Tag 157: Bei Franziska und Max – Radikale Aufmerksamkeit in der Kunst


Nach einer Nacht im Zelt hatte ich das Glück, erneut bei großartigen Gastgebern unterzukommen: bei Franziska und Max. Franziska hat mit mir die Ausbildung zur MBCL-Lehrerin (Mindfulness-Based Compassionate Living) gemacht, und ich habe mich sehr gefreut, sie nach zwei Jahren wiederzusehen.
Sie wohnt mit ihrem Mann Max in einem kleinen Häuschen in einer Waldsiedlung – wobei von „Siedlung“ kaum etwas zu bemerken ist, umso mehr dafür vom Wald, an dessen Rand das Haus steht. Obwohl der Garten schon im Winterschlaf lag, war die idyllische Lage sofort spürbar, und auch von innen strahlte das Häuschen eine große Gemütlichkeit aus. Ein perfekter Ort für zwei Tage Pause.
Franziska war allerdings nur noch vier Stunden vor Ort. Diese Zeit nutzten wir gut, um uns im Rahmen meiner Möglichkeiten auszutauschen. Sie musste leider nach Hamburg, wo sie ihre Achtsamkeits- und Mitgefühlskurse hält und eine kleine Zweitwohnung hat. Sie pendelt zwischen den Welten: drei bis vier Tage Stadtleben, Freunde und Kultur, die restlichen Tage Ruhe und Natur auf dem Land. Und wie sie mir versicherte, sei das genau das Leben, das sie sich immer vorgestellt hat.
So verbrachte ich die meiste Zeit allein mit Max. Er ist Musiker, und der Begriff „Lebenskünstler“ passt wohl perfekt auf ihn. Er hat Musikwissenschaften und Philosophie studiert, nachdem er sich entschieden hatte, nicht in den elterlichen Betrieb einzusteigen. Später hatte er als Musiker durchaus Erfolg, wollte Musik aber nie nur des Geldes wegen machen. Um sich seine künstlerische Freiheit zu bewahren, nahm er die unterschiedlichsten Jobs an: Vom Taxifahrer über den Kühlwagenfahrer, der Rinderhälften vom Schlachthof auslieferte, bis hin zur Erstellung von Marktanalysen für Großunternehmen war alles dabei.
Max ist ein großartiger Erzähler, der mir viel aus seinem bewegten Leben berichtete. Mit seinem Hamburger Schnack erinnerte er mich manchmal an Käpt’n Blaubär – Seemannsgarn vom Feinsten. Damit will ich nicht sagen, die Geschichten seien erfunden; es war sein Leben. Es machte einfach Spaß, ihm zuzuhören. Wir hätten genauso gut in einer Spelunke im Hafen sitzen können, so lebendig waren seine Anekdoten. Aber es blieb nicht nur bei Erzählungen. Ich kam in den Genuss kleiner musikalischer Vorführungen auf afrikanischen Instrumenten und bekam eine Einführung in die äußerst komplexen Rhythmen afrikanischer Musik, die er über Jahre studiert hat.

Max hat sich mehr und mehr vom Stadtleben zurückgezogen und genießt sein Leben auf dem Land in vollen Zügen. Er kann hier tun und lassen, was er will, und zu jeder Uhrzeit Musik machen. Zugleich war mein Besuch eine willkommene Abwechslung für ihn. Er genoss es sichtlich, einen Zuhörer ganz für sich allein zu haben. Je länger ich da war, desto mehr blühte er auf und erwachte aus seinem kleinen Einsiedlerleben, das er führt, solange Franziska in Hamburg ist.
Am ersten Abend zeigte er mir seine frühen Zeichnungen und Malereien. Meiner Meinung nach hätte er genauso gut Bildende Kunst studieren können. Letztlich entschied er sich für die Musik, hat aber in den letzten Jahren das Fotografieren auch noch für sich entdeckt. Er zeigte mir wunderbare Nahaufnahmen von verrosteten Schiffswracks, die mehr an Malerei als an Fotografie erinnerten.
Schließlich präsentierte er mir eine Art Diashow: immer zwei korrespondierende Bilder nebeneinander, untermalt von Musik, die er extra dafür komponiert hatte. Irgendwann wurde mir klar: Ich muss als Schweigender nichts dazu sagen. Es gab keine Erwartung, keinen Druck, danach etwas Kluges oder Analytisches von mir zu geben. Ich konnte mich einfach zurücklehnen, in die Musik versinken und die Bilder auf mich wirken lassen. Es war ein reines Genießen, ein Eintauchen ohne Filter. Am Ende reichte ein kleiner Applaus und ein paar notierte Sätze, um meine Anerkennung zu zeigen.
