
Diese Überschrift habe ich intuitiv aufgeschrieben. Doch schon als ich die letzten Zeichen niedergeschrieben hatte, gab es da einen kleinen Widerstand in mir. Denn eigentlich stimmt sie so nicht. Alle Menschen, die mich in den letzten zehn Monaten begleitet haben, waren auf ihre Weise besonders. Niemanden möchte ich hier hervorheben, als wären die anderen Begegnungen weniger wert gewesen.
Und doch bin ich in den letzten Wochen meines Projekts vermehrt mit Menschen unterwegs, mit denen mich eine lange Geschichte verbindet. Tiefe Freundschaften, gemeinsame Wege, alte Erinnerungen. Nun, da ich der Heimat näher komme, sind die Anreisewege nicht mehr ganz so weit. Zugleich sind es die letzten Möglichkeiten, mich noch einmal im Schweigen zu begleiten. Allein dass diese Menschen sich auf den Weg machen, um mit mir zu gehen und diese Erfahrung mit mir zu teilen, berührt mich sehr. Und so freue ich mich umso mehr, auf den letzten Etappen von vielen mir nahestehenden Menschen begleitet zu werden.

Nach den zwei sehr schönen Tagen im Yoga Vidya Ashram in Maria Rain hatte ich gleich einen nahtlosen Übergang zu einem gemeinsamen Wandertag mit Marco. Er war extra aus der Pfalz ins Allgäu gekommen, um einen Tag mit mir unterwegs zu sein. Bei Marco war ich schon im September in Neustadt an der Weinstraße zu Gast. Als Geschäftsführer eines Verlags hat er außerdem seine Kontakte genutzt, um mein Projekt in verschiedenen Medien weiterzutragen.
Mit Marco habe ich die Ausbildung zum Achtsamkeitslehrer gemacht. Damals waren wir zusammen in einer Intervisionsgruppe, aus der mit der Zeit eine sehr tiefe Freundschaft entstanden ist. In den Jahren vor meinem Projekt gab es Wochen, in denen wir fast täglich telefonierten. So oft, dass unsere Frauen sich schon fragten, was da eigentlich läuft. Marco war dann nicht gerade begeistert, als ich ihm erzählte, dass er nun wohl für ein Jahr auf diesen Austausch verzichten müsse, weil ich beschlossen hatte zu schweigen.
Umso mehr hat es mich gefreut, dass er sich trotz übervollem Kalender die Zeit genommen hat, sich ins Auto zu setzen und diese weite Strecke auf sich zu nehmen. Viel Zeit blieb uns nicht, denn am nächsten Morgen musste er schon wieder zurück. Dafür war wunderbares Wetter angekündigt, und der Weg führte uns durch eine grandiose Landschaft. Da mein Projekt ohnehin nur noch acht Wochen dauern würde, fühlte es sich fast an wie ein kurzes Treffen, um die verbleibende Zeit zu überbrücken, bis wir wieder richtig miteinander sprechen können. Wir beide sehen diesem Tag entgegen.


Obwohl es tagsüber angenehm warm war, hatte Marco sich für den Winter ausgerüstet. Nachts waren Temperaturen knapp über null Grad angesagt, und seine größte Sorge war, dass er der Kälte nicht gewachsen sein könnte. Deshalb waren zwei Schlafsäcke plus warme Winterjacke im Gepäck, worüber ich mich ein wenig lustig machte. Zum Glück kann er darüber selbst lachen, auch über seine italienischen Gene.
Am Abend kochten wir Pasta mit Löwenzahnblüten, die wir in Butter andünsteten und anschließend mit Sahne und Parmesan verfeinerten. An dieser Zutat mangelte es in unserer Umgebung wahrlich nicht. Die Blüten wurden direkt vor unseren Füßen gepflückt, und ihr leicht bitterer Geschmack erinnerte ein wenig an Radicchio. Dieses saisonale und regionale Essen konnte sogar den eingefleischten Italiener überzeugen. Vielleicht lag es aber auch nur am Hunger nach einem langen Wandertag.
Da wir an diesem Tag noch 18 Kilometer mit einigen Steigungen vor uns hatten und ich beim Gehen außer nonverbaler Kommunikation kaum etwas sagen kann, blieb beim Gehen kaum Raum für Austausch. Nur in den Pausen und am Abend gab es Themen, vor allem von meiner Seite, die unter normalen Umständen Stunden ausgefüllt hätten.
Doch am Ende brauchte es diese Worte gar nicht. Wenn beide Menschen ganz präsent sind und man sich auf das beschränkt, was wirklich notwendig ist, kann erstaunlich viel Ausdruck finden. Hätten wir uns normal unterhalten, wären wir wahrscheinlich stärker in die Details gegangen. So blieb es beim großen Ganzen. Und vielleicht hat gerade das seinen eigenen Wert. Oft verlieren wir uns in Einzelheiten und zerreden das Wesentliche, anstatt manche Dinge einfach stehen zu lassen. Manchmal wird etwas sogar tiefer, wenn noch Raum bleibt, der nicht sofort gefüllt werden muss.
Als Marco am nächsten Morgen wieder aufbrach, hatte ich trotz der wenigen Worte das Gefühl, dass alles gesagt worden war, was nötig war. In diesen 24 Stunden hatte ich vielleicht nur 80 bis 100 Sätze notiert, und trotzdem blieb nichts Wesentliches auf der Strecke. Die Verbindung war so stark wie eh und je. Vielleicht hat genau das mehr gesagt als viele Worte.

