Tag 152: Hochmut kommt vor der Flut – Eine nasse Lektion an der

Philine hatte mir von wunderschönen Plätzen entlang der Elbe erzählt, an denen sie wild gecampt hatte – und auch davon, dass sie einmal erwischt wurde. Eine Begegnung mit einem Ranger wollte ich als Schweigender tunlichst vermeiden. Diskussionen, um einer Strafe zu entgehen, sind ohne Worte schwierig, und auch wenn ich glaubte, dass sie sich bei diesen Temperaturen kaum draußen herumtreiben, wollte ich kein Risiko eingehen.
Doch die Aussicht, direkt am Wasser zu zelten, hatte sich nach der traumhaften Nacht am Moorsee in meinem Kopf festgesetzt. Ich wollte den Winter ja „umarmen“, und das geht am besten, wenn man sich auf seine schönen Seiten fokussiert. Und tatsächlich fand ich ihn: ein perfektes Stück Wiese, flach, direkt am Wasser, mit Blick in den Sonnenuntergang. Ich war absolut glücklich. Das Panoramafoto aus dem Zelt hätte im Sommerurlaub aufgenommen sein können – dass es draußen 0 °C hatte, sah man dem Bild nicht an.

Zum Sonnenuntergang wurde es empfindlich frisch. Ich schloss das Zelt und machte meine Dehnübungen – mein persönliches „Zelt-Yoga“ –, um zu verhindern, dass ich nach monatelangem Gehen komplett versteife. Mitten in einer Übung bemerkte ich plötzlich Lichtreflexionen an der Wand meines Innenzelts. Kleine Wellenbewegungen, die das letzte Licht der Abenddämmerung spiegelten. Es dauerte einige Sekunden, bis ich begriff: Die Elbe hat Ebbe und Flut. Und die Flut war gerade dabei, mein Zelt zu umschließen.
Ich riss den Reißverschluss auf und starrte entsetzt auf das Wasser, das sich direkt vor mir ausbreitete. Noch nie habe ich meine Sachen so schnell gepackt; ich stopfte alles einfach in den Rucksack. Doch das war nicht das größte Problem: Der Weg zurück auf höheres Gebiet führte durch eine Senke. Vorher war da ein kleiner Trampelpfad, und dieser war mittlerweile knietief mit Wasser überspült; dichtes Gestrüpp versperrte jeden anderen Ausweg. Bei null Grad gab es nur eine Option: Hose hochziehen und durch. Ich brachte die wichtigsten Sachen in Sicherheit, watete zurück, riss die Heringe aus dem Boden und rettete das Zelt, als das Wasser schon knapp unter der Einstiegskante stand.
Alles ging gerade noch gut. Ein letztes Mal watete ich durch das Eiswasser auf die sichere Seite. Mein neuer Platz war weniger idyllisch und von der Straße einsehbar, aber sicher vor dem Wasser. Meine Füße waren zu Eisklötzen geworden. Erst nachdem ich eine halbe Stunde im Schlafsack gelegen hatte, kehrte langsam das Gefühl zurück.
Als der Schock nachließ, meldeten sich drei Stimmen in mir, die an mir zerrten.
Da war der Abenteurer und Mutige, der sich freute, dass alles gut gegangen war. Ein blaues Auge, der Schutzengel hat ganze Arbeit geleistet, und ich habe eine gute Geschichte zu erzählen. Bestätigt wurde er dadurch, dass sich die Flut kurz darauf schon wieder zurückzog. Also war ja alles nicht so schlimm.
Dann meldete sich der Dramatiker: „Nicht auszudenken, wenn das drei Stunden später passiert wäre! Wenn du schon geschlafen hättest! Ein vorbeifahrendes Schiff mit seinen Wellen hätte dich samt Zelt wegspülen können. Das war lebensgefährlich!“
Und schließlich der innere Kritiker. Er hielt mir gnadenlos vor, dass ich alle Zeichen ignoriert hatte. Den ganzen Tag war ich der Elbe gefolgt und hatte gesehen, wie stark sich der Wasserstand verändert. Auch auf der Wiese gab es Spuren von angeschwemmtem Laub, die zeigten, wie hoch das Wasser hier regelmäßig steht. Ich hatte sie gesehen, aber ausgeblendet – geblendet von der Schönheit des Platzes.
Normalerweise – wenn Dramatiker und Kritiker sich verbünden – neige ich dazu, mich selbst zu zerfleischen. „Wie kann man nur so blöd sein?“ Das führt dann dazu, dass man besser zu Hause bleibt und gar nicht mehr loszieht.
Doch an diesem Abend gelang mir etwas Neues: Ich ließ keinen der drei die Oberhand gewinnen. Ich nahm sie wahr und holte einen vierten Spieler dazu, der sie alle vereinte: die Dankbarkeit.
Ich war unglaublich dankbar, dass ich nur mit eiskalten und tauben Füßen davongekommen bin. Dass Schlafsack und Kleidung trocken blieben. Und vor allem, dass ich nicht im Schlaf überrascht wurde, sondern in einem Moment, in dem ich noch reagieren konnte.
Es war eine Lektion, die mir erteilt wurde, ohne dass ich ernsthaften Schaden nahm. Es war, als wollte das Leben mir sagen: „Ja, es ist gut, deinen Fokus auf die schönen Seiten des Winters zu richten. Aber werde dabei nicht blind für die Gefahren, die er mit sich bringt.“
Mit dieser wichtigen Lektion – und endlich wieder warmen Füßen – konnte ich dankbar und mit mir im Reinen einschlafen.

