

Nur wenige Kilometer hinter Gartow folgte ich eine Zeit lang dem Grünen Band. Es zieht sich entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze – ein schmaler Streifen, in dem sich die Natur über Jahrzehnte hinweg nahezu ungestört hatte entfalten können. Wo einst Grenzanlagen standen, sind wertvolle Naturräume entstanden.
Irgendwann überschritt ich die frühere Grenze in die neuen Bundesländer. Ein alter Wachturm stand noch dort und erinnerte an dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte. Ich war gespannt auf das, was mich hier erwarten würde – nicht ganz unbefangen. Doch darüber wollte ich erst in einem späteren Eintrag schreiben. Zunächst veränderte sich wenig. Die kleinen Teerstraßen wurden an der Landesgrenze von Niedersachsen zu Sachsen-Anhalt zu parallel verlaufenden Betonplatten mit einem schmalen Grünstreifen dazwischen. Die Dörfer bestanden überwiegend aus alten Ziegelsteinhäusern, die Landschaft war dünn besiedelt, weit und still.


In der Nacht vor meiner Ankunft in Bad Wilsnack übernachtete ich zum letzten Mal an der Elbe. Von hier aus führte mich mein Weg am nächsten Tag weiter nach Osten. Der Mond ging früh auf, und draußen herrschte ein unglaubliches Geschnatter, Gequake und Rufen. Es wirkte, als hätten sich die Vögel sich verabredet, um den Mondschein zu feiern. Ich lag im Zelt und hörte einfach zu. Es war wunderschön und erfüllte mich tief.
Obwohl ich bis 23 Uhr an einem Blogeintrag gearbeitet hatte und erst nach Mitternacht einschlief, war ich morgens um 5:45 Uhr, als der Wecker klingelte, hellwach. Es erstaunte mich in diesen Tagen immer wieder, wie wenig Schlaf ich brauchte – gerade im Winter, in dem ich sonst mindestens acht Stunden benötigte. Sechs bis sieben Stunden reichten völlig aus, selbst bei langen Etappen. Woher diese Energie kam, blieb mir ein Rätsel.
Auch an diesem Tag führte mich meine Wanderung durch eine weite, einsame Landschaft. Ich begegnete so gut wie niemandem; selbst in den verstreuten Dörfern schien kaum Leben zu sein. Viel war ich auf dem Deich unterwegs und hatte noch einmal einen weiten Blick auf die Elbe. Ich verabschiedete mich bewusst von ihr und dankte ihr für die vergangenen Wochen, für ihre Schönheit, die Tiere und die ruhige Kraft, die mich begleitet hatte. Es berührte mich mehr, als ich erwartet hatte.
Bis 13 Uhr hatte ich bereits 18 Kilometer in den Beinen. Die letzten sechs der insgesamt 25 Kilometer bis Bad Wilsnack waren körperlich fordernd, doch meine Stimmung blieb gut.




Bad Wilsnack war im Mittelalter über fast zwei Jahrhunderte hinweg ein bedeutender Wallfahrtsort gewesen. Anlass waren drei sogenannte Blutreliquien, die einen Kirchenbrand angeblich unversehrt überstanden hatten. Dieses „Wunder“ hatte Pilger aus ganz Europa angezogen. Später stellte sich heraus, dass die Geschichte erfunden war – ein Versuch, Menschen und Einnahmen in den Ort zu locken. Während ich hier ankam, hoffte ich still, dass mir diese alte Legende zumindest die ein oder andere günstige Übernachtung bescheren würde.
Ab Bad Wilsnack plante ich, dem alten Pilgerweg zu folgen, der mich bis Berlin führen sollte. Im Internet hatte ich gelesen, dass es entlang dieser Strecke heute wieder zahlreiche Herbergen, Gemeindehäuser und günstige Unterkünfte für Pilger gab. Nach den Nächten im Zelt keimte die Hoffnung auf ein paar warme und bezahlbare Betten für die letzten 150 Kilometer.
Ich hatte im Vorfeld bei der Pilgerherberge angefragt und erwähnt, dass ich im Schweigen unterwegs war. Der ehrenamtliche Mitarbeiter der Kirche bot mir mehrere Übernachtungsmöglichkeiten an und wollte mich persönlich empfangen. Zwar hatte er keine Zeit für mein Angebot des Zuhörens, doch er ermöglichte mir etwas Besonderes: Ich durfte die über 500 Jahre alte Glocke der Kirche läuten – ein Privileg für ankommende Pilger.
Da ich in meiner Mail erwähnt hatte, dass ich anschließend in die Therme gehen wollte, erwartete mich noch eine Überraschung. Er überreichte mir ein großes Saunatuch, Badelatschen und ein Freiticket für die Therme. Ich konnte mein Glück kaum fassen.
Die Therme selbst war überwältigend: rund zwanzig verschiedene Saunen und mehrere Salzwasserbecken, eines davon mit einem Salzgehalt von 25 Prozent – wie im Toten Meer. Anfangs war ich fast überfordert. In drei Stunden konnte man unmöglich alles ausprobieren, und die handtuchschwingenden Bademeister mit lauter Musik beim Aufguss waren für mich eher gewöhnungsbedürftig. Doch ich blieb offen. Am Ende war es eine tiefe Wohltat.
Und gleichzeitig stellte sich eine leise Frage: Gab es eine Steigerung von „super glücklich“? In den vergangenen Monaten war ich oft genauso erfüllt gewesen, wenn ich mich nach Tagen im Zelt für zwanzig Minuten unter eine einfache heiße Dusche stellen konnte. Brauchten wir wirklich diese Superlative aus zwanzig Saunen, um etwas Besonderes zu spüren? Oder reichte das Einfache, wenn man lange genug darauf verzichtet hatte?
Meine ersten beiden Tage im Osten hätten kaum besser beginnen können. Sie waren ruhig, großzügig und wohltuend. Ich war dankbar – und zugleich gespannt auf das, was die kommenden Wochen bringen würden.




































