
Philine, meine Gastgeberin während meiner Zeit in Hamburg, kam mir schon bei meiner Ankunft in Hamburg auf meinem Weg zu den Landungsbrücken entgegen und begleitete mich die letzten sieben Kilometer nach Hause.
Während wir so nebeneinander gingen und später in ihrer Wohnung kochten, erzählte mir Philine von der Situation, in die ich hineingekommen war.
Die erste Nacht sei noch eine ukrainische Psychologin bei ihr zu Gast, die sich um Waisenkinder aus der Ukraine in Lüneburg gekümmert und eine Zeit lang bei ihr gelebt hatte. Sie würde am nächsten Tag abreisen, könne sich aber vorher noch eine Begegnung mit mir vorstellen. Schon über diese spätere Begegnung mit Olga und die Energie, mit welcher sie die Wohnung erfüllte, hätte ich einen langen Blogeintrag machen können – der aber im Angesicht der weiteren Dinge, die ich bezeugen durfte, zu viel geworden wäre.
Denn Philine erzählte mir weiter, dass ihre gute Freundin, die ganz in der Nähe wohnt, an einer sehr aggressiven Form von Brustkrebs erkrankt war. Die Chancen stünden dennoch gut, aber die Therapie und alles was diese Krankheit sonst noch mit sich brachte, ist sehr belastend und gingen auch Philine nicht spurlos vorbei.
Doch damit war es nicht getan. Wenn das Leben Herausforderungen schickt, dann oft mehrere gleichzeitig. Vor vier Wochen wurde bei ihrem direkten Wohnungsnachbarn Lungenkrebs festgestellt, bereits in den ganzen Körper gestreut. Eine Metastase im Gehirn lähmte seinen rechten Arm. In den letzten Jahren hatte er sich von der Welt ohnehin schon immer weiter zurückgezogen.
Er wollte auf keinen Fall ins Krankenhaus oder Hospiz. Für ihn war klar, dass er in seiner Wohnung bleiben und dort sterben möchte. In den letzten Wochen unterstützte Philine ihn, so gut sie konnte – kochen, kleine Besorgungen, einfach da sein. Sie hatte einen Wohnungsschlüssel, um im Notfall helfen zu können. Doch an dem Tag, an dem ich ankam, musste sie feststellen, dass er kaum noch alleine aufstehen konnte. Medikamente gegen Schmerzen und Übelkeit blieben nicht drin.
Und mit dieser Erfahrung traf sie nun auf mich – jemanden, der nicht einmal spricht.
Sechs Tage war ich insgesamt bei Philine. Neben meiner Station im „Kaosk“ hat Philine noch in ihrem Freundeskreis herumgefragt, ob es Leute gibt, die sich auf eine Begegnung mit mir einlassen möchten. Und es fanden sich tatsächlich einige. Zudem musste meine Ausrüstung für die nächste Etappe nach Berlin auf Vordermann gebracht, Einkäufe erledigt und organisiert werden, wo ich in den nächsten Wochen unterkommen könnte. Ich hatte also alle Hände voll zu tun und war zugleich ein stiller Zeuge dessen, was sich um mich herum abspielte.
Was ich beobachtete, beeindruckte mich zutiefst. Es glich einem Hochseiltanz: Philine bewegte sich Schritt für Schritt über ein dünnes Seil, immer balancierend, immer neu abwägend, wie viel sie tragen konnte und wo ihre Grenzen lagen. Sie wusste, dass sie diese Situation nicht alleine bewältigen konnte. Und sie fragte sich, wie viel Verantwortung sie überhaupt übernehmen durfte, ohne daran selbst zu zerbrechen.
Ihr Nachbar hatte durchaus einen Freundeskreis, doch keiner ahnte, wie rasant seine Krankheit fortschritt. Man überlegte noch, sich mal wieder in einem Café mit ihm zu treffen – während er schon längst nicht mehr sicher alleine aufstehen konnte.
Jeden Morgen um neun kam Philine zu ihm, bereitete ihm ein Frühstück, schaute, was getan werden musste. Und jedes Mal spürte ich zuvor ihre wachsende Anspannung:
Wie würde es ihm heute gehen? Würde der Tag wie geplant verlaufen oder müsste alles umgeworfen werden, um auf eine neue Situation angemessen reagieren zu können?
Schon bald traf sie sich mit seinen alten Freunden und erklärte ihnen den Ernst der Lage. Sie machte klar, dass sie das nicht allein tragen konnte. Und es gelang ihr tatsächlich, eine gemeinsame Vereinbarung zu finden: Jeden Tag würde eine andere Person mit ihr zusammen hingehen und Verantwortung für diesen Tag übernehmen. Als sie von diesem Treffen zurückkam, war ihr die Erleichterung deutlich anzumerken und in den folgenden Tagen war ihre Freude spürbar, als immer wieder andere Menschen dazukamen und halfen.
