Tag 207–209 – Zu Gast bei Pablo im E-Werk – Eine Hommage an eine Freundschaft

Dass mein Weg im Schweigen mich nach Luckenwalde geführt hat, hat einen ganz persönlichen Grund: Pablo Wendel. Er ist einer meiner engsten Freunde und Künstlerkollegen – und der Visionär hinter einem Projekt, das in der Kunstwelt seinesgleichen sucht. Pablo ist der Besitzer eines ehemaligen Braunkohlekraftwerks, das er in ein Kulturzentrum, ein Gesamtkunstwerk und einen Ort der Begegnung verwandelt hat: das E-Werk Luckenwalde, das heute nicht nur Kunst produziert, sondern auch eigenen Kunststrom erzeugt.
Es gibt nur wenige Menschen, mit denen mich so viel verbindet wie mit Pablo. Kennengelernt haben wir uns vor über zwanzig Jahren an der Kunstakademie Stuttgart. Seitdem sind unzählige gemeinsame Erlebnisse, Projekte und Grenzgänge hinzugekommen – so viele, dass diese Freundschaft über die Jahre nicht nur gewachsen ist, sondern sich immer wieder neu geformt hat.

Unsere Zusammenarbeit begann früh – und gleich mit einem Projekt, das sinnbildlich für vieles steht, was noch kommen sollte. Zu Studienzeiten planten wir unseren „Durchbruch“ im wahrsten Sinne des Wortes: Wir erhielten tatsächlich die Genehmigung, die Außenwand unseres Ateliers im ersten Stock zu durchbrechen und dort eine Tür einzubauen, die ins Nichts führte. Den Schlüssel zu dieser Tür – als Sicherheitsgarantie – hängten wir während einer Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart auf. Schon damals ging es um Vertrauen, Risiko und das Spiel mit dem Möglichkeitsraum.

Ein Jahr später reisten wir gemeinsam durch die Mongolei. Ich trat dort für eine Videoarbeit gegen mongolische Profiringer an – und verlor jeden einzelnen Kampf. Wir reisten mit wenig Geld bis an die sibirische Grenze, ritten auf Pferden durch die Tundra, versuchten mit Sommerausrüstung und ohne Karten einen 4.000er im Altaigebirge zu besteigen und brachen diese Tour zum Glück rechtzeitig ab – wegen Kälte, durchfrorener Nächte und kaputten Schuhwerks.

Von dort ging es weiter nach China, wo Pablo ein Stipendium hatte. Ich war „zufällig“ mit meiner Kamera dabei, als er sich als Terrakotta-Soldat verkleidet in die Reihen der originalen Tonkrieger stellte, die Wachen narrte – und schließlich abgeführt wurde. Die Aktion schaffte es bis in die Tagesthemen. Zum Glück konnte er den Sicherheitskräften glaubhaft vermitteln, dass diese Intervention aus tiefer Wertschätzung für dieses kulturelle Erbe entstanden war. Dass die chinesischen Medien selbst darüber berichteten, bewahrte uns vermutlich vor ernsteren Konsequenzen. Den Bericht in den Tagesthemen anschauen unter: LINK

Auch später war Pablo bei vielen meiner Projekte an meiner Seite: auf der Fahrt mit einem zum Outdoormobil umgebauten LKW mit ausklappbarer Rasenfläche, mit dem wir durch Italien fuhren – er am Steuer, wenn ich mich als notorischer Nicht-Autofahrer vor den engen Straßen fürchtete.

Oder bei meinem bis heute wohl aufwendigsten Projekt: der Fahrt mit einem Segelboot auf Rädern durch Patagonien. Pablo steuerte, wenn der Wind brutal wurde oder uns auf Schotterpisten Gegenverkehr entgegenkam. In all diesen Situationen war er mehr als Unterstützung: Er stellte die richtigen Fragen zur richtigen Zeit und verbreitete Zuversicht, wenn mir die Kraft ausging.
Umgekehrt habe ich ihn bei zahllosen Nacht-und-Nebel-Aktionen unterstützt: bei Ausstellungsaufbauten, die regelmäßig erst mit der Eröffnungsrede endeten – nach durchgearbeiteten Nächten. Ich half beim Renovieren seines kleinen Hauses an der Donau oder schaufelte tagelang Asche und Schlacke aus dem Keller seines späteren Kraftwerks, damit dort eine nachhaltige Heizanlage eingebaut werden konnte.

