Tag 225 – Walk in Silence bei Minusgraden mit Kultur Aktiv e.V.

In Dresden hatte ich am Sonntag eine zweite Station. Gemeinsam mit dem Verein Kultur Aktiv e.V. veranstaltete ich einen Walk in Silence, mitten im tiefsten Winter. Ich war wirklich gespannt, ob sich bei Temperaturen um minus vier Grad überhaupt Menschen finden würden, die Lust auf eine dreistündige Wanderung im Schweigen haben.
Der Verein Kultur Aktiv versteht Kultur nicht als etwas, das man nur besucht oder konsumiert, sondern als etwas, das man miteinander gestaltet. Sie bauen Brücken, vor allem Richtung Mittel- und Osteuropa, den Balkan und den Kaukasus. Oft geschieht das über Fotografie und internationale Kooperationen, aber im Kern geht es um etwas sehr Einfaches: Räume zu schaffen, in denen Austausch möglich wird und Menschen einander auf Augenhöhe begegnen. Ausstellungen, Stadtteilprojekte, Spaziergänge, Gesprächsformate und sogar regelmäßige Reisevorträge gehören dazu.
Und ganz nebenbei gab es schon die nächste Einladung: Nach Abschluss meines Projekts soll ich einen dieser Reisevorträge halten. Nicht die erste Einladung dieser Art auf meiner Reise. Vermutlich muß ich danach noch ein halbes Jahr durchs Land ziehen, um all den Menschen zu begegnen, die meine Stimme hören möchten und Fragen mit sich herumtragen, die ich durch mein Schweigen bisher unbeantwortet gelassen habe.


Mit genau dieser Haltung, Räume für echte Begegnung zu schaffen, sind wir an diesem Sonntag losgegangen. Ein Walk in Silence ist für mich kein Rückzug, eher das Gegenteil: eine Öffnung. Für die Stadt, für die Natur, für die anderen und für das, was in einem selbst auftaucht, wenn nichts gesagt werden muss. Und danach darf das Erlebte einen Platz bekommen. Wer den Redestab in der Hand hielt, konnte teilen, was da war. Wer lieber in der Stille bleiben wollte, reichte ihn einfach weiter.
Ich bin jedes Mal aufs Neue überrascht, wie wenig ich eigentlich beisteuern muss. Die Stille und die Gruppe erledigen die Arbeit fast von selbst, indem sich die Teilnehmenden gegenseitig inspirieren: durch das, was sie wahrgenommen haben, worauf ihr Blick gefallen ist und durch die ganz eigenen Wege, wie Stille erlebt wird.
Bei den Minusgraden sagten ein paar Leute kurzfristig ab. Und so sind wir schließlich zu sechst losgezogen. Kälte, die sich erst einmal in die Hände setzt. Atem, der sichtbar wird. Schritte, die im Schnee knarzen. Und gleichzeitig diese besondere Klarheit, die der Winter manchmal schenkt.
Jana, die neben ihrer Arbeit im Verein auch Stadtführungen anbietet, hatte eine wunderbare Route ausgesucht: eine gute Mischung aus Stadt und Natur, vorbei an Schlössern und kulturellen Spuren, und am Ende zurück entlang der Elbe. Nach gut dreieinhalb Stunden waren wir alle froh, wieder im Warmen zu sitzen. Wir tauschten uns noch aus, und trotz der Anstrengung und der klimatischen Herausforderung war es für alle eine sehr schöne Erfahrung.
Ich danke Kultur Aktiv e.V. für die Kooperation, fürs Organisieren und für ihr Engagement. Und ganz besonders Jana.
