Tag 159: Zu Besuch bei Heike - Die Kraft der Dyade - Oder: Wie wir wirklich zuhören lernen

Dass ich nach meinem Aufenthalt bei Franziska und Max schon am nächsten Tag wieder ein Dach über dem Kopf fand, war eine glückliche Fügung. Heike, die mich aufnahm, erfuhr über Umwege von meinem Projekt: Eine Freundin hatte ihr eine Nachricht aus einer privaten Gruppe weitergeleitet, in der das Stichwort „Dyade“ fiel – und in der jemand berichtete, Gutes von mir gehört zu haben.
Da die Freundin wusste, dass Heike selbst regelmäßig Dyaden praktiziert, dachte sie sofort an sie. Heike, die sich stark auf ihr Bauchgefühl verlässt, fühlte sich unmittelbar angesprochen. Sie lud mich ein, auf eine Suppe vorbeizukommen, falls mein Weg nach Hitzacker führe. Da die Route tatsächlich direkt an ihrem Haus vorbeilief und ich für diesen Abend noch keine Unterkunft hatte, klärten wir bereits im Vorfeld per Mail, dass ich auch bei ihr bleiben könne. Sie bot mir eine Matratze in ihrem Wohnzimmer an – ganz im Vertrauen darauf, dass jemand, der Dyaden praktiziert, wohl kaum ein schlechter Mensch sein kann.
So kam ich in den Genuss einer wunderbaren Gemüsesuppe, einer warmen Nacht – und einer Begegnung, die sich anfühlte, als hätte sie genau so kommen sollen.
Was ist eine Dyade?
Für alle, die den Begriff noch nicht kennen: Eine Dyade, manchmal auch Zwiegespräch genannt, ist ein bewusst strukturierter Dialog zwischen zwei Menschen. Eine Person spricht für einen festgelegten Zeitraum über ein Thema oder eine innere Erfahrung, während die andere ausschließlich zuhört – ohne zu kommentieren, zu bewerten oder Ratschläge zu geben. Danach werden die Rollen gewechselt.
Diese Form der Begegnung schafft einen geschützten Raum für emotionale Klarheit und echtes, präsentes Zuhören. In meinem Projekt habe ich diese Praxis leicht angepasst: In einer Begegnung mit mir spricht ausschließlich mein Gegenüber – und ich höre zu.
Ein Anker in stürmischen Zeiten
Heike erzählte mir, dass sie Dyaden seit drei Jahren online praktiziert. Sie begann damit in einer schweren Lebensphase. Seitdem ist diese Praxis ihr Anker, der ihr Stabilität und Lebensqualität schenkt.
Das deckt sich mit einem weiteren Erlebnis meiner Reise: Auch bei Philine in Hamburg durfte ich miterleben, wie kraftvoll dieses Werkzeug ist. Sie begleitete zeitgleich zwei schwere Krebserkrankungen in ihrem unmittelbaren Umfeld und war täglich mit neuen, oft belastenden Situationen konfrontiert. Ich war tief beeindruckt davon, wie achtsam und klar sie trotz dieser enormen Herausforderungen handelte (meinen Blogeintrag über diese Tage bei Philine findet ihr hier: LINK).
Philine praktiziert seit Längerem täglich Dyaden. Sie hat darin eine verlässliche und liebgewonnene Morgenroutine gefunden, die ihr innere Stabilität schenkt. Dyaden geben ihr Raum, all das zu sortieren, was sie erlebt, innezuhalten, bevor sie handelt, und immer wieder neu abzuwägen, was im jeweiligen Moment wirklich notwendig und möglich ist.

Auch für mich persönlich ist die Dyade unverzichtbar geworden. Dass ich ein Jahr schweige und meine Frau Flavia „alleine“ lasse, ist ein enormer Stressfaktor für eine Beziehung. Dass wir daran nicht zerbrochen sind, sondern unsere Verbindung vor meiner Abreise sogar vertieft haben, liegt unter anderem an dieser Kommunikationsform.
Aufgrund meiner Recherchen und Vorbereitung lernte ich, Flavias Sorgen wirklich anzuhören – ohne zu widersprechen, ohne Lösungen anzubieten. Umgekehrt konnte ich ihr meine Vision darlegen. Aus diesem reinen Zuhören wuchs ein tiefes Verständnis füreinander, das uns bis jetzt durch dieses Jahr trägt.
Warum es funktioniert: Ein Blick in die Wissenschaft
Dass Dyaden Konflikte entschärfen und Empathie fördern, ist in der „Gewaltfreien Kommunikation“ (GFK) schon lange bekannt. Sie werden in der Paartherapie ebenso eingesetzt wie in Dorfdialogen, um politische Gräben zu überwinden.
Doch es ist mehr als nur ein Gefühl. Die Wissenschaft bestätigt diese Erfahrungen mittlerweile eindrucksvoll. Das Max-Planck-Institut hat unter der Leitung von Prof. Tania Singer im „ReSource Projekt“ die Wirkung von mentalem Training untersucht.
Das Ergebnis:
Kontemplative Dyaden helfen messbar dabei, Einsamkeit, Depression und Angst zu verringern – und gleichzeitig Mitgefühl sowie soziale Verbundenheit zu stärken. Besonders spannend: Der Austausch mit einem Partner reduziert sozialen Stress (gemessen am Cortisol-Spiegel) oft stärker als klassische Einzelmeditation, wie ich sie z.B. lehre.
Tania Singer beschreibt diese Praxis treffend als „mentales Training für tolerantere Weltbürger“. Wer lernt, wertfrei zuzuhören, verändert nicht nur sich selbst, sondern auch sein Verhältnis zur Welt.
(Wer tiefer eintauchen möchte: Hier geht es zu den Studien des Max-Planck-Instituts. LINK 1 und LINK 2)

Meditation zu zweit
Als Meditationslehrer weiß ich, wie schwer es vielen fällt, eine regelmäßige Praxis aufzubauen. Allein auf dem Kissen ist die Hürde oft hoch. In der Dyade jedoch verbinde ich mich nicht nur mit mir selbst, sondern auch mit meinem Gegenüber. Dieser meditative Dialog führt oft schneller in die Tiefe als langes, einsames Sitzen.
Bisher war ich der Meinung, dass man für eine Dyade idealerweise eine feste Partnerin oder einen Partner braucht – oder gleich ein Retreat besucht. Von Online-Angeboten hielt ich wenig. Ich verdanke nun der Begegnung mit Heike und Philine, dass ich eines besseren belehrt wurde und meine Meinung geändert habe.
Online-Dyaden sind extrem niederschwellig. Menschen, denen stille Meditation schwerfällt, können hier einfach beginnen. Vielleicht braucht es zwei oder drei Versuche, bis man sich an das Format gewöhnt – doch die Einstiegshürde fällt weg.
Auf der Plattform Global Dyad Meditation (globaldyadmeditation.org) kann man sich mehrfach täglich zu festen Zeiten kostenlos einloggen. Man wird automatisch mit einem Partner verbunden und durch den Prozess geführt. Und wie es der Zufall will, lautet das Monatsthema im Dezember: Stille. Vielleicht genau das Richtige für die trubelige Vorweihnachtszeit.
Mit allem, was ich auf meiner Reise erlebe – und mit dem Wissen aus der Forschung im Rücken – kann ich nur sagen:
Dies ist ein wunderbares Werkzeug für unsere Zeit. Probiert es aus. Es lohnt sich.
