Tag 299 – Zu Gast bei Hendrik: Von Slow Food, künstlicher Intelligenz und der Sehnsucht nach Stille

Hendrik kam unserer Gruppe beim Walk in Silence von Seefeld nach Andechs ungefähr auf halbem Weg entgegen. Da wir alle in der Stille waren, blieb es bei einer sehr herzlichen Umarmung und einigen wenigen Sätzen, die ich aufschrieb. Aber auch ohne viele Worte war sofort zu spüren, wie viel Verbindung und Freude da war, obwohl wir uns vermutlich seit fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen hatten.
Kennengelernt haben wir uns vor über zwanzig Jahren bei einer Sommerakademie der Studienstiftung des deutschen Volkes. Damals haben Hendrik und ich gemeinsam eine Party angezettelt, die nun, nach all den Jahren, sofort wieder Thema war. Unter den sonst so besonnenen Stipendiaten war sie damals wohl ziemlich ausgeartet, und wir Künstler wurden unserem Ruf in diesem eher elitären Kreis auf gewisse Weise gerecht.
Mit Hendrik verbindet mich aber nicht nur der Spaß am Feiern. Uns verbindet wohl auch ein gewisser Idealismus. Der Wunsch, mit dem eigenen Tun etwas in der Welt zu bewegen.
Hendrik hat ursprünglich Kommunikationsdesign studiert und wurde später unter dem Namen „Wurstsack" zu einem der bekanntesten Foodaktivisten Deutschlands. Neben diesem Idealismus teilen wir auch das Thema Entschleunigung. Ich, indem ich zum Beispiel einen Slow Walk Marathon gehe oder versuche, einer KI das Meditieren zu erklären. Hendrik, indem er sich intensiv mit Slow Food beschäftigt und zu einem starken Vertreter dieser Bewegung geworden ist.
Slow Food steht für eine einfache und doch weitreichende Erkenntnis: Nicht alles, was schnell und billig produziert wird, ist wirklich gut. Lebensmittel brauchen Zeit. Zum Wachsen, zum Reifen, zum Entstehen. Das ist besser für die Umwelt, oft besser für das Tierwohl und, was Hendrik besonders wichtig ist, auch besser für den Geschmack.
Hendrik ist zwar kein gelernter Koch, aber irgendwann kuratierte er eine Tafel für die Kulturstiftung des Bundes in Halle an der Saale, an der auch Angela Merkel saß. Alles wurde regional, saisonal und auf Basis regionaler Rezepte zubereitet. Er wirkte sogar in einer Fernsehkochshow mit, in der sonst nur Profiköche auftreten. Dass man mit Slow Food auch wirtschaftlich arbeiten kann, zeigte er später gemeinsam mit weiteren Partnern mit der Metzgerei Kumpel & Keule in der Markthalle Neun in Berlin-Kreuzberg. Sie war die erste gläserne Metzgerei Berlins und stand für nachhaltigen Fleischkonsum, handwerkliche Qualität und Transparenz. Das Fleisch kam aus artgerechter Haltung und wurde direkt vor Ort verarbeitet.
Neben der Markthalle entstand später noch die Kumpel & Keule Speisewirtschaft. Dort sollte die Fleischkompetenz der gläsernen Metzgerei auf den Teller gebracht werden: mit hochwertigem Fleisch, transparenter Herkunft und handwerklicher Verarbeitung. Vom Dry-Aged-Burger bis zur geschmorten Ochsenbacke wurde Fleisch dort nicht als Massenware behandelt, sondern als etwas Wertvolles, das Sorgfalt verdient.
Bis dahin hatte ich Hendriks Weg aus der Ferne interessiert mitverfolgt. Dann wurde es stiller um ihn. Wie ich nun erfuhr, lag das auch daran, dass er nach Corona aus der Metzgerei ausgestiegen war, Berlin hinter sich ließ, ins Voralpenland nach Andechs zog und Social Media den Rücken kehrte.
Neben seiner Arbeit als Foodaktivist hatte Hendrik sich in der Zwischenzeit ein zweites Standbein aufgebaut. Durch seine Slow-Food-Aktivitäten war er ins Silicon Valley gekommen und dort früh mit der KI-Szene in Berührung geraten, zu einem Zeitpunkt, als sich noch vergleichsweise wenige Menschen mit diesem Thema beschäftigten. Er merkte schnell, dass diese Technologie vieles radikal und unglaublich schnell verändern würde. Vor allem auch die Landwirtschaft und die Lebensmittelproduktion.
Dabei idealisiert Hendrik nicht einfach eine frühere Form der Landwirtschaft. Ihm geht es vielmehr darum, wie sich Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit, gute Lebensmittel und gesunde Erzeugnisse unter heutigen Bedingungen miteinander verbinden lassen. Genau deshalb öffnete sich für ihn hier ein neues Feld. Gemeinsam mit dem Wirtschaftsjournalisten Olaf Krüger schrieb er ein Buch über künstliche Intelligenz, das ein Jahr vor dem offiziellen Start von ChatGPT erschien. Wie er mir erzählte, kam es vielleicht einfach etwas zu früh, weil das Thema damals noch nicht in den Köpfen der meisten Menschen angekommen war. Mit den Verkaufszahlen war er dennoch sehr zufrieden.
Wenn Hendrik heute von KI und Nahrungsmittelerzeugung spricht, merkt man ihm an, wie hin- und hergerissen er ist. Einerseits sieht er die großen Möglichkeiten. Roboter könnten über Felder fahren und KI-gestützt Unkraut von Nutzpflanzen genauer unterscheiden als jeder Mensch. Dadurch ließen sich große Mengen giftiger Herbizide einsparen. KI könnte Landwirten sagen, an welcher Stelle eines Feldes wie viel Dünger wirklich gebraucht wird, anstatt großflächig zu viel auszubringen.
Auch für einen Bio Hof, der mit viel Idealismus an althergebrachtem festhält und technischen Neuerungen zunächst skeptisch gegenübersteht, könnte eine solche Anwendung hilfreich sein. Hendrik erzählte von Kamerasystemen, die schon am Gang einer Kuh erkennen können, ob es ihr gut geht oder ob sie möglicherweise krank wird. So könnte man früh und vielleicht noch mit sanften Methoