Tag 209 – Unterwegs mit Kerstin: Den Menschen hinter meinen Vorurteilen entdecken

Kerstin war eine der Personen, die mich in der Kapelle der Versöhnung aufgesucht haben, um mir etwas von sich zu erzählen. Es war unter anderem das Wandern und Unterwegssein, das sie an meinem Projekt fasziniert hat und sie dazu bewogen hat, mich bei Eiseskälte in der Kapelle zu besuchen. Dort erzählte sie mir von ihren eigenen Fernwander- und Pilgererfahrungen, die zugleich auch immer eine Suche nach Gott waren. Und sie sagte, dass sie mich am liebsten ein Stück begleiten würde.
Ich bot ihr spontan an, das gleich in der nächsten Woche zu tun, solange ich noch nicht so weit weg von Berlin war. Kerstin ließ sich das einen Tag durch den Kopf gehen und war dann so begeistert, dass sie mich am liebsten gleich vier Tage begleiten wollte. Ich bremste sie jedoch etwas aus und bat sie, die dritte Übernachtung offen zu lassen. In der Kälte des tiefsten Winters wollte ich erst sicherstellen, dass wir beide den physischen und zwischenmenschlichen Herausforderungen gewachsen waren. Zwei bis drei Tage traue ich mir mit den meisten Menschen zu, doch gerade unter extremen Bedingungen möchte ich meine Kapazitätsgrenzen nicht leichtfertig überschreiten.

Kerstin holte mich in Luckenwalde am E-Werk von Pablo ab, und von dort aus sind wir gemeinsam Richtung Süden gewandert. Es hatte die zwei Tage zuvor getaut, zeitweise auch geregnet. Große Teile des Schnees lagen aber noch auf den Wegen und waren dort, wo zuvor Fahrzeuge oder Menschen unterwegs waren, komplett vereist. Im unberührten Schnee ging das Vorankommen ganz gut, auch wenn es anstrengend war. Bei strahlendem Sonnenschein zogen wir durch die weiße Märchenlandschaft eines ehemaligen Truppenübungsplatzes.
Kerstin hatte die Planung der Herbergen übernommen und sich vorab intensiv informiert. So fanden wir in Dennewitz einen Gasthof – an einem historisch bedeutsamen Ort, an dem einst Napoleons Armee von den Preußen geschlagen wurde. Ein Großteil unseres Weges führte an der damaligen Frontlinie entlang. Ich selbst habe selten Zeit, mich vorab über solche Ereignisse zu informieren. Umso schöner ist es, wenn mich meine Begleitung mit solchen Informationen „füttert“ oder wir gemeinsam die Schautafeln am Wegesrand studieren, wie das mit Kerstin der Fall war. Da die Unterkünfte in dieser Region rar gesät sind, bedeutete das für uns Etappen von jeweils über 20 Kilometern auf vereisten Straßen – eine physische Herausforderung. Am Abend erreichten wir jedes Mal sehr erschöpft unser Ziel.

Schon in der Kapelle und dann auch auf dem Weg sprach Kerstin immer wieder über ihren Glauben und zitierte Psalmen. Menschen, die ihren Glauben so offen vor sich her tragen, triggern mich manchmal unbewusst. Ich bin in einer sehr christlichen Umgebung aufgewachsen – und neben vielem, das mich geprägt und getragen hat, gab es auch Erfahrungen, in denen Glauben für mich etwas Missionarisches bekam. Vor nicht allzu langer Zeit hätte ich innerlich vielleicht abgeschaltet oder wäre in Widerstand gegangen. Diesmal habe ich es als Herausforderung gesehen, zuzuhören und die alten Mauern nicht automatisch hochzufahren.
Kerstin war viele Jahre Mitglied in charismatischen Freikirchen, in denen zum Beispiel das „Sprachenreden“ praktiziert wurde, und sie hat dort sehr tiefgreifende spirituelle Erfahrungen gemacht. Wenn sie davon sprach, leuchteten manchmal ihre Augen. Sie war auf einer Bibelschule, hatte also auch das Argumentieren aus der Bibel heraus und das Zitieren von Bibelversen gelernt. Genau diese Mischung kann bei mir schnell Widerstand auslösen. Während sie im Gehen erzählte, spürte ich, wie in mir manchmal Anspannung entstand, wie sich etwas zumachte. Vielleicht habe ich an manchen Stellen auch nicht mehr ganz so gut zugehört wie sonst. Aber doch gut genug, um mit der Zeit zu verstehen: Kerstin wollte mich nicht missionieren oder belehren. Sie berichtete einfach aus ihrem Leben, in dem der Glaube eine elementare Rolle spielt. Sie wollte sich mir gegenüber öffnen, wie all die anderen Menschen bei diesem Projekt zuvor auch. Erst als ich begriff, dass ich nur die Rolle des Zuhörers innehatte und nicht das Ziel einer Bekehrung war, konnte ich mich wirklich öffnen und ihr zuwenden.

