Tag 252 – Freiheit statt Plan: Das Ende der Kontrolle auf dem Weg nach Süden

Durch die Absage des Seminars an der Universität mit Mike Sandbothe habe ich plötzlich drei Tage „geschenkt bekommen“. Und es war nicht nur dieses Seminar, das weggebrochen ist. Auf meinem Weg nach Süden hatte ich erste Einladungen: jemand, der mir im Fichtelgebirge mehrere Haltepunkte angeboten hat, eine Lebensgemeinschaft, andere Orte, an denen ich willkommen sein sollte. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Als es dann aber an die konkrete Planung ging, stellte sich heraus, dass er die anderen nicht überzeugen konnte – trotz seiner eigenen Begeisterung für mein Projekt. Wieder andere waren verhindert. So tat sich erneut eine große Lücke auf dem Weg nach Regensburg auf, in einer Jahreszeit, die wunderschön, aber manchmal auch noch kalt und nass sein kann.
Für einen kurzen Moment trifft mich so etwas immer noch. Da ist zuerst Enttäuschung. Aber etwas Entscheidendes hat sich verändert.
Die Formulierung „geschenkt bekommen“ ist bewusst gewählt. Wer mir schon länger folgt, erinnert sich vielleicht an Köln, als plötzlich die Planung in sich zusammenbrach, weil Institutionen absagten, mit denen ich gerechnet hatte. Damals fühlte es sich existenziell an, ich habe an meinem Konzept und an mir selbst gezweifelt. Später, als in Berlin Pläne durch Stromausfall, Reisen und andere Umstände in der Luft hingen, war ich schon an dem Punkt, trotz herannahendem Wintersturm ins Vertrauen zu gehen: Irgendwie wird sich etwas ergeben.

Nun, einige Monate später, ist eine neue Ebene dazugekommen. Es ist nicht mehr nur Akzeptanz oder das Wissen, dass es am Ende irgendwie gut gehen wird. Ich sehe in solchen Absagen plötzlich Freiräume: Freiheit, die man geschenkt bekommt. Freiheit, die nicht sofort gefüllt werden muss. Fast so, als würde das Leben mir mit einem Augenwink sagen: Schön und gut, was du dir da alles ausgemalt und zurechtgelegt hast. Aber ich habe etwas anderes mit dir vor. Lass dich überraschen.
Natürlich steckt manchmal viel Arbeit in Planungen, die dann über den Haufen geworfen wird. Und trotzdem spüre ich inzwischen nach dem ersten Frust oft eine Neugier: Wohin führt mich das Leben, wenn ich nicht sofort in den Widerstand gehe? Was möchte sich zeigen? Vielleicht ist es auch einfach gut, nur zu wandern und den Frühling zu erleben. Wenn sich die Enttäuschung gelegt hat, bleibt häufig etwas Unerwartetes übrig: Freude auf das, was kommen mag. Ein Annehmen des Lebens, wie es ist.

Und ich merke: Es geht dabei nicht nur um die großen Vorhaben. Es geht auch um die kleinen. Ständig macht man auf so einer Wanderung Pläne und muss sie wieder verwerfen. Da ist auf der Karte ein Rastplatz mit Aussicht über das Tal eingezeichnet – und wenn man sich den Berg hochgearbeitet hat, finden dort Forstarbeiten mit Motorsägenlärm statt. Oder man will am Abend noch Wasser holen, trifft aber stundenlang niemanden und geht nach 22 Kilometern noch einmal weiter bis zur nächsten Quelle oder ins nächste Dorf. Der Zeltplatz, den man sich erhofft hat, ist zu einsehbar. Oder zu nass. Oder zu windig. Oder einfach nicht der Ort, an dem man bleiben möchte. Fast jeder Tag ist ein Üben im Nachjustieren: planen, prüfen, loslassen, neu ausrichten. Oft kostet das Kraft, und gar nicht mal so selten, findet man deshalb ein Plätzchen, das wie gemacht ist als mein Lagerplatz.
Und selbst bei den Gedanken ist es so. Auch da muss ich mich immer wieder entscheiden: Lasse ich ihnen freien Lauf? Arbeite ich mich innerlich an einem Blogtext ab? Oder bin ich einfach präsent und nehme wahr, was um mich herum passiert? Manchmal reicht eine E-Mail, und der Tag nimmt innerlich eine andere Richtung.
So habe ich gelernt, im Großen und im Kleinen immer wieder loszulassen. Mich dem zuzuwenden, was gerade ansteht. Und manchmal freue ich mich sogar darauf. Ich kann neugierig sein, was als Nächstes kommt – so anders, als ich es mir ausgedacht habe.
In Jena war es wieder so. Und ja: Es war ein Geschenk, diesen Freiraum zu bekommen. Ein Geschenk, dem Ungeplanten die Tür zu öffnen. Davon mehr in den nächsten Blogeinträgen.