Tag 176 – Zu Gast auf einem Hausboot


Begegnungen auf dieser Reise sind oft wie Dominosteine. Einer stößt den nächsten an. Als ich vor anderthalb Monaten bei Hans-Peter in Cuxhaven Pause machte, erzählten er und seine Schwester mir von ihrem Neffen beziehungsweise Sohn Steffen. „Der lebt mit seiner Familie auf einem Hausboot, direkt am Tiergarten, mitten in Berlin. Das würde dir gefallen“, meinten sie. Hans-Peter wollte den Kontakt herstellen und fragen, ob ein Besuch möglich sei.
Da lange nicht sicher war, ob und wo ich in Berlin einen Kooperationspartner finden würde, bei dem ich für die Allgemeinheit zuhören konnte, freute ich mich zumindest auf spannende Begegnungen. Und so kam es, dass ich anderthalb Monate später diesen besonderen, fast schon idyllischen Wohnort betrat: Leben direkt am Wasser, mitten in der Großstadt. Ein Ort, von dem vermutlich viele träumen – und ich merkte schnell, dass auch mir diese Art zu leben sehr gefallen würde.
Steffen gab mir eine kleine Bootsführung und lud mich sogar auf eine Sightseeing-Tour mit der kleinen Motoryacht über den Spreekanal ein, damit ich die Idylle auch wirklich vom Wasser aus spüren konnte. Als die Familie das Boot kaufte, war es ursprünglich nur einstöckig und für eine vierköpfige Familie eigentlich zu klein. Während seiner Elternzeit baute Steffen in Eigenregie – mit Unterstützung von sogenannten „Workaways“, die gegen Kost und Logis halfen – einen zusätzlichen Aufbau. Mit einfachsten Materialien entstand so ein erstaunlich schöner Wohnraum, der sich innerhalb von vier bis fünf Tagen wieder abbauen lässt. Das ist notwendig, denn alle acht Jahre muss das Hausboot zum TÜV in die Werft – und mit dem Aufbau würde es nicht unter den Brücken hindurchpassen.

Auch in dieser Familie durfte ich ein wenig vorweihnachtliche Stimmung schnuppern – allerdings auf eine sehr eigene, „hausboot-typische“ Art. Es wurde gebacken. Doch weil vom Männergrillabend am Vortag noch einiges an Hackfleisch für Buletten übrig war, wurde das Konzept „Weihnachtsplätzchen“ kurzerhand neu interpretiert. Statt Teig wurde Hackfleisch ausgerollt und mit Sternen, Tannenbäumen und Herzen ausgestochen. Es war ein Spaß für die Kinder und den Vater – weniger für die Mutter, die Vegetarierin ist und bei der Verkostung dieser „Spezialitäten“ dankend ablehnte.
Das Hausboot war wieder eine dieser kleinen Welten für sich, die im Verborgenen blühen und in die ich für einen Moment eintauchen durfte. Ein herzlicher Dank an die Familie für die Gastfreundschaft an diesem besonderen Ort!

