Tag 206: Zu Besuch bei Petra und Kalle – Wo Trauer Raum bekommt und Neues wachsen darf

Nach der eiskalten Nacht am See gelang es mir am Morgen zum Glück, meine Füße und Hände warmzuhalten – ein Fortschritt im Vergleich zu den Wochen vor Weihnachten, in denen sie mir oft zu Eisklötzen gefroren waren. Zwei Pärchen Handschuhe; lange Unter-, Thermo- und Outdoor-Hose, so wie mehrere Jacken übereinander taten ihr übriges Erst als ich im Gehen ordentlich ins Schwitzen kam, legte ich nach und nach die Kleidungsschichten ab, die ich alle schon über Nacht im Schlafsack angehabt hatte. Je weiter ich nach Süden vorstieß, desto tiefer wurde der Schnee. Das Vorankommen war mühsam, doch ich genoss die weiße Winterlandschaft und hatte ein klares Ziel vor Augen: eine Unterkunft bei Petra.
Petra hatte mir bereits zu Beginn meines Projekts angeboten, bei ihr unterzukommen, falls ich so weit kommen würde. Sie besuchte mich sogar in Berlin in der Kapelle der Versöhnung – nur zwei Tage nach einer Augenoperation. Eigentlich sollte sie grelles Licht meiden, was im Schnee nur mit starker Sonnenbrille möglich war. Trotz Schmerzen und ärztlicher Empfehlung, sich zu schonen, machte sie sich auf den Weg in die kalte Kapelle. Das hat mich sehr berührt.
Da ihr zweiter Wohnsitz bei Beelitz am Hohen Fläming für mich zu Fuß ein zu großer Umweg gewesen wäre, bot sie mir an, mich unterwegs einzusammeln und am nächsten Tag wieder zurück an meine Strecke zu bringen. Auf dieses großzügige Angebot ging ich dankbar ein, um nicht all zu viele Nächte im Freien verbringen zu müssen.
Ich kenne Petra aus zwei Achtsamkeitsworkshops, die ich gemeinsam mit Marco über den Pilgerverlag in der Pfalz geleitet habe. Eine kleine Person, voller Energie und Herzlichkeit. Beim letzten Workshop war mein Projekt bereits Thema – und zugleich Experimentierfeld. Beim gemeinsamen Wandern im Schweigen hielten wir immer wieder inne, ließen einen Redestab herumgehen, und jede*r konnte Gedanken teilen. Aus diesen Erfahrungen entstanden später die Walks in Silence, die ich heute bei Institutionen anbiete.
Auch am letzten Abend am Lagerfeuer machten wir zwei Runden mit dem Redestab. Das Vertrauen in der Gruppe war groß geworden. Viele ließen tief in ihr Innerstes blicken – auch Petra erzählte damals ihre Geschichte, die mich sehr berührt hat und die bei meinem Besuch erneut Thema wurde.
Petra verlor ihren Mann vor 13 Jahren durch den Freitod (sie verwendet bewusst dieses Wort, weshalb ich es hier übernehme). Schon damals am Lagerfeuer war ich überrascht, mit welcher Offenheit sie darüber berichtete. Bei meinem jetzigen Besuch fragte ich sie, ob ich ihre Geschichte erzählen dürfe – denn nach diesem tragischen Ereignis nahm ihr Leben eine unerwartete Wendung.
Einige Jahre später sah sie eine Kontaktanzeige in der Zeitung, die sie ansprach. Es kam zu einem Treffen mit Kalle. Petra war sich ganz sicher, dass sie an diesem ersten Nachmittag einen Teil ihrer Geschichte – und vor allem den Freitod ihres Mannes – noch aussparen wollte. Doch als sie bei Kaffee und Kuchen beisammensaßen, erzählte Kalle plötzlich, dass seine Frau durch Freitod gestorben sei.
Das brach alle Zurückhaltung. Die beiden hatten sich so viel zu erzählen und auszutauschen, dass sie am Ende gebeten wurden, das Café zu verlassen, weil das Personal schließen wollte. Sie hatten völlig die Zeit vergessen.
Seitdem sind die beiden ein unternehmungslustiges Paar, das gemeinsam per Fahrrad oder Kreuzfahrtschiff die Welt bereist. Was sie erlebt haben, wird dabei nicht verdrängt. In ihrer Wohnung finden sich viele Gegenstände, die an die Verstorbenen erinnern. Wenn sich ein Todestag nähert, weiß der jeweils andere, wie er den Raum halten kann, wenn die traurigen und dramatischen Erinnerungen wieder aufkommen.
Petra sagte mir, dass ich ihre Geschichte teilen darf, weil es in fast jeder Familie Fälle von Freitod gibt – und doch kaum darüber gesprochen wird. Bis zu 10.000 Menschen wählen in Deutschland jedes Jahr diesen Weg, und immer wieder stößt sie auf Menschen mit ähnlichen Erfahrungen, die sich nicht trauen, darüber zu sprechen. Diese Offenheit hat mich damals wie heute tief beeindruckt.
Was ich aus der Begegnung mit den beiden mitnehme: Das Leben kann grausam sein, und Menschen können Dinge widerfahren, deren Tragweite ich mir kaum vorstellen kann. Und doch kann daraus Neues entstehen. Kalle und Petra sind nicht daran zerbrochen, sondern haben ihr Leben wieder in die Hand genommen und zueinander gefunden. Neben aller Trauer gibt es auch echte Freude. Solche Geschichten zu hören, bewegt mich sehr – und gibt mir zugleich Hoffnung.

Nach einer warmen Nacht und herzlichster Rundumversorgung brachten mich Petra und Kalle am nächsten Tag zurück an meine Strecke. Am frühen Morgen hatte es Eisregen gegeben. Es waren 60 Kilometer pro Strecke, etwa eine Stunde Fahrt – hin und zurück. Ich war sehr dankbar, dass alles so reibungslos geklappt hat. Und dafür zu spüren, welche Mühen Menschen wie Petra und Kalle auf sich nehmen, um mich zu unterstützen – und welches Vertrauen sie mir schenken, indem sie ihre Geschichte mit mir teilen. Herzlichen Dank euch beiden.
