Halbzeit – Tag 183 – Wintersonnwende – Zu Hause

HALBZEIT. Ein halbes Jahr, 183 Tage, bin ich nun zur Wintersonnwende im Schweigen unterwegs. Ein halbes Jahr liegt noch vor mir. Auch wenn der Winter mit der Sonnwende nun offiziell erst startet, schaue ich sehr optimistisch und gelassen auf die zweite Hälfte. Mit dem Schweigen habe ich mich arrangiert, die Dunkelheit macht mir nicht zu schaffen, wie ich befürchtet hatte, und ich bin nicht einsamer geworden – ganz im Gegenteil. Ich habe Wege gefunden, trotz meines Schweigens in Verbindung zu gehen: mit mir selbst, mit der Natur und vor allem mit den Menschen, die mir begegnen. Diese Verbindung ist oft so tief, dass ich eher das Gefühl habe, mehr zu bekommen, als ich gebe. Ich fühle mich erfüllt, genährt und getragen. Solange mich kein äußerer Umstand zwingt, kann ich mir gerade nicht vorstellen, dass ich dieses Projekt wegen Vereinsamung, mentaler oder konzeptioneller Probleme abbrechen müsste. Das gibt mir eine große Gelassenheit.
Als ich vor einer Woche in Berlin angekommen bin, war meine Stimmung noch eine andere, es war ein ganz anderes Ankommen als vier Wochen zuvor in Hamburg. Dort bin ich die letzten 30 Kilometer mit einer Leichtigkeit gegangen, getragen von einer großen Euphorie. Ich hatte es in den Norden geschafft, der Hafen lag vor mir – ein Gefühl von Unbesiegbarkeit. Meine Ankunft in Berlin war anders. Sie war leise. Zum ersten Mal in diesen sechs Monaten war ich wirklich erschöpft. Nicht vom Schweigen – ich war froh, nicht reden zu müssen. Ich war erschöpft vom Gehen. Mein Rucksack, den ich in den letzten Tagen von allem Essbaren geleert hatte und dessen warme Kleidung ich nun am Körper trug, war so leicht wie nie und wog doch schwerer als sonst.
Als ich in Frohnau bei Micha ankam, die mich eine Woche zuvor schon zwei Tage begleitet hatte, war ich glücklich, an einen mir vertrauten Ort zu kommen. Einen Ort, an dem ich einfach sein konnte, ohne zu „performen“. Müdigkeit war zuvor nie wirklich ein Thema gewesen. Schmerzen, düstere Gedanken oder Kälte habe ich in den letzten Monaten oft mit Atemtechniken angenommen. Beim Zuhören habe ich das Schwere ganz bewusst eingeatmet, mich und mein Gegenüber gespürt, und mir vorgestellt, es in etwas Positives zu transformieren, bevor ich wieder ausatme. Ob es meinem Gegenüber etwas gebracht hat, weiß ich nicht – aber mir hat es geholfen, all die schweren Geschichten zu hören, präsent zu bleiben und meine eigenen Lasten, wie den schmerzenden Fuß, besser zu tragen.
Doch auf den letzten Kilometern nach Berlin wollte ich davon nichts mehr wissen. Ich wollte nichts mehr wegatmen, nicht mehr meditieren, keine Kunst mehr machen und auch nicht mehr zuhören. Ich wollte nur noch ankommen. Im Nachhinein ist es spannend zu sehen, wie weit mich diese Technik getragen hat. Denn als ich damit aufhörte, war da plötzlich eine große Leere und Müdigkeit. Viele kennen das vielleicht von großen Projekten: Solange das Adrenalin einen pusht, funktioniert man, doch wenn es vorbei ist, stürzt man in ein Loch. Ich habe mir deshalb bei Micha einen Tag Ruhe gegönnt, bevor ich die letzte Etappe bis zum Brandenburger Tor antrat, welches die Hälfte meiner Wegstrecke markieren sollte.
