Tag 144 – Warum Stille meine Gedanken hörbarer macht

Nach einem Tag Pause bei Jana habe ich mich am frühen Morgen bereit für meinen Weg nach Hamburg gemacht. Es gab eine sehr herzliche Verabschiedung, ein obligatorisches Foto mit meiner Gastgeberin und mir, und Jana wollte mich wenigstens noch ein paar Meter auf meinem Weg begleiten. Es war ein klarer, frischer Morgen, der einen wunderschönen, sonnigen Tag versprach. So marschierte ich freudig meinem ersten richtig großen Etappenziel entgegen.
Jana ging neben mir, und mir fiel sofort auf, dass ihr Blick direkt auf den Boden gerichtet war. In mir wurde der Achtsamkeitslehrer sofort „getriggert“: So ein schöner Tag – und Jana schaut nur auf den Boden? Das ist jetzt aber nicht sehr achtsam…
Hätte ich sprechen können, hätte ich sie vermutlich gleich auf den blauen Himmel, das farbige Laub und die klare Luft hingewiesen.
Doch nach wenigen Metern schaute sie zu mir und sagte:
„Daniel, dein linker Fuß ist beim Gehen leicht nach innen gedreht. Dadurch rollst du über den kleinen Zeh ab und nicht über den großen – vielleicht kommt daher das Problem, das du am linken Fuß hast?“
Beim Frühstück hatte ich ihr erzählt, dass ich oft „Anlaufschmerzen“ habe, wenn ich nach längeren Pausen wieder losgehe. Manchmal humple ich die ersten 20–30 Meter regelrecht. Während des Laufens ist dann alles okay – außer wenn ich lange Strecken auf Asphalt unterwegs bin. Jana ist neben ihrer Tätigkeit als Achtsamkeits- und Mitgefühlslehrerin auch Physiotherapeutin. Zwar gehört der Fuß nicht zu ihrem Spezialgebiet, aber in diesem Moment wollte sie einfach schauen, ob mein Gang mit Rucksack etwas mit den Schmerzen zu tun haben könnte.
Sie hatte also nicht starr und unachtsam vor sich hingeschaut – sie hatte meinen Gang beobachtet. Achtsam, wach und mit dem Wunsch, mir vielleicht doch helfen zu können. Und ich hatte – wie schon am Vortag – in Sekundenbruchteilen bewertet und war automatisch in mein Muster als Achtsamkeitslehrer gefallen. Ein Muster, das in vielen Situationen hilfreich ist, hier aber zu einer Fehleinschätzung führte.
Nachdem Jana die Situation aufgeklärt hatte, habe ich mich innerlich bei ihr entschuldigt. Ich war sehr dankbar für ihre Beobachtung und die kleine Diagnose, die sie beim Gehen stellte. Damit war die Sache eigentlich erledigt.
Und doch ist diese kleine Szene für mich erwähnenswert. Wie schon am Tag zuvor mit der Spülmaschine habe ich wieder eine automatische Bewertung getroffen – eine, die danebenlag. Ich habe geurteilt, ganz automatisch und ohne bewusstes Zutun. Genau so funktionieren unsere Denkprozesse: schnell, reflexhaft, gespeist aus den Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens gesammelt haben.
Diese Muster sind wichtig. Ohne sie könnten wir unseren Alltag nicht bewältigen. Wir müssen einschätzen, was gut oder schlecht ist, wem wir vertrauen, was uns hilft oder schadet. Bewertungen geben Orientierung und ermöglichen Entscheidungen, ohne dass wir jedes Mal bei Null anfangen müssen. Je mehr etwas unseren inneren Mustern entspricht, desto schneller glauben wir, eine „richtige“ Antwort zu haben.
Das Schwierige ist: Diese Bewertungen laufen fast immer automatisch und unbewusst ab. Oft wissen wir wenige Minuten später gar nicht mehr genau, warum wir in einer Situation so gedacht oder gehandelt haben.
Durch mein Schweigen entsteht nun jedoch ein Raum, der mir im Alltag sonst kaum zur Verfügung steht. Ich spreche nicht mehr, höre aber besser zu – auch mir selbst. Die Stille macht meine Gedanken hörbarer, klarer. Sie schenkt mir die Möglichkeit, diese kleinen, schnellen Bewertungen überhaupt wahrzunehmen, die sonst unbemerkt durchrauschen. Und je öfter ich sie erkenne, desto klarer wird mir, aus welchen Mustern sie entstehen – und warum ich in bestimmten Momenten so reagiere.
Das Problem sind also nicht die Automatismen – im Gegenteil, sie sind lebensnotwendig. Schwierig wird es erst dann, wenn wir sie nicht bemerken. Wenn sich die äußeren Rahmenbedingungen verändern, aber unsere alten Muster weiterlaufen, als wäre alles wie immer. Dann kann man plötzlich völlig danebenliegen – und sich selbst oder anderen ungewollt schaden.
In der Stille erlebe ich, wie befreiend es ist, diese unbewussten Muster ans Licht zu holen. Nicht, um sie zu verurteilen, sondern um ihnen offen zu begegnen. Und genau daraus entsteht Bewusstsein: aus dem Moment, in dem wir erkennen, was in uns wirkt – und vielleicht zum ersten Mal frei entscheiden können, ob wir dem folgen wollen oder nicht.
Und mit diesem kleinen, stillen Lernmoment im Gepäck setzte ich meinen Weg nach Hamburg fort – etwas leichter, etwas wacher und wieder einmal dankbar für die Begegnungen, die mich diese Dinge lehren.