil sie eine echte positive Anziehung hat.
Lange Zeit habe ich selbst geglaubt: Wenn wir nur genug Missstände benennen, genug kritisieren, genug Fehlentwicklungen markieren, dann ergibt sich der Rest von selbst. Als ich zum ersten Mal in den Amazonas gereist bin und dort die Zerstörung gesehen habe, die unser Lebensstil verursacht – größtenteils durch den Fleischkonsum –, bin ich schlagartig Vegetarier geworden. In meinem Umfeld habe ich damals mit feurigem Eifer versucht, alle davon zu überzeugen, dass der Fleischkonsum uns schadet, dass sie Vegetarier werden „müssen“. Ich glaube, dass ich keinen einzigen Menschen damit umstimmen konnte. Zumal ich in meinem Eifer wenig glaubwürdig war, wenn ich einmal im Jahr nach Indien oder sonst wohin geflogen bin.
Erst als ich aufgehört habe zu moralisieren und mich darauf beschränkt habe, leckere vegetarische Gerichte zu kochen, Feste mit vegetarischen Buffets zu kreieren, bei denen selbst bekennende Fleischesser nichts vermissten und mich nach Rezepten fragten, spürte ich eine Veränderung. Seit es mehr und mehr gute Alternativen gibt, sinkt der Fleischkonsum. Langsam, aber stetig.
Heute spüre ich, wie groß der Unterschied ist zwischen einer Veränderung aus Angst („Wenn wir uns nicht ändern, geht die Welt unter“) und einer Veränderung aus innerer Zustimmung („Ich habe eine Vorstellung davon, wie es besser sein kann – und ich möchte Teil davon sein“). Aus dem einen entsteht Pflichtgefühl und Erschöpfung, aus dem anderen kann etwas wie Freude, Mut und Selbstwirksamkeit wachsen.
Was ich in der bildenden Kunst der vergangenen Jahre vermisse, sind Arbeiten und Haltungen, die beides verbinden: den klaren Blick auf das, was schiefläuft, und den Mut, im Kleinen Modelle zu erproben, die schon etwas von einer anderen Gesellschaft sichtbar machen. Ich sehne mich nach mehr künstlerischen Stimmen, die aus dieser Klarheit heraus nicht nur warnen, sondern Orientierung geben: die spürbar machen, welche Qualitäten ein anderes Miteinander haben könnte. Vielleicht ein Bauhaus des 21. Jahrhunderts, ein „vegetarisches Buffet“, bei dem Verzicht keine Einschränkung ist, sondern Wohlgenuss.
Vielleicht ist das auch der Punkt, an dem ich mit meiner eigenen Arbeit angekommen bin: Ich möchte Kritik nicht aufgeben, aber stärker Räume öffnen, in denen Menschen etwas von einer möglichen Zukunft spüren können – nicht als fertiges Programm, sondern als Erfahrung. Und ich merke, wie viel Kraft mir genau aus solchen Momenten erwächst.“
Dieser Text bildete dann tatsächlich die Grundlage unseres Abendessens. Annekathrin Kohout, die sich bis dahin weniger intensiv mit meinem Projekt befasst hatte, brachte dann auch einen ganz frischen Blick mit in die Runde. Eine ihrer ersten Fragen war, welche Funktion die Bilder einnehmen, die ich online stelle – ob sie bloßes Beiwerk seien oder eine eigene Relevanz hätten. Ihr war sofort mein zugewandtes, offenes Lächeln auf den Fotos aufgefallen. Etwas, das sie in dieser Form von Künstlern und Performern nicht kannte.
Wir überlegten anschließend, wie das Werk von Marina Abramović wohl gelesen würde, wenn sie auf den Bildern ein offenes und zugewandtes Lächeln trüge. Unvorstellbar. Ihre Beobachtung löste in den folgenden Tagen eine tiefe Reflexion in mir aus. Bis dahin war mir nur ansatzweise bewusst gewesen, wie bestimmend dieses Lächeln für mein Projekt ist. Es ist kein aufgesetztes, naives Lächeln. Es trägt eine Haltung in sich, deren Tragweite mir erst jetzt richtig klar wird. Aber dafür bedarf es eines eigenen Textes, dessen Worte gerade noch in mir reifen.
Schon beim ersten Treffen hatte ich Wolfgang Ullrich die Frage gestellt, ob er mir Künstler nennen könne, die Hoffnung und Mut auf eine bessere Zukunft machen. Diese Frage stellte ich nun auch seiner Frau. Wir sinnierten beim Essen weiter, und obwohl einige Namen fielen, blieb das Ergebnis ernüchternd. Denn wir waren uns alle drei einig, dass es in diesen Zeiten Menschen braucht, die Hoffnung machen, Visionen und Ideen entwickeln und die Gesellschaft weiterbringen – auch in der Hochkultur und der bildenden Kunst.
Zu hören, dass ich mit meinen Gedanken nicht danebenlag, tat gut – und war zugleich traurig. Ich hätte mir gewünscht, vollkommen falschzuliegen und eine lange Liste von Künstlern zu erhalten, die mutig und hoffnungsvoll in die Zukunft schauen und von denen ich mich inspirieren lassen kann. Die beiden sagten, mit einer solchen Frage bislang kaum konfrontiert worden zu sein, und wollten nun selbst prüfen, ob sie auf diesem Auge bisher vielleicht einfach blind gewesen waren. Wenn ich es bis zum 21.6. im Schweigen nach Stuttgart schaffe, würde ich diese und viele andere Fragen sehr gern mit Wolfgang Ullrich weiter vertiefen, sobald ich wieder sprechen kann. Darauf freue ich mich schon jetzt.
Einige Tage später las ich einen Satz des ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck, der vielleicht noch prägnanter zusammenfasst, was ich in diesem langen Text beschreiben möchte. Ich habe ihn minimal angepasst: Wir dürfen den Menschen, die keine Visionen für die Zukunft haben, doch nicht nur mit unseren Ängsten und unserer Kritik antworten.
Ich danke Wolfgang Ullrich und Annekathrin Kohout von Herzen für ihre Gastfreundschaft und für die Möglichkeit, mich in ihrer Wohnung gut von den vorhergehenden Wintertagen zu erholen. Noch mehr danke ich ihnen für den gedanklichen Austausch, für ihre Offenheit gegenüber meinen Fragen und dafür, dass sie meine Überlegungen mit ihren Sichtweisen bereichert haben. Das hat mir geholfen, in diesen Gedanken zu mehr Klarheit zu finden.