Tag 239 – Zuhören im Herzen der Sammlung des MdbK Leipzig

An diesem Tag war ich an einem besonderen Ort zu Gast, mit dem ich ehrlich gesagt nicht mehr gerechnet hatte: im Museum der bildenden Künste Leipzig – der bisher größten und renommiertesten Institution, die mein Projekt beherbergt hat.
In den vergangenen acht Monaten haben wir viele große Kunstmuseen entlang meines Weges angeschrieben, ob „Ich höre zu – Ein Jahr im Schweigen“ dort eine Station haben könnte. Wenn überhaupt eine Antwort kam, war sie fast immer ähnlich: Das Programm stehe schon fest, es gebe keine Kapazitäten mehr, die Planung laufe oft Jahre im Voraus. Und ich verstehe das: Ein Projekt wie meines, das sich nicht exakt durchplanen lässt, passt nicht leicht in solche Strukturen. Bis drei, vier Wochen vor meiner Ankunft fällt es mir schwer, einen Termin wirklich verbindlich zu bestätigen – zu viel kann unterwegs passieren.


Ehrlich gesagt hatte ich mich innerlich deshalb längst von dem Wunsch verabschiedet, mein Projekt in den „Tempeln“ der Kunst platzieren zu können. Ich hatte akzeptiert, dass die Leichtigkeit des (Unterwegs)-Seins, die davon lebt, auf das zu reagieren, was sich gerade ergeben will, nicht gut zu Museumsschiffen mit jahrelangem Vorlauf passt. Mein Projekt hat dadurch eine andere Wendung genommen: Ich bin aus der Kunstblase herausgetreten und mitten in der Welt gelandet – und das war gut so.
Am Anfang war es schmerzhaft. Ich war innerlich noch sehr in dem Bild verhaftet, dass ein Kunstprojekt erst dann „wirklich“ zählt, wenn es von Institutionen gerahmt und bestätigt wird. Unterwegs durfte ich aber lernen: Es kommt für mich weniger auf die Orte an als auf die Begegnungen. Und die können am Küchentisch genauso tief sein wie in einer Kirche, auf einer Parkbank oder beim gemeinsamen Gehen.
Und trotzdem war es nun etwas besonderes, dass das MdbK mir eine Station ermöglicht hat – vor allem weil die Initiative gar nicht von uns ausging. Eine Mitarbeiterin des Museums hatte von meinem Projekt im Reallabor gehört, wo ich an den folgenden zwei Tagen zu Gast sein würde. Sie hatte das Gefühl: Das passt auch zu uns, in unseren [next;raum].
Das MdbK verfolgt eine Vision, die ich sehr begrüße: Man möchte das Museum nicht mehr als Tresor für alte Schätze verstanden wissen, sondern als aktiven Begleiter unserer Zeit – als einen Ort, der sich traut, mitten im Ausstellungsraum Platz für das Ungeplante zu schaffen, und an dem Inklusion und Teilhabe wirklich gelebt werden. Hier sind die Menschen nicht mehr nur betrachtendes Publikum, sondern aktiv Gestaltende. Das Haus öffnet sich bewusst für Themen, die heute relevant sind, und entwickelt Formate, die zum Mitwirken einladen.

Mitten in der ständigen Sammlung ist dafür der [next;raum] entstanden – ein Experimentierfeld, das Besuchende zu Teilnehmenden macht. Hier kann das Museum Dinge erproben, die sich nicht Jahre im Voraus durchplanen lassen: kurzfristige Kooperationen, neue Formate, ungewohnte Perspektiven. Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen bringen ihre eigenen Fragen und Geschichten ein – neben dem kunsthistorischen Kanon bekommen hier auch Erfahrungen Raum, die sonst leicht übersehen würden. Es ist also ein Ort, der wie dafür geschaffen ist, Begegnungen mit mir zu ermöglichen und Menschen ohne Erwartungen zuzuhören.
Meine Ansprüche an den Ort sind ja denkbar schlicht: zwei Stühle, ein kleiner Tisch, ein halbwegs ruhiger Platz – und Menschen, die bereit sind, sich einzulassen. Im MdbK fand ich mich plötzlich im Herzen der Sammlung wieder. Während im Nebenraum die Meisterwerke der Renaissance hingen – stumme Zeugen der Geschichte –, saß ich direkt daneben: ein Wanderer, ebenfalls stumm, der jedoch die Geschichten der Gegenwart sammelte. Viel prominenter hätte man den [next;raum] und mich kaum platzieren können.

In den vier Stunden, die ich dort war, war ich vielleicht zwanzig Minuten allein. Die Leute, die zum Erzählen kamen, sind gezielt wegen meines Projekts ins Museum gekommen. Dazwischen setzte sich immer wieder die Volontärin zu mir, die mich an diesem Tag begleitete. Sie erzählte mir mehr über das Leitbild des Hauses, über den [next;raum] und darüber, wie sich Museen in Zukunft verstehen könnten – und welche Schwierigkeiten das mit sich bringt. Ich hörte zu.
Interessant fand ich in diesem Zusammenhang das Bild vom „dritten Ort“, das sie mir erklärt hat. In der Stadtplanung ist damit ein Raum gemeint, der weder das Zuhause (1. Ort) noch die Arbeit (2. Ort) ist. Ein Museum als „dritter Ort“ ist ein Ankerpunkt im öffentlichen Raum – ein Ort, an dem man sich gerne aufhält, ohne konsumieren oder leisten zu müssen. Ein Raum der Gemeinschaft, ähnlich wie eine gute Bibliothek: Man geht hin, weil die Atmosphäre einen lockt, weil man dort auf Wissen und auf Menschen trifft und einfach sein darf.
In einer Zeit, in der man von zu Hause aus virtuell die außergewöhnlichsten Dinge sehen kann, brauchen Museen gute Gründe, warum sie trotzdem noch gebraucht werden. Nur mit klassischen Museumsschauen können – abgesehen von wenigen großen, gut ausgestatteten Häusern – viele Institutionen diesem Wandel auf Dauer kaum etwas entgegensetzen. Hier stärker auf echte Begegnungen in der realen Welt zu setzen, kann ich sehr gut nachvollziehen.
Umso mehr habe ich mich gefreut, mit meinem stillen Zuhören einen Beitrag dazu leisten zu dürfen, diesen „dritten Ort“ im Herzen des Museums für einen Tag mit Leben zu füllen.
Mein Dank geht an das MdbK für die kurzfristige Einladung – besonders an Kirsten Lemm, die diese Station möglich gemacht hat, an Lucas Kreß für die Betreuung und an Julia Beckmann, die mich vor Ort begleitet und mir so viel über das Museum und seine Zukunftspläne erzählt hat.
