Tag 153: Kälte, Akzeptanz und die Freiheit des Winters


Als die Wettervorhersage nach meinem Aufbruch aus Hamburg die ersten richtig kalten Tage ankündigte – und diese dann auch eintrafen –, erreichten mich viele besorgte Nachrichten. Menschen fragten, wie es mir geht, boten Hilfe an oder wollten mir ein Hotelzimmer bezahlen. Das hat mich sehr berührt. Es zeigt mir, wie viele Menschen gedanklich mitreisen, mich in ihre Gebete einschließen oder mir einfach Wärme wünschen. Ich fühle mich behütet und begleitet, auch wenn ich physisch allein durch die Weite des Nordostens wandere.
Ja, es war kalt! Und natürlich ist es kein Vergnügen, sich bei –5 °C morgens um sechs aus dem warmen Schlafsack zu schälen, in gefrorene Schuhe zu steigen und mit tauben Fingern das Zelt abzubauen. Ich könnte die Liste der Unannehmlichkeiten – vom gefrorenen Essen bis zum steif gefrorenen Kondenswasser im Zelt – lange fortführen. Aber das würde es dramatischer klingen lassen, als es war. Man darf nicht vergessen: Ich bin nicht gestern aus dem warmen Wohnzimmer gefallen. Ich habe mich über Monate langsam akklimatisiert. Schon Wochen zuvor gab es Nächte um den Gefrierpunkt. Jetzt waren es eben noch einmal fünf Grad weniger.

Vom Abenteuer zur Praxis
Früher, vor 20 Jahren, habe ich solche Bedingungen aus Abenteuerlust gesucht. Ich wollte meine Grenzen testen und habe sie oft überschritten. Heute, mit 46, muss ich mir in dieser Hinsicht nichts mehr beweisen. Zwar sah ich diese Tage auch als Materialtest für meine teure Ausrüstung (die bestanden hat!), aber mein Antrieb ist ein anderer.
Ich nutze diese Bedingungen als Übungsfeld für das, was ich in der Achtsamkeits- und Mitgefühlspraxis lehre. In meinen Kursen begegne ich oft Menschen mit chronischen Schmerzen oder anderen dauerhaften Belastungen. In der modernen Schmerztherapie und im MBSR (Mindfulness-Based Stress Reduction) wissen wir: Der Widerstand gegen den Schmerz erzeugt oft mehr Leid als der Schmerz selbst. Die Formel lautet vereinfacht: Schmerz × Widerstand = Leid.
Der erste Schritt ist daher Akzeptanz. Das bedeutet nicht, den Schmerz gutzuheißen, sondern aufzuhören, gegen die Realität des Augenblicks anzukämpfen. Der zweite Schritt ist das Weiten des Fokus. Wenn der Blick nur auf das schmerzende Körperteil gerichtet ist, füllt der Schmerz das gesamte Bewusstsein. Wir üben dann, den „Raum des Gewahrseins“ zu vergrößern. Betroffene lernen wahrzunehmen, dass vielleicht fünf Prozent des Körpers schmerzen, aber fünfundneunzig Prozent funktionieren oder neutral sind. Man spürt bewusst in einen gesunden Fuß oder eine entspannte Hand hinein. Man verdrängt den Schmerz nicht, aber man bettet ihn in einen größeren Kontext ein, in dem auch Angenehmes und Funktionierendes existiert.


Die Weite der Elbauen
Genau diese Technik wende ich draußen an. Ja, die Kälte ist da, die Finger sind klamm, der Wind beißt. Wenn ich dagegen ankämpfe, leide ich. Wenn ich sie als faktische Gegebenheit annehme, ist sie nur noch Kälte. Und dann weite ich meinen Fokus. Denn es gibt so viel mehr!
Die Elbauen waren traumhaft. Durch die Kälte waren die Wege menschenleer, ich hatte die Landschaft für mich. Wiesen voll mit tausenden rastenden Wildgänsen. Raureif, der morgens wie Puderzucker über allem lag. Schlehen am Wegesrand, die durch den Frost ihre Säure verloren hatten und mir als Vitaminspender dienten. Dazu offene, schön renovierte Dörfer wie Lauenburg oder Hitzacker, in denen man spürte, dass hier ein neuer Geist eingezogen ist.
Ich konnte praktizieren, was ich lehre: den Widerstand aufgeben und den Blick für das Schöne öffnen. Das gelang mir zeitweise so gut, dass ich bei manchen besorgten Nachrichten dachte: Wenn ihr wüsstet, wie gut es mir gerade geht!


Die neu gewonnene Freiheit
Dennoch: Als ich nach fünf Tagen bei Sandra, einer Resilienztrainerin, ankam, war die Dankbarkeit riesig. Ein Dach über dem Kopf beim ersten Schneefall und die menschliche Wärme der Gastfreundschaft sind nach solchen Tagen ein unbeschreibliches Geschenk.
Doch diese kalte Etappe hat mir etwas Bleibendes geschenkt: Freiheit.
Ich weiß nun, dass ich keine Angst vor dem Winter haben muss. Meine Ausrüstung hält, mein Körper und Geist kommen damit klar.
In den zwei Wochen danach hatte ich mindestens jede zweite Nacht ein warmes Bett oder suchte mir selbst eine Unterkunft – in dem Wissen, dass ich mir keine Sorgen machen muss, falls es mal nicht klappt. Gerade jetzt, auf dem Weg nach Berlin, durchquere ich dünn besiedelte Regionen. Gestern schrieb ich vier Unterkünfte an: drei Absagen, eine keine Rückmeldung. Unter normalen Umständen hätte das Stress bedeutet. Jetzt dachte ich nur: Okay, wenn es nicht klappt, habe ich mein Zelt.
Ich muss meine Route nicht mehr der Infrastruktur anpassen. Ich bin im Kopf unabhängig.
Und das ist vielleicht das größte Geschenk, das mir die Kälte gemacht hat.
