Tag 298 – Wenn Schweigen Raum gibt – Zu Besuch bei Ilse

In München durfte ich eine Nacht bei Alois Bierl übernachten, dem Chefreporter des Sankt Michaelsbundes, eines katholischen Medienhauses. Aus einem zunächst ganz sachlichen E-Mail-Austausch über ein mögliches Interview war irgendwann nicht nur ein umfangreicher Fragenkatalog geworden, den ich schriftlich beantwortet habe, sondern auch die Einladung, bei ihm zu übernachten. Als ich dort ankam, sagte seine Frau, ich sei der erste Interviewpartner, den er zum Übernachten eingeladen habe. Er antwortete darauf, ich sei eben auch ein besonderer Gast. Ich fühlte mich geehrt.
Alois war einer der wenigen Menschen auf dieser Reise, die beim Essen einfach mit mir in die Stille gegangen sind, damit ich meine Mahlzeit nicht ständig unterbrechen musste, um schriftlich zu antworten. So saßen wir uns schweigend gegenüber. Wenn beide den Raum halten können, kann das etwas sehr Angenehmes sein. So war es auch an diesem Abend. Später machte er noch das Interview mit mir, bei dem ich seine Fragen schriftlich beantwortete. Auch wenn es mir im Laufe der Monate leichter gefallen ist, bleibt genau das für mich eine Herausforderung: etwas mit Fehlern und krakeliger Handschrift so festzuhalten, dass es später womöglich fast wörtlich übernommen wird. Auf mein Angebot hin, nicht nur Fragen zu stellen, sondern selbst auch etwas Persönliches zu erzählen, ging er nicht ein. Er nannte es eine Berufskrankheit, mehr am Gegenüber interessiert zu sein als von sich selbst zu sprechen. Nach meiner Abreise schrieb er mir noch, dass ich jederzeit wieder bei ihm willkommen sei, falls mich mein Weg noch einmal über München führen sollte. Auch das hat mich sehr gefreut.
Am nächsten Morgen zog ich vom Marienplatz über das Deutsche Museum entlang der Isar weiter nach Süden und bog später durch Vorstädte und Naherholungsgebiete nach Südwesten ab. Am Abend kam ich bei Irene unter, einem Kontakt von Ilse, bei der ich dann am folgenden Abend in Seefeld übernachten konnte. Ilse hatte, als klar wurde, dass ich durch ihre Gegend wandern würde, ihr ganzes Netzwerk aktiviert. Über zwei oder drei Ecken war so dieser Kontakt entstanden. Ich staune immer wieder, welche Wege sich auftun und bei was für besonderen Menschen ich lande, die mich nicht nur mit Essen, sondern auch mit offenen Türen und Geschichten versorgen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Von Germering aus ging es am nächsten Morgen weiter nach Seefeld zu Ilse. Auf diesem Weg begleitete mich Alois noch zwei Stunden, um auch die Erfahrung des gemeinsamen Gehens mit mir zu machen und Bilder für seine Reportage aufzunehmen. Aus dieser Begegnung und meinen schriftlichen Antworten ist später ein sehr schöner Beitrag entstanden. LINK

