Flavias 50. Geburtstag

Was schenkt man seiner Frau zum 50., wenn man gerade ein Kunstprojekt macht, bei dem man ein Jahr lang schweigend durch Deutschland wandert – ein Vorhaben, das für jede Beziehung ein Stresstest ist?
Wir hatten im Vorfeld viel Über dieses Projekt gesprochen, und Flavia wusste, dass ich es so konsequent wie möglich umsetzen würde. Leider fiel ihr runder Geburtstag genau in dieses Jahr. Lange war unklar, ob ich an diesem Tag zu Hause sein könnte, deshalb ließ ich die Frage in der Vorbereitungsphase offen.
Früh stand für Flavia deshalb fest, dass sie sich für diesen besonderen Tag etwas Eigenes einfallen lassen wollte – etwas, das mein mögliches Fernbleiben ausgleicht. Erst dachte sie daran, in der Sommerpause ihres Yogastudios nach Indien zu reisen, um dort Kurse zu besuchen. Doch trotz intensiver Recherche fand sich nichts, was sie wirklich begeisterte. Schließlich kam die Idee, vier Wochen als Volontärin in einem Kloster zu verbringen. Zufällig entdeckte sie ein tibetisches Kloster am Lago Maggiore, das ihr zusagte und wo sie einen Platz als Helferin bekam.
Ich verfolgte ihre Pläne, mischte mich kaum ein – auch weil ich insgeheim beschlossen hatte, mein Schweigen für diesen Tag zu unterbrechen und sie zu überraschen. Als sie ihre Tickets nach Italien buchte, stand für mich fest: Ich würde ebenfalls dorthin reisen, sie im Kloster „entführen“ und mit ihr bei einem guten Italiener am See essen. Die Vorstellung, plötzlich vor ihr zu stehen und mit ihr zu reden, erfüllte mich mit Vorfreude.
Mein Plan: Ende Juli das Tiny House abbauen, ein paar Tage in Stuttgart verbringen, wo sie am 1. August mit engen Freunden vorfeiern wollte, und ihr dann zwei Tage später an den Lago Maggiore folgen. Doch zwei Wochen vor ihrem Geburtstag änderte Flavia ihre Pläne – sie verschob die Reise um zwei Wochen. Meine bereits gebuchten Tickets waren hinfällig, und ich musste meine Überraschung begraben.
Am Ende war ich zu ihrem Geburtstag also noch in Stuttgart. Es war keine große Überraschung mehr, aber ich konnte ihr am Morgen ein besonderes Frühstück zubereiten – und das Schweigen dann doch überraschend zu brechen. Dazu schenkte ich ihr die Ausdrucke meiner Fahrkarten als Zeichen, dass ich bereit gewesen wäre, für sie bis nach Italien zu fahren.
Mittags fuhren wir an einen See. Nicht der Lago Maggiore, aber dennoch wunderschön. Ich spürte, wie wichtig es ihr war, diesen Tag mit mir zu verbringen. Vielleicht war das größte Geschenk, das ich ihr machen konnte, das Signal: Ich bin da, wenn es wirklich darauf ankommt. Kunstprojekt hin oder her – für dich würde ich bis ans Ende der Welt gehen. Und auch mit dir reden.