Tag 246 – Zu Gast bei Andrea und Thomas: Gedanken über die Liebe

Wie schon öfter in den letzten Wochen durfte ich an diesem Abend in einer privaten Pilgerherberge zu Gast sein. Auch hier traf ich auf zwei Herbergsbetreiber, die mich sofort neugierig gemacht haben: Andrea und Thomas.
Nach meiner Ankunft luden sie mich erst einmal auf einen Tee ein. Vierzehn Jahre betreiben sie diese Herberge nun schon. Vierzehn Jahre, in denen unzählige Menschen bei ihnen gestrandet, angekommen, durchgeatmet und weitergezogen sind. Und mit jedem Pilger ist etwas ins Haus gekommen, das bleibt.
Thomas erzählte von einem Schweizer, der unangemeldet vor der Tür stand, während niemand zu Hause war. Am Telefon erklärte Thomas ihm, wo der Zweitschlüssel versteckt ist, wo im Haus sein Zimmer sei und dass er sich am Kühlschrank bedienen solle – mit allem, was er brauche. Der Mann konnte es kaum glauben und wollte das Angebot zunächst nicht annehmen. Später rief er noch einmal an, weil er keine andere Unterkunft gefunden hatte. So ein Vertrauen, sagte Thomas, habe er bis dahin nicht erlebt.
Dann gab es den Pilger, der ohne Geld unterwegs war und sich seine Reise verdiente, indem er Elektrogeräte reparierte. Unterkunft gegen Hilfe. Ein gelernter Elektriker, der aus Mangel eine Fähigkeit machte. Während ich zuhörte, wurde mir wieder bewusst, wie sehr Pilgern auch bedeutet, sich dem Vertrauen anderer auszusetzen – und selbst Vertrauen zu wagen.

Später ging ich mit Andrea am nahegelegenen See spazieren. Das Dorf liegt an einem ehemaligen Kohletagebau, der mit Wasser gefüllt wurde – eines der ersten Naherholungsgebiete dieser Art, schon zu DDR-Zeiten. Andrea erzählte mir viel über den Osten: wie es früher war, was die Wende verändert hat und wie dieses Dorf heute lebt. Sie sagte, wie einschneidend diese Zeit für viele Menschen gewesen sei – so einschneidend, dass manche bis heute vor schnellen Veränderungen zurückschrecken und große Verlustängste in sich tragen. Und zugleich erzählte sie auch das Gegenteil: Wer einmal so einen Umbruch erlebt und überlebt hat, den wirft so leicht nichts mehr aus der Bahn, weil man gelernt hat, auch mit wenig zurechtzukommen. Ich glaube, beides stimmt. Die einen tragen daran schwer, und die anderen werden gerade deshalb stark. Manchmal sogar beides zugleich – in unterschiedlichen Bereichen des Lebens.
Andrea selbst ist auch Achtsamkeitslehrerin, gibt aber keine Kurse mehr. Von meinem Projekt ist sie sehr angetan. Sie ist praktizierende Buddhistin in der tibetischen Neuen Kadampa Tradition. Ich habe mich in den letzten Jahren viel mit Buddhismus auseinandergesetzt, aber mit den vielen Buddhas, Ritualen, Göttern und Zeremonien ist der tibetische Buddhismus eine Welt geblieben, die mir fremd ist – wie aus einer anderen Wirklichkeit. Entsprechend neugierig habe ich ihren Erzählungen gelauscht. Sie war außerdem selbst mehrfach auf dem Jakobsweg unterwegs.

