Tag 214–216 – Unterwegs mit Jan Zwei Nächte im Zelt, geteilte Stille, ein erstes Feuer

Jan ist Illustrator und Comiczeichner, und auf ihn passt das Wort „Lebenskünstler“ ziemlich gut. Er findet immer wieder Wege abseits der üblichen Lebenslinien – nicht aus Trotz, sondern aus einer tiefen, schöpferischen Neugier. Kennengelernt haben wir uns in Hamburg beim Kaosk e.V. im Schanzenviertel. Damals setzte er sich zu mir, blieb länger als viele andere und erzählte von seinen Reisen und Wanderungen, die er später in Kunst verwandelt: Aus einer Begegnung auf einer Wüstenwanderung wurde eine Liebesgeschichte, aus einem längeren Aufenthalt in einer Aborigine-Siedlung wurden Geschichten – und daraus Graphic Novels. Außerdem unterhält einen Kanal, wo er auf humorvolle Weise von seinen Abenteuern berichtet: LINK
Jan berichtete damals in Hamburg von Winterwanderungen entlang der Ostseeküste, von Experimenten wie „wandern ohne Ziel“ – jede Kreuzung eine neue Entscheidung – und von Tagen in der Natur, an denen er mit seiner Partnerin ohne Proviant losgezogen ist, nur mit dem, was der Weg hergibt. Schnell war klar, dass wir eine ähnliche Sprache sprechen – auch wenn ich damals schon schwieg.
Als Jan anbot, mich ein Stück zu begleiten, schlug ich die Etappe durch Südbrandenburg und das nördliche Sachsen vor. Ein blinder Fleck auf meiner Karte, fernab von Touristenpfaden und meinen Netzwerken – und perfekt geeignet für ungewöhnliche Wege. Ein gemeinsamer Abschnitt durch ein unbekanntes Stück Deutschland, mit Zelt, mitten im Winter. Zwei Monate später haben wir es in die Tat umgesetzt.
Jan wäre zwar am liebsten drei Nächte draußen geblieben, damit sich die lange Anfahrt lohnt. Ich merkte jedoch, dass ich vorsichtiger geworden bin. Es macht einen Unterschied, ob man für ein paar Tage aus dem Alltag aussteigt und sich gut ausgerüstet dem Winter anvertraut – oder ob man danach noch zwei Monate weitergehen muss. Der Winter kostet mich deutlich mehr Kraft als noch im Sommer und Herbst. Nicht so sehr psychisch, eher körperlich. Und mit angesagten minus acht Grad waren drei Nächte im Zelt für mich zu viel.
Jan konnte das gut nachvollziehen; ihm ging es um das Naturerlebnis und darum, es mit jemandem zu teilen, der diese Leidenschaft versteht.

Noch bevor wir losgingen, schrieb ich Jan, dass die Kommunikation unterwegs von meiner Seite aus sehr eingeschränkt sein wird, weil es mit Handschuhen in der Kälte wenig Sinn ergibt, auf dem Tablet viel zu schreiben. Jan antwortete mit einer Nachricht, die mich zum Nachdenken brachte: Er hatte Lust, „die ganze Zeit gar nicht aktiv zu kommunizieren“ – nicht einmal durch Nicken oder Handzeichen. Zwei Tage wirklich nichts.
Ein reizvoller, radikaler Gedanke. Doch im tiefsten Winter entschied ich mich für das, was ich „weises Schweigen“ nenne. Kein Dogma, sondern eine Übung: immer wieder prüfen, ob das, was man gerade sagen will, wirklich nötig ist. Und wenn es nötig ist – dann sagen. Gerade im Winter, wenn sich Abläufe verschieben können, wenn jemand früh los will und der andere noch im Schlafsack festhängt, ist eine minimale Absprache manchmal schlicht unerlässlich. Kälte und Müdigkeit verändern eine Dynamik, die man vorher nicht planen kann.
Jan war einverstanden.
Wir klärten vorab nur das Nötigste: Wer übernimmt welche Mahlzeit? Wann wollen wir ungefähr startbereit sein? Was haben wir an Proviant dabei? Und dann zogen wir los – im Vertrauen darauf, dass wir uns auch mit sehr wenigen Worten verstehen würden.
Es war erstaunlich, wie stimmig sich das anfühlte.


