Tag 261 – Gedanken über meine Zeit im Osten

An diesem Tag führte mich mein Weg ein Stück entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze bis zum Dreiländereck von Sachsen, Thüringen und Bayern. Ich ging über die alten, parallel laufenden Betonplatten, auf denen früher Grenzpatrouillen fuhren. Der Graben, der Fahrzeuge am Durchbrechen der Anlage hindern sollte, war noch gut zu erkennen. Immer wieder standen Tafeln am Weg, die erklärten, wie die Grenzanlage aufgebaut war, welche Dörfer hier einmal standen – und der Grenze weichen mussten.


Im kleinen Dorf Mödlareuth ist das Deutsch-Deutsche Museum als Gedenkstätte errichtet. Das Dorf wurde bei der Grenzschließung in zwei Teile geteilt. Wachtürme, Zäune, Mauern – Teile der Anlagen sind hier rekonstruiert. Fotos, Dokumente, Schautafeln. Man kann nicht daran vorbeigehen, ohne dass es etwas in einem anstößt. Denn in vielen Köpfen existiert diese Grenze weiterhin, obwohl sie längst gefallen ist. Und auch in meinem Kopf war sie noch nicht ganz verschwunden, als ich vor einigen Monaten den Osten betrat.

Einen Tag lang folgte ich dem Grünen Band, diesem Weg entlang der ehemaligen Grenze, wo die Natur heute die Regie übernommen hat und Erinnerungen langsam überwuchert. Und gerade diese Orte holten mich immer wieder zu den vergangenen gut drei Monaten im Osten zurück: Anfang Dezember hatte ich über das Wendland die ehemalige Grenze überschritten. Mitte März verließ ich das Gebiet der ehemaligen DDR wieder, über die Saale Richtung Oberfranken bei Hof. Etwas mehr als drei Monate war ich im Osten unterwegs.
Es war die herausforderndste Zeit meiner Reise. Das hatte zunächst wenig mit der Region und den Menschen zu tun. Ich war praktisch den ganzen Winter hier: kalt, dunkel, viel Schnee, Eis und weite, leere Landschaften. Dazu kam, dass meine Netzwerke im Osten deutlich ausgedünnter waren. Ich wusste oft nicht, wo ich unterkommen würde. Allein diese Faktoren hätten in jeder anderen Region Deutschlands auch dazu beigetragen, dass das Projekt im Schweigen durch den Winter zu gehen, eine enorme Herausforderung geworden wäre.

Und trotzdem war da noch etwas, das in mir arbeitete: Vorstellungsbilder. Eigene – und solche, die mir mitgegeben wurden. Vieles davon war diffus, manches erstaunlich konkret. Und damit kamen Fragen: Wie würden Menschen darauf reagieren, dass da ein Künstler schweigend unterwegs ist, der „nur“ zuhört? Würde das als Provokation gesehen werden? Wäre ich gefährdet?
Kurz nach meiner Ankunft habe ich das in Tag 166 so beschrieben:
„Meine Reise führt mich oft durch Netzwerke – familiäre, kulturelle, spirituelle. Doch die meisten dieser Fäden rissen an der ehemaligen innerdeutschen Grenze abrupt ab. (…) Das Bild, das mir gezeichnet wurde, war düster: ‚Da wird es schnell ganz dunkel.‘ ‚Da könnte ich nicht leben.‘ Aussagen, die sich oft auf den hohen Wähleranteil der AfD bezogen. Ich muss zugeben: Auch ich war nicht frei von diesen Bildern. (…) Aber genau deshalb mache ich diese Tour – um mich meinen eigenen Vorurteilen zu stellen.“

