Tag 250 – Zu Gast bei Roberta

Die Nacht, bevor ich in Jena ankam, habe ich im Zelt verbracht. Auf einem Hügel, vielleicht zehn Kilometer vor der Stadt, auf einem ehemaligen Militärgelände der NVA. Heute ist daraus ein Naturschutzgebiet geworden. Nur vereinzelt sind noch Spuren der Vergangenheit sichtbar, als hätte der Ort beschlossen, sich selbst zu heilen.
Als ich mich am nächsten Morgen von oben kommend Jena näherte, erinnerte mich die Stadt ein wenig an Stuttgart. Eingekesselt liegt sie im Tal, von Höhenzügen umgeben. Oben Wald, unten verdichtet sich alles: Häuser, Straßen, Leben. Ich konnte auf das Zentrum hinunterblicken und spürte dieses vertraute Gefühl, eine Stadt nicht einfach zu betreten, sondern sie erst einmal aus der Ferne zu lesen.
Um 11:30 Uhr war ich mit Roberta verabredet. Sie würde mich für zwei Tage aufnehmen, musste später aber zur Arbeit. Also hieß es: Tempo machen, die letzten Kilometer zügig gehen, ankommen, ohne sich zu verlieren.
Wie Roberta auf mich gestoßen ist, passt zu dieser Reise. Sie hatte im Zug eine Achtsamkeitszeitschrift gefunden, „Moment by Moment“, die ein Passagier liegen gelassen hatte. Darin war vor knapp zwei Jahren ein Artikel über mich erschienen. Beim Umräumen fiel ihr die Zeitschrift irgendwann wieder in die Hände. Sie recherchierte, was aus mir geworden ist, ob es ein neues Kunstprojekt gibt, und stieß auf „Ich höre zu – Ein Jahr im Schweigen“. Vor Monaten schrieb sie mir: Wenn dein Weg über Jena führt, bist du eingeladen.
Als ich dann vor ihr stand, sprach sie nicht. Sie hatte Mittagessen vorbereitet und sich in den Kopf gesetzt, ebenfalls zu schweigen. Auch das Nötigste wollte sie schriftlich klären. Das reduzierte unseren Austausch auf ein Minimum und spiegelte auch mich auf eine Weise, die ich so bisher noch nicht erlebt habe. Normalerweise bin ich derjenige, der schreibt, der formuliert, der reicht. Nun saß auch ich auf der anderen Seite und merkte, wie sehr Tempo und Gewohnheit in Gesprächen sonst den Ton angeben. Wenn niemand schnell antwortet, entsteht nochmals ein anderer Raum. Man hört nicht nur die Worte, man hört auch die Pausen.
Den Nachmittag hatte ich für mich. Ich schrieb, erledigte Organisatorisches und kochte eine Suppe für uns, weil Roberta erst gegen 21:00 Uhr nach Hause kommen würde. Als sie zurückkam, hatte sie ihren Plan, nur schriftlich zu kommunizieren, wieder verworfen. So wurde eine „normale Konversation“ möglich – zumindest in dem Stil, wie ich ihn in den letzten Monaten gelernt habe.
Und dann wurde es lustig.
Roberta begann mich auszufragen, auf eine Art, die mir ebenfalls neu war. Sie wollte nicht, dass ich schreibe, sondern nur mit Nicken oder Kopfschütteln antworte – wie bei „Was bin ich?“, diesem heiteren Beruferaten. Sie stellte Mutmaßung um Mutmaßung an, durchleuchtete mein Leben, ordnete mich ein, verwarf wieder, probierte neue Schubladen. Manchmal lag sie überraschend richtig. Oft lag sie komplett daneben. Und genau das machte den Reiz aus. Dieses Spiel zeigte mir nicht nur, wie sie mich zu verstehen versuchte, sondern auch, welches Bild sie sich von mir gebaut hatte: Herkunft, Biografie, Motivation. Wo sie mich verortete und wo sie gezwungen war, mich neu einzuordnen. Es hatte etwas Ehrliches, fast Entwaffnendes – weil man sonst so selten mitbekommt, in welche Schubladen andere einen stecken, bevor man überhaupt ein Wort gewechselt hat.
Nach dem Essen, es war bereits 22:00 Uhr, wollte Roberta mir noch „kurz“ etwas von Jena zeigen. Daraus wurde eine zweistündige Stadtführung bei Nacht: Zentrum, Parks, Universitätsgebäude, Aussichtspunkte. Jena wirkte im Dunkeln nicht kleiner, eher konzentrierter. Während wir gingen, erzählte Roberta von sich und von einer Stadt, die sie lange verlassen wollte und zu der sie doch immer wieder zurückgezogen wurde.
