
Nach vielen langen, sehr persönlichen Texten in den letzten Monaten habe ich das Bedürfnis, zwischendurch wieder „kleiner“ zu erzählen. Nicht alles zu deuten, nicht jede Erfahrung gleich in große Gedanken zu verwandeln. Es sind einfach Ausschnitte aus dem Alltag, der auf dieser Reise neben den großen Stationen ständig passiert. In der Summe gerade dieser kleinen Dinge zeigt sich am deutlichsten, wie das Leben im Schweigen und auf Wanderschaft eigentlich aussieht. Mein Weg durch Oberfranken und die Oberpfalz bis nach Regensburg war gesäumt von diesen Begegnungen und absurden Momenten, die nichts „Großes“ wollen und trotzdem hängen bleiben.

Eine Postkarte aus Finisterre
In einem kleinen oberfränkischen Dorf parkte eine Frau neben mir, schaute mich an und fragte ganz selbstverständlich, ob ich auf dem Jakobsweg sei und wie weit ich noch wandern würde. Ich reichte ihr mein Kärtchen. Sie las, überlegte kurz und zog dann eine Postkarte aus ihrer Tasche, die sie genau an diesem Tag erhalten hatte. Zwei Pilger, erzählte sie, hätten vor Monaten bei ihr im Yogastudio übernachtet. Jetzt seien sie in Finisterre angekommen, am „Ende der Welt“ hinter Santiago. Sie hatten ihr geschrieben, einfach um Danke zu sagen. Ein schöner Gedanke, nach der Ankunft solche Karten zu verschicken. Ich fragte mich: Werde ich wohl Sprachnachrichten an all die Gastgeber senden, sobald ich wieder reden kann? Viele kennen meine Stimme bis heute nicht.

Wenn Schweigen zur Falle wird
Manchmal zeigt der Alltag im Schweigen seine kantige Seite. In Marienweiher übernachtete ich in einer Pilgerherberge, einem großen Gebäude neben dem Kloster. Ein Franziskaner gab mir den Schlüssel. Abends schloss ich von innen ab, damit nicht jeder einfach hineinlaufen konnte. Am nächsten Morgen ließ sich der Schlüssel nicht mehr zurückdrehen. Ich probierte es bestimmt zwanzig Minuten und hatte Angst, ihn abzubrechen. Telefonieren als Schweigender ist schwierig, und die Fenster im unteren Stockwerk waren alle vergittert. Zum Glück kam jemand vorbei, den ich zu mir winken konnte und der mir von außen aufschloss. Unter normalen Umständen wäre das in zwei Minuten erledigt gewesen. Im Schweigen werden Kleinigkeiten manchmal zu kleinen Abenteuern. Meistens kann ich darüber lächeln – manchmal erst etwas später.

„Sau g’fährlich“: Ein Morgen auf der Wiese
Überhaupt hat sich in den Monaten draußen etwas verschoben. Am Anfang suchte ich mir Schlafplätze tief im Wald, möglichst unsichtbar, weit weg von den Wegen. Ich wollte Begegnungen mit Jägern oder Förstern vermeiden, weil man sich ohne Stimme nicht leicht erklären kann. Inzwischen schlafe ich weniger „versteckt“. Ich suche Plätze, an denen ich mich wohlfühle, auch auf Wiesen, auch näher am Weg. Die Sorge, entdeckt zu werden, fällt mit der Zeit ab, wenn man sie nicht ständig füttert.
Und so blieb es nicht aus, dass eines Morgens ein Jäger mit seinem Hund mich auf seiner Runde entdeckte. Ich grüßte ihn freundlich und schrieb auf meinem Tablet dazu, dass ich als Pilger im Schweigen unterwegs bin. In Bayern merkte ich schon öfter, dass mir diese Worte erst einmal Respekt einbrachten. Mein Kärtchen zeigte ich ihm nicht, weil ich nicht wusste, wie er auf ein „Kunstprojekt“ reagieren würde. Ich schrieb ihm stattdessen, was für ein wunderschönes Revier er hat. Er stimmte sofort zu und erzählte, von wo man die schönsten Aussichten hat, besonders wenn der Morgennebel im Tal hängt. Dann wurde er ernst: Es sei „sau g’fährlich“, hier zu übernachten. Ich dachte sofort an Wildschweine. Er meinte die Jagd. Sie würden hier „herumschießen“, und ein Zelt könne man leicht übersehen. Vielleicht war es seine freundliche Art zu sagen, dass ich besser nicht wild zelten sollte, damit nicht noch mehr auf diese Idee kommen. Ich verstand ihn. Und trotzdem musste ich innerlich schmunzeln.

