Tag 247 – Eine Begegnung jenseits der Meinung

Nach einem Frühstück mit Andrea und Thomas habe ich mich noch mit Andrea zur Meditation hingesetzt, vor ihrer großen Buddhastatue. Sie hatte für uns einen Platz hergerichtet. Es war sehr schön, und Andrea bedankte sich herzlich für die Initiative, gemeinsam in die Stille zu gehen. Man esse mit Gästen, unterhalte sich, tausche vieles aus, sagte sie, aber gemeinsam still zu werden, das mache man fast nie. Für sie war es etwas Besonderes.
Nach einer warmen Verabschiedung bin ich aufgebrochen.
Nach mehreren grauen und nassen Tagen zeigte sich blauer Himmel, doch es ging ein starker Wind. Er trug schon etwas Frühling in sich, aber ich musste immer wieder gegen ihn ankämpfen. Zum ersten Mal seit Monaten hatte ich zudem eine längere Steigung zu bewältigen. Oben angekommen lag vor mir die Saale, und in der Ferne zeichneten sich die ersten Hügel ab. Regenwolken ließen ihre Ladung irgendwo dort drüben niedergehen, an mir zogen sie wieder vorbei.
Das Flachland lag nun endgültig hinter mir. Ich freute mich über die Abwechslung, zugleich bedeutete es: Von nun an würde ich fast täglich Hügel erklimmen. Wollte ich mein bisheriges Tagespensum von etwa 18 Kilometern beibehalten, würde das je nach Etappe deutlich anstrengender werden.
Einige Kilometer führte mich der Weg über den Kamm eines Hügels mit Windrädern. Der Wind trieb sie kräftig an und wehte auch mir ins Gesicht. In der Ferne sah ich den Waldrand, wo ich mir ein sonniges, aber windgeschütztes Plätzchen suchte. Unter einem großen Baum stand eine Bank, auf die ich zielstrebig zusteuerte. Genau so einen Ort hatte ich mir gewünscht.

Ich war noch etwa 50 Meter entfernt, als von der anderen Seite ein Mann kam. An seinem Blick und seinem Schritt merkte ich sofort, dass auch er diese Bank ansteuerte. Ich war etwas schneller. Zum Glück, denn wenn man nicht sprechen kann, ist es schwierig zu fragen, ob man sich dazusetzen darf. Jemanden hingegen mit einer Geste einzuladen, dass noch Platz ist, ist viel einfacher.
So lud ich ihn freundlich ein, sich zu setzen, reichte ihm mein Kärtchen und nickte auf seine Frage, ob ich ein „echter Pilger“ sei. Er nahm die Einladung gern an, stellte sich vor. Ich nenne ihn hier Andreas, der Name ist geändert. Und dann begann er zu erzählen.
Seit dem Herbst verspüre er immer wieder starken Druck im Brustraum. Ein befreundeter Kardiologe habe sein Herz untersucht, zum Glück sei alles in Ordnung. Ein Langzeit-EKG habe jedoch gezeigt, dass Puls und Blutdruck zu hoch seien. Um kein Risiko einzugehen, müsse er nun Betablocker nehmen. Dagegen habe er sich lange gewehrt, weil er in seinem Umfeld erlebt habe, dass Menschen danach wie ruhiggestellt wirkten, mit einer Gleichgültigkeit, die ihm Angst mache. So wolle er nicht werden. Gleichzeitig blieb der Druck, und er fühlte sich ausgebrannt. Im Winter sei beruflich normalerweise weniger los, das sei sonst seine Zeit zum Erholen. Dieses Jahr habe es nicht funktioniert.
Dann erzählte er, dass er einer Bürgerinitiative gegen Windräder in Thüringen vorstehe. Immer mehr Leute würden einknicken, sagte er, inzwischen auch in der CDU, die früher ebenfalls dagegen gewesen sei. Er sei lange politisch im Landkreis aktiv gewesen, parteilos auf einem der letzten Listenplätze aufgestellt worden und überraschend gewählt. In Thüringen kenne er viele Politiker. Er sei in Kontakt mit Mario Voigt, dem Ministerpräsidenten, und auch mit Leuten wie Hans-Georg Maaßen und Thomas Kemmerich pflege er ein gutes Verhältnis – Namen, die in den letzten Jahren oft in den Schlagzeilen waren. Auch zur AfD habe er Kontakt, aber denen traue er nicht über den Weg. Zwischen diesen Erzählungen brachen immer wieder Wutanfälle hervor, vor allem gegen die Grünen, die hier alles kaputt machen würden. Er erklärte mir, warum das mit den Windrädern Wahnsinn sei: Schon jetzt würden sie so viel Strom erzeugen, dass man sie ständig abschalten müsse, keine Speicher in Sicht, steigende Preise.
Und da saß ich ihm gegenüber. Ein linker Künstler, wohl am ehesten dem grünen Lager zuzurechnen. Und ich hörte einfach zu. Es fiel mir nicht einmal schwer. Früher hätte ich mich persönlich angegriffen gefühlt, es gab genug Aussagen, die mich getriggert hätten. Aber außer dass ich schweige und zu Fuß unterwegs bin, wusste er ja nichts von mir. Seine Worte waren nicht gegen mich gerichtet. Es war seine angestaute Wut, die durchklang und ihn immer wieder vereinnahmte.
