Ich höre zu - Ein Jahr im Schweige - Eine Halbzeitbilanz

Ein halbes Jahr, 183 Tage, war ich nun zur Wintersonnwende im Schweigen unterwegs. Ein knappes halbes Jahr liegt noch vor mir. Auch wenn der Winter nun erst beginnt, schaue ich gelassen auf die zweite Hälfte. Mit dem Schweigen habe ich mich arrangiert; die Dunkelheit macht mir nicht zu schaffen, wie befürchtet. Und ich bin nicht einsamer geworden – ganz im Gegenteil. Ich habe Wege gefunden, trotz des Schweigens in Verbindung zu gehen: mit mir selbst, mit der Natur und vor allem mit den Menschen, die mir begegnen. Diese Verbindung trägt. Sie nährt mich. Sie überrascht mich. Sie schenkt mir Gelassenheit.
Seit Beginn meines Projekts begegnen mir immer wieder zwei Sätze:
„Ich brauche ein Gegenüber, das mir antwortet. Sonst kann ich mich ja gleich mit einer Wand unterhalten.“
Und: „Ist es nicht unglaublich schwer, nur zuzuhören? Willst du dich nicht auch mal mitteilen?“
Beide Aussagen berühren denselben Kern: die Vorstellung, dass echte Verbindung nur dort entsteht, wo Sprache im Spiel ist.
Wer nichts sagt, so der Glaube, baut keine Brücke – und hat selbst nichts von der Begegnung. Sprache ist wichtig, keine Frage. Aber wenn wir Begegnung auf Worte, Argumente und Meinungen reduzieren, entgeht uns etwas Entscheidendes.
Mein Projekt trägt den Titel „Ich höre zu - Ein Jahr im Schweigen“. Rückblickend auf die letzten sechs Monate müsste es eigentlich heißen: „Ich gehe in Verbindung.“ Denn im Kern geht es weniger um das Schweigen selbst als um das, was dadurch möglich wird.
Ich glaube, dass „in Verbindung sein“ für uns so wichtig ist wie Essen, Trinken und Atmen. Ohne Verbindung verhungern wir seelisch. Die innere Leere füllt sich schnell mit Angst, Enttäuschung oder Wut – oder wir versuchen sie mit Konsum, Arbeit und Ablenkung zu füllen.
Ein Mensch, der keine Verbindung zu seinem Beruf und zu Kolleginnen aufbaut, brennt aus. Eine Beziehung, in der keine Verbindung mehr besteht, wird zum hohlen Gerüst und kollabiert in Krisenzeiten. Ein Arzt, der seinem Patienten nicht zuhört und keinen Raum für Vertrauen schafft, mindert unbewusst die Heilungschancen.
Wenn wir die Verbindung zur Natur verlieren, beuten wir sie aus; verlieren wir die Verbindung zum eigenen Körper, machen wir ihn krank. Und wenn Verständigung zwischen Gruppen oder politischen Lagern abreißt, ist der Schritt in die Feindseligkeit nur sehr klein. Hinter vielen Krisen – ob persönlich oder gesellschaftlich – steckt eine fehlende oder gekappte Verbindung.
Natürlich kennen wir Strategien, um Verbindung herzustellen: gemeinsame Interessen, dieselben Werte, ähnliche Hintergründe. Im Wendland habe ich erlebt, wie der gemeinsame Widerstand gegen das Atommülllager Menschen verbunden hat, die ansonsten wahrscheinlich nie an einem Tisch gesessen hätten.
Aber was geschieht, wenn diese äußeren Klammern fehlen? Wenn wir Menschen begegnen, deren Meinung wir nicht teilen? Wenn wir gar nichts über sie wissen, so wie das bei mir nun oft der Fall ist?
Dann kann Sprache, die doch eigentlich Brücken bauen sollte, auch zum Stolperstein werden. Oft reden wir dann, um Recht zu behalten – nicht, um uns zu begegnen. Sprache verbindet nicht nur, sie kann auch Differenzen hervorheben. Das Schweigen nimmt sie nicht weg, aber es verschiebt die Prioritäten.
Dazu kommt, dass es unzählige Gespräche gibt, in denen sehr viel gesprochen, aber letztlich nichts gesagt wird, die leer bleiben oder in denen man einfach aneinander vorbeiredet und somit keinerlei Verbindung entsteht.

