Tag 293 - Zuhören wie MOMO – Eine Station im ZUHÖRRAUM in München

Auf den ZUHÖRRAUM in München wurde ich schon kurz nach Projektbeginn aufmerksam gemacht, als mir jemand einen Artikel über diesen Ort geschickt hatte. Das Konzept gefiel mir sofort, und es war schnell klar, dass ich dort gerne eine Station machen würde, falls ich es bis nach München schaffen sollte. Aber damals lagen München noch rund 2650 Kilometer und fast zehn Monate entfernt. Also wollte ich die Sache noch nicht zu groß machen und erst dann Kontakt aufnehmen, wenn die Stadt wirklich in Reichweite wäre.
Nun, zehn Monate später, war ich tatsächlich im ZUHÖRRAUM und durfte dort einen Tag lang zuhören, was mich sehr gefreut hat. Schon als Michael und Sonja die ersten Hinweise zur Veranstaltung auf Instagram gepostet hatten, bekam ich einige Freundschaftsanfragen, bei deren Profilen sofort spürbar war, dass ich es hier mit Menschen zu tun hatte, für die Zuhören ein wichtiger Teil ihrer Haltung zum Leben ist. Erst hier wurde mir so richtig bewusst, wie groß dieses Netzwerk eigentlich ist. Es gibt viele Menschen, die sich dafür einsetzen, dass Zuhören in unserer Gesellschaft wieder mehr Gewicht bekommt. Menschen, die im Grunde an ähnlichen Fragen arbeiten wie ich.
momo hört zu e.V. ist eine junge gemeinnützige Initiative, die sich für eine Kultur des Zuhörens und der Wertschätzung einsetzt. Die Anfänge reichen in den Sommer 2021 zurück. Damals setzte sich Michael Spitzenberger im Englischen Garten mit zwei Stühlen, einem Schild und einem Schirm hin, um Menschen bewertungsfrei zuzuhören. Wie nah das dem kommt, was auch mich bewegt, und dass ich davon erst jetzt in München erfahren habe, hat mich erstaunt. Offenbar ist die Zeit reif, wenn an verschiedenen Orten ähnliche Ideen entstehen, ohne dass die Beteiligten voneinander wissen.
Aus dieser einfachen Geste wuchs, auch angeregt durch den Hamburger Zuhörkiosk, nach und nach die Idee eines eigenen Ortes in München. In Zusammenarbeit mit der TU München entstand daraus ein ZUHÖRRAUM, der heute am Stephansplatz neben St. Stephan steht: ein geschützter, kostenloser und niederschwelliger Raum für alles, was Menschen erzählen möchten. Dort hören inzwischen über fünfzig Ehrenamtliche aus ganz unterschiedlichen beruflichen Zusammenhängen zu. Ohne zu bewerten, ohne Ratschläge zu geben, aber mit Zeit, Offenheit und Wertschätzung. Und wer hereinkommt, darf nicht nur reden, sondern auch einfach einen Espresso oder ein Glas Wasser annehmen. Wer selbst Zuhörer oder Zuhörerin werden möchte, wird bei MOMO in einem eigenen Training in diese Form des wertfreien Zuhörens eingeführt, die der Verein auch in Workshops weitergibt.
Ein wenig traurig war ich schon, dass ich mit diesem Netzwerk, das so viele Berührungspunkte mit meinem Projekt hat, nicht schon früher in Kontakt gekommen bin. Bisher war ich viel in künstlerischen Zusammenhängen, in Netzwerken von Achtsamkeitslehrern, spirituellen Kreisen und Kirchen unterwegs. Wie anders wäre dieses Projekt vielleicht verlaufen, wenn ich auch in diesen Zuhörnetzwerken unterwegs gewesen wäre, wenn man sich ausgetauscht und Erfahrungen abgeglichen hätte? Oder bekommt mein Weg gerade dadurch eine besondere Authentizität, dass ich meinen eigenen Weg gegangen bin und ganz andere Menschen getroffen habe? Ich weiß es nicht. Aber es tat gut, an diesem Ort zu sein und zu sehen, wie viele Menschen dem wertfreien Zuhören inzwischen einen so hohen Stellenwert beimessen.

