Tag 204: Bei -12°C im Zelt – Die Freiheit, nicht zu müssen

Nach den ersten Tagen zwischen Berlin und Potsdam und dem herrlichen Winterwetter reifte in mir ein Entschluss: Ich wollte trotz der klirrenden Kälte eine Nacht im Freien verbringen. Nicht, weil ich musste, sondern weil ich es wollte.
Vor dem Losgehen war die Kälte noch abstrakt. Man tritt aus dem Warmen ins Kalte, der Körper reagiert schockartig. Auch die vier Stunden täglich in der Kapelle der Versöhnung waren keine wirkliche Winter-Naturerfahrung, sondern eher ein Aushalten von Kälte im Stillstand. Doch je länger ich draußen unterwegs war, desto mehr stellte sich mein Körper um. Mit jedem Tag auf dem Weg von Berlin nach Luckenwalde wuchs das Vertrauen, dass ich für diese Bedingungen gerüstet bin.
Der einzige Abend ohne feste Unterkunft war ausgerechnet der Sonntag – zugleich der kälteste Tag der Woche, mit angesagten Temperaturen zwischen −12 °C und −15 °C.

Im Gehen habe ich viel darüber nachgedacht, warum ich mir das freiwillig „antue“ wollte, obwohl ich mittlerweile genug Spenden für ein Hotelzimmer gehabt hätte, und kam auf vier Gründe:
Da war zunächst eine gewisse Abenteuerlust: die Suche nach Herausforderungen, an denen man wächst und seine Grenzen auslotet. Das begleitet viele meiner Reisen und künstlerischen Projekte – ein Aspekt, den ich nicht leugnen kann.
Ein weiterer Grund war das Testen einer schwierigen Situation unter guten Bedingungen. Als ich losging, wusste ich nicht, ob ausreichend Spenden, Unterkünfte oder Unterstützung zusammenkommen würden. Deshalb habe ich meine Ausrüstung darauf ausgelegt, auch bei eisigen Temperaturen draußen zu schlafen. Ich wollte sie ausprobieren, solange es mir gut ging – und nicht erst im Ernstfall. An diesem Tag ging es mir sehr gut. Sonne, Schnee, Weite – all das gab mir Kraft. Die Thermoskanne war voll, mittags hatte ich mich noch in einem Café aufgewärmt, und in der Nähe des Sees gab es ein Hotel mit Self-Check-in, das ich im Notfall hätte erreichen können. Ich fühlte mich sicher.
Auch der Künstler in mir spielte eine Rolle. Ich inszeniere nichts für soziale Medien; dafür fehlen mir Zeit, Lust und Ausrüstung. Aber ich kenne die Kraft von Bildern – von realen Fotos ebenso wie von jenen, die in den Köpfen entstehen. Noch bevor ich meinen Schlafplatz gefunden hatte, war da eine Ahnung, dass sich ein starkes Bild ergeben würde, ohne dass ich das genauer hätte erklären können.
Und schließlich war da der Wunsch nach Naturverbundenheit. Diese weiße Winterlandschaft hatte mich in den letzten Tagen tief berührt. Ich wollte noch weiter eintauchen, nachts aus dem Zelt treten, den Sternenhimmel sehen und spüren, wie klein und unbedeutend wir in diesem Universum sind. Dieses Gefühl von Eingebundensein, von Willkommen-Sein, ließ mich dieses kleine Abenteuer wagen.
Welcher Grund überwog? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich war es das Zusammenspiel aus dem Abenteurer, dem Planer, dem Künstler und dem Naturliebhaber in mir. Gemeinsam überwinden sie die Sorge, die mir gelegentlich zuflüstert, dass das alles „total verrückt“ sei. All diese Stimmen haben ihren Platz. Meine Aufgabe ist es, den Raum dafür zu halten.
Ich fand schließlich am Seddiner See einen geeigneten Platz. Den Zeltaufbau musste ich bis nach Sonnenuntergang hinauszögern. Vorher war das Eis voller Menschen: Spaziergänger, Schlittschuhläufer, Langläufer, Familien. Doch mit dem Verschwinden der Sonne leerte sich der See schlagartig. Im Dämmerlicht hatte ich etwa eine halbe Stunde Zeit, mein Zelt aufzubauen. Mit Handschuhen und steinhartem Boden dauerte das mindestens dreimal so lange wie sonst. Erst hier verstand ich den Wert eines freistehenden Winterzelts: Nicht nur die Schneelast ist ein Thema, sondern vor allem der gefrorene Boden, in den sich Heringe kaum treiben lassen. Mit Geduld stand das Zelt schließlich doch.
Gerade als ich es mir gemütlich machen wollte, kam ein Langläufer mit Stirnlampe über den See. Er entdeckte mein Zelt – obwohl ich sofort alle Lichter ausgeschaltet hatte – und kam auf mich zu. Kurz war da die Sorge, es könnte Ärger geben. Als er merkte, dass ich nicht spreche und mein Projekt verstand, schüttelte er nur den Kopf – nicht abwertend, sondern fasziniert – und sagte:
„Sie haben mich auf eine gute Idee gebracht. So eine Nacht muss ich auch mal ausprobieren.“
Wir mussten beide lachen. Wer nachts mit Stirnlampe und Langlaufskiern über einen zugefrorenen See fährt, bewegt sich ohnehin nicht ganz im Normbereich. Da hatten sich die Richtigen gefunden. Doch da er sportlich gekleidet war, blieb es bei diesem kurzen Austausch.
Ich kochte mir etwas Warmes, gab Flavia zur Sicherheit meine Koordinaten durch und verkroch mich in den Schlafsack. Eingepackt in fast alle meine Kleider und eine dicke Daunenjacke blieb es erstaunlich warm. Ich wachte zwar öfter auf als sonst, aber ich bereute keine Sekunde.

Als ich nachts einmal vor das Zelt trat, war ich überwältigt: die weiße Landschaft im Sternenlicht, der gefrorene See, die absolute Stille. In diesem Moment gab es keine Gedanken, keine Ablenkung. Einfach nur Sein.
Ich muss solche Nächte nicht oft wiederholen. Aber ich weiß nun, dass es geht. Dieses Wissen schenkt mir eine große Freiheit im Kopf. Ich bin all jenen dankbar, die mich mit Unterkünften und Spenden unterstützen, denn dadurch entsteht eine wunderbare Freiwilligkeit: Ich kann mir ein Zimmer nehmen – aber wenn ich keines finde, weiß ich, dass ich sicher und warm draußen überstehen kann.
Dieses Erlebnis hat mich innerlich frei gemacht. Und für diese Erkenntnis bin ich sehr dankbar.