Ein kleines Detail dieser Begegnung ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Als es nach Einbruch der Dunkelheit empfindlich kalt wurde und Marco die Müdigkeit der 19 Kilometer in den Gliedern spürte, zog er sich gegen acht Uhr in seine zwei Schlafsäcke ins Zelt zurück. Ich musste schmunzeln und schrieb ihm, dass ich um diese Uhrzeit normalerweise noch einmal anfange zu arbeiten. Dann setze ich mich oft noch mindestens zwei Stunden vor den Computer im Zelt, schreibe E-Mails, Tagebucheinträge und Texte für den Blog. Wenn alles erledigt ist, meditiere ich noch 20 bis 30 Minuten, sodass ich meist erst gegen 23 Uhr ins Bett komme.
Marco sah mich mit so ungläubigen Augen an, dass mir in diesem Moment erst richtig bewusst wurde, dass dieser Arbeitsrhythmus keine Selbstverständlichkeit ist. Vielleicht sah er in diesem Moment das unsichtbare Gewicht meines Projekts: Die Pflicht, nach 20 Kilometern in den Knochen noch den Computer hochzufahren, um die Organisation und die Texte zu bewältigen. Es war kein Rhythmus, den ich mir ausgesucht hatte – es war der Preis für dieses Jahr. An diesem Abend verzichtete ich darauf, wie fast immer, wenn ich Begleitung habe. Umso mehr gab es dann in den nächsten Tagen zu tun, als ich wieder alleine unterwegs war.


Wenige Tage später kam Tilmann, um mich drei Tage zu begleiten. Obwohl er ein kleines Kind zu Hause hat und sich das Leben bei jungen Eltern erst einmal neu sortieren muss, war auch er einer der Menschen, die schon im letzten Jahr gesagt hatten: Wenn es darauf ankommt, wenn es dir nicht gut geht und du Hilfe brauchst, melde dich. Wenn ich es irgendwie mit der Arbeit und meiner Familie einrichten kann, setze ich mich in den Zug und komme zu dir.
Zum Glück war das nie notwendig. Und nun, da ich in die Nähe der Schweiz gekommen war, wo er lebt, und die Anreise einfacher wurde, machte er sich auf den Weg, einfach um ein Stück meines Weges mit mir zu gehen und diese Erfahrung zu teilen.
Mit Tilmann verbindet mich eine sehr alte Geschichte. Mit 15 wurde ich Gruppenleiter bei den Pfadfindern, und Tilmann war einer der Jungen, die damals in meine Gruppe kamen. Er war vielleicht elf. Aus diesem Verhältnis wuchs über die Jahre eine feste und tiefe Freundschaft. Zusammen bei den Pfadfindern haben wir viele Länder bereist. Später haben wir uns immer wieder getroffen, um gemeinsam zu wandern, mal im Schwarzwald, mal in den Alpen. Und als ich für ein Kunstprojekt im Hugo-Boss-Anzug zwei Wochen lang durch einen der einsamsten Nationalparks Europas wanderte, den Sarek-Nationalpark, war Tilmann derjenige, der diese Performance für die Nachwelt dokumentierte.
Mit Tilmann habe ich wahrscheinlich nahezu 200 Abende an Lagerfeuern verbracht. Beim Wandern, auf Lagern, bei Festen. Und obwohl ich in diesem letzten Jahr nur in sehr wenigen Ausnahmen ein Feuer angezündet habe, war klar, dass diese beiden Abende Lagerfeuerabende sein würden. Wir würden über dem Feuer kochen, draußen sitzen, in die Glut schauen. So wie früher. Nur dass diesmal keine Gitarre dabei war, keine Lieder gesungen wurden und ich nicht sprach.

