Tag 163 – Herbsthausen & Warum wir Träumer brauchen


Nach einer Nacht im Zelt zwischen Dannenberg und Gartow hatte ich die große Freude, gleich schon wieder ein festes Dach über dem Kopf an einem sehr besonderen Ort zu finden. Meine Tagesetappe war mit 15 Kilometern relativ kurz, weshalb ich schon gegen 14:00 Uhr in Gartow ankam. Dort durfte ich in „Herbsthausen“ bei Camillo Ritter und Chenxi Zhong übernachten, die vor zwei Jahren mit Camillos Eltern ein altes, denkmalgeschütztes Sägewerk als Familienprojekt übernommen haben.
Eine wunderschöne Ferienwohnung wartete auf mich, wo ein Feuer im Kamin schon bald für behagliche Wärme sorgte. Doch lange hielt es mich nicht drinnen, denn Camillo führte mich über das Gelände und zeigte mir, was es mit diesem Ort auf sich hat.
Das Sägewerk: Ein schlafender Riese erwacht
Das historische Sägewerk "Herbsthausen" blickt auf eine über 150-jährige Geschichte zurück. Das 2,5 Hektar große Gelände war mit bis zu 200 Arbeitern, mehreren Gattersägen und einer Mühle einst ein wichtiges Zentrum der Industriekultur im östlichen Wendland. Besonders bemerkenswert ist bis heute die alte Dampfmaschine, die das Sägewerk und umliegende Gebäude einst mit Strom versorgte – angetrieben durch eigene Sägespäne. Nach der Insolvenz 2012 kaufte die Samtgemeinde Gartow das Gelände, um eine Zerstückelung zu verhindern. Die alten Hallen zeigen noch heute überall Zeugnisse des letzten Arbeitstages – zurückgelassene Werkzeuge, Pläne und tonnenweise Sägespäne.
Seit 2022 wird das Areal nun von der Künstlerfamilie Ritter / Karsthof / Zhong revitalisiert. Als wir im Sägewerk vor der alten Dampfmaschine standen, erklärte mir Camillo seine Vision: Zwischen den alten Maschinen soll ein Veranstaltungsraum entstehen, und der Raum mit der Dampfmaschine wird eines Tages eine Bar beherbergen, an der er dann für seine Gäste die Drinks mixen wird. Es gehörte nicht viel dazu, mir seine Vision bildlich vorzustellen und selbst ins Träumen zu geraten.

Doch es ist nicht bei Träumen geblieben. Was die Familie in den vergangenen zwei Jahren auf die Beine gestellt hat, war bei jedem Schritt über das Gelände zu spüren. Ein Seminarhaus für bis zu 14 Personen ist bereits entstanden; zusammen mit den Ferienwohnungen können sie problemlos 30 Gäste beherbergen. Ein weiteres Gebäude beherbergt Ateliers, einen Veranstaltungsraum und die „Kunstkammer“, wo der Westwendische Kunstverein Quartier bezogen hat. Erst gestern hatte hier ein kleiner Weihnachtsmarkt stattgefunden, mit Pizza aus dem selbstgebauten Holzofen und Kunsthandwerk aus der Umgebung.
Camillo erzählte mir begeistert von der Resonanz: Wenn sie hier auf dem Land eine Ausstellung eröffnen, kommen oft 150 bis 200 Leute – Zahlen, von denen man in Hamburg bei vergleichbaren Events oft nur träumen kann. Die lokale Presse berichtet regelmäßig, und diese Wertschätzung bestärkt sie sehr in ihrem Tun.
Ich fragte mich unweigerlich: Wie schaffen sie das alles? Das Geheimnis liegt wohl in der Familienkonstellation: Vier Künstler aus einer Familie packen an. Chenxi Zhong, Camillo Ritter, Thomas Ritter und Susann Karsthof. Die Eltern bringen zudem eine langjährige Leidenschaft für Altbausanierung mit. Neben vielen anderen großen Projekten haben sie zuletzt im Wendland während Corona einen Vier-Seiten-Hof saniert, als die Welt stillstand. Mit diesem Erfahrungsschatz und einem schlüssigen Konzept konnten sie die Gemeinde Gartow überzeugen, ihnen das Gelände zu einem sehr günstigen Preis zu überlassen. Das Meiste entsteht nun in Eigenarbeit, mit gebrauchten Materialien und unter Einbindung lokaler Handwerker, was die Akzeptanz im Ort weiter stärkt.