Dieser Ruhetag war wichtig. Ich habe beim Plätzchenbacken geholfen, war Teil des Familienlebens und habe zum ersten Mal etwas Vorweihnachtsstimmung aufgesaugt. Mit leichtem Gepäck ging ich dann am nächsten Tag die letzten 24 Kilometer. Zu Beginn noch mit einer Freundin, was mich unterstützt hat, doch als ich am Nachmittag alleine durch die Stadt zum Brandenburger Tor lief, merkte ich: Ich will eigentlich nur ankommen. Es war zwar eine leise Freude in mir, es so weit geschafft zu haben, aber der Wunsch nach Ruhe war größer als jeder Triumph. Zwischen all den Menschen am Pariser Platz habe ich mich einfach auf eine Bank gesetzt – ohne mein Zuhör-Schild – und das Treiben für eine halbe Stunde fast teilnahmslos beobachtet. Dann legte ich mir einen Song aufs Ohr, den mir Philine aus Hamburg für diesen Tag geschickt hatte: „Heute ist ein guter Tag, um glücklich zu sein“. Mit diesem Lied im Ohr bin ich durch das Brandenburger Tor gegangen und habe versucht, mir nochmals bewusst zu machen, was ich bis zu diesem Punkt geleistet habe: 1.565 Kilometer habe ich bis hierhin zurückgelegt.
Es war ein Schwellengang auf die andere Seite. Auf die Seite des Jahres, in der die Tage wieder länger werden, die Sonne an Kraft gewinnt, der Frühling irgendwann die Kälte vertreibt und ich mich mit jedem Schritt meinem Zuhause im Süden nähere. In diesem Wissen entstand ein Raum neben der Müdigkeit für eine tiefe Dankbarkeit, den ich in den folgenden Tagen in Gedanken immer weiter füllte. Und mit der wachsenden Dankbarkeit kam auch meine Kraft zurück.
Jetzt, zur Halbzeit, ist es mir ein Bedürfnis, all das zu benennen, was mich trägt und mich diesen weiten Weg hat zurücklegen lassen. Ich bin zutiefst dankbar für all die Menschen, die mich bei sich aufgenommen, ein Stück begleitet oder an einer Station getroffen haben. Besonders berührt bin ich von jenen, die mir ihr Innerstes anvertraut haben; ich habe immer versucht, diese Geschichten als ein sehr kostbares Gut zu bewahren. Mein Dank gilt meinen Sponsoren, Förderern und Bekannten für ihre Unterstützung, ebenso wie den Menschen, die mir spontan Geld für eine Übernachtung oder eine gute Mahlzeit gespendet haben. Doch Hilfe kommt nicht nur physisch an: Ich danke den Menschen, die mich im Geiste begleiten, die wissen, wo ich ungefähr bin, und im Hintergrund überlegen, wo ich unterkommen oder Station machen könnte. Und ich danke allen, die mir schreiben, mir Mut machen und ihr Feedback teilen. Zu lesen, was mein Projekt bei anderen ins Rollen bringt, trägt mich oft weiter, als ihr ahnt. Ein besonderer Dank geht an Becky, die mir im Hintergrund den Rücken freihält und immer wieder unermüdlich neue Anläufe unternimmt, wenn es Absagen gab. Ich weiß zudem, dass meine Familie und viele andere Menschen mich in ihre Gebete und guten Gedanken eingeschlossen haben – gerade wenn es draußen kalt und ungemütlich ist. Ich spüre, dass diese Energie ankommt: Wenn ich nachts allein im Zelt liege, bin ich nicht allein. Und von ganzem Herzen bin ich Flavia dankbar – dafür, dass sie mich hat ziehen lassen und wir diese Zeit gemeinsam tragen.
Ich bin auch dankbar für die Naturerlebnisse. Ich bin mein Leben lang weit gereist, um Einsamkeit und spektakuläre Naturerlebnisse zu finden. Nun stelle ich fest: Man muss nicht weit weg. Man kann vor der Haustüre losgehen, und wenn man präsent ist, findet man auch hier so viel Schönheit und Faszination.