Ich hatte nie das Gefühl, dass zwischen uns etwas Unausgesprochenes unangenehm in der Luft hing. Im Gegenteil: In den Pausen, wenn wir einfach nebeneinander saßen, war da eine Ruhe, die ich allein unterwegs selten erlebe. Oft ertappe ich mich dabei, wie ich in Pausen doch mal zum Handy greife – Route checken, Nachrichten lesen. Mit Jan blieb das Telefon in der Tasche. Ich genoss die geteilte Präsenz in vollen Zügen.
Einmal machten wir Rast vor großen schwarzen Silageballen, die sich in der Sonne aufgewärmt hatten. Sie strahlten die gespeicherte Wärme ab, und diese Wärme traf mich wie ein Geschenk. Ich lehnte mich an, schloss die Augen – und schlief einfach ein. So tief entspannt war ich draußen bei diesem Winterwetter schon lange nicht mehr gewesen.
Unsere Etappen wurden trotzdem länger als geplant: über zwanzig Kilometer am Tag, auf teils vereisten Wegen. Für den ersten Abend hatte ich mir einen See in einer Kiesgrube ausgesucht – ein Umweg, aber er lohnte sich. Der Platz war wunderschön, und über uns spannte sich ein fantastischer Sternenhimmel. Ein Zeltplatz, der sich trotz Verbotsschildern am Rand nach „genau richtig“ anfühlte.


Dass wir so gut als Team funktioniert haben, lag nicht nur am Schweigen, sondern auch an etwas anderem: Vertrauen. Jan griff kaum in die Planung ein. Wenn ich ihm zeigte, dass wir entweder dem offiziellen Weg folgen oder über Felder abkürzen könnten, überließ er die Entscheidung mir – ohne Diskussion, ohne Absicherung. Und ich merkte: Ich vertraue ihm genauso. Ich wusste, er kommt klar. Er übernahm Verantwortung für sich selbst. Vielleicht brauchten wir auch deshalb so wenig Worte.
Am zweiten Tag schlug Jan vor, abends ein Feuer zu machen. Ich hatte keine Einwände – und freute mich sogar über diese Initiative. Allein hatte ich mir das in den letzten Monaten oft verkniffen: Ein Feuer zieht Aufmerksamkeit an, und ich wollte nicht als schweigender Wildzelter in Erklärungsnot geraten. Aber zu zweit, an diesem stillen Ort, fühlte es sich richtig an.
Es war nach siebeneinhalb Monaten mein erstes Feuer in freier Natur. Eigentlich fast unglaublich für jemanden, der so viele Nächte seines Lebens beim Feuerschein verbracht hatte.

Wir saßen am zugefrorenen See, die Flammen vor uns, das Eis neben uns, und die Welt war plötzlich sehr einfach. Jan erzählte ein paar wenige Lagerfeuergeschichten, und ich formte vielleicht vier oder fünf Sätze für einen ganzen Abend. Aber auch hier: Die meiste Zeit saßen wir einfach da und schauten ins Feuer. Still. Und ich merkte, wie sehr ich diese Ruhe – und die Wärme, die ein Feuer ausstrahlen kann – vermisst hatte.
Als wir am späten Nachmittag Großenhain erreichten, waren wir beide erschöpft. Ich hätte keinen Kilometer mehr weitergehen wollen. Die Hüften schmerzten vom Hüftgurt, der Rücken zog, und mein linker Fuß meldete sich wieder. Da bereute ich kurz, dass ich die Strecke nicht konsequenter gedeckelt hatte.

Jan trat noch am selben Abend die Heimreise nach Hamburg an, um sich die Übernachtungskosten zu sparen. Wir verabschiedeten uns in dem Wissen, dass es nicht viele Menschen gibt, mit denen man eine solche Tour unter diesen Bedingungen so friedlich und stimmig teilen könnte. Als wir am nächsten Tag Bilder austauschten und er las, dass ich wieder knapp 17 Kilometer bis zur nächsten Herberge weitergezogen war, war in seiner Antwort deutlich zu spüren, wie viel Respekt er dafür hatte. Trotz seiner Erfahrung wurde ihm in diesen Tagen wieder bewusst, wie kräftezehrend das Winterwandern war.
Für ihn war das Abenteuer vorbei. Für mich ging die Reise weiter – erst einmal bis Dresden. Weiter wollte ich in diesem Moment gar nicht denken. Denn dort wartete endlich eine Pause auf mich, eine längere, die bewusste eingeplant war und auf die ich mich wirklich gefreut habe.
Und von Jan blieb mir etwas sehr Schönes: das Gefühl, dass Stille nicht nur etwas ist, das man allein erfährt, sondern etwas, das man teilen kann. Vielleicht ist das die eigentliche Magie: gemeinsam durch Kälte zu gehen – und am Ende am Feuer zu merken, dass Stille wärmen kann.
