Tag 150–151: Als ich mich entschied, dem Winter nicht mehr davonzulaufen

Schon vor meiner Ankunft in Hamburg zeichnete sich ab, dass mein Weg nach Berlin mich durch die Elbauen ins Wendland führen würde, da sich dort immer mehr Kontakte ergeben hatten. Die Wetteraussichten waren allerdings mal wieder katastrophal: Für meinen Aufbruchstag war Dauerregen vorhergesagt, und danach sollten die Temperaturen weit unter den Gefrierpunkt fallen. Mit dem Wissen, dass ich zwischendurch immer mal wieder ein oder zwei Nächte irgendwo unterkommen könnte, blickte ich dem Ganzen zunächst mit einer gewissen Leichtigkeit entgegen – auch wenn längst nicht jede Nacht gesichert war.
Am Abend vor meiner Abreise klärte sich jedoch ein Missverständnis auf: Über eine Bekannte hatte ich Kontakt zu einem Café in den Elbauen erhalten, wo ich eine spontane Zuhörstation anbieten könnte. Ich war felsenfest davon ausgegangen, dass ich dort auch übernachten könne. Doch es handelte sich lediglich um eine Einladung ins Café – eine Unterkunft musste ich mir selbst organisieren. Das war ein Dämpfer. Diese Station hätte perfekt in meine Planung gepasst: Von Hamburg wären es nur drei bis vier Tage dorthin gewesen, und von da an hätte ich bis Dannenberg eine lückenlose Kette an Unterkünften gehabt.
Als diese Option wegfiel, machte sich Frust breit. Plötzlich wirkten die Wettervorhersagen und die Kälte wieder bedrohlicher. Hinzu kam der „Komfort-Effekt“: Ich war bereits den sechsten Tag in Hamburg. Je länger man im Warmen ist, gutes Essen genießt, auf einer weichen Matratze schläft und von lieben Menschen umgeben ist, desto absurder erscheint der Gedanke, bei dieser Jahreszeit wieder draußen im Zelt zu schlafen. Man gewöhnt sich rasend schnell wieder an die Annehmlichkeiten des Alltags.
An diesem Abend musste ich entscheiden, welchen Weg ich einschlagen wollte: nördlich oder südlich der Elbe? Den schnellsten Weg zur nächsten sicheren Unterkunft? Oder jenen Weg, der dem Verlauf der Elbe folgte und laut Philine landschaftlich wunderschön war? In meiner Stimmung erschien der direkte Weg logisch, um möglichst wenige Nächte im Freien verbringen zu müssen. Doch genau dieser Gedanke frustrierte mich noch mehr: dass ich meine Route nicht frei wählen konnte, sondern von der Angst vor dem Winter getrieben wurde. Ich war dabei, wunderschöne Landschaften links liegen zu lassen, nur um schnell wieder ein Dach über dem Kopf zu haben.
Bis ich bemerkte, dass niemand außer mir diese Entscheidung trifft. Es gab keinen Termindruck, nur meinen eigenen Fluchtinstinkt. Es war, als ob ich versuchte, dem Winter davonzulaufen. Als mir das bewusst wurde, fasste ich einen Entschluss: Von nun an laufe ich dem Winter nicht mehr davon. Er wird Teil dieser Reise, und ich werde mich mit ihm arrangieren.
Und ich ging sogar gedanklich noch einen Schritt weiter. Ich erinnerte mich an einen wunderschönen See südöstlich von Hamburg, an dem Flavia und ich vor drei Jahren auf der Fahrt nach Norwegen wild gezeltet hatten. Immer wieder hatte ich überlegt, diesen See in meine Tour einzubauen, doch die Sorge vor dem Wetter hatte mich den Gedanken verwerfen lassen – es bedeutete einen Umweg von 10 bis 15 Kilometern. Mit meiner neuen Haltung wurde dieser See wieder zur Option. Zudem hatte ich in den letzten Wochen Spendengelder von wunderbaren Menschen erhalten, die genau dafür gedacht waren: mir im Winter, wenn es zu hart wird, eine Unterkunft leisten zu können. Bisher wollte ich dieses Polster nicht anrühren, aus Sorge, es später dringender zu brauchen. Auch diesen Gedanken ließ ich los. Das Geld war da, um mir Sicherheit zu geben. Wenn es ausgegeben war, würden sich andere Wege und Gelder auftun.
Mit dem Gefühl, wieder Herr meiner Entscheidungen zu sein, schlief ich an diesem Abend beruhigt ein.
Am nächsten Morgen packte ich meine Sachen voller Vorfreude. Ich pfiff Wanderlieder vor mich hin, froh darüber, dass ich mein Zelt am Abend an diesem See aufschlagen würde. Auch Philine bemerkte meinen Stimmungswandel. Kurz hatte ich Sorge, sie könnte denken, ich sei froh, die Situation, in der ich bei ihr lebte, endlich zu verlassen. Aber es war einfach die Freude, wieder vorwärtszukommen, nicht mehr nur abzuwägen, sondern zu handeln.
Und es kam noch besser: Der angekündigte Regen blieb – mal wieder – aus, und so legte ich die 18 Kilometer bis zum See trockenen Fußes zurück. Unterwegs erreichte mich noch eine E-Mail: Eine Bekannte eines Bekannten würde mich in drei Tagen aufnehmen. Wenn ich mich beeilte, könnte ich dort sein. Aber ich hatte mich ja entschieden, nicht mehr zu hetzen.
Als mein Zelt an einem traumhaften Plätzchen direkt am Wasser stand, begann es schließlich zu regnen. Ich nahm es als Geschenk: Der Regen sorgte dafür, dass kaum Spaziergänger unterwegs waren und ich ungestört blieb.
Ich kochte mir einen Tee, und als der Regen nachließ, spürte ich plötzlich den Impuls, meinen Entschluss zu besiegeln. Dieser See – still, klar, einladend – schien förmlich danach zu rufen, hineinzuspringen. Und nachdem ich zwei Wochen zuvor schon in die Nordsee gestiegen war, dachte ich: Warum nicht auch hier?
Also zog ich mich aus und stieg ins Wasser – in der Vorstellung, all meine Ängste vor der Kälte abzuwaschen. Es war hart. Ich blieb nicht lange drin, aber dieses Bad im eiskalten Wasser erfüllte mich mit einem unglaublichen Stolz. Später, warm eingemummt im Schlafsack mit einer Tasse Tee in der Hand, kam eine tiefe Freude über mich. Ich – ein bekennender Warmduscher – war bei vier Grad in diesen See gestiegen.
Und ich bekräftigte meinen Entschluss:
Ich werde nicht mehr gegen den Winter ankämpfen. Ich will Wege finden, gut mit der Kälte umzugehen, ohne meine Grenzen zu überschreiten. Wo diese Grenzen liegen, wusste ich noch nicht. Bisher bin ich noch nicht an sie gestoßen. Und dafür bin ich dankbar.
Mit dieser Entscheidung wurde die Planung der nächsten Tage leicht. Ich würde der Elbe folgen und alle Umwege mitnehmen, die schöne Landschaften versprachen. So wurden aus den drei Tagen bis zur nächsten Unterkunft fünf – und ich habe unterwegs keinen Moment davon bereut.