Am nächsten Abend wollte Max mir ein weiteres Werk zeigen: Wolkenbilder mit Musik. Ich freute mich darauf, wieder in diesen Zustand des wertfreien Schauens zu gleiten. Doch kurz bevor er startete, sagte er: „Ich bin gespannt auf deine Kritik, weil du das ja so gut kannst.“ Er bezog sich auf meine Notizen vom Vortag.
Dieser eine Satz veränderte alles. Schlagartig war ich nicht mehr der schweigende, genießende Zuhörer. Ich wurde zum Kritiker. Während die Bilder liefen, ratterte es in meinem Kopf: Was finde ich gut? Wo habe ich was auszusetzen? Was inspiriert mich? Ich formulierte innerlich bereits die Sätze für später. Ich wandte genau das an, was ich in sieben Jahren Kunststudium gelernt hatte: Analysieren, Einordnen, Bewerten. Dabei fiel mir auf: Ich tauchte bei weitem nicht so tief in das Werk ein wie am Vortag. Die Analyse stand zwischen mir und der Kunst.
Ein Gedanke kam in mir auf, der mich seitdem nicht mehr loslässt: Kann es sein, dass ich sieben Jahre Kunst studiert habe, aber nie gelernt habe, mich wirklich wertfrei auf ein Werk einzulassen? Einfach im „Sein“ zu bleiben, anstatt sofort zu urteilen: Gefällt mir, gefällt mir nicht, warum ist das so?
Natürlich gibt es Werke, die mich sofort faszinieren und in die ich eintauchen kann. Aber oft erst, nachdem sie einen schnellen inneren Scan durchlaufen haben: Das spricht mich an, weil… Den Künstler kenne und schätze ich… Aber was ist mit Werken, die Zeit brauchen? Die sich nicht sofort erschließen, wo ich keine Anhaltspunkte habe? Wie viel Kunst ist mir in all den Jahren entgangen, weil ich immerzu damit beschäftigt war, etwas zu beurteilen?
Früher dachte ich immer, ich sei ein guter Zuhörer. Bis ich in der Achtsamkeitspraxis lernte, wie laut es in meinem Kopf eigentlich ist. Während der andere spricht, überlege ich oft schon meine Antwort. In dem Moment höre ich nicht mehr wirklich zu.
Und bei der Kunst ist es wohl genauso. Sobald ich anfange zu bewerten, Schubladen zu öffnen und Vergleiche zu ziehen, bekomme ich nur noch einen Teil dessen mit, was vor mir liegt. Natürlich ist Selektion wichtig. In einem riesigen Museum muss ich filtern. Aber kann ich mich auch bewusst entscheiden, den Filter auszuschalten? Mich auf ein Werk einzulassen wie auf einen Menschen beim tiefen Zuhören? Ich frage mich, ob mir das an der Akademie niemand beigebracht hat – oder ob ich damals einfach nicht zugehört habe.
Genau wie damals, als ich zum ersten Mal eine Dyade praktizierte und eine Ahnung davon bekam, was tiefes Zuhören bedeuten könnte, habe ich nun vielleicht wieder nur eine Ahnung. Noch keinen fertigen Ansatz, aber ein Gefühl. Ich glaube, dass sich das Prinzip des „Radikalen Zuhörens“ – ganz präsent sein, Gedanken kommen und gehen lassen, ohne daran festzuhalten – auch auf die Kunst übertragen lässt. Ihr erst einmal komplett wertfrei zu begegnen, um das Werk in seiner Gänze zu erfassen, bevor der Intellekt es zerlegt.
Wahrscheinlich gibt es schon tolle Bücher dazu. Ich bin sicher nicht der Erste, dem das bewusst wird. Aber es ist etwas Besonderes, wenn das Leben selbst einen etwas lehrt, anstatt es sich durch Bücher anzueignen. Denn Lektionen, die man durchlebt, verankern sich viel tiefer.
Als ich nach zwei Tagen weiterzog, wirkte Max vitalisiert und um Jahre jünger. Das viele Erzählen und meine ungeteilte Aufmerksamkeit hatten ihm sichtlich gutgetan, was er auch offen aussprach. Ich hingegen nahm aus diesem kleinen Häuschen im Wald vielleicht eine sehr wichtige Erkenntnis für mich mit, die noch lange nachhallen wird: Radikale Achtsamkeit lässt sich auch in der Kunst anwenden. Ich bin sehr gespannt, was daraus entstehen wird.