Heute kann ich sagen: Keine dieser Befürchtungen hat sich erfüllt. In diesen drei Monaten habe ich keine einzige Erfahrung gemacht, die mich in meiner Sicherheit oder Würde bedroht hätte. Überall, wo ich hinkam, wurde ich herzlich empfangen. Natürlich gab es auch Menschen, die mit mir als Schweigendem und dem Projekt nichts anfangen konnten, die aus Unsicherheit Abstand hielten, mich vielleicht für merkwürdig hielten. Aber solche Reaktionen gibt es überall, und hier waren sie nicht ausgeprägter als anderswo.
Im Gegenteil: Ich hatte sogar das Gefühl, im Osten häufiger angesprochen zu werden. Auf der Straße, im Dorf, am Wegesrand. „Wohin des Weges?“ „Kann man helfen?“ „Ein Wandersmann … wohin wollen Sie denn?“ Man sah mir ja nicht an, dass ich schweige. Oft habe ich genau diese Momente genutzt, um mein Kärtchen zu zeigen. Daraus entstanden viele kleine Begegnungen – manchmal nur ein kurzes Aufleuchten, manchmal ein längeres Erzählen. Nie war es so, dass ich mich unwohl gefühlt hätte.
Ich hätte eher erwartet, dass mir das zum Beispiel im Rheinland häufiger passiert, weil Menschen dort als besonders offen und kommunikativ gelten. Dort war es oft so: Wenn ich auf einen Gruß nur nonverbal antwortete, selbst mit dem freundlichsten Lächeln, gingen viele einfach weiter. Im Osten ließen sich Menschen von meiner nonverbalen Kommunikation weniger abhalten. Sie sprachen mich trotzdem an. Und genau das führte zu erstaunlich vielen kleinen „Unterredungen“, nachdem ich mein Kärtchen gereicht hatte.
Aus dieser Erfahrung heraus habe ich viel darüber nachgedacht, wie solche Bilder entstehen und was sie mit uns machen. Und natürlich gibt es Vorurteile in beide Richtungen. Ich kann in diesem Text vor allem über meine westlichen Bilder schreiben, weil ich sie in mir selbst beobachten konnte.
Und diese Auseinandersetzung erinnerte mich an meine Zeit in Lateinamerika. Sieben Jahre habe ich dort insgesamt gelebt, vier davon in Rio de Janeiro. Auch dort begegnet man starken Vorurteilen, oft zwischen gesellschaftlichen Schichten. Vor den Favelas wurde ich immer wieder gewarnt: zu gefährlich, vor allem für Ausländer. Ich hatte immer das Gefühl, das sind No-Go-Areas, in denen anscheinend nur schwierige Menschen leben. Und ja, es ist sinnvoll, solche Warnungen ernst zu nehmen, wenn man die Verhältnisse nicht kennt.
Aber je länger ich dort war, desto mehr habe ich gemerkt: In diesen Stadtteilen leben überwiegend normale Menschen. Wie sollte es auch anders sein, wenn so viele Putzkräfte, Sicherheitsleute, Kindermädchen der Mittelschicht und Oberklasse von dort kommen – und ihnen Schlüssel, Häuser, ja sogar Kinder anvertraut werden. Und doch halten sich die Bilder. Ausgelöst von einer Minderheit, die laut ist, bewaffnet ist, Gewalt ausübt. Diese wenigen prägen das Bild über viele.
Genau diese Muster habe ich im Osten wieder gespürt. Die, die an den Stützen der Demokratie rütteln, sind laut. Über sie wird berichtet. Sie treiben Debatten, verschieben Grenzen. Und all die anderen geraten aus dem Blick: Menschen, die vor Ort Gemeindeleben tragen, Vereine am Laufen halten, Nachbarschaften zusammenhalten, sich gegen Verrohung stemmen – oft still, oft unbeachtet. Wenn ich den Osten nur durch diese lauten Bilder betrachte, übersehe ich genau die, die im Alltag das Rückgrat bilden. Und sie werden dadurch nicht nur überhört, sondern auch geschwächt: Es wirkt schnell, als hätten sie keine Wirksamkeit, als würden die anderen ohnehin schon den Ton angeben.
Ich habe in diesen Monaten gemerkt, dass ich eine Wahl habe: Worüber erzähle ich? Worauf lege ich meinen Fokus? Ich hätte von AfD-Aufklebern berichten können, von Flaggen, von allem, was ohnehin schon laut ist. Wenn man diese Dinge sucht, dann findet man sie. Aber es reicht, wenn ich sie wahrnehme und mir der Gefahr bewusst bin. Erzählen wollte ich von den anderen. Von denen, die schnell übersehen werden. Und wenn ich selbst unter den Bedingungen dieses Winters – in dem Menschen ohnehin mehr in sich zurückgezogen sind – einen Osten erlebt habe, der mir Türen geöffnet hat, dann hat das auch etwas mit dieser Haltung zu tun: hinsehen, zuhören, nicht vorschnell urteilen.
Ein weiterer Punkt hat sich in Gesprächen immer wieder gezeigt: Für viele Menschen, die die DDR als Erwachsene erlebt haben, kommt irgendwann die Wende in die Erzählung. Fast immer. Ohne dass ich je danach gefragt hätte. Es ist wie ein roter Faden. Und daran habe ich erst verstanden, wie tief diese Erfahrung sitzt – selbst nach mehr als 35 Jahren.