Schlafen im Pferdestall und ein Abend unter Jugendlichen
In Creußen fragte ich per Email beim evangelischen Pfarramt nach einer Pilgerunterkunft. Die Antwort: Ich könne im Pferdestall übernachten, ein Schlafsack sei nötig und eine Dusche gibt es nicht. War wohl ein echter Pferdestall damit gemeint? Es war der zum Jugendtreff umgebaute historische Stall neben der Kirche – und er war sogar beheizbar. Ein Glück.
Am Abend lud mich der Pfarrer ins Gemeindehaus ein. Es gab Pizzabrötchen und alkoholfreie Cocktails. Rund zwanzig Jugendliche saßen dort zusammen. Im ersten Moment kam ich mir ziemlich fehl am Platz vor. Und dann dachte ich: Warum eigentlich? Wann bekommt man schon so direkt mit, wie ein Jugendabend in einer Gemeinde wirklich aussieht.
Es lief eine christliche Live-Sendung, „True Story“. Jugendliche erzählen, wie sie zum Glauben gekommen sind, und man kann per WhatsApp Fragen schicken. Dann kam eine Frage, die ich so nicht erwartet hatte: Ob Gott einen auch liebt, wenn man jemanden vom gleichen Geschlecht liebt. Die Antwort war ein klares Ja. Nicht, weil es mich inhaltlich überrascht hätte, sondern weil es mir wieder zeigte, wie schnell man Bilder über Orte und Menschen im Kopf hat. Und wie gut es ist, wenn sie bröckeln.

Der Geschmack des Frühlings
Endlich konnte ich den Frühling nicht nur spüren, hören und sehen, sondern auch schmecken. Es gab Kartoffeln mit selbst gepflücktem Giersch- und Brennnesselspinat, der wunderbar schmeckte und meine Lebensgeister weckte. Es ist herrlich, wenn man den Aufbruch der Natur so direkt in sich aufnehmen kann.

Zwei Kerzen für eine Sohle
In Amberg drohte an meinem rechten Schuh nach rund 1.800 Kilometern die Sohle abzugehen. Ich buchte mir ein günstiges Hotel in der Hoffnung, dort bis zum nächsten Morgen die Reparatur organisieren zu können. Im Laden fragte ich die Besitzerin, ob sie einem schweigenden Pilger die Schuhe bis morgen machen könnten. Die Reaktion war erst kühl. Dann zeigte sie ihrem Mann die Schuhe, und nach wenigen Minuten kam sie wieder. Die Sohle war frisch geklebt. „Das kostet Sie nichts“, sagte sie. „Zünden Sie uns in der nächsten Kirche zwei Kerzen an.“ Hundert Meter weiter stand die Stadtkirche. Ich ging hinein, zündete die Kerzen an und beglich so sofort meine Schuld. Im katholischen Bayern ist der „Pilger-Bonus“ eine echte Währung.

Das Wetter im Kopf
Und dann gibt es diese Tage ohne ersichtlichen Grund. Ich wache auf und habe schlechte Laune. Der Rucksack wiegt eine Tonne, die eigenen Texte erscheinen mir banal, ich habe keine Lust mehr. Ich frage mich, ob ich nicht schlichtweg verrückt bin, mir das alles anzutun. Nach neun Monaten weiß ich aber: Das ist nur ein Wetterzustand. Er geht vorbei. Der nächste Tag zeigt wieder ein anderes Gesicht.

Neben all den großen Erzählungen besteht dieses Jahr aus vielen kleinen: aus verschlossenen Türen und offenen Herzen, aus Kerzen, Postkarten, Kocherflammen und Schuhsohlen. Es sind Momente, in denen das Schweigen nicht nur eine Haltung ist, sondern ein ganz praktisches Leben.




































