Tag 264–265 – Zu Besuch bei Anne
Schon nach einer Tagesetappe kam ich in Konradsreuth bei Anne und ihrer Familie an. Sie ist Künstlerin, wir haben zusammen an der Kunstakademie studiert. Außerdem war sie beim Skulpturenpfad in Ettlingen beteiligt, wo ich direkt nach dem Projektstart im letzten Jahr einen Monat im Tiny House gelebt habe, um den Menschen zuzuhören. Damals kam sie auch vorbei.
Jetzt erzählte sie mir, dass sie damals das Gefühl hatte, ich hätte etwas „Mönchhaftes“ an mir gehabt, wie ich da saß und den Menschen zuhörte. Und sie sei nun erleichtert zu spüren, dass ich durch die lange Zeit unterwegs wieder „menschlicher“ geworden sei. Sie hatte sich schon Sorgen gemacht, wie es werden könnte, wenn ich zwei Tage zu Gast bin. Ich fand diese ehrliche Aussage sehr stimmig – weil sie mir auch gezeigt hat, wie sehr ich mich in dieser Zeit verändert habe.
Damals lag beim Zuhören, mit intensivem Augenkontakt, noch etwas Forderndes in mir: „Erzähle mir etwas.“ Das hat manche vermutlich auch überfordert. Heute bin ich weicher geworden. Wenn ich spüre, dass meine Präsenz Menschen zu viel wird, dass sie sich vorkommen, als säßen sie in einem Bewerbungsgespräch, in dem jedes Wort auf eine Waagschale gelegt werden könnte, schaue ich manchmal in den Himmel oder lasse den Blick im Raum wandern. Wenn jemand etwas erzählen will, freue ich mich. Wenn nicht, ist es auch gut. Der Druck, unbedingt Geschichten „sammeln“ zu müssen, um beweisen zu wollen, wie wichtig Zuhören ist und welche Veränderungen es bewirken kann, ist verschwunden. Und vielleicht entsteht gerade dadurch eher eine Atmosphäre, die wirklich einlädt, etwas zu erzählen.
Und weil ich nach der Visionssuche im Wald und den Tagen im Kloster Selbitz zum ersten Mal wieder etwas Abstand hatte, war es wohltuend, bei Anne anzukommen – nicht als „Projekt“, sondern einfach als Mensch. Ich konnte schreiben, sortieren, erzählen. Und Anne konnte das besonders gut halten: Sie arbeitet mit taubblinden Menschen, kann Gebärdensprache und ist in nonverbaler Kommunikation so fein, dass sich das sofort auf unseren Austausch übertrug.
Als ich weiterzog, war etwas leichter. Nicht, weil alles geklärt wäre – sondern weil es einen Ort gab, an dem ich kurz landen durfte.
Danke, Anne, für die Pause und den schönen Austausch.