An diesem Tag waren drei ehrenamtliche Zuhörerinnen da, die mich durch den Tag begleitet haben. Sie erzählten mir vom Raum und von ihren eigenen Erfahrungen, wollten zum Teil aber auch selbst erleben, wie es ist, sich auf eine Person einzulassen, die gar nicht spricht, und wechselten so zeitweise in die Rolle der Erzählenden. Darüber hinaus ergaben sich Begegnungen mit neugierigen Passanten, die durch die Frauen, meine Brückenbauerinnen, darauf aufmerksam gemacht wurden, dass ich heute zum Zuhören da bin. Einige ließen sich spontan auf dieses kleine Abenteuer mit mir ein, und eine Frau kam sogar ganz bewusst, um herauszufinden, wie es ist, einen Zuhörer zu haben, der seit zehn Monaten schweigt. So war ich in diesen fünf Stunden fast nie allein. Gefühlt passte alles genau. Niemand musste lange warten, und es gab kaum Leerlauf.
Von einer Begegnung im ZUHÖRRAUM möchte ich noch etwas ausführlicher erzählen, weil sie mich besonders berührt hat. Es war ein junges Paar, das sich gemeinsam auf die Begegnung mit mir eingelassen hat. Zuerst wussten sie nicht so recht, was sie erzählen sollten, und ich schlug ihnen schriftlich vor, einfach von etwas zu sprechen, das sie gerade bewegt.
Die ersten Minuten nutzte die junge Frau, um davon zu erzählen, was in den letzten Wochen in ihrer Beziehung schwierig gewesen war. Er hatte im Prüfungsstress für das erste Staatsexamen kaum Zeit für sie gehabt, war wenig ansprechbar gewesen, und das war für sie nicht leicht. Es war wie eine kleine Aussprache, die von mir bezeugt wurde. Nun lag die Prüfung hinter ihnen, und es war ihr erster gemeinsamer Tag nach dem Feiern der bestandenen Prüfung, an dem sie wieder etwas zusammen unternommen hatten.
Die zweite Sache, die ihren Alltag in den letzten Wochen stark geprägt hatte, war ihr Entschluss gewesen, in der Fastenzeit komplett auf Social Media zu verzichten. Sie wollten es so konsequent machen, dass sie sogar die Instagram-App von ihren Handys gelöscht hatten. Zu Beginn war das äußerst schwierig, weil die Gewohnheit noch lange da war, immer wieder automatisch das Handy in die Hand zu nehmen und Instagram öffnen zu wollen. Er erzählte, dass an der Stelle, an der zuvor das Instagram-Icon gewesen war, nun die rote Sparkassen-App ihren Platz hatte. Weil das Einloggen so automatisiert ablief, hatte er sich in den ersten Tagen dreißig- bis vierzigmal unbewusst bei der Sparkasse eingeloggt, bis diese nach drei Tagen sein Konto sperrte, weil das Verhalten verdächtig wirkte. Erst dadurch wurde ihm so richtig bewusst, wie oft er sich sonst, fast wie ein Süchtiger, ganz automatisch bei Instagram angemeldet hatte.
Auch das, was sie erzählte, war nicht weniger eindrücklich. Wenn sie durcheinander war, gestresst oder Sorgen hatte, versuchte sie, sich mit Instagram wieder zu regulieren. Sie musste selbst darüber lachen, dass sie diese Formulierung sogar benutzte, wenn es zwischen den beiden einen Konflikt gegeben hatte. Um sich danach zu beruhigen, habe sie dann öfter zu ihm gesagt, dass sie sich jetzt erst einmal mit Instagram regulieren müsse.
Die beiden hatten gerade ihr Studium abgeschlossen, waren also ungefähr 23 bis 25 Jahre alt und gehörten, wie sie selbst sagten, zur ersten Generation, die mit sozialen Medien groß geworden ist. Mit elf oder zwölf hatten sie bei Facebook oder ähnlichen Netzwerken angefangen, und in der Oberstufe und danach waren die Bildschirmzeiten enorm gewesen.
