
Vor 15 Jahren hatte ich ein Residenzstipendium im Herrenhaus Edenkoben. Später war ich noch zwei weitere Male für mehrere Wochen dort zu Gast. Mit Barbara und Konrad Stahl, den Gründern und Betreibern des Herrenhauses, hat sich über diese Aufenthalte eine freundschaftliche und enge Verbindung entwickelt. Als ich nun nach meiner Wanderung wieder dort ankam, hat es sich fast ein wenig wie „Heimkommen“ angefühlt – in dem Sinn, dass man sofort willkommen ist, alles vertraut wirkt und man das Gefühl hat, gar nicht weg gewesen zu sein.
Barbara und Konrad haben das Herrenhaus fast 40 Jahre lang betrieben. Zunächst zehn Jahre gemeinsam mit dem Land Rheinland-Pfalz, seit 1997 in privater Trägerschaft. Mehr als 300 Stipendiatinnen und Stipendiaten haben sie in dieser Zeit beherbergt. Ein wirklich privates Leben gibt es in solch einem Setting kaum – es ist ein Leben mit bildenden Künstlerinnen, Schriftstellern und Musikern, das den Alltag ganz durchdringt. Und sie sind dabei immer Gastgeber gewesen, wie man sie sich nur wünschen kann.
Schon bei meinem ersten Aufenthalt habe ich mich gefragt, wie sie das über so viele Jahre schaffen – dieses große Netzwerk, die Offenheit für immer neue Menschen, Geschichten und Abenteuer. Dazu kommt ihr Engagement in Bürgerinitiativen und in der Kultur außerhalb des Herrenhauses. Konrad war zudem viele Jahre Professor und Dekan an der Universität Mannheim. Wie also bekommt man all das unter einen Hut – und bleibt trotzdem so wunderbarer Gastgeber?
Die Antwort ist erstaunlich einfach: Sie sind geübt darin, ganz im Hier und Jetzt zu sein. Wenn man als Gast bei ihnen ankommt, dann sind sie vollkommen bei einem – aufmerksam, präsent, zugewandt. Und wenn sie sich wieder ihren anderen Aufgaben widmen, sind sie ebenso ganz darin. Diese Fähigkeit, sich für den Moment ganz dem Gegenüber zuzuwenden, ist es, was man sofort spürt: Hier bin ich willkommen, hier werde ich gesehen.
Mein Aufenthalt hatte diesmal noch einen besonderen Aspekt: Barbara und Konrad haben an diesem Wochenende ihre letzten Stipendiaten empfangen. Ende des Jahres schließen sie das Herrenhaus für die Öffentlichkeit. Konrad ist über 80, Barbara geht auf die 80 zu – und doch merkt man ihnen das Alter kaum an, so aktiv wie sie sind. Damit geht eine Ära zu Ende. Umso schöner war es für mich, noch einmal dabei zu sein, wenn neue Künstlerinnen und Künstler ankommen – und zu erleben, wie herzlich ich selbst für den Tag meines Projekts aufgenommen wurde.
Auch die Begegnungen mit den Menschen, die mich an diesem Tag aufgesucht haben, waren besonders. Fünf Stunden lang saß ich im Schatten im Garten, und sieben Menschen haben mir ihre Geschichten anvertraut. Nur einmal hatte ich eine kurze Pause von 20 Minuten. Ansonsten reihten sich die Gespräche fast nahtlos aneinander – so, als wären die Begegnungen perfekt durchgetaktet, ohne dass jemand warten musste. Wieder so ein Moment, in dem ich mich fragte, ob das wirklich nur Zufall war.
Und selbst der Rasenmäher des Nachbarn oder die Soundchecks für ein Rockkonzert am Abend konnten diesen Tag nicht stören. Ich war so sehr bei den Menschen, dass all das an mir vorbeiging – und genau das hat wohl auch ihnen geholfen, ganz bei sich und bei unserer Begegnung zu bleiben.

