Tag 147–148: Kaosk in Hamburg – Von Polyamorie und einer Liebeserklärung


Für zwei Tage hatte ich meine Zuhörstation in dem kleinen Laden „Kaosk“ im Herzen des Schanzenviertels aufgeschlagen – unweit der Roten Flora, in einem der letzten Häuser, das sich noch gegen Gentrifizierung und explodierende Mieten stemmt. Ein Ort, der versucht, etwas von der alten linken Kultur dieses Viertels zu bewahren.
Wie es genau zu dieser Kooperation kam, weiß ich gar nicht im Detail. Becky hatte verschiedene Ateliergemeinschaften und Kunstvereine angefragt, und irgendwie landete sie schließlich hier – bei Menschen, die sich vorstellen konnten, dass ich in ihrem Laden, zwischen Kaffeeduft, Kunst und politisch geprägtem Geist, Menschen zuhöre.
Ich war neugierig: Wie würde das Zuhören an einem Ort funktionieren, der so klar links-alternativ geprägt ist? Würden sich die Themen verändern? Würden die Gespräche politischer werden?
Bisher hatten sich die meisten Menschen, die mir begegneten, immer sehr persönlich geöffnet. Es ging selten um große politische Debatten, vielmehr um das eigene Leben, die Sorgen, Wünsche und Freuden. Und das war auch hier nicht anders. Ich stelle immer wieder fest: Wenn Menschen mir begegnen, beginnen sie fast immer bei sich selbst – und nicht beim Weltgeschehen.
Natürlich tauchen immer wieder Themen auf, die mit unserer Zeit zu tun haben, mit der Sorge vor dem, was kommt. Aber niemand hielt mir bis jetzt ideologische Monologe, weder rechte, noch linke. Niemand diskutierte über „richtig“ oder „falsch“. Stattdessen gleichen die Gespräche eher einer persönlichen Bestandsaufnahme: Wo stehe ich? Was beschäftigt mich? Wo will ich hin? Vielleicht ist das eine Gemeinsamkeit fast aller Begegnungen, egal wo in Deutschland ich bisher saß.

Die Kunst des Aushandelns
Am deutlichsten wurde die Besonderheit des Ortes, der Diversität und Genderfragen sehr progressiv behandelt, in einem Gespräch in Bezug auf mein Projekt, mit einem Künstler, der mir erzählte, dass er im Vorstand eines Vereins für Polyamorie sitzt.
Er schilderte, wie unterschiedlich die Menschen dort seien: eben nicht nur offen und progressiv, wie man meinen könnte, sondern manche sogar politisch sehr konservativ – „richtige Spießer“, wie er sie nannte. Was ihn daran faszinierte, war jedoch etwas anderes: Dass diese Menschen – gerade weil sie in offenen Beziehungen leben – gelernt haben, selbst komplexeste Gefühls- und Beziehungssituationen auszuhandeln.
Er war sich sicher, dass er mit diesen andersdenkenden Leuten an einen Tisch sitzen und die politische Weltlage diskutieren könnte, um einen Konsens zu finden. Denn sie sind es gewohnt, Schwieriges zu verhandeln: viele Wünsche, viele Perspektiven, viele Bedürfnisse. Dabei müssen sie immer wieder Wege finden, sich zu erklären, zuzuhören, Grenzen auszuhandeln und Konflikte aufzulösen. Nicht, weil alles leicht ist. Sondern weil es sonst nicht funktionieren würde.
Dieser Gedanke hat mich überrascht und berührt. Vielleicht gibt es darin etwas, das auch unserer Gesellschaft guttun würde: die Fähigkeit, Komplexität auszuhalten und trotzdem gemeinsam Lösungen zu finden.
Für mich persönlich wurde Polyamorie dadurch nicht wirklich verlockender. Mein Lebens- und Beziehungsalltag ist auch so komplex genug. Ein Jahr schweigend durch Deutschland zu gehen, bringt schon genug Herausforderungen mit sich – für beide Seiten. Aber ich habe mich in dem Aspekt wiedergefunden, dass Beziehungen immer wieder neu ausgehandelt werden müssen. Und dass Lösungen selbst in sehr schwierigen Situationen möglich sind, wenn man wirklich bereit ist, sich aufeinander einzulassen.

Von einer weiteren Begegnung im Kaosk möchte ich gerne noch erzählen, weil sie mich so sehr berührt hat:
Ein Paar betrat den Laden – sie gehend, er im Rollstuhl. Lasse, der im Laden arbeitete, erzählte wie so oft von meinem Projekt. Ich konnte sie nur hören, nicht sehen, da ich mit dem Rücken zu ihnen saß. Doch diesmal veränderte sich die Energie im Raum spürbar.
Ich kann es schwer beschreiben, aber ich spürte deutlich, dass sich zwischen uns eine Verbindung aufbaute, bevor überhaupt ein Blickkontakt entstanden war. Eine leise, klare Aufmerksamkeit – so, als würde jemand im Raum innerlich eine Entscheidung vorbereiten. Ich wurde sehr präsent, fast lauschend – nicht mit den Ohren, sondern mit etwas anderem. Ich war mir sicher, dass einer von Beiden zu mir kommen würde
Und tatsächlich: Kurz bevor die beiden gehen wollten, kam sie auf mich zu, grüßte zum ersten Mal und sie setzte sich neben mich, ihr Partner blieb im Hintergrund. Sie sagte, sie habe eigentlich nicht viel zu erzählen, nur etwas, das sie immer wieder ausspreche – so oft, dass sie das Gefühl hat, ihr Umfeld sei manchmal schon etwas genervt. Und dann erzählte sie mir, mit ihrem Partner im Rücken, mit tiefem Ernst und großer Zärtlichkeit:
„Ich liebe diesen Mann so unglaublich. Und ich bin so dankbar, an seiner Seite sein zu dürfen.“
Sie meinte, dieses Gefühl auszusprechen und bezeugen zu lassen, würde es noch vertiefen. Deshalb sei es so schön, dass ich es nun bezeugen könne. Es kam so tief aus ihrem Herzen, dass ihr die Tränen herunterliefen. Ich war genauso gerührt wie ihr Partner, der sich bei ihr bedankte.
Ich war tief berührt – das hielt noch lange an. Und ich war erfreut darüber, dass die Energie dessen, was mir erzählt werden sollte, schon im Raum lag, bevor es ausgesprochen wurde – und dass ich das wahrnehmen konnte.
Ein Dank an das Kaosk
So gab es im Kaosk wieder diese besonderen Begegnungen. Neue Einblicke. Offene Räume. Momente des Zuhörens, die mir die Vielfalt dieses Landes noch einmal anders gezeigt haben.
Mein herzlicher Dank geht an das ganze Kaosk-Team – und an Jan, der diese Zuhörstation vermittelt hat.