Tag 223 – 30.01.26 – Zuhören im Museum für Sächsische Volkskunst

Es ist immer wieder spannend, an neuen Stationen bei Kooperationspartnern anzukommen, wo ich zuhören kann. So richtig zu wissen, worauf ich mich eingelassen habe und was mich erwartet, weiß ich im Vorfeld nur selten. Oft organisiert Becky diese Orte im Hintergrund für mich, klappert Kulturinstitutionen, Vereine und Einrichtungen ab, bei denen sie denkt, dass mein Projekt passen könnte.
So ist sie irgendwann auch beim Museum für Sächsische Volkskunst gelandet. Dort wurde mein Projekt in einer Teamsitzung intensiv besprochen. Man stellte fest, dass es auf den ersten Blick wenig mit den musealen Inhalten zu tun hat – und doch passte es, weil sich das Haus auch als Ort der Kommunikation und des Austauschs versteht. Nicht als sendende Einbahnstraße, sondern als ein Ort, der auch den Besuchenden und ihren Geschichten zuhören will.
Was ich mir unter diesem Museum vorstellen sollte, war mir vorab nicht ganz klar. Ehrlich gesagt habe ich auch nicht groß recherchiert. Ich wollte unvoreingenommen hingehen, mich überraschen lassen, in der Überzeugung, dass ich es vor Ort viel besser erfahren würde, als wenn ich mir vorher allzu viele Gedanken mache.

Und so kam es dann auch. Ich war eine Stunde vor meinem offiziellen Zuhörbeginn da. Kathi Loch, die Direktorin, nahm mich sehr freundlich in Empfang, stellte mich allen anwesenden Mitarbeitenden vor und gab mir eine kleine Führung durch das Haus. Und ehrlich gesagt: Ich war ziemlich schnell begeistert.
Zuerst bekam ich erklärt, dass der Begriff Volkskunst nicht wirklich klar definiert ist. Vielleicht lässt er sich am ehesten so beschreiben, dass er über ein klassisches kunsthandwerkliches Verständnis hinausreicht und dass die Schöpferinnen und Schöpfer der Werke keine akademische Ausbildung hatten, sondern aus dem „einfachen Volk“ kamen. Vielleicht könnte man es auch als eine Art Kuriositätensammlung bezeichnen, die über Heimatmuseum und Kunsthandwerk hinausgeht und dabei erstaunliche Schätze beherbergt: etwa eine Erbse, auf der zweimal das Vaterunser geschrieben wurde. Oder ein mechanisches Figurentheater, das die Passion Christi in einer unglaublichen technischen Meisterleistung zum Leben erweckt, gebaut von einem Bauern und Tüftler, der sein Werk in der Scheune aufstellte und dort gegen Eintritt präsentierte. Von vielen Arbeiten kennt man nicht einmal die Namen der Urheber.


Spannend finde ich, auch als akademisch geprägter Künstler, der sich in den letzten Monaten viel mit eigenen Vorurteilen beschäftigt hat, dass hier so viele Beispiele zu sehen sind, wie „einfache“ Menschen zu ganz besonderem kreativem Schaffen fähig waren. Ganz ohne große Namen, fernab jeder Laufbahn. Und ich finde es wunderbar, dass diesen Werken innerhalb der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ein eigener Raum gegeben wird. Einer, der mit Künstlermythen, Schulen und der gängigen Vorstellung von Künstlergenie bricht und dadurch auch ein anderes Publikum anzieht. Ein Besuch lohnt sich.

