Tag 177 – Zu Gast bei Teresa und im Wohnprojekt D1

Begegnungen auf dieser Reise ziehen oft weitere Kreise. Maria, die mich im Herbst zwei Tage lang begleitet hatte (ich berichtete ausführlich darüber), gehört zu den Menschen, die meinen Weg gedanklich begleiten. Über sie erreichte mich eine Einladung von Teresa, Marias Nichte: Sollte mein Weg über Eberswalde nach Berlin führen, wäre ich in ihrer großen Wohngemeinschaft herzlich willkommen.
Als die Einladung kam, war ich gerade im Wendland und hatte meine Route geändert, sodass Eberswalde eigentlich nicht mehr auf dem Weg lag. Doch Teresa hatte mir von einem spannenden Projekt berichtet: Sie hatten gerade im Rahmen des Mietshäusersyndikats eine GmbH gegründet, um eine alte Villa zu kaufen und sie so dauerhaft vor Spekulation und steigenden Mieten zu schützen. Das machte mich neugierig. Nachdem ich mein Halbzeit-Ziel, das Brandenburger Tor, zu Fuß erreicht hatte, beschloss ich, noch einmal in den Zug zu steigen und diesen Abstecher nach Brandenburg zu machen, um Teresa und das Wohnprojekt „D1“ kennenzulernen.
Teresa steckt gerade mitten im Masterstudiengang „Bauerhaltung und Bauen im Bestand“ an der Fachhochschule Potsdam. Gleichzeitig sitzt sie in der Geschäftsführung der GmbH, die die Wohngemeinschaft ins Leben gerufen hat, und ist mit einigen Mitbewohnern zusammen für bauliche Anträge und Maßnahmen in der alten Villa verantwortlich. Und als wäre das nicht genug, ist sie auch Mutter einer kleinen Tochter. Jede dieser Rollen für sich wäre herausfordernd – alle drei zusammen erfordern ein bemerkenswertes Maß an Selbstorganisation und innerer Ruhe. Maria hatte mir Teresa in einer E-Mail als „eine sehr besondere Person, deren Gegenwart gut tut“ beschrieben. Beim Spaziergang durch Eberswalde mit ihr und ihrer Tochter bekam ich einen Eindruck davon, was sie damit gemeint haben könnte.
Ich erlebte keine gehetzte Frau. Wenn die Kleine ihre Mutter brauchte, war Teresa zu 100 Prozent bei ihr. In diesen Momenten schien ich für sie fast nicht mehr zu existieren. Erst wenn das Bedürfnis des Kindes gestillt war, wandte sie sich wieder voll und ganz mir zu. Ich fand das sehr beeindruckend. Oft fühlen wir uns in solchen Situationen zerrissen, wollen beiden gerecht werden und sind am Ende bei keinem von beiden richtig. Teresa zerrieb sich nicht. Sie wechselte stattdessen vollständig die Aufmerksamkeit und die Kleine danke es ihrer Mutter, in dem sie sich dann auch eine Zeit lang sehr gut mit sich selber beschäftigen konnte. Vielleicht war es genau das, was Maria meinte: Diese Fähigkeit zur absoluten Präsenz im Augenblick. Unser „Gespräch“ – unterbrochen von Kinderbedürfnissen und meinem Schreiben – war dadurch extrem entschleunigt. Aber vielleicht bekamen die Erzählungen gerade durch diese Langsamkeit eine besondere Tiefe.
Mindestens genauso spannend wie die Begegnung mit Teresa war der Ort, an dem sie lebt: Das Wohnprojekt D1, wie sie es selbst nennen. Es ist eine alte Villa in einem vornehmen Viertel von Eberswalde. Zu DDR-Zeiten wurde sie ihres Prunks beraubt, Stuck und Türmchen wichen grauem Zementputz. Der Komfort ist nach heutigen Verhältnissen sehr bescheiden: Geheizt wird mit Kachelöfen, das Bad ist ein abgetrennter Verschlag in der Küche. Dafür ist die Miete mit 4,40 € pro Quadratmeter unschlagbar günstig.
Doch auch in Eberswalde steigen die Preise. Investoren sanieren Altbauten und versuchen, durch hohe Mieten maximalen Gewinn zu erwirtschaften. Um das zu verhindern, hat sich die Wohngemeinschaft entschlossen, das Haus, das der Stadt gehörte, nicht dem freien Markt zu überlassen, sondern es selbst zu kaufen – über das Modell des Mietshäusersyndikats.
