Tag 146 – Hamburg

Zu Hamburg habe ich ein etwas eigenartiges Verhältnis. Lange Zeit dachte ich, diese Stadt könnte ein guter Ort für einen Weltenbummler wie mich sein – vielleicht sogar eine Alternative zu Berlin, wohin sonst alle Künstler strömen. Der Hafen versprach das Tor zur Welt zu sein, ein Ort, an dem seit Jahrhunderten Menschen, Kulturen, Güter und Geschichten zusammenkommen. Diese Weltoffenheit spürt man bis heute, und sie hat mich damals sehr angezogen.
Doch mein erstes Kennenlernen verlief anders:
Beim ersten längeren Besuch wurde mir meine Kamera aus der Umhängetasche gestohlen – bis heute weiß ich nicht, wie. Beim zweiten Besuch wurde ich nachts an den Landungsbrücken ausgeraubt.
Sieben Jahre habe ich in Lateinamerika gelebt, auch in Städten, die zu den gefährlichsten der Welt zählen, und dort ist mir nur ein einziges Mal etwas Vergleichbares passiert. Hamburg dagegen brachte das gleich zweimal fertig – jeweils innerhalb einer Woche. Ich nahm es damals als „Zeichen“ und beschloss: Mein Weg führt mich nicht hierher.
Umso gespannter war ich, nun nach so vielen Jahren zurückzukehren, ohne den Wunsch, hier zu leben, sondern als Wanderer, der der Stadt längst vergeben hat.
Die Wochen zuvor war ich viel allein gewesen – Natur, Stille, nur wenige Menschen. Hamburg dagegen war erst einmal ein Schock. Ich lief voller Freude und Euphorie in die Stadt hinein, doch die Reizflut traf mich wie eine Welle, nachdem ich das wunderschöne, ruhige Elbufer verlassen hatte. Lärm, Menschen, Stimmen, Gerüche – ich fühlte mich wie jemand, der zum ersten Mal vom Dorf in die Großstadt kommt und am liebsten sofort wieder umdrehen würde.
Ich war bei Philine in Wilhelmsburg untergebracht, einem Viertel, das ich unter normalen Umständen sehr mögen würde: divers, lebendig, multikulturell, ein besonderer Mix – auch wenn die Gentrifizierung bereits spürbar ist. Doch all das war mir in den ersten Tagen zu viel. Meine inneren Filter funktionierten nicht. Es dauerte zwei, vielleicht drei Tage, bis sie sich wieder sortiert hatten und ich mich im Trubel wohler fühlte.
Was ich jedoch nicht ausblenden konnte, war die große Zahl obdachloser Menschen. Ich weiß nicht, ob das in Hamburg immer so ist oder ob ich derzeit einfach besonders sensibel bin – weil ich selbst draußen schlafe und inzwischen eine Ahnung davon habe, was es bedeutet, der Kälte im Winter ausgesetzt zu sein.
Mit dem Unterschied, dass ich es freiwillig tue.
Mit guter Ausrüstung.
Mit einem Ziel vor Augen.
Die Menschen, die ich sah, hatten all das nicht. Ihre Kleidung, ihre Decken, ihre improvisierten Schlafplätze – alles wirkte so dünn, so ungeschützt, so zerbrechlich. Obdachlosigkeit im Winter hat für mich eine tiefere Bedeutung bekommen. Noch vor ein paar Monaten hätte ich vieles davon nicht so intensiv bemerkt.
„Danke fürs Hinsehen“ – eine Begegnung, die bleibt
Am vierten Tag lief ich vom Jungfernstieg über St. Pauli nach Altona, um noch etwas von der Stadt in mich aufzunehmen. Wieder begegneten mir viele obdachlose Menschen. Auf der Reeperbahn fiel mir einer sofort auf: Er saß vor einer Sex-Videothek und las in einem dicken Buch, völlig versunken. Ein Schlafsack lag über seinen Beinen, gutes Schuhwerk schaute darunter hervor. Er strahlte eine Ruhe aus, die sich deutlich von all den anderen unterschied, denen ich in diesen Tagen begegnet war.
Ich war fast an ihm vorbeigegangen, als ich ein kleines Pappschild neben seinem Becher sah, in dem ein paar Münzen lagen und auf dem geschrieben stand:
„Danke fürs Hinsehen.“
Dieser Satz stoppte mich. Er fühlte sich an, als wäre er genau für mich dort abgelegt.
Ich ging ein paar Schritte weiter, kehrte dann um und warf Münzen in seinen Becher. Als sie klimperten, hob der Mann den Kopf. Sein Blick war wach, klar, tief – und ein sanftes, warmes Lächeln ging über sein Gesicht. Nur ein kurzer Moment, aber einer, der mich lange begleitet hat.
Ich fragte mich, welche Geschichte ihn hierhergeführt hatte. Warum dieses Schild? Was war sein Schicksal? Ich hätte mich zu ihm setzen und ihn fragen können, doch ich war spät dran. So blieb seine Geschichte ein Geheimnis.
Ob er dort aus purer Not saß oder ob es eine selbstgewählte Lebensweise war, werde ich nie erfahren. Vielleicht galt das Leuchten in seinen Augen auch nur einer besonders schönen Passage in seinem Buch. Doch letztlich ist das „Warum“ zweitrangig. Was bleibt, ist dieser eine Satz, den ich aus der Begegnung mitnehme: DANKE FÜRS HINSEHEN! Und vielleicht ist das auch genug an Bedeutung.
Denn wirklich hinzusehen kostet Kraft. Es verlangt von uns, das Unangenehme nicht wegzudrücken und die eigene Komfortzone zu verlassen. Aber dieses Hinsehen verändert etwas. Es ist wie das echte Zuhören: Wir können nicht jedem helfen, aber wir können den Menschen wahrnehmen. Und schon das ist ein Akt der Menschlichkeit. Aus dem bewussten Hinsehen und Zuhören entsteht vielleicht etwas, das langfristig vielleicht viel bedeutender und hilfreicher ist als die Münzen, die wir im Vorbeigehen in einen Becher werfen.
Dieser Satz begleitet mich seitdem. Er erinnert mich daran, wie oft wir aus Selbstschutz wegschauen – und wie viel es einem Menschen bedeuten kann, einfach nicht übersehen zu werden.
Zwischen all dem gab es natürlich viele schöne Begegnungen: liebe Menschen, offene Gespräche, und meine Station im KAOSK – darüber schreibe ich in einem eigenen Beitrag.
Hamburg hat mich dieses Mal anders empfangen. Nicht feindlich. Nicht gefährlich. Aber intensiv.
Und vielleicht hat mir gerade diese Intensität gezeigt, wie sehr sich meine Wahrnehmung verändert hat – durch die Stille, das Gehen, die Kälte und die vielen Nächte draußen.
Vielleicht war es genau deshalb gut, wieder hier zu sein.
