Tag 251 – Jena und Zuhören in Emils Eck

Für Jena waren zwei Stationen vorgesehen: eine in Emils Eck und eine zweite bei Mike Sandbothe in einem Seminar an der Universität. Beide Stationen hat mir Claudia vermittelt, die ich ein Jahr zuvor bei der Council-Weiterbildung kennenlernen durfte und die mir schon damals Hilfe angeboten hat, wenn ich in die Region kommen würde.
Da am Tag meines Zuhörens in Emils Eck auf der anderen Seite Jenas der öffentliche Nahverkehr bestreikt wurde, hat mich Claudia bei Roberta abgeholt, mich zu Hause noch zu Kaffee und Kuchen eingeladen, ehe wir mit der ganzen Familie nach Lobeda gefahren sind. Claudia hatte sich angeboten, während der Zeit dort als Vermittlerin zu unterstützen, bei Fragen grob mein Projekt zu erklären oder einfach auf mich aufmerksam zu machen.
Emils Ecke ist ein studentischer Initiativraum in Jena-Lobeda, einer prägenden und vielschichtigen Neubausiedlung aus DDR-Zeiten am Rande der Stadt. Betrieben wird er vom Verein Emil5 e.V. Gedacht ist er als Ort, an dem Studierende und Menschen aus dem Stadtteil zusammenkommen können: Barabende, Kultur, kleine Veranstaltungen, Ideen aus der Nachbarschaft. Ein Raum, der lebt, wenn Menschen ihn füllen. Also ein Ort, der sich eigentlich wie gemacht dafür anfühlt, mein Projekt zu beherbergen.
Als wir etwas früher ankamen, war noch gar niemand da. Und auch die erste Stunde meiner drei Stunden in Emils Eck war ich praktisch allein mit den beiden Bardamen, Claudia und ihrer Familie. Eine der beiden Bardamen hat sich kurz zu mir gesetzt und erzählt. Als später ein paar wenige Gäste kamen, traute sich zunächst niemand zu mir.
Ich hatte an diesem Morgen Kopfschmerzen und war von den vergangenen Tagen ziemlich geschafft, deshalb war es mir gar nicht so unrecht. Ich saß mit Claudia zusammen, habe ihr und ihrem Mann ein wenig zugehört, war zwischendrin kurz Tischtennis spielen – und so verging die Zeit auch, ohne dass sich jemand zu mir setzte.
Und trotzdem habe ich gemerkt, dass meine Anwesenheit etwas im Raum verschoben hat. An der Bar wurde über mich gesprochen, über das Zuhören, darüber, was das wohl soll – und von dort aus auch über Themen, die sich daran anschließen. Ich hatte also nicht das Gefühl, umsonst dort gewesen zu sein.
Erst als ich nach knapp drei Stunden ein Foto machen und mich verabschieden wollte, saß ich noch kurz mit einem jungen Mann zusammen, der sich vorher nicht herangetraut hatte. Da wuchs plötzlich noch einmal das Interesse, und einige fanden es schade, dass ich schon ging. Aber ich war müde, hatte kalte Füße, und draußen wartete eine Mitfahrgelegenheit zurück.
Es war bisher der Ort, an dem am wenigsten passiert ist. Nach über acht Monaten ist es eigentlich verwunderlich, dass solche Tage nicht öfter vorkommen. Ich konnte gut damit leben. An Geschichten hat es mir in den letzten Monaten ja nicht gemangelt.

Auch die zweite Station in Jena hat leider nicht funktioniert: Das Seminar musste kurzfristig abgesagt werden. Ich hatte mich sehr darauf gefreut – gerade weil ich dort mit Studierenden zusammengekommen wäre und vor allem Mike Sandbothe wiedersehen wollte.
Unsere erste Begegnung liegt zweieinhalb Jahre zurück. Damals hatte ich Mike nach Stuttgart eingeladen, als ich dort meine zweimonatige Performance „Wie man der KI das Meditieren erklärt…“ gemacht habe. Mein tägliches Ritual bestand darin, in extremer Langsamkeit eine 400-Meter-Runde im Stadion zu gehen – bei einer Geschwindigkeit von etwa 120 Metern pro Stunde. Währenddessen wurden Hirnströme und weitere Biodaten gemessen. Vollautomatisierte Kameras folgten mir, und die Aufnahmen und Daten wurden live ins Netz gestreamt. Es war der Versuch, einer KI über diese sehr menschlichen Daten etwas von Meditation und Entschleunigung erfahrbar zu machen.

Im Rahmen dieser Arbeit saß ich auf einem Podium mit einem KI-Wissenschaftler, einer Kunsthistorikerin und Mike – in seiner Doppelrolle als Philosoph und Achtsamkeitslehrer. Wir sprachen darüber, ob eine entsprechend trainierte KI uns vielleicht sogar helfen könnte, als Gesellschaft wieder mehr zur Ruhe zu kommen.
Am Tag danach habe ich länger mit Mike zusammengesessen. Er sagte, dass Achtsamkeit für ihn ein zentraler Ansatz sei, um den Krisen unserer Epoche zu begegnen: dem Schwinden der Aufmerksamkeitsspanne, der Klimakrise, dieser allgemeinen Überforderung, die viele gerade spüren. Wenn durch Achtsamkeit ein anderes Bewusstsein in die Welt kommt, lassen sich Herausforderungen konstruktiver angehen. Diese Überzeugung teile ich vollkommen – sie ist eine wesentliche Antriebskraft für meine Kunstprojekte. Als Künstler erreiche ich Menschen oft auf einer intuitiven Ebene und bringe sie mit Themen in Berührung, mit denen sie sich bisher vielleicht noch gar nicht beschäftigt haben.
Was ich an Mike außerdem schätze: Er bleibt nicht beim Reden. Zusammen mit anderen hat er in Thüringen das Modellprojekt „Achtsame Hochschulen“ mit aufgebaut. Was als Pilot gestartet ist, hat sich zu Trainingsangeboten für Studierende, Lehrende und Mitarbeitende an mehreren Standorten entwickelt. Mehrere Tausend Studierende haben teilgenommen, und begleitende Untersuchungen zeigen eine signifikante Reduktion des Stressempfindens bei den Teilnehmenden.
Ich glaube, dass sich vieles davon – nicht eins zu eins, aber im Geist – auch über Hochschulen hinaus denken lässt. Resilienter werden, klarer werden, weniger getrieben sein: Das ist keine Kleinigkeit, sondern eine Grundlage, um überhaupt konstruktiv handeln zu können. Genau deshalb war es für mich besonders schade, dass ich Mike diesmal nicht begegnen konnte – und auch nicht die Möglichkeit hatte, in so einen Hochschulraum hineinzuhören.
Ich danke Claudia Böhme-Hirsch von Herzen für die Organisation vor Ort und die vielen Gedanken, die sie sich im Vorfeld gemacht hat.