Ich habe das Gefühl, viele im Westen, und auch ich, wissen nicht, welche Spuren diese Zeit hinterlassen hat. Für uns war die Mauer weg, die Diktatur vorbei, das große historische Ereignis erledigt. Und das Leben ging weiter. Für viele im Osten brach erst einmal alles zusammen: Arbeit, Strukturen, Sicherheiten, Identität. Und dazu kam der Druck, schnell „mitzugehen“, schnell „umzulernen“, sich rasch in einer neuen Welt zurechtzufinden, während gleichzeitig vieles wegbröckelte, was vorher Halt gegeben hatte. Viele Geschichten darüber haben mich tief berührt.
Andrea, bei der ich später in einer Pilgerherberge zu Gast war, hat es so beschrieben: Die Veränderungen waren so einschneidend, dass manche bis heute vor schnellen Umbrüchen zurückschrecken und Verlustängste in sich tragen. Und zugleich gibt es die andere Seite: Wer so einen Umbruch erlebt und überlebt hat, den wirft so leicht nichts mehr aus der Bahn, weil er gelernt hat, auch mit wenig zurechtzukommen. Ich glaube, beides stimmt. Und manchmal ist es sogar beides zugleich, je nach Lebensbereich. Beides habe ich in vielen Erzählungen wiedergefunden. Und ich glaube, das erklärt auch etwas von der Gegenwart: In einer Welt, die sich immer schneller verändert, werden alte Wunden leichter wieder berührt. Verlustängste, die einmal sehr real waren, melden sich zurück.
Und dann waren da die anderen Geschichten: Menschen, die nach der Wende aus einer ehemaligen LPG eine Genossenschaft gemacht haben und bis heute ihr Dorf am Laufen halten. Sie wissen, dass sie schon Schlimmeres überstanden haben. Auch wenn es jetzt nicht leicht ist, sprechen sie mit einer Zuversicht, die mich beeindruckt hat. Vereine, Gemeinden, Orte und Menschen, die ihr Leben in die Hand nehmen.
Ich habe nicht den Anspruch, dass meine Erfahrungen verallgemeinerbar sind. Es ist meine Wahrheit. Mein Projekt bringt mich vor allem mit Menschen zusammen, die offen genug sind, sich auf einen Schweigenden einzulassen.
Und ich glaube auch: Das wertfreie Zuhören spielt eine entscheidende Rolle. Türen und vor allem Herzen öffnen sich, wenn Menschen spüren, dass sie nicht bewertet werden. Dadurch entsteht wiederum ein Bild in mir, von dem ich ehrlich sagen kann: Ich habe viele Menschen ins Herz geschlossen.
Vorurteile wiegen schwer. Oft schwerer als das, was man tatsächlich erlebt. Und wenn man sie überprüft, fällt nicht nur ein falsches Bild. Es fällt auch eine Last.
Ich ging an diesem Tag am Grünen Band entlang. Natur überwuchert Beton. Spuren bleiben sichtbar, aber sie bestimmen nicht mehr alles. Vielleicht ist das auch ein Bild für die Grenzen, die noch in unseren Köpfen existieren: Solange wir an unseren Vorurteilen festhalten, sind da Mauern und Zäune. Um diese zu überwinden, müssen wir lernen, einander besser zuzuhören, bis darüber neue Verbindungen wachsen – wie die Gräser und Bäume an dieser ehemaligen Grenze, die tiefer wurzeln als alte Zäune.

Es ist ein Privileg, all diese Erzählungen gehört haben zu dürfen. Und ich bin dankbar, dass sich mein Bild vom Osten so deutlich geweitet hat. Danke all jenen, die mich daran haben teilhaben lassen.