Als es ihnen gemeinsam schließlich gelang, ihn davon zu überzeugen, den Palliativdienst einzubeziehen, war Philine noch erleichterter. Und dass dieser Dienst, von dem man ihr gesagt hatte, er könne mehrere Tage brauchen, bereits am nächsten Morgen vor der Tür stand, war für sie ein großes Geschenk.
Es war ein ständiges Auf und Ab: Überforderung, Erleichterung, Zweifel, Zuversicht. Abwägen, neu justieren, immer wieder die Balance finden. Abends, wenn wir zusammen aßen und sie leise überlegte, ob sie nicht eigentlich drüben sitzen müsste, hielt ich einfach den Raum für sie. Im Schweigen. Ohne Ratschläge. Denn ich spürte: Sie fand ihre Wege. Und sie waren gut. Ich hätte sie mit Worten eher aus ihrer Balance bringen können.
Ein Satz, den sie sagte, blieb mir lange nach:
„Wenn ich erzähle, was ich gerade durchmache, sagen fast alle zuerst: Pass auf, dass du dich nicht übernimmst. Aber kaum jemand fragt: Wie geht es dir damit?“
Und deshalb ist mir wichtig zu sagen: In all der Schwere habe ich auch wundervolle Momente bei Philine erlebt.
Zum Beispiel, als sie mir erzählte, wie ihrem Nachbarn plötzlich wieder bewusst wurde, wie viele Freunde er hat, die ihm beistehen. Oder als es gelang, die Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen. Oder als tief in Philine eine Gewissheit spürbar wurde – eine ruhige Kraft, die sagte: Du schaffst das. Schritt für Schritt.
Es erinnerte mich an meine eigene Reise. Auch sie ist nicht immer leicht. Doch manchmal ist es allein diese Gewissheit, auf dem richtigen Weg zu sein, die einem die Kraft gibt, weiterzugehen.
Philine meisterte nicht nur diesen Drahtseilakt, sondern vollbrachte noch weitere kleine Kunststücke.
Zeitgleich erhielt ihre Freundin, eine Tanztherapeutin, eine Chemotherapie, die möglicherweise die Nerven in Händen und Füßen dauerhaft schädigen konnte. Ein spezieller Kälteschutz hätte das verhindern können, doch die Krankenkasse übernahm die Kosten nicht – und ihre Freundin finanziell nicht in der Lage, diese Ausgabe selbst zu stemmen.
Ich bin mir sicher, Philine spielte mit dem Gedanken, das Geld einfach selbst aufzubringen, damit ihre Freundin nach der Genesung ihren Beruf, für den das Gefühl in Händen und Füßen unerlässlich ist, weiter ausüben kann. Doch sie entschied sich für einen anderen Weg: die Last gemeinsam zu tragen. Sie bat eine vertraute Person, ein kleines Crowdfunding zu organisieren – und innerhalb kürzester Zeit kam der gesamte Betrag zusammen. Als Philine ihrer Freundin diese wunderbare Nachricht überbrachte, flossen Tränen – bei ihr, bei ihrer Freundin und sogar bei einer der Krankenschwestern.
Sind das nicht Geschichten, die Mut machen?
Und dann war da noch mein Fuß. Philine wusste von meinen Schmerzen und wollte mir als Osteopathin helfen, aber es war einfach so viel. Und ich wollte ihre knappe Freizeit nicht beanspruchen. Deshalb bot ich an, mich als regulärer Patient einzubuchen, doch sie lehnte Geld ab. Schließlich behandelte sie mich am Sonntagabend. Ich nahm das Angebot nur an, weil ich spürte, wie sorgfältig sie abwog, was sie geben konnte.
So vollbrachte sie ein weiteres kleines Wunder: Ich war in den Tagen danach zum ersten Mal seit zwei Monaten schmerzfrei unterwegs.
Als ich Philine fragte, ob ich über diesen „Wahnsinn“ schreiben dürfe, stimmte sie unter einer Bedingung zu: Ich müsse erwähnen, dass ich ihr mit meiner stillen Präsenz eine große Stütze war.
Wenn sie abends aus ihrer Praxis kam, wartete ein Essen auf sie, und ich hielt den Raum, in dem sie so viel leisten konnte. So habe ich viel bekommen – Unterkunft, einen geheilten Fuß, das Erleben aufrichtiger Menschlichkeit – und durfte zugleich geben. Einfach durch Stille und Präsenz. Wir waren beide dankbar für diese intensiven Tage, die uns tief bewegt haben.




