Was bedeutet das?
Das Prinzip ist genial und solidarisch: Das Haus wird nicht von einer Einzelperson gekauft, sondern von einer GmbH, die den Bewohnern und dem Syndikat gehört. Das Besondere: Das Haus kann nicht mehr weiterverkauft werden. Es wird dem Immobilienmarkt entzogen und „gehört sich quasi selbst“. Die Mieten fließen nicht als Gewinn in die Tasche eines Vermieters, sondern dienen nur dazu, den Kredit abzuzahlen, das Haus instand zu halten und Rücklagen zu bilden. Ist der Kredit einmal abbezahlt, fließen die Überschüsse in neue Projekte, um weiteren solidarischen Wohnraum zu schaffen.
Um das Haus zu bekommen, musste zuerst die Politik überzeugt werden. Und um den Bankkredit zu erhalten, brauchte die Gruppe Eigenkapital. Hier zeigte sich die Kraft der Gemeinschaft: Sie sammelten 250.000 € durch Direktkredite von Freund:innen und Bekannten ein. Menschen, die ihr Geld nicht auf der Bank parken, sondern es zu minimalen Zinsen (0,1 % bis 2,2 %) investieren, um bezahlbaren Wohnraum zu ermöglichen. Nur eine Woche vor meiner Ankunft hatten sie den Kaufvertrag unterschrieben. Die Erleichterung und Freude darüber standen ihnen noch ins Gesicht geschrieben.
Hinter diesem Erfolg steckt jedoch wahnsinnig viel Arbeit. Investoren oder Privatleute nehmen solche Mühen auf sich, um Gewinne abzuschöpfen oder für das Alter vorzusorgen. Hier ist das anders: Die Gruppe profitiert zwar von den niedrigen Mieten, aber wer auszieht, lässt alles zurück – Anteile am Haus kann man nicht mitnehmen. All die Arbeit, die sie hier hineingesteckt haben, ist also auch ein soziales Engagement für die Menschen, die irgendwann einmal nach ihnen in diesem Haus günstig leben werden.
Die Mieten werden nach der Sanierung, die sie mit viel Eigenleistung stemmen wollen, moderat auf ca. 7,50 € steigen – immer noch weit unter dem Marktwert. Es ist ein Modell, das Mut macht und zeigt, dass wir den steigenden Mieten nicht hilflos ausgeliefert sind, wenn wir uns zusammentun.
Ich war an einem Montag in der D1. Normalerweise findet dann das Hausplenum für Organisatorisches statt. Doch einmal im Monat wird daraus ein „Bedürfnisraum“: Themen wie Verwaltung und Bau werden ausgespart, stattdessen geht es nur um emotionalen Austausch, um gemeinsam gehört zu werden und Konflikten vorzubeugen. Ich war eingeladen – als stiller Zeuge, als Zuhörer. Und wieder war ich beeindruckt: nicht nur von der Harmonie des Abends, sondern von der Art, wie Menschen miteinander sprachen. Zuwendend. Respektvoll. Offen.
Natürlich gibt es auch in dieser Hausgemeinschaft Herausforderungen. Aus Erzählungen wusste ich, dass es Streit gab, der dazu führte, dass Menschen die Gemeinschaft verließen. Und auch an diesem Abend berichteten Bewohner:innen von Diskussionen, die sich an Kleinigkeiten entzündet hatten und Kraft kosteten. Aber im großen Jahresrückblick dieser Gemeinschaft, der an diesem Abend auf dem Programm stand – mit all den schönen und schwierigen Dingen aus 2025 –, wurde klar: Diese Gruppe junger Menschen, viele frisch aus dem Studium, hat sich ein gemeinsames Ziel gesetzt. Und sie hat einen Weg gefunden, damit umzugehen.
Wäre ich 15 Jahre jünger und hätte in Eberswalde zu tun: Ich würde mich sofort um ein Zimmer bewerben. Ich habe mich sehr wohl unter diesen engagierten jungen Menschen gefühlt. Was mir Maria über ihre Nichte Teresa gesagt hat, galt für die gesamte Gemeinschaft: Ihre Gegenwart tut gut.
Ich wünsche der D1 viel Kraft für die anstehende Sanierung und dass sie ihren tollen Spirit beibehalten!