Am Abend war ich noch bei Camillo und Chenxi zum Tee eingeladen. Die beiden lernten sich an der HFBK Hamburg kennen – eine fast schicksalhafte Begegnung. Nach dem Studium wollte Camillo nicht darauf warten, „entdeckt“ um ein bekannter Künstler zu werden. Er wollte ins Tun kommen. Der Hof im Wendland gab ihm die Möglichkeit, an einer eigenen Zukunft zu bauen, statt in Hamburg um Sichtbarkeit zu ringen. Doch als dieser Hof fertig saniert war, fühlte er sich noch zu jung, um sich auf dem Erreichten auszuruhen. Er wollte keinen Stillstand, sondern neue Herausforderungen. So sind sie bei „Herbsthausen“ gelandet und haben nun ihre wohl bisher größte Aufgabe gefunden.
Da Camillo neugierig geworden war, wen er da eigentlich so kurzfristig über Empfehlungen von Bekannten (danke an Franziska und Max für das Netzwerk!) aufgenommen hatte, recherchierte er ein wenig über mich. Dabei stieß er auf meine Arbeit „The Conquest of the Useless“.
Damals hatte sich, umgeben vom Großstadtchaos São Paulos, ein Bild in meinem Kopf festgesetzt: Ein Segelboot, ausgestattet mit Rädern, das allein durch die Kraft des Windes durch die Pampa Patagoniens segelt. Was als Sehnsuchts-Projekt begann, wurde schnell zu einer Lektion in Demut. Zollprobleme zwangen mich, vor Ort in Argentinien ein zweites Boot zu kaufen und umzubauen. Doch im März 2014, nach zwei Jahren Vorbereitung, wurde die Vision Realität: Das Boot segelte über die Straßen. Es wurde zu einer Obsession, ähnlich wie bei Werner Herzog und seinem „Fitzcarraldo“. Das finale Video reduziert das Material eines Monats auf eine einzige Einstellung von fünf Minuten: Ein Segelboot, das wie eine Fata Morgana am Horizont erscheint und sich langsam nähert. Es war dieses Bild in meinem Kopf, das mir all die Kraft gegeben hat, dieses schier unmögliche Projekt umzusetzen.



Als Camillo diese Arbeit sah, erkannte er sich darin wieder. Er erzählte mir, dass es ihm mit „Herbsthausen“ manchmal genau so geht. Er hat dieses starke Bild im Kopf, was hier entstehen soll. Daraus gewinnt er unglaubliche Energie, doch zugleich ist er auch ein Gefangener dieser Vision. Am liebsten würde er manchmal einfach alles liegen lassen, reisen, die Verantwortung abgeben – so wie ich es vielleicht gerade tue. Aber das scheint unmöglich. Zu viel Verantwortung lastet auf ihm, zu viele Probleme müssen gelöst werden. Es gibt nur eine Richtung: Vorwärts.
Helmut Schmidt sagte einmal: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ Dem würde ich nicht beipflichten. In Visionen steckt eine ungeheure Kraft. Das habe ich in Patagonien gelernt und das sehe ich nun bei Camillo und Chenxi. Die Kunst ist nur, sich nicht darin zu verlieren, sich auf den nächsten Schritt zu konzentrieren, ohne das große Ganze aus den Augen zu verlieren.


Kurz nachdem ich diese Zeilen geschrieben hatte, saß ich in einer Bäckerei zum Essen und hatte mal wieder eine dieser kleinen Begegnungen, die einem das Leben zuspielt. Ein Mann setzte sich zu mir. Er wartete auf seine Frau, die nebenan in der Universität gerade ihre Masterarbeit in „Nachhaltigem Management“ verteidigte. Er war aufgeregt für sie, meinte aber zugleich resigniert, dass sie so etwas heute wohl nicht mehr studieren würde – in einer Welt, in der ein paar Wenige mit ihrer Macht alles zerstören und es kaum noch Aussichten auf eine gute Zukunft gäbe.
Ich fragte ihn schriftlich zurück: Wer denn diese Welt verändern soll, wenn niemand mehr an eine bessere Zukunft glaubt und an dieser arbeitet?
Gerade jetzt braucht es mehr und mehr Menschen, die sich nicht beirren lassen, die Visionen haben und an eine bessere Welt glauben. Bei Camillo und seiner Familie konnte ich sehen, was in wenigen Jahren mit relativ begrenzten Mitteln möglich ist. Ihr Beispiel zeigt, dass es auch im ländlichen Raum wunderbare Möglichkeiten gibt, Kultur zu verankern und Neues zu schaffen, wenn man den Mut hat, an etwas zu glauben und dafür zu kämpfen.