Wie schon bei Kerstin in München und bei Paola in Regensburg gehört auch Ilse zu den Menschen, mit denen ich gemeinsam die Achtsamkeitsausbildung gemacht habe. In dieser Ausbildung geht es oft tief. Man erfährt viel voneinander, und vielleicht ist das auch ein Grund, warum dieses Netzwerk für mich so gut funktioniert und daraus tragfähige Verbindungen entstanden sind. Mit einigen dieser Menschen treffe ich mich bis heute regelmäßig, um uns auszutauschen und weiterzubilden.
Dass Menschen mir schon vor diesem Projekt oft Dinge anvertraut haben, war mir bewusst. Vielleicht wäre ich sonst auch nie auf die Idee gekommen, ein solches Projekt überhaupt zu beginnen. Schon früh hat mich fasziniert, was Menschen erzählen, wenn man ihnen wirklich Raum gibt. Nicht nur die Geschichten selbst, sondern auch die Welten, die sich darin öffnen.
So hatte mir auch Ilse ihre Geschichte schon lange vor dieser Reise anvertraut. Damals hat mich dieses Vertrauen tief bewegt. Und als ich nun bei ihr ankam, spürte ich sofort, wie wichtig es ihr war, dass ich komme. Gerade mit diesem Projekt des Zuhörens und Raumgebens.
Ilse hat etwas erlebt, das wahrscheinlich zu den größten Ängsten von Eltern überhaupt gehört: Sie hat ihren Sohn durch einen tragischen Unfall im Urlaub in Italien verloren. Später zerbrach auch die Ehe an der Unterschiedlichkeit, mit dieser Trauer und diesem Schmerz umzugehen. Als ich diese Geschichte vor wenigen Jahren zum ersten Mal von ihr hörte, hat sie mich noch lange beschäftigt. Nicht nur wegen der Unfassbarkeit des Erlebten, sondern auch wegen des Vertrauens, das darin lag, mir das anzuvertrauen.
Ilse ist kein Mensch, der leicht über Gefühle spricht. Und wenn das Sprechen über Gefühle ohnehin schwerfällt, dann gilt das umso mehr für ein Thema, das alte Wunden aufreißt und einen Schmerz berührt, der nie ganz verschwindet. Man möchte anderen diese Last nicht aufbürden. Und vielleicht auch nicht noch einmal selbst in sie hinabsteigen.
Bei meinem Besuch erwähnte Ilse die Geschichte zunächst nicht noch einmal. Erst als ich sie auf das Foto ihres verstorbenen Sohnes ansprach, kam sie darauf zurück. Doch diesmal ging es weniger um den Unfall selbst als um die Folgen, die dieses Ereignis bis in die Gegenwart hinein in ihrer Familie hinterlassen hat. In den vergangenen Jahren, so erzählte sie mir, sei immer deutlicher geworden, dass unter all der Trauer manches in ihrer damaligen Überforderung nicht gesehen und nicht aufgefangen werden konnte. Lange habe sie das abgewehrt. Doch je mehr sie sich diesem Gedanken geöffnet habe, desto mehr musste sie sich eingestehen, dass an dieser schmerzhaften Einsicht etwas Wahres ist.
Mit Tränen in den Augen erzählte sie mir, wie schwer es für sie gewesen sei, das anzunehmen. Da war nicht nur der Verlust des Sohnes, sondern auch die Erkenntnis, dass ein solches Ereignis noch lange nachwirkt und Spuren hinterlässt, die sich nicht einfach auflösen. Als die Tränen etwas weniger wurden, entschuldigte sie sich bei mir und sagte: „Da ist wohl noch etwas da.“
Und wie könnte es auch anders sein. Nach dem, was sie erlebt hat, wäre es fast seltsam, wenn da nichts mehr wäre. Ich schrieb ihr, dass sie sich für ihre Tränen nicht schämen müsse. Dass da noch etwas da sei, sei nicht falsch, sondern den Umständen nach mehr als verständlich. Und ich versuchte, einfach dazubleiben und diesem Schmerz Raum zu geben.
Ich bin kein professioneller Seelsorger, kein Psychologe. Ich war in diesem Moment einfach ein Zuhörer. Jemand, der da war und nichts erklären, lösen oder einordnen musste. Vielleicht lag genau darin etwas Tröstliches. Als Ilse ihre Erzählung beendet hatte, wirkte sie auf mich leichter. Nicht, als sei etwas erledigt oder endgültig geheilt. Aber für diesen Moment schien eine Last ein wenig abgefallen zu sein.
Immer wieder erlebe ich auf dieser Reise, was es bewirken kann, wenn jemand erzählen darf und dabei wirklich gehört wird. Nicht bewertet. Nicht unterbrochen. Nicht beruhigt. Einfach gehört.
Und das Besondere daran ist: Es bleibt nicht bei der oder dem Erzählenden. Wenn ich spüre, dass sich in so einem Moment etwas löst, dann bin auch ich nicht nur derjenige, der gegeben hat. Dann werde auch ich beschenkt. Nicht, weil ich etwas Besonderes getan hätte, sondern weil ich Zeuge davon sein durfte, was geschehen kann, wenn ein Mensch mit seinem Schmerz nicht allein bleiben muss.

In den Tagen zuvor hatte Ilse in ihren Status gestellt, dass man mich von Seefeld nach Andechs ungefähr zehn Kilometer begleiten könne, und tatsächlich fand sich nach dem Frühstück eine kleine Gruppe für einen Walk in Silence auf diesem Weg bei ihr ein. Zuerst liefen wir schweigend miteinander, und bei einer ersten Pause ließ ich den Redestab durch die Runde gehen. Ilse, noch ganz erfüllt von unserem Gespräch am Morgen, fühlte sich bestärkt, nun auch in diesem Kreis noch einmal auf das Thema zurückzukommen und etwas auszusprechen, wofür am Frühstückstisch die Zeit nicht gereicht hatte. Man konnte förmlich spüren, wie gut es ihr tat, sich nicht nur vor mir, sondern auch vor der Gruppe zu äußern, als ob dadurch etwas in Bewegung gekommen wäre, das sie lange mit sich selbst ausgemacht hatte.