Thomas hingegen meditiert nicht und hat mit Buddhismus wenig am Hut. Pilgern entspricht nicht seiner Art zu leben und unterwegs zu sein. Er ist eher der Handwerker, der Bastler, der ihr Haus zum großen Teil selbst gebaut hat und sich um alle technischen Details kümmert. Der Garten ist ein Sammelsurium aus Maschinen, Materialien und Fundstücken. Thomas ist, im besten Sinn, ein Jäger und Sammler. Für alles gibt es irgendwann noch eine Verwendung.
Selbstironisch sagt er von sich:
„Das ist keine Unordnung, hier liegen nur überall Ideen herum.“
Und auch wenn sich Thomas nicht dem Studium fernöstlicher Philosophien widmet und sich eher um die weltlichen Dinge kümmert, hatten seine Worte eine große Tiefe. Er sprach von einer Zeit, in der fast alles ins Wanken geraten war – und davon, dass er sich daraus mühsam wieder herausgearbeitet hat. Manchmal sind Erfahrungen dieser Art so prägend wie eine tägliche spirituelle Praxis, nur ohne die Begriffe dafür.
Unterschiedlicher hätten die beiden kaum sein können. Und genau deshalb war es so berührend, ihnen zuzuhören. Ich merkte schnell: Heute geht es gar nicht nur um Pilgern, sondern um etwas, das ich als Liebe lesen würde.
Denn obwohl ihre Welten so weit auseinanderliegen, war zwischen ihnen ein stilles und zugleich sehr deutliches Miteinander spürbar. Wenn Andrea in ihren buddhistischen Bildern unterwegs war, hörte Thomas aufmerksam zu. Nicht so, als würde er alles teilen, sondern so, als würde er sie ernst nehmen.
Als ich mit Andrea durch den Garten ging, erzählte sie mir davon, wie Thomas die Hofeinfahrt nach ihren Vorstellungen gestaltet hat – aus gefundenen Materialien. Das Sammeln ist seine Leidenschaft, sagte sie. Das handwerkliche Arbeiten sei seine Meditation, dieses Sichversenken in den Prozess. Und sie sagte das nicht abwertend. Im Gegenteil: In ihrer Stimme lag Hochachtung.
Genauso viel Respekt hatte Thomas für ihr Tun. Als Praktizierende der Neuen Kadampa Tradition führte Andrea mit Mönchen und Nonnen eine Feuerpuja in ihrem Garten durch. Thomas half bei den Vorbereitungen maßgeblich mit. Der Buddhismus, diese Rituale – all das entspricht nicht seiner Art zu denken und zu leben. Und trotzdem unterstützte er es, weil es für Andrea wichtig ist.
Je länger ich bei ihnen war, desto klarer sah ich diese Gegensätze – und zugleich diesen Respekt für den anderen in seiner Andersartigkeit. Das hat mich sehr bewegt.
In meiner Vorstellung definiert sich eine gute Beziehung oft darüber, dass man viele Überschneidungspunkte hat. Dass man ähnliche Interessen teilt, gerne dieselben Wege geht. Das ist natürlich einfacher. Aber bei Andrea und Thomas habe ich gespürt, dass es auch dann funktionieren kann, wenn man sehr unterschiedliche Wege geht.
Vielleicht zeigt sich gerade dann, ob eine Beziehung mehr ist als gemeinsamer Geschmack: wenn man den anderen unterstützt, auch in Dingen, die einem selbst nie in den Sinn kämen. Nicht, weil man sie plötzlich übernimmt, sondern weil man merkt: Das gehört zu diesem Menschen. Das lässt ihn oder sie aufblühen. Und das ist wichtig.
Dazu gehört auch ein achtsames, wertfreies Zuhören. Wenn man innerlich abschaltet, sobald der andere von etwas erzählt, das einem selbst fern ist, dann redet man irgendwann aneinander vorbei. Bei Andrea und Thomas war das Gegenteil spürbar. Diese gegenseitige Wertschätzung war fast körperlich im Raum – auch bei Themen, die den jeweils anderen nicht betreffen.
Natürlich war ich nur eine Nacht dort. Viel zu kurz, um wirklich zu wissen, wie ihr Alltag aussieht, wo es Reibung gibt, welche gemeinsamen Felder sie vielleicht doch verbinden. Aber sie haben in mir eine Frage neu geöffnet, die mich auf dieser Reise immer wieder begleitet: Was macht für mich eine gute Beziehung aus?
In den letzten Wochen habe ich mir oft gewünscht, dass Flavia, meine Frau, mich öfter begleiten könnte. Im Winter war das für sie ausgeschlossen. Sich freiwillig der Kälte auszusetzen, das war nicht einmal als Gedanke attraktiv. Und andersherum ist es genauso klar, dass sie sich einen Mann wünscht, der nicht ein Jahr lang schweigend durch Deutschland wandert, sondern an ihrer Seite ist, wenn sie ihn braucht. Gerade sind wir durch mein Tun in zwei verschiedenen Welten unterwegs.
Und ein solches Projekt bringt es mit sich, dass man sich selbst und die Beziehung hinterfragt. Wie viel Unterschied verträgt eine Beziehung? Wo sind die Limits? Dafür gibt es keine Regeln. Das muss jedes Paar selbst definieren und Entscheidungen treffen.
Aber vielleicht ist eine Basis davon genau das, was ich an diesem Abend so deutlich gespürt habe: Den anderen sein lassen zu können, wie er ist. Nicht zu versuchen, ihn nach den eigenen Vorstellungen zu formen. Und sich trotzdem für ihn zu interessieren. Ihn zu unterstützen, auch in den Dingen, die einem selbst nicht nahe stehen.
Vielleicht ist das einer der wichtigsten Aspekte der Liebe.
Nicht Gleichheit.
Sondern Respekt.
Aufmerksamkeit.
Zuhören.
Und der Mut, dem anderen Raum zu geben. Und zugleich die Aufgabe, sich selbst dabei nicht zu verlieren, die eigenen Grenzen zu kennen, die Offenheit des anderen nicht auszunutzen und klar zu artikulieren, wenn Grenzen überschritten werden. Das ist ein großes Übungsfeld, in dem es für mich noch viel Wachstumspotenzial gibt.
Vielleicht ist das das, was ich von Andrea und Thomas mit auf meinen Weg genommen habe.