Verbindung ohne Worte
Auf diesen 1.565 Kilometern, die ich seit dem Start am 21. Juni zurückgelegt habe, habe ich eines gelernt: Mein zugewandtes Schweigen kann Räume schaffen.
Man unterhält sich in meiner Gegenwart keineswegs mit einer Wand. Denn Verbindung entsteht durch etwas anderes: Präsenz, Offenheit und wertfreies Zuhören.
Es ist das Gefühl: Ich werde gesehen. Ich werde gehört.
Ich hatte Begegnungen mit völlig fremden Menschen, in denen wir kaum etwas ausgetauscht haben – weder Worte noch Notizen. Und trotzdem war da eine tiefe Verbundenheit.
Wer schon einmal ein Schweigeretreat gemacht hat, kennt das: Man sitzt tagelang schweigend nebeneinander und hat am Ende das Gefühl, diese Menschen besser zu kennen als manche Bekannte. Eine Nähe, die nicht durch Informationen entsteht, sondern durch Gegenwärtigkeit.
Was ich tue, ist Folgendes: Ich stelle meinem Gegenüber einen Raum zur Verfügung.
Am Anfang fiel mir das schwer. Journalisten sollten eine gute Geschichte bekommen, Menschen, die mir begegneten, eine besondere Erfahrung machen. Ich wollte meine Präsenz „schenken“, strahlte aber unbewusst aus: „Jetzt schenke ich dir meine ganze Präsenz – nun erzähl mal!“ Für manche war diese ungeteilte Aufmerksamkeit zu viel; sie fühlten sich unter Druck gesetzt, beobachtet, bewertet, vielleicht sogar geprüft.
Je länger ich gehe, desto mehr lerne ich, diese Erwartungen loszulassen. Und ich lerne nicht nur anderen Menschen zuzuhören, sondern durch meine Präsenz auch mir selbst und all den Erzählungen in meinem Kopf besser zuzuhören. Ich ertappe mich dabei, Menschen, Natur, Orte und Erlebnisse innerlich sofort in Kategorien zu sortieren – sympathisch, wichtig, langweilig – und übe, diese Schubladen offen zu lassen. Es gelingt nicht immer. Aber immer öfter.
Wenn das geschieht, wenn keine Erwartung da ist, die enttäuscht oder erfüllt werden muss, dann öffnet sich dieser Raum. Mein Gegenüber fühlt sich so gesehen und gehört, wie er oder sie wirklich ist. Und genau daraus entsteht Verbindung. Ich muss mich nicht mitteilen, um satt zu werden. Ich muss nur verbunden sein.

Ein bewusst gesetzter Rahmen
Bewusst – und in Teilen auch unbewusst – habe ich mir mit diesem Projekt ein Setting geschaffen, das eine Tiefe von Verbindung ermöglicht, die ich mir zuvor kaum hätte vorstellen können. Es ist ein künstlerisch gesetzter Rahmen, der nicht eins zu eins auf einen normalen Alltag übertragbar ist, aber Rückschlüsse zulässt. Er funktioniert, weil ich mich radikal auf das einlasse, was mir begegnet: auf Menschen, Situationen, Unsicherheiten. Ohne diese Offenheit findet im Schweigen wahrscheinlich kaum eine Begegnung statt. Mein Schweigen hat nichts mit stiller Ablehnung oder in sich und seinen eigenen Gedanken verloren zu sein, zu tun.
Außerdem müssen sich die Menschen auf mich einlassen. Mein Schweigen lässt ihnen völlige Freiheit. Wer mit mir, meinem Projekt oder dem Schweigen nichts anfangen kann, muss mich nicht einladen, kann einfach weitergehen oder mich ignorieren.
So entsteht eine Art natürlicher Filter: Ich begegne fast ausschließlich Menschen, die zumindest eine gewisse Neugier oder Offenheit mitbringen. Innerhalb dieses Rahmens wird eine Tiefe von Begegnung möglich, die mich immer wieder überrascht – und mir zeigt, was Verbindung bewirken kann, wenn sie freiwillig entsteht.
Ich habe oft darüber geschrieben, dass ich in den letzten sechs Monaten keinen richtigen Regen abbekommen habe. Das ist ein kleines Wunder. Aber mir ist noch etwas aufgefallen, das ein mindestens genauso großes Wunder ist: Ich bin in diesem halben Jahr niemandem begegnet, der mir etwas Schlechtes wollte. An keinem einzigen Ort. Vielleicht liegt das an dem Setting, das wie ein Filter wirkt – aber vermutlich nicht nur.
Wenn ich durch Zeichensprache andeute, dass ich nicht spreche, werde ich fast immer freundlich behandelt. Die Menschen geben sich Mühe, meine Krakelschrift zu entziffern, und sind hilfsbereit – selbst wenn sie gar nicht wissen, dass es ein Kunstprojekt ist. Ich kläre nicht immer auf; manchmal bin ich einfach der „Stumme“. Und selbst wenn ich mein Kärtchen reiche, gab es nie eine wirklich negative Reaktion.
Natürlich begegnet mir auch Skepsis. Manche schütteln den Kopf. Aber das kann ich niemandem verübeln – selbst Freunde haben das getan, als ich ihnen im Vorfeld von der Idee erzählte. Doch die überwältigende Mehrheit begegnet mir mit Respekt. Ich merke förmlich, wie es in den Köpfen zu arbeiten beginnt: Ein Jahr im Schweigen – aber er hört zu.