All das hat uns zusammengeschweißt. Und das Besondere an Pablo ist: Diese Art von Geschichten teilen nicht nur wir beide. Es gibt vermutlich ein Dutzend weiterer Menschen, die ganz ähnliche Texte über ihn schreiben könnten – mit völlig anderen Episoden.
Trotz dieser engen Freundschaft habe ich mich immer wieder mit ihm verglichen. Pablo war mir oft ein Stück voraus. Seine Projekte größer, riskanter, aufwendiger. Und er schien aus einer schier unerschöpflichen Energie zu schöpfen: Nächte durcharbeiten, kaum schlafen, am nächsten Morgen wieder präsent sein. Damit mitzuhalten fiel mir nicht leicht.
Als ich 2007 einen Burnout erlitt, wurde mir schmerzhaft klar, dass ich zu lange versucht hatte, das Tempo anderer zu gehen – nicht nur das von Pablo. Es dauerte Jahre, bis ich verstand, dass solche Vergleiche ins Leere führen. Die Lösung war nicht, langsamer zu werden, sondern mein eigenes Tempo zu finden. Andere nicht mehr als Maßstab, sondern als Inspiration zu sehen.
Aus dieser Erkenntnis heraus entwickelte sich meine heutige künstlerische Praxis: noch immer radikal, aber zugleich geprägt von Entschleunigung, Achtsamkeit und Selbstreflexion. Meditation und Achtsamkeit wurden zu festen Bestandteilen meines Lebens – und sind bis heute die Grundlage dafür, dass ich Projekte wie dieses Schweigejahr in dieser Dimension umsetzen kann, ohne mich selbst zu verlieren.
Mit der Zeit habe ich verstanden, was Pablo mir all die Jahre voraus hatte: Er ist ein Naturtalent in Präsenz. Er trägt vergleichsweise wenig Angst in sich und besitzt ein tiefes Vertrauen ins Leben. Diese innere Klarheit gibt ihm ein feines Gespür dafür, was möglich ist. Etwas das ich erst über viele Jahre mühsam mir wieder aneignen musste: Der Angst nicht zu viel Raum geben.
Diese Gabe wurde jedoch auch Pablo nicht einfach in die Wiege gelegt. Ein Blick in seine Jugend erklärt vieles: Pablo nähte sich Klettergurte aus Autogurten, um illegale Routen im Donautal zu klettern. Er baute sich aus einem Rasenmähermotor einen Antrieb für einen Gleitschirm, um fliegen zu lernen – ohne jegliche Flugscheine. Mit siebzehn nahm sein Vater einen Kredit für ihn auf, damit Pablo ein Haus, mehr Ruine als Zuhause, an der Donau kaufen konnte. Über Jahre renovierte er dieses Haus neben seiner Ausbildung zum Steinbildhauer – mit Unterstützung von Freunden und Nachbarn. Und irgendwann gehörte auch ich dazu.

Als Pablo mir vor etwa acht Jahren erzählte, er wolle ein Kohlekraftwerk kaufen, überraschte mich das kaum. Als ich jedoch an einem tristen Herbsttag zum ersten Mal durch das heruntergekommene Industriegebiet von Luckenwalde auf dieses riesige, verlassene Gebäude mit über 10.000 Quadratmetern zuging, hatte ich das eindeutige Gefühl: Jetzt übernimmt er sich wirklich.
Doch auch hier zeigte sich sein Gespür. Er verkaufte sein Haus an der Donau, investierte alles in das Kraftwerk und überzeugte die Verkäufer von einem außergewöhnlich fairen Preis mit langfristiger Ratenzahlung. Die ersten Jahre hielt er diesen „Elefanten“ ohne nennenswertes externes Kapital am Leben.