Mit 17 hatte sie Russland mehr oder weniger Hals über Kopf verlassen, um in Jena an einem Austauschprogramm in Informatik teilzunehmen. Auch, um Abstand zu ihrer Mutter und Familie zu bekommen, was ihr damals enorm wichtig erschien. Später lebte sie in Spanien, Frankreich und der Schweiz und reiste viel – oft als Couchsurferin bei fremden Menschen, oft per Anhalter. Sich treiben lassen, Menschen kennenlernen, Länder erfahren, bevor man sie versteht.
Heute ist Roberta Pflegerin. Sie arbeitet nur 40 Prozent. Genug, um ihr Studium zu finanzieren und vor allem weiter reisen zu können. Geld, sagt sie, brauche sie wenig. Wenn sie irgendwohin wolle, finde sie Wege. Sie müsse sich nur gedanklich in ein Land hineinversetzen, und ehe sie sich versiehe, sei sie dort. Manchmal zu schnell. Manchmal, ohne die Konsequenzen bedacht zu haben. Deshalb habe sie gelernt, vorsichtig zu sein, denn jeder Wunsch, der in Erfüllung geht, kann Nebenwirkungen haben.
Das kam mir bekannt vor. Ich habe ohne große finanzielle Spielräume fast fünfzig Länder bereist. Wenn ich irgendwohin wollte, habe ich meist einen Weg gefunden. Einmal habe ich sogar ein Segelboot zum Landsegler umgebaut, um über die Straßen Patagoniens zu „segeln“ – weil mich dieser ferne Winkel der Welt und die unendliche Weite magisch anzogen. Das klingt nach Freiheit, und es ist auch Freiheit. Aber es ist nie nur das. Jede Entscheidung für Bewegung ist auch eine Entscheidung gegen Stabilität. Ich werde vermutlich nie ein Haus besitzen. Und ich kenne viele, die genau dieses Bild gelebt haben und nun mit dessen Konsequenzen ringen, weil sie vom Leben eigentlich etwas anderes erwartet hatten – Menschen, die nun einen Job machen, den sie nicht mögen, nur damit Auto und Haus bezahlt werden können.
In solchen Momenten wird deutlich, wie mächtig Vorstellungsbilder sind. Die guten wie die schlechten. Sie sind nicht nur Gedanken, sie sind Magneten. Wenn man ihnen viel Energie gibt, setzen sie Kräfte in Bewegung. Manchmal tragen sie einen durch Wüsten, manchmal bauen sie einem ein Gefängnis, ohne dass man es sofort merkt. Und das gilt nicht nur für die großen Lebensentwürfe. Es gilt auch im Kleinen: für Beziehungen, für die Angst vor dem Scheitern, für das Bild, dass „es ohnehin nicht klappt“. Auch das erfüllt sich leichter, als einem lieb ist. Dieser Zusammenhang wurde mir besonders bewusst, während Roberta erzählte: Wir machen uns selten klar, dass Wünsche nicht neutral sind. Sie haben eine Richtung – und sie haben ihren Preis.
Während ich den Erzählungen von Roberta lauschte, wurde mir bewusst, dass ich auf dieser Reise wieder einmal auf eine Frau gestoßen bin, die mutig ihren eigenen Weg geht und sich nicht davon abhalten lässt, ihre Träume zu leben. Wenn es sein muss, auch alleine. Zuvor hörte ich oft den Satz, dass ein solches Projekt nur Männer machen könnten; alleine losziehen, im Wald schlafen, das sei zu gefährlich. Ich konnte dazu nur begrenzt etwas sagen, weil ich diese Erfahrungen nicht am eigenen Körper mache. Deshalb ist es für mich so erfreulich, auf Frauen zu treffen, die von der Haustür bis nach Santiago gepilgert sind und notfalls draußen geschlafen haben. Frauen, die durch halb Europa getrampt sind oder Performances wagen, die in Grenzbereiche gehen.
Sie sind für mich ein Gegenbild zu dem Satz „Das können nur Männer“. Nicht, weil sie die Risiken wegreden, sondern weil sie zeigen, dass Angst nicht das letzte Wort haben muss. Dass auch hier Vorstellungsbilder wirken. Und dass Mut manchmal nicht laut ist, sondern schlicht eine Entscheidung: Ich gehe trotzdem.
Roberta hat mich gefunden, weil jemand eine Zeitschrift im Zug liegen ließ. Und ich bin bei ihr gelandet, weil ich weitergegangen bin. So entstehen diese kleinen Ketten, aus denen dann plötzlich ein ganzer Abend und eine Erzählung wird.