Tag 166 – Als Schweigender unter Fleischern, Landwirten und Mähdrescherfahrern

Im Vorfeld meines Projekts und auch während der Monate unterwegs machten sich viele Menschen Sorgen um mich. Ein schweigender Künstler, der durch den Osten Deutschlands läuft? Das könnte als Provokation gesehen werden. In Ettlingen befürchtete ein Sanitäter sogar, ich könnte zusammengeschlagen werden. Tatsächlich spürte ich mit der Annäherung an den Osten immer deutlicher, dass die alte Grenze zwar physisch verschwunden ist, in den Köpfen aber noch existiert.
Meine Reise führt mich oft durch Netzwerke – familiäre, kulturelle, spirituelle. Doch die meisten dieser Fäden rissen an der ehemaligen innerdeutschen Grenze abrupt ab. Selbst wenige Kilometer vor der Elbe reichten die Kontakte bis nach Hamburg, aber nicht auf die andere Seite des Flusses. Das Bild, das mir gezeichnet wurde, war düster: „Da wird es schnell ganz dunkel.“ „Da könnte ich nicht leben.“ Aussagen, die sich oft auf den hohen Wähleranteil der AfD bezogen. Ich muss zugeben: Auch ich war nicht frei von diesen Bildern. Ich hatte mich auf deprimierende Ortschaften und grimmige Gesichter eingestellt. Aber genau deshalb mache ich diese Tour – um mich meinen eigenen Vorurteilen zu stellen.


Ich hatte in Görike, zwei Tagesmärsche von der Grenze entfernt, eine Ferienwohnung gebucht. Die 21 Kilometer von Bad Wilsnack bis dorthin gehörten zu den einsamsten der bisherigen Reise. Zwei Drittel des Weges führten über Landstraßen. Kaum Verkehr, aber viel Asphalt, was meinem schmerzenden Fuß überhaupt nicht gut tat. Dazu eine unendlich weite Landschaft. Felder, die nicht enden wollten. Normalerweise liebe ich Weite – ob in der Pampa Südamerikas oder in der Mongolei. Sie weitet meinen Horizont. Doch dort, bei grauem Winterwetter und leeren Straßen, mischte sich in das Gefühl der Weite auch eine schwer greifbare Leere.
In Görike angekommen, stand ich vor einer Herausforderung: Meine Gastgeberin Kerstin bat um einen Anruf, reagierte jedoch nicht auf SMS. Aber wie ruft man an, wenn man schweigt? Die Lösung war ein Videocall über WhatsApp. Mit Händen und Füßen konnte ich ihr vermitteln, dass ich vor der Tür stand. Kerstin kam sofort und begrüßte mich so herzlich, dass ich mich augenblicklich wohlfühlte. Sie zeigte mir die Wohnung – und lud mich spontan zur Weihnachtsfeier auf ihren Bauernhof gegenüber ein. Ich hatte die Gruppe schon gesehen: Zehn bis zwölf Menschen standen glühweintrinkend ums Feuer. Es sollte Bratwürste geben.
Ehrlich gesagt: Mir war überhaupt nicht danach. 21 Kilometer überwiegend auf Asphalt in den Beinen, Vegetarier, Alkohol nur in Ausnahmefällen – Bratwurst und Glühwein waren also keine Lockmittel. Viel größer war jedoch der Widerstand, mich als Schweigender einer fremden Gruppe anzuschließen. Was denken die von mir? Bin ich dort bei den Menschen gelandet, vor denen mich alle gewarnt hatten? Ich deutete Kerstin an, dass ich es mir überlegen würde. Doch innerlich wusste ich: Ich muss da rübergehen. Was soll denn auch passieren? Dennoch versuchte mein innerer Schweinehund, es hinauszuzögern. Ich scrollte fünfzehn Minuten sinnlos durch Instagram, nur um nicht losgehen zu müssen. Schließlich nahm ich all meinen Mut zusammen. Es war wohl kein Zufall, dass ich genau an jenem Tag dort war.