Und dann die Erfahrung, was geschieht, wenn man komplett darauf verzichtet. Es war für sie wie ein Erwachen, nachdem die anfänglichen Entzugserscheinungen nachgelassen hatten. Auf einmal hatten sie viel mehr Zeit, und sie wussten zunächst gar nicht, was sie mit dieser Zeit anfangen sollten. Er sagte, dass er sich in seinem gesamten Studium nicht so gut auf das Lernen konzentrieren konnte wie in diesen fünf Wochen ohne Social Media. Und beide erzählten, dass sie wieder viel mehr wahrnehmen würden, auf der Straße, beim Essen, überhaupt in ihrem Alltag. Sie waren sich sicher, dass sie wenige Wochen zuvor am ZUHÖRRAUM einfach vorbeigegangen wären, weil sie viel zu sehr in ihrer eigenen Welt gewesen seien und keine Augen mehr für das Außen gehabt hätten. Ohne diesen Verzicht auf Instagram hätte diese Begegnung vielleicht also nie stattgefunden.
Was mich an dieser Begegnung so berührt hat, war nicht nur ihre Reflexion, sondern die Klarheit, mit der sie selbst erkannt hatten, was diese Medien mit ihnen gemacht hatten. Sie waren noch ganz darin, zu entdecken, wie viel Freiheit in diesem Verzicht lag, und fast selbst erstaunt darüber, wie tief sie vorher in dieser Gewohnheit gesteckt hatten. Ich habe die beiden innerlich gefeiert, dass sie aus eigener Erfahrung zu diesen Einsichten gekommen sind und von nun an vorsichtiger mit sozialen Medien umgehen wollten.
Im Nachhinein musste ich daran denken, dass Fasten und bewusster Verzicht immer auch ein Gewinn sein können und es einen guten Grund hat, warum Verzicht und Fasten in so vielen Religionen ihren Platz haben. Auch vieles von dem, was ich in den letzten zehn Monaten entdecken durfte, ist auf den Verzicht des Sprechens zurückzuführen. Ich habe meine nonverbalen Fähigkeiten erst dadurch entdeckt und nach und nach ausgebaut. Ich habe gelernt, meinen Gedanken anders zuzuhören und ich habe Wege gefunden, durch Präsenz sehr viel öfters in eine viel tieferer Verbindung zu gehen, als das zu vor der Fall war. Vielleicht liegt genau darin eine Kraft des Verzichts: dass etwas wegfällt und dadurch etwas anderes überhaupt erst hörbar wird.
Diese Erzählung im ZUHÖRRAUM hat mich auch selbst noch einmal darin bestätigt, dass ich eine Woche zuvor in meinem Newsletter angekündigt hatte, meine Beiträge auf Instagram stark zu reduzieren und dort nur noch feste Stationen wie die im ZUHÖRRAUM sowie wichtige Termine zu posten.
Alles in allem war es eine wunderbare Erfahrung, diesem Ort zuzuhören. Nicht nur, weil ich dort selbst einen Tag lang zuhören durfte, sondern weil ich an diesem Ort gespürt habe, dass ich mit dem, was mich auf dieser Reise bewegt, nicht allein bin. Dass es Menschen gibt, die dem wertfreien Zuhören mit ähnlicher Ernsthaftigkeit Raum geben und es in die Welt hinaustragen. Das hat mich sehr gefreut und ermutigt.
Ich danke ganz herzlich Sonja und Michael, dass sie mir diesen Tag im ZUHÖRRAUM ermöglicht haben, auch wenn wir uns leider nicht persönlich begegnet sind. Außerdem danke ich Marianne, Veronika und Claudia, die mich an diesem Tag unterstützt und für mich eine Brücke zu den Menschen gebaut haben. Ich hoffe sehr, dass dieses Konzept noch viele Nachahmer findet und noch mehr Menschen diesen Ort nutzen, um zu erzählen, Schönes wie Schwieriges. Für alles gibt es dort einen Raum.