Gerade darauf war ich gespannt. Was passiert mit einer Freundschaft, die seit über 30 Jahren besteht, wenn ein so selbstverständlicher Teil plötzlich wegfällt? In alten Freundschaften gibt es Rollen, in die man über Jahre hineinwächst. Man kennt sich, man weiß, wer welche Geschichten erzählt, wer widerspricht, wer ergänzt, wer eine Richtung vorgibt. Und auch wenn man längst nicht mehr dieselben Menschen ist wie früher, bleiben manche dieser Rollen erstaunlich lange bestehen.
Das Schweigen hat diese Ordnung verschoben. Tilmann hatte plötzlich viel mehr Raum zu erzählen. Und ich merkte, an welchen Stellen ich früher eingehakt hätte. Wo ich widersprochen, ergänzt, relativiert oder etwas nicht einfach hätte stehen lassen. Jetzt konnte ich nur zuhören. Und gerade dadurch hörte ich manches anders.
Bei solchen Treffen bleibt es natürlich nicht aus, dass alte Geschichten wieder auftauchen. Dinge, die wir gemeinsam erlebt haben, Situationen, die uns geprägt haben, Abenteuer, über die wir heute lachen können, und andere, die sich im Rückblick vielleicht nicht mehr ganz so leicht erzählen lassen.
Tilmann hat ein sehr gutes Gedächtnis für solche Geschichten. Und manchmal erinnert er mich, halb im Scherz und halb im Ernst, auch an Dinge, die damals nicht leicht für ihn waren. Vor allem aus unserer gemeinsamen Pfadfinderzeit. Ich war damals jung, unerfahren und voller Ideen. Manche Unternehmungen, die ich angestoßen habe, waren echte Abenteuer. Wahrscheinlich waren sie nicht nur herausfordernd, sondern manchmal auch überfordernd. Für die anderen und sicher auch für mich selbst, auch wenn ich das damals vielleicht nicht so deutlich wahrgenommen habe.
Mit 18 bin ich mit sechs Teenagern, unter ihnen Tilmann, in den hohen Norden Skandinaviens gereist und wollte zwei Wochen durch einsame Fjälls wandern. Zum Glück bekamen wir die dafür benötigten Karten vor Ort nicht und mussten uns auf eine kürzere Tour einigen. Denn die Jungs aßen ungefähr das Doppelte bis Dreifache von dem, was ich damals pro Tag einkalkuliert hatte. Und das war eigentlich schon üppig. Wir wären nicht sehr weit gekommen.

Zum Glück kann ich heute sagen, dass immer alles gut gegangen ist, auch wenn manches anders lief als geplant. Und vielleicht waren es gerade diese gemeinsamen Abenteuer und Grenzerfahrungen, durch die wir uns so gut kennengelernt haben und an denen unsere Freundschaft gewachsen ist.
Als an diesem Abend am Feuer wieder einige dieser alten Geschichten auftauchten, merkte ich, wie in mir vertraute Bewegungen entstanden: der Impuls zu widersprechen, etwas geradezurücken oder daran zu erinnern, dass wir am Ende doch immer gut durch alles hindurchgekommen sind.
Aber diesmal sagte ich nichts. Ich ließ Tilmann erzählen.
Und gerade dadurch entstand ein kleiner Abstand zu meinen eigenen Reaktionen. Ich konnte stehen lassen, dass seine Sicht auf manche Situationen eine andere war als meine. Nicht jede schwierige Erinnerung beschädigt eine Freundschaft. Manchmal gehört sie gerade zu einer alten Freundschaft dazu.
So saß ich am Feuer, schwieg und hörte einem alten Freund zu. Nicht, weil ich ihn vorher nicht gekannt hätte, sondern weil ich früher selbst zu sehr Teil des Gesprächs war. Mit meinen Erinnerungen, Einschätzungen und Reaktionen. Nun war da mehr Raum. Für eine andere Sicht auf die DInge. Für meine eigenen Muster. Und für eine gemeinsame Geschichte, die nicht kleiner wurde, sondern sich neu zusammensetzte.
Zwei Menschen, die sich seit Jahrzehnten kennen. Zwischen uns lagen Pfadfinderlager, Bergtouren, alte Lieder und Nächte unter freiem Himmel. Und diesmal lag noch etwas anderes zwischen uns: Stille. Keine leere Stille, sondern eine, in der die alte Freundschaft anders hörbar wurde.


