Mit dem Einstieg seiner Frau Helen Turner, Kuratorin mit internationaler Erfahrung, bekam das Projekt eine neue Dimension. Gemeinsam holten sie das Opernprojekt Sun & Sea (Marina) – frisch ausgezeichnet mit dem Goldenen Löwen der Biennale von Venedig – nach Luckenwalde, ebenso wie Pussy Riot. Selbst die New York Times berichtete über das E-Werk.
Heute ist das E-Werk ein international beachteter Ort für zeitgenössische Kunst – und zugleich ein energetisches Modellprojekt. Seit der Wiedereröffnung 2019 wird hier aus Biomasse regenerativ Energie gewonnen, die als Kunststrom ins öffentliche Netz eingespeist wird. Die Erlöse fließen direkt zurück in Kunst und Kultur. Damit ist das E-Werk weltweit eines der ersten Kunstzentren, das Kunstproduktion, Energiegewinnung und gesellschaftliche Transformation so konsequent miteinander verbindet.
Und als wäre dieses Kraftwerk nicht schon Lebensaufgabe genug, geht es weiter: In direkter Nachbarschaft liegt das denkmalgeschützte Stadtbad Luckenwalde von 1928, ein Bau der klassischen Moderne, welches der Bauhausarchitektur zugerechnet wird. Früher wurde es mit Abwärme aus dem Kraftwerk beheizt – ein früher Ansatz energetischer Synergie. Nach jahrzehntelangem Leerstand wird es nun, initiiert von Helen und Pablo, gemeinsam mit der Stadt saniert und künftig wieder kulturell bespielt – erneut versorgt mit Energie und Kunststrom aus dem E-Werk.
Mit dem E-Werk sind Pablo und Helen für mich einmal mehr eine große Inspiration. Sie zeigen, was möglich ist, wenn man fest an eine Idee glaubt und bereit ist, die Mühen auf sich zu nehmen, die es braucht, um einen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Mittlerweile haben die beiden Kinder, was auch Pablo dazu gezwungen hat, einen Gang herunterzuschalten. Durchgemachte Nächte waren in den letzten Jahren wohl eher den Kindern geschuldet als seinen Projekten.
Und doch zeigt sich auch hier wieder das, was ihn ausmacht: Präsenz. Wenn ich Pablo mit seinen Kindern erlebe, ist er ganz da. Voll und ganz. Diese Fähigkeit, wirklich anwesend zu sein, scheint es ihm zu ermöglichen, Familie und E-Werk nebeneinander zu leben, ohne dass eines von beidem zu kurz kommt. Vielleicht ist genau das die größte Kunst.
Pablo verdanke ich auch den Kontakt zum Open Eck. Als ich nach fünf Tagen im Schnee und bei eisigen Temperaturen erschöpft aus Berlin kommend in Luckenwalde ankam, war ich sehr dankbar, hier zwei Tage pausieren zu können – mit einer warmen Bleibe und einem Ort zum Ankommen. Wir aßen gemeinsam ein kräftigendes Abendessen, und eigentlich wäre es für mich höchste Zeit gewesen, ins Bett zu gehen.
Doch Pablo musste noch einmal hinaus. Am nächsten Morgen sollte eine große Lieferung Holzhackschnitzel für das Kraftwerk kommen, und zuvor musste Schnee geschippt werden. So stand ich schließlich wieder mit ihm draußen in der Kälte und schaufelte anderthalb Stunden Schnee – nach einem ohnehin langen, kräftezehrenden Tag. Fast wie früher.
Es gibt Freundschaften, da tut man das ohne Zögern und ohne Klagen.
Und wer weiß, welche weiteren Geschichten aus solchen Momenten noch entstehen werden.