Und ich bin dankbar für meine Gesundheit. Vor dem Start wurde ich einmal gefragt: „Was machst du, wenn du krank wirst?“ Ich habe damals flapsig geantwortet, dass ich nicht krank werde. Natürlich hilft das viele Draußensein, die frische Luft und das Gehen zur Abhärtung. Aber ich weiß auch, dass das beste Mindset nicht vor allem schützt. Ein Zeckenbiss, ein falscher Tritt, ungefiltertes Wasser – all das könnte das Ende der Reise bedeuten. Dass mir all das in 183 Tagen erspart geblieben ist, erfüllt mich mit Demut. Mein lahmender Fuß wird gerade fachmännisch behandelt, und ich hoffe, er trägt mich auch die nächsten 1600 Kilometer.
Ich habe oft darüber geschrieben, dass ich in den letzten sechs Monaten keinen richtigen Regen abbekommen habe. Das ist ein kleines Wunder. Aber mir ist noch etwas aufgefallen, das ein mindestens genauso großes Wunder ist: Ich bin in den letzten sechs Monaten niemandem begegnet, der mir etwas Schlechtes wollte. An keinem einzigen Ort.
Wenn ich durch Zeichensprache andeute, dass ich nicht spreche, werde ich immer freundlich behandelt. Die Menschen geben sich Mühe, meine Krakelschrift zu entziffern, und sind hilfsbereit – selbst wenn sie gar nicht wissen, dass es ein Kunstprojekt ist. Ich kläre nicht immer auf, manchmal bin ich einfach der „Stumme“. Und selbst wenn ich meinen Kärtchen zeige, gab es nie eine wirklich negative Reaktion. Natürlich gibt es Skepsis. Manche schütteln den Kopf. Aber das kann ich niemandem verübeln – das haben selbst Freunde getan, als ich ihnen von der Idee erzählte. Doch die überwältigende Mehrheit begegnet mir mit Respekt. Ich merke förmlich, wie es in den Köpfen zu arbeiten beginnt: Ein Jahr im Schweigen, aber er hört zu.
Es ist für mich eine Analogie zum Wetter: In der App oder in den Nachrichten sieht man oft Stürme aufziehen. Man hört, dass die Welt schlecht ist. Und sicher ist nicht alles gut. Aber ich bin diesen schlechten Menschen auf meiner Reise noch nicht begegnet. Dass meine Realität so viel heller ist als die Vorhersage, ist für mich das größte Geschenk.
Als mir in Berlin all das klar wurde – wie viel Glück und Fügung ich erfahren habe, wie behütet ich war –, hat diese Dankbarkeit einen Platz neben meiner Müdigkeit eingenommen. Das war eine gute Mischung. Ich durfte müde sein, weil ich viel geleistet habe, und zugleich erfüllt sein.
Bevor ich mich am 17. Dezember in den Zug nach Hause setzte, hatte ich noch drei Begegnungen und eine offizielle "Zuhör-Station" in Berlin vereinbart. Kurz fühlte es sich an wie ein Pflichtprogramm, das ich noch absolvieren muss. Aber es wurden wieder ganz wunderbare Momente, die mir Kraft gaben (davon werde ich noch berichten).
Mit diesem erfüllten Gefühl sitze ich nun zu Hause bei Flavia. Es lag eine kleine Unsicherheit in der Luft, wie diese Begegnung nach so langer Zeit sein würde, aber vor allem eine riesige Vorfreude. Ich genieße es nun in vollen Zügen, mal zwei Wochen an einem Ort zu sein, Menschen zu treffen, die ich kenne, einfach zu wissen, worauf ich mich einlasse und die Zweisamkeit mit meiner Frau.
Halbzeit. Danke, dass ihr mich durch das Schweigen auf dieser Reise begleitet!