Verbindung als Praxis
Mein Projekt ist mittlerweile vieles zugleich: eine künstlerische Arbeit, eine Forschungsreise und ein soziales Experiment mit klar gesetzten Parametern – ein Jahr ohne Sprache, aber in bewusster Begegnung. Auch wenn ich kein Wissenschaftler bin, fließen Themen wie Achtsamkeit, Kommunikationsforschung und Präsenz als Versuchsanordnung ein. Es ist zugleich eine soziale Plastik und eine spirituelle Praxis: Für mich ist die Suche nach Verbindung – mit mir selbst, mit anderen, mit der Natur oder etwas Größerem – dem Leben zu vertrauen, gelebte Spiritualität. Meine Wanderung ist somit auch eine Form der Pilgerschaft, die mich lehrt, in Beziehung zu gehen.
All das lässt sich nicht mehr trennen. Ich bewege mich weder ausschließlich im Kunstkontext, noch auf einem klar definierten spirituellen Weg, noch im rein Sozialen – und genau daraus entsteht eine Offenheit, die Menschen aus sehr unterschiedlichen Welten erreicht. Manche begegne ich als Künstler, manchen als Pilger, manche einfach als einem Menschen, der gerade zuhört. Die Grenzen sind fließend, nicht für jede*n sofort verständlich – und trotzdem sehr oft fruchtbar.
Ob aus „Ich höre zu - Ein Jahr im Schweigen“ am Ende ein großes Kunstwerk entsteht, ist in den Hintergrund gerückt. Das liegt ohnehin nicht wirklich in meiner Hand. Wichtiger ist mir, dass etwas in Bewegung kommt: in mir selbst und in den Menschen, denen ich begegne. Ich spüre, dass diese Begegnungen etwas verändern können – und das erfüllt mich mit Dankbarkeit, das nährt mich.
Vielleicht ist das eine meiner wichtigsten Erfahrungen: Wir werden nicht dadurch genährt, dass wir uns mitteilen, sondern dadurch, dass wir in eine tiefe Verbindung kommen – durch Offenheit, Zuwendung, wertfreies Zuhören und Präsenz.

Den Blick weiten: Das Gute sehen, ohne das Schwere zu leugnen
Genauso wichtig ist die Erkenntnis, dass die Welt nicht so düster ist, wie sie oft dargestellt wird – und wie ich sie mir lange in meinem Kopf ausgemalt habe. Es gibt da draußen so viele gute Menschen, die Wunderbares leisten, sich für andere einsetzen, an ein besseres Morgen glauben und dafür arbeiten. Es sind oft die leisen Menschen. Sie werden übertönt von jenen, die laut schreien, alles schlechtreden und von der Wut anderer leben. Menschen, die ihre Macht festigen, indem sie trennen, statt zu verbinden – denn manche Wut verbindet oft nur in der Abgrenzung.
Wenn man sich jedoch dem Leben öffnet und wirklich hinausgeht, begegnen einem die leisen Menschen überall. Es ist keine Minderheit, sondern eine leise Mehrheit, die leider allzu oft überhört wird, weil sie ihr Handeln für eine Selbstverständlichkeit halten, das man nicht all zu sehr betonen muss.
Von diesen Menschen zu erzählen, ist mir ein Anliegen geworden. Denn sie machen mir selbst Mut. Mut auf eine bessere Zukunft.
Ich sehe und höre unterwegs sehr viel Schwieriges. Aber diese Reise hat mich gelehrt, dass meine Kraft aus dem Schönen und Guten wächst.
Das bedeutet nicht, den Blick nur noch auf das Schöne zu richten. Auch das durfte ich lernen – und die Natur ist darin eine wunderbare Lehrerin. Die Elbe hätte mich fast weggespült, weil ich meinen Zeltplatz nur nach seiner Schönheit ausgewählt habe und die Warnzeichen des Wassers ignoriert hatte. Es geht also nicht darum, das Schwierige auszublenden, sondern den Fokus zu weiten. Wenn wir den Blick öffnen, entsteht neben all dem Schwierigen auch Raum für das Gute, das Leise, das Kraftspendende.
Doch dafür braucht es innere Ruhe. Eine Balance, die ich im Schweigen und in der Stille wiederfinde. Zwischen all den Begegnungen bin ich viel allein unterwegs, kann in mich kehren. Auch mein kleines Zelt – so hart es im Winter manchmal auch sein mag – trägt dazu bei, dass ich all das Erlebte verarbeiten und in die Stille eintauchen kann. Es ist fast eine Einsiedelei oder Klause für mich geworden. Mein Schweigen und die Stille helfen mir, diesen Raum zu schaffen. Es weitet meinen Fokus, macht mich empfänglich für das, was leicht übersehen wird – und lässt mich wieder offen werden für Hoffnung.
Dafür bin ich unglaublich dankbar. Und wer verstehen will, wie ich zu diesen Gedanken komme, kann das am einfachsten, indem er die Geschichten auf meinem Blog liest, die mich in den letzten sechs Monaten gefunden haben: Begegnungen, die mich getragen haben, Naturerlebnisse, die mich geerdet haben, und Momente, die mich wieder zuversichtlich in eine ungewisse Zukunft blicken lassen.
Vielleicht versteht man dann auch besser, warum ich trotz der Kälte, trotz Winter, trotz aller Lautstärke um mich herum gelassen bin – und warum ich trotz meines einfachen Wanderlebens so reich an Dankbarkeit bin.