Davon berührt berichtete dann gleich die nächste Teilnehmerin unter Tränen, wie schön auch Schweigen sein kann, wenn man gemeinsam in Präsenz durch diese wunderbare Frühlingslandschaft geht. Momentan, sagte sie, erfahre sie in ihrem Leben vor allem ein Schweigen, das alles kaputt mache. Diese Aussage hat viel in mir berührt. Denn es stimmt: Schweigen ist nicht gleich Schweigen. Wenn ich in diesem Projekt von Schweigen spreche, dann meine ich ein Schweigen in Präsenz. Es gibt aber auch ein Schweigen, in dem man den anderen ignoriert, nicht anwesend ist, sich entzieht. In einem solchen Schweigen kann eine unglaubliche Brutalität liegen. Es ist dann nicht nur das Schweigen selbst, sondern auch die Botschaft darin: Alles, was du zu mir sagst, lasse ich nicht an mich heran. Letztlich ist ein solches Schweigen oft eine Verweigerung des Zuhörens, des Wahrnehmens, der Verbindung. Und genau das ist es, was zerstört.
Ich habe mich für diese beiden Frauen sehr gefreut, dass sie auf diesem Walk in Silence zwei so unterschiedliche Erfahrungen machen durften. Und wieder einmal war ich erstaunt, wie wenig es manchmal braucht, um mit Menschen in eine große Nähe zu kommen. Drei oder vier Stunden haben gereicht, obwohl wir die meiste Zeit einfach schweigend durch die Natur gegangen sind.
Ilse hat zu diesem kurzen Walk in Silence noch einen kleinen Text für eine lokale Zeitung geschrieben, den ich hier mit euch teilen möchte:

Wanderung in Stille mit dem schweigenden Pilger und vielen Geschichten
Es war wunderschön. Bei herrlichem Wetter, auf einem tollen Weg und mit solch einer Begleitung.
Wir wanderten schweigend mit Daniel von Seefeld nach Andechs. Immer wieder mit kleinen Pausen. Anders als erwartet gab Daniel in unserer kleinen Gruppe den Redestab weiter. Es war für alle eine großartige Erfahrung, für manche ganz neu, für andere durchaus bekannt, und trotzdem immer wieder neu.
Auffällig war unter anderem ein intensiver, angenehmer Augenkontakt, nicht nur unter uns, sondern besonders mit Daniel. Er hatte eine starke Präsenz und so viel Empathie, in dieser Runde eine Atmosphäre zu schaffen, in der es gut möglich war, sich innerlich berühren zu lassen und sich zu öffnen. So konnte das ausgesprochen werden, was gerade da war – oder was schon länger geschlummert hatte und nun ausgesprochen werden durfte. Wenn es nichts zu sagen gab oder jemand nicht wollte, wanderte der Redestab weiter. Auch dies wurde sehr genossen und dankbar angenommen.
Die Gesprächs- und Redepausen gab es öfter. Es blieb viel Zeit, um die Natur mit allen Sinnen und die Stille zu erleben. Ein Freund, der Daniel zu einer Übernachtung bei sich eingeladen hatte, kam auf halber Strecke zu uns. Auch er war beeindruckt, wie angenehm gemeinsames Schweigen sein kann.
Ich war froh, als wir nach dreieinhalb Stunden an der Klosterkirche angekommen sind. Dort gab es zum Abschluss noch einen großen Dank und gute Wünsche für Daniel, aber auch den Wunsch, ihn gerne noch ein Stück schweigend weiter zu begleiten. Beseelt, glücklich, ein wenig traurig und sehr gespannt machten wir uns auf zur Terrasse des Bräustüberls.
Das Schweigen hat noch nachgewirkt. Erst als wir im Getümmel der Menschenmenge auf der Sonnenterrasse ankamen, kamen Gedanken, Erinnerungen, und wir waren wieder im Sprechen und in der Unterhaltung, im Lachen. So haben wir den Tag noch mit Bier und Brotzeit schön ausklingen lassen.
Nach einer herzlichen Verabschiedung machte ich mich dann auf den Weg zu meinem nächsten Besuch bei Hendrick in Andechs.

Herzlichen Dank an Ilse – für das große Vertrauen, dass ich hier von deiner Geschichte erzählen durfte, und auch für die Organisation von Unterkünften, Artikeln und des Walk in Silence.