Tag 226 – Über Eis gehen


In den letzten Wochen war das Eis mein ständiger Lehrmeister. Ich habe viel über das Gehen auf gefrorenem Boden gelernt, zuerst an mir selbst und nebenbei beim Beobachten der Menschen um mich herum. Dabei ist mir etwas aufgefallen, das ich gut von mir kenne: Je mehr Angst ich davor habe zu stürzen, desto angespannter wird mein Körper. Und je steifer ich werde, desto eher habe ich das Gefühl, wirklich ins Rutschen zu kommen.
Wenn es mir gelingt, etwas lockerer zu bleiben, sieht das ganz anders aus. Dann finde ich nach einem kurzen Rutschen oft wie von selbst wieder ins Gleichgewicht, schlittere ein wenig und kann mich fangen. Wenn ich Kindern und Jugendlichen auf dem Eis zuschaue, merke ich, wie spielerisch das auch gehen kann. Sie probieren aus, testen Grenzen und lachen, wenn sie hinfallen und wieder aufstehen. Das berührt mich, weil ich spüre, wie sehr mir diese Leichtigkeit manchmal fehlt.
In den letzten Tagen habe ich gemerkt, wie nah dieses Erleben auf dem Eis an manches herankommt, was mich im Leben begleitet. Auch dort kenne ich diese innere Anspannung vor einem möglichen „Sturz“, vor dem Scheitern oder Misslingen. Und ich sehe, wie ich manches dadurch eher verhindere, als dass ich es mir erleichtere. Das Eis erinnert mich daran, dass ich üben kann, trotz der Unsicherheit einen Schritt zu machen, ein wenig weicher zu werden, mir zu erlauben zu rutschen und mich wieder zu fangen. Und dass es oft nicht der Sturz selbst ist, der mich am meisten beschäftigt, sondern die Angst davor, die schon lange vorher in mir unterwegs ist.