Von da an wurde es wirklich spannend. Denn ihre Erzählungen waren nicht so einseitig, wie ich es ihr innerlich unterstellt hatte. Ich hatte es nur in meinem Widerstand nicht wahrgenommen, weil ich vor allem das gehört habe, was mich getriggert hat.
Kerstin war nämlich schon lange kein Mitglied mehr der Freikirche, verwendete aber manchmal noch deren Sprache. Sie hatte sich daraus mehr und mehr zurückgezogen, trotz der tiefen spirituellen Verbundenheit, die sie dort erlebt hatte. Sie erzählte, wie ultrakonservative Strömungen stärker wurden, wie Frauenrechte wieder eingeschränkt werden, wie gegen Abtreibung und Andersdenkende gekämpft wird. All das konnte sie irgendwann nicht mehr mit ihrem Glauben in Verbindung bringen.
In der Landeskirche fand sie eine Heimat, wo sie die Werte wiederfand, die sie selbst lebt – eine Kirche, die sich gegen Ausgrenzung und Rassismus einsetzt. Gleichzeitig vermisst sie dort die spirituelle Intensität der Freikirchen. Mir wurde bei ihren Erzählungen wieder bewusst: Verbundenheit ist nicht per se etwas Gutes. In Kombination mit Ideologien oder Fanatismus kann sie negative Kräfte enorm verstärken. Es braucht Bewusstsein, um das zu merken und sich abzugrenzen. Dieses Bewusstsein in Kerstins Worten immer wieder wahrzunehmen, war für mich schön und lehrreich.

Eine Geschichte von einem Kurzseminar an einer Bibelschule hat mir das besonders gezeigt. Dort war es gang und gäbe, dass die Frauen Röcke trugen. Wer an dem Seminar teilnehmen wollte, musste sich dieser Regel fügen. Kerstin hasste das. Sie trug in ihrem Leben eigentlich nur Hosen. Sie hielt sich aber – unwillig, doch pflichtgemäß – an das Gebot, zumindest während des Unterrichts einen Rock zu tragen. Am dritten Tag erschien eine andere Teilnehmerin in Hose zum Unterricht. Anstatt sich davon inspirieren zu lassen oder sie für ihren Mut zu loben, spürte Kerstin einen unglaublichen Hass auf diese Frau in sich aufsteigen, weil sie sich die Freiheit nahm, gegen eine Regel zu verstoßen, die Kerstin selbst widerwillig, aber gehorsam erfüllt hatte.
Als ihr das bewusst wurde, verstand sie zum ersten Mal so richtig, was Jesus an den Pharisäern kritisiert hatte – und wie schnell sie selbst zur Pharisäerin geworden war. Für mich war diese Erzählung auch deshalb interessant, weil ich mich schon oft gefragt habe, woher all der Hass mancher Fundamentalisten kommt. Sicher ist das nicht die einzige Erklärung. Aber es zeigt, wie komplex und absurd unser Denken sein kann: Wir hassen manchmal an anderen, was wir uns selbst nicht erlauben.
Die ersten beiden Tage waren körperlich so herausfordernd – zumal Kerstin auch noch für Schnee ungeeignetes Schuhwerk trug –, dass sie sich entschied, es bei diesen zwei Übernachtungen zu belassen und nach Hause zu fahren, um sich zu erholen, bevor sie wieder in ihren Alltag zurückgeht. Je mehr ich über sie erfahren hatte, desto mehr bedauerte ich das. Denn unsere Gespräche am Abend, mit meinen Notizen und Fragen, zeigten mir, wie wenig mein erstes Bild von ihr mit dem Menschen zu tun hatte, der mir tatsächlich begegnet ist.

Wie allen, die mich begleiten, habe ich auch Kerstin angeboten, am Abend oder Morgen mit mir zu meditieren. Und auch hier wurde spürbar, aus welchem Kontext sie kommt. Meditation war für sie etwas, das schnell esoterisch wirkt und für eine gute Christin nur in einem klar christlichen Rahmen vorstellbar ist. Sie hatte Bilder im Kopf: vor einer Wand sitzen, sich nicht bewegen dürfen oder eine Kerze anstarren. Trotzdem ließ sie sich nach reiflicher Überlegung darauf ein, wollte vorher aber genau wissen, was ich mit ihr machen würde.
Ich konnte sie beruhigen: Es ging nur darum, im Hier und Jetzt anzukommen. Und wenn man gedanklich abschweift, das zu bemerken und die Gedanken wieder ziehen zu lassen. Nichts Besonderes – nur üben, gegenwärtig zu sein.
Sie konnte es dann kaum fassen, dass die 15 Minuten schon vorbei waren, und bedankte sich dafür, dass sie diese Erfahrung machen durfte, die so ganz anders war als ihre Vorstellungen.
So haben wir uns beide gefunden. In diesen Tagen konnten wir unsere Bilder und Vorstellungen ein Stück hinter uns lassen, Neues entdecken und uns einander öffnen, sodass es am Ende zu einer sehr herzlichen Verabschiedung kam. Kerstin hatte sogar schon ein Häuschen für diesen Abend reserviert. Umso trauriger war ich, dass sie den letzten Tag nicht mehr mit mir ging.

Im Nachhinein habe ich noch viel darüber nachgedacht, wie diese Begegnung wohl abgelaufen wäre, wenn ich gesprochen hätte. Das kann ich natürlich nicht abschließend klären. Aber bei diesen Überlegungen habe ich gemerkt: Ich habe nicht nur Kerstin zugehört. Durch mein Schweigen war auch Raum da, meinen inneren Bewertungen zu lauschen – wahrzunehmen, wann ich dichtmache, und wie schnell alte Muster anspringen. In einem normalen Gespräch ist der Fokus oft so sehr darauf gerichtet, was man antworten wird, dass dieser Raum kaum entsteht. Vielleicht ist genau das eine der stillen Nebenwirkungen dieses Projekts: dass ich nicht nur anderen zuhöre, sondern zugleich auch mir selbst.
Ein herzliches Dankeschön an Kerstin für die tolle Organisation der Unterkünfte und die Verköstigung, die ich bei diesen Temperaturen mehr als zu schätzen wusste – aber auch für das Vertrauen und die Offenheit der Erzählungen, die ich hier teilen darf!