Kerstin kam mir strahlend entgegen. Ich hatte mir vorgenommen, nicht dogmatisch an meinem Vegetarismus festzuhalten, wenn es Menschen vor den Kopf stoßen könnte. Also nahm ich die Bratwurst dankend an. Und ich muss zugeben: Sie war unglaublich lecker! Der Fleischer, der sie am Nachmittag frisch hergestellt hatte, stand direkt daneben. Meine Freude war echt – und das machte mich ihm wohl sofort sympathisch. Da stand ich nun: Bratwurst in der Hand, Glühwein im Becher, umgeben vom Fleischer, Landwirten, Mähdrescherfahrern und Verkäuferinnen im tiefsten Osten. Und ich fühlte mich richtig wohl. Alle kannten meinen Namen, niemand ließ mich mein Schweigen negativ spüren. Das hätte ich mir wenige Stunden zuvor nicht träumen lassen.
Über mein Tablet kam ich mit Rüdiger, Kerstins Mann, ins „Gespräch“. Er zeigte mir stolz seinen Betrieb. Der Hof wird seit Generationen von der Familie geführt, war zu DDR-Zeiten eine LPG und wurde nach der Wende in eine Genossenschaft umgewandelt, an der alle Mitarbeitenden beteiligt sind – um Gemeinsinn zu stiften. Und das scheint wunderbar zu funktionieren. Diese Familie und ihr Hof sind der Dreh- und Angelpunkt des Dorfes. Sie sind Arbeitgeber, engagieren sich in der Kirche, organisieren Konzerte. Als Windräder gebaut wurden, sorgte Rüdiger dafür, dass ein Verein gegründet wurde, der das Dorf an den Gewinnen beteiligt. Mit Musik, Hoffesten, Weihnachtsbasaren und Bürgerbeteiligung kämpfen sie an vorderster Front für den Zusammenhalt.
Diese Begegnung hat mich tief beglückt und zugleich beschämt. Innerhalb von anderthalb Stunden am Lagerfeuer widerlegten diese Menschen all meine Klischees. Als ich von den Vorbehalten erzählte, die ich im Westen gehört hatte, sagte Kerstin etwas sehr Wahres:
„Die Leute, die im Westen pauschal über den Osten urteilen, machen es sich genauso bequem wie die Menschen hier, die tatsächlich ein Problem darstellen. Sie übersehen all die aktiven Menschen, die sich täglich gegen die Verrohung der Gesellschaft stemmen. Wenn man uns alle über einen Kamm schert, schwächt man uns, anstatt uns zu stärken.“
Und noch etwas ist mir von diesem Abend geblieben. Als die DDR zusammenbrach, hofften viele, dass mit dem Kapitalismus alles besser würde. Heute können sich die Menschen zwar deutlich mehr leisten, doch glücklicher sind sie dadurch nicht geworden. Es fühlt sich an wie ein gebrochenes Versprechen: „Wenn ihr erst all die schönen Dinge habt, dann wird es euch gut gehen.“ Dieses nicht eingelöste Versprechen hinterlässt Zweifel. Und wo der gesellschaftliche Zusammenhalt bröckelt, füllt sich die entstehende Leere oft mit Angst und Wut. Dagegen stemmen sie sich dort mit aller Kraft.
Vielleicht ist es weniger eine Frage der Orte als eine Frage der Haltung. Es gibt diese Metapher: Eine Schmeißfliege kann über die schönste Blumenwiese fliegen – sie wird zielsicher auf dem Hundehaufen landen. Eine Biene hingegen findet selbst in der zubetonierten Stadt die eine blühende Blume.
An diesem Abend in Görike habe ich gemerkt, wie schnell man lernt, nur noch nach dem Dunklen zu suchen – und wie heilsam es ist, den Blick bewusst zu weiten. Die Situation in Ostdeutschland ist komplex, ja. Aber es gibt dort viele Menschen, die täglich Unglaubliches leisten, oft still und unbeachtet. Von ihnen möchte ich erzählen. Nicht um etwas zu beschönigen, sondern um der Wirklichkeit gerecht zu werden.
