Tag 245 – Wenn Mauern Geschichten erzählen: Eine Nacht allein in der alten Kirche

An diesem Tag durfte ich an einem sehr außergewöhnlichen Ort in Merseburg übernachten: in der rund 1000 Jahre alten romanischen Neumarktkirche. Auf der Empore im hinteren Teil der Kirche war die Pilgerherberge eingerichtet, mit einem wunderschönen Blick über das gesamte Kirchenschiff bis hin zum Altar.
Diese Kirche hat mich besonders beeindruckt, weil sie fast vollständig von ihrem Inventar befreit war. Es gab eigentlich nur den Altar und ein sehr modernes, großes Kreuz im vorderen Teil der Kirche, dazu ein Relief am Boden, das mit dem Kreuz in Korrespondenz stand. Mehr nicht. Und genau das machte etwas mit mir.
Dieser große, leere Kirchenraum, wie man ihn sonst kaum kennt, verlieh der Kirche eine besondere Kraft. Sie war praktisch auf ihre tausend Jahre alte Architektur reduziert. Fast ohne Schmuck, fast ohne Ablenkung konnte der Raum einfach Raum sein. Ein Ort, den man nicht so sehr betrachtet, sondern betritt. Und der einen dann einlädt, ihn mit den eigenen Gedanken zu füllen, oder sie einfach fallen zu lassen.
Und in diesem besonderen Raum, in dem die Gedanken manchmal wenig Halt finden, durfte man auch noch übernachten. Ich war begeistert.

Der Pfarrer hatte mich in einer Nachricht schon vorgewarnt: In der Kirche sei es sehr kalt, eine Übernachtung empfehle er nur mit einem wirklich guten Schlafsack. Draußen war der erste „warme“ Tag in diesem Jahr mit 12 Grad. Drinnen lag die Temperatur gerade mal bei 4 Grad. Die Wände strahlten die Kälte ab. Dazu kam die hohe Luftfeuchtigkeit. Ich redete mir ein, dass ich in letzter Zeit schon kältere Nächte verbracht hatte.
Ich weiß nicht, ob man in eine Kirche muss, um Gott zu suchen oder zu beten. Das muss jede und jeder für sich selbst entscheiden. Aber diese Häuser, wie auch alte Tempel, Moscheen und andere spirituelle Orte, haben auf mich eine besondere Anziehung. Es geht eine Kraft von ihnen aus. Sie sind Geschichte, und sie können Geschichten erzählen. Und ich war da, alleine, um ihnen zuzuhören.

Als ich losgegangen bin, lag mein Fokus auf dem Zuhören der Menschen. Mittlerweile hat sich der Raum geweitet. Ich höre den Vögeln zu und glaube, sie besser verstehen zu können. Dem Rauschen des Windes. Dem Plätschern eines Baches. Und ja, manchmal auch einer alten Kirche.
Man muss dafür nicht gläubig sein, nicht einmal spirituell. Sich einfach hinzusetzen, still zu werden und sich bewusst zu machen, dass an diesem Ort in den vergangenen 1000 Jahren Menschen schon bei Eiseskälte im Winter ausgeharrt haben. Menschen, die während Hungersnöten und Kriegen um Frieden und ums Überleben gefleht haben. An diesem Ort wurden Hochzeiten gefeiert, Taufen, Erntedankfeste. Diese Mauern haben unzähligen Gebeten, Fürbitten und Predigten gelauscht. Bestimmt haben sich auch größere und kleinere Dramen abgespielt. Und Wunder. 1000 Jahre sind eine lange Zeit.
Und nun durfte ich eine Nacht alleine in diesen Gemäuern verbringen. Lauschen. Den Geschichten, die sich in ihnen abgespielt haben. Sind sie wirklich verklungen – all diese Stimmen?
Wenn man sich darauf einlässt, kann man sie vielleicht noch erahnen. Oder vielleicht spielt einem die eigene Fantasie etwas vor, wer weiß das schon an einem solchen Ort, an dem die Zeit angehalten zu haben scheint.

Es war gefühlt die kälteste Nacht meiner Reise. Trotz Wärmflaschen, die für die Pilger auslagen, kroch diese feuchte Kälte in die Knochen. Erst im Schlafsack war es halbwegs auszuhalten. Und trotzdem habe ich ausgesprochen gut geschlafen. An Träume konnte ich mich am nächsten Morgen nicht erinnern.
In vollkommener Stille habe ich mich in den frühen Morgenstunden in viele Wolldecken gewickelt, noch einmal eine Stunde meditiert und in die Kirche gelauscht, bis die Morgendämmerung den Raum erhellt hat. Dann begannen die Tauben auf den Fenstersimsen zu gurren und ihre Balztänze aufzuführen, und die Stimmen wurden langsam leiser.
Als ich alles gepackt hatte und durchfroren, mit eiskalten Händen, die Kirche verlassen habe, war es wie ein kleines Wunder: Sobald ich vor die Tür trat, war ich mit drei Schritten direkt aus dem Winter in den Frühling getreten.
Es passt zu dieser Nacht. Zu den Geschichten, denen ich lauschen durfte. Aus einem kalten Raum ohne Zeit tritt man hinaus in die milde Luft des Morgens.