Für mein Zuhören wurde mir ein wunderschöner Platz hergerichtet: Kaffee und Tee, etwas zum Naschen, für mich und für Besucherinnen und Besucher. Alles sehr liebevoll. Am ersten Tag meiner Station kam allerdings niemand von außerhalb, der sich zu mir setzen wollte. Doch aus mehreren Gründen empfand ich das überhaupt nicht als Enttäuschung.
Zum einen konnte ich den Mitarbeitenden zuhören. Zum anderen fiel meine Anwesenheit in einen absoluten Ausnahmezustand: Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden waren in der Woche zuvor Opfer eines schweren Hackerangriffs geworden. Alle Systeme waren lahmgelegt. Keine E-Mails, kein Zugriff auf Datenbanken – es war, als wäre man aus der Zeit gefallen. Kommunikation fand plötzlich nicht mehr schriftlich statt, sondern man traf sich wieder, um Dinge direkt zu besprechen. Einige Mitarbeitende begrüßten diesen Zustand sogar: Es gab mehr echte Berührungspunkte, mehr Begegnung. Und gleichzeitig die Erfahrung, dass trotzdem irgendwie alles weiterläuft und dass „menschlicher“ manchmal tatsächlich einfacher ist als rein digital.
Kathi Loch erzählte mir außerdem, dass sich allein durch meine Anwesenheit im Haus etwas verändert habe. Viele haben sich nicht getraut, sich zu mir zu setzen, aber sie hätten über mich und das Projekt gesprochen. Diese Gespräche, verbunden mit dem unfreiwilligen digitalen Entzug, seien deutlich spürbar gewesen. Schon für diese Rückmeldung hat sich mein Aufenthalt gelohnt.
Am zweiten Tag waren mehr Besucherinnen und Besucher im Haus. Einige setzten sich zu mir, andere kamen sogar extra wegen meines Projekts. Um die Mittagszeit begann es, und die Gespräche kamen in so dichter Folge, dass ich bis kurz vor 17 Uhr nicht zum Essen kam. Es waren wieder besondere Begegnungen dabei, die mich tief bewegt haben. Und zum ersten Mal, nach mehr als sieben Monaten, löste mein Projekt auch starke Irritationen und Missverständnisse aus.
Ein älterer Mann kam mit seiner Frau. Beide setzten sich, ohne etwas zu sagen. Es fühlte sich an, als wollten sie die Stille genießen – das habe ich schon öfter erlebt. Nach einer Weile ließ ich die Klangschale erklingen. Keine Reaktion. Also blieb ich still. Irgendwann öffneten beide die Augen, und der Mann begann zu sprechen. Er fragte, was das hier sei, ob es ein Wettbewerb sei, wer es länger aushalte, nicht zu sprechen.
In diesem Moment verstand ich: Er wusste kaum etwas über mich und mein Schweigen. Ich versuchte, es ihm schriftlich zu erklären. Den Flyer wollte er nicht. Mein Schweigen irritierte ihn zunehmend. Er sagte, in einer Begegnung müsse sich auch das Gegenüber äußern. Seine Frau versuchte zu vermitteln, sie hatte inzwischen den Flyer überflogen, aber sie kam nicht mehr zu ihm durch. Schließlich verließ er wütend den Raum mit den Worten, mein Schweigen sei ein Schwert, und er hoffe, mich nie wiederzusehen. Das hat mich sehr bewegt. Ich glaube, selbst wenn ich zu sprechen begonnen hätte, hätte ich ihn nicht mehr erreichen können.
Kurz danach kam eine weitere Besucherin: eine Rednerin, die Trauer- und Hochzeitsreden hält. Sie interessierte sich für mein Zuhören ohne Bewertung. Ich war froh, mich ihr zuwenden zu können, und erstaunt, wie schnell es mir gelang, die Szene innerlich beiseite zu legen. Sie war gerade dabei zu erzählen, dass auch sie sehr viele schwierige und tiefgehende Geschichten hören muss, und dass es hier viele Menschen gibt, die in der Vergangenheit sehr schreckliche Dinge erlebt haben.
Genau in diesem Moment, etwa nach zehn Minuten, kehrte der alte Mann zurück, sichtbar wütend. Er behauptete, mein Schweigen sei gefährlich, und verglich es mit Methoden der Stasi: Ich würde Menschen „durch Meditation“ in einen Zustand versetzen und sie dann schlagartig herausholen, um sie zum Reden zu bringen. Vermutlich hatte er inzwischen den Flyer gelesen oder von seiner Frau davon gehört und die Dyade für sich neu gedeutet. Nach diesen Vorwürfen verließ er den Raum erneut.
Die Rednerin und ich waren perplex. Sie sagte, es gebe ja keinerlei Zwang, sich mir zu öffnen, geschweige denn, sich auf mich einzulassen. Das half mir, wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Trotzdem blieb ich getroffen von diesem Vergleich. Ich vermutete, dass mein Schweigen bei ihm etwas Altes berührt haben könnte: Erfahrungen oder Ängste rund um Kontrolle und Macht.
Ich war froh, dass die Rednerin in diesem Moment da war. Die Situation war so grotesk, dass zwischen uns schnell eine Nähe und Verbundenheit entstand. Das beruhigte mich und gab mir Abstand.
Abgesehen davon verlief der restliche Tag reibungslos und wunderschön. Das Aufsichtsteam versorgte mich sogar mit Freikarten für andere Häuser. Weil sie nichts ausdrucken konnten, riefen sie in den Museen an und kündigten an, dass „vielleicht ein Schweigender“ kommen würde, den man bitte kostenlos hineinlassen solle. Dazu bekam ich eine genaue Beschreibung, an wen ich mich jeweils wenden könne. Diese Fürsorge fand ich unglaublich herzlich und liebevoll.
Vielen herzlichen Dank an das Museum für Sächsische Volkskunst für diese wunderbare Station und insbesondere an Kathi Loch, die vor Ort alles für mich organisiert hat.