Bis zu diesem Zeitpunkt war mir an diesem Tag kein anderer Mensch begegnet. Selbst auf der Landstraße zuvor fuhren nur zwei, drei Autos an mir vorbei. Die nächste Ortschaft lag vier Kilometer entfernt. Spaziergänger sieht man hier selten, meist nur mit Hund und nahe am Dorf. Dass ich ausgerechnet an einem Wochentag, an dem scheinbar niemand unterwegs war, genau in diesem Moment auf Andreas traf und wir beide auf dieselbe Bank wollten, fühlte sich für mich nicht zufällig an. Und wenn es einen Grund für dieses Zusammentreffen gab, dann sicher nicht den, mich mit ihm über politische Themen zu streiten.
Weil ich ihm vermittelte, dass ich gerade dem Jakobsweg folge und in Pilgerherbergen unterkomme, sah er in mir vor allem den Pilger. Und da er bekennender Christ war, hatte das Pilgern eine große Anziehung für ihn. Er meinte, er hätte vielleicht auch einfach losziehen sollen, dann wäre es nicht so weit gekommen.
Ich schrieb ihm auf: Er könne seine Sachen packen und morgen losgehen. In drei bis vier Monaten könne er Santiago erreichen. Und ohne zu wissen, woher ich die Selbstsicherheit für eine solche Aussage nahm, schrieb ich ihm auch, dass er dann vielleicht schon bald keine Blutdrucksenker mehr bräuchte, dass Gehen die beste Medizin sei und er als ein anderer Mensch zurückkehren könne. Auch er hatte das Gefühl, dass unsere Begegnung nicht zufällig war. Ich sah, wie es in ihm arbeitete, wie er Möglichkeiten durchspielte. Am liebsten wäre er sofort losgelaufen. Er wollte zumindest mit seinem Arzt sprechen. Seine Frau habe ihn ohnehin schon ermutigt, einmal auszusteigen, um wieder Boden unter die Füße zu bekommen.
Wir saßen bestimmt eine Stunde auf der Bank, und in dieser Stunde wurde es stiller in ihm. Weil Mittagszeit war, packte ich Nüsse und Müsliriegel aus und teilte sie mit ihm. Danach wollte er mich noch ein Stück begleiten, bis Freyburg an der Unstrut. Auf dem Weg blieb sein Blick oft am Boden hängen, als würde er dort nach Halt suchen. Ich schrieb ihm auf, er solle zwischendurch den Kopf heben und die Umgebung aufnehmen. Und immer wieder bemerken, wenn man in den alten Trott verfällt und auf den Boden schaut, sich wieder aufrichten. Eine kleine Übung, die erstaunlich viel verändern kann. Und falls er wirklich losziehen würde, wäre genau das wohl eine der wichtigsten: präsent gehen, nicht nur Strecke machen.
Ich konnte beobachten, wie sich sein Blick auf den drei Kilometern durch den Wald klärte, auch wenn er Schwierigkeiten hatte, mit meinem Tempo mitzuhalten.
In Freyburg angekommen, wollte er mich zum Mittagessen einladen. Offen hatte an diesem Montagnachmittag nur ein etwas gehobeneres Weinlokal, aber das hielt ihn nicht davon ab zu betonen, ich könne mir aussuchen, was ich wolle.
So saßen wir beide beim Mittagessen, aus völlig unterschiedlichen politischen Welten, und ich musste feststellen, dass ich Andreas mehr und mehr ins Herz schloss. Bei weitem nicht alles, was er sagte, stand im Gegensatz zu meiner Sicht. Er hatte zum Beispiel noch ein altes Nokia-Tastenhandy, weil ein Smartphone ihn aufsaugen würde, meinte er. Einen Fernseher habe er nie besessen. Freunde wie ein befreundeter Bürgermeister, die sich für einen Job aufopferten, den heute kaum noch jemand machen wolle, könne er nicht hängen lassen. Er unterstütze, wo er könne.
Dass wir uns so offen begegnen konnten, lag sicher auch an meinem Schweigen. Aber nicht nur. Es lag ebenso daran, dass Andreas sich geöffnet hat, sich als Mensch gezeigt hat und sehr ehrlich über seine Gesundheit, seine Erschöpfung und seine Sorgen gesprochen hat. Mein Schweigen war dabei kein missbilligendes, sondern ein offenes, zugewandtes und weitgehend wertfreies.
Durch dieses Zuhören und durch sein Sich-Öffnen sind wir in Verbindung gekommen. Ich konnte den Menschen kennenlernen, der hinter seiner politischen Haltung steht. Ich weiß nicht, ob wir uns gegenseitig je überzeugen würden. Aber ich glaube, wir könnten uns wieder hinsetzen und einander zuhören. Allein das fühlt sich schon nach viel an.
Während wir im Restaurant saßen, regnete es draußen. Wieder einmal zog der Regen an mir vorbei, ohne dass ich ihn hätte beeinflussen können. Als wir später vor die Tür traten, stand ein unglaublich farbintensiver Regenbogen am Himmel. Fast schon zu kitschig in dieser Situation, steht er doch auch für Hoffnung, Frieden und Vielfalt. Wir umarmten uns fest zur Verabschiedung. Andreas versprach, mir eine SMS zu schreiben, falls er sich wirklich auf den Weg machen sollte. Er hatte mein Kärtchen, über die Webseite konnte er meine Nummer finden.
