Tag 242 – Bei Heiko: Im Sog der Stille – Ein Tag, der nachhallt
In Leipzig hatte ich drei Stationen, die unterschiedlicher kaum hätten sein können: ein Tag im Museum der bildenden Künste, ein Tag im Reallabor und schließlich ein Tag in der Praxis von Heiko, der wie ich Achtsamkeits- und Meditationslehrer ist.
Jana, die ich im November in Buxtehude besucht hatte, hatte ihr Netzwerk entlang meiner Strecke aktiviert und einige Menschen angeschrieben. Heiko war neugierig und lud mich in seine Praxis ein, ohne genau zu wissen, was da auf ihn zukommen würde.
Der Termin fiel auf einen Tag, an dem er morgens ohnehin eine „Sangha“ anbot, also eine zen-buddhistische Meditationspraxis mit Sitzen und Gehmeditation im Wechsel, zu der er mich einlud. Im Anschluss hatte er Interessierte zu einem Tag der Achtsamkeit eingeladen: Meditationen, Gesprächsrunden und ein gemeinsames Mittagessen in lockerer Atmosphäre. Wer wollte, konnte zwischendurch zu mir in den Nebenraum kommen, sich dazusetzen und mir etwas erzählen.
Dieses Setting hat die Begegnungen spürbar verändert. Es macht einen Unterschied, ob man direkt von der Straße in eine Begegnung mit mir stolpert, ob ich zum Beispiel in einem Museum sitze, in dem ständig Bewegung ist, oder in einer Kirche. All diese Orte funktionieren auf ihre Weise. Anders ist es, wenn man vorher eine Stunde lang die Gedanken sortiert und zur Ruhe gekommen ist. Das Feld, das Heiko und die Teilnehmenden bereitet hatten, war von einer ganz eigenen Resonanz geprägt.
So intensiv wie an diesem Tag bei Heiko war es für mich bisher noch nie. Ob es allein am Setting lag, an der Haltung der Menschen oder an meiner eigenen Tagesform – ich kann es nicht mit Sicherheit sagen. Wahrscheinlich kam vieles zusammen.
Mit einigen saß ich zunächst einfach lange in Stille. Zehn, manchmal zwanzig Minuten, ohne ein Wort. Und diese Stille war nicht unangenehm. Im Gegenteil: Sie war oft sehr klar und tragfähig. Das ist nicht selbstverständlich. Es geht nicht mit jedem Menschen und nicht an jedem Ort.
An diesem Tag sind auch häufig Tränen geflossen. Es war viel da. Viel, das gehalten werden wollte.
Und etwas geschah mit mir, das ich schwer greifen kann. Wie auch sonst richtete ich immer wieder eine Frage an mein Gegenüber oder notierte wenige Sätze auf meinem Tablet. Normalerweise denke ich über meine Worte nach, wäge sie ab. Doch diesmal war es anders.
Die Worte flossen einfach aus mir heraus. Ich wusste zu Beginn eines Satzes oft nicht, wie er enden würde, und war über die Klarheit dessen, was dort stand, selbst am meisten erstaunt. Es fühlte sich an wie ein Flow-Zustand, in dem kein bewusstes Denken mehr nötig war. Es war kein neu gelerntes Wissen, das ich dort notierte, sondern eher etwas tief Verinnerlichtes, das über lange Zeit gereift war und nun seinen Weg fand, mitgeteilt zu werden. Und manchmal fühlte ich mich nicht einmal wie der Urheber dieser Sätze und fragte mich, woher sie kamen. Dazu kam ein Gefühl von Verbundenheit, mit den anderen, aber vor allem mit mir selbst, dass mich durch diesen Tag getragen hat.
Ich saß insgesamt sechs Stunden im Nebenraum, nur mit einer kurzen Pause für ein schnelles Mittagessen. Fast durchgehend war jemand bei mir. Zum ersten Mal in diesen acht Monaten war es sogar so, dass mehr Menschen da waren, als ich an diesem Tag tatsächlich zuhören konnte. Zwei sind wieder gegangen, ohne dass wir zusammensitzen konnten.
Der Letzte war Heiko selbst, der parallel im Hauptraum seinen Achtsamkeitstag begleitet hatte. Auch er sagte am Ende, dass es ein besonderer Tag gewesen sei. Die Stimmung sei auch bei ihnen im Raum ungewöhnlich gewesen, und die Gespräche zwischen Menschen, die sich zum Teil gar nicht kannten, hätten eine besondere Offenheit gehabt.
Ich selbst hatte am Ende das Gefühl, noch nicht ganz wieder bei mir zu sein. Nicht im dramatischen Sinn, eher so, als wäre ich innerlich noch zu weit offen und noch nicht richtig zurück im Alltag.
Deshalb habe ich Heiko gefragt, ob wir uns zum Abschluss noch einmal 20 bis 30 Minuten gemeinsam in Stille hinsetzen können. Er fand die Idee gut. Und tatsächlich: Mit dem Ende der Meditation verschwand der Zauber dieses Tages, und ich hatte wieder Boden unter den Füßen. Danach war ich nicht mehr in dieser besonderen Wachheit, sondern einfach nur sehr müde.
Es war die erste offizielle Station auf meiner Reise, bei der ich vergaß, Bilder vom Ort und von der Gesprächssituation zu machen, die den Menschen, die mir folgen, ein Bild davon vermitteln, in welcher Welt ich gerade eingetaucht bin. An diesem Tag war das einfach nicht wichtig. Mein Handy lag nicht in meiner Hand, und ich habe es schlicht vergessen.
Als ich Heiko zum Abschied ein paar Dankesworte auf mein Tablet schrieb, unterliefen mir in fast jedem zweiten Wort Fehler. Buchstaben fehlten, Wörter verrutschten. Meine Legasthenie, die in Momenten großer Erschöpfung immer wieder durchbricht, war wieder deutlich da. Der Kontrast hätte kaum größer sein können. Die Leichtigkeit des Schreibens, der Flow, war weg. Ich war wieder ganz in meinem Körper, in meiner Müdigkeit und an meinen Grenzen. Es war Zeit, nach Hause zu kommen und nach mir zu schauen.
Ich habe auf dieser Reise schon viele intensive Begegnungen erlebt. Aber was an diesem Tag in Leipzig geschah, entzieht sich einer einfachen Beschreibung. Es war ein Tag, der noch lange in mir nachhallen wird.
Ein herzliches Dankeschön geht an Heiko, der diesen besonderen Tag für mich ermöglicht hat und für mich und die Teilnehmenden ein solches Feld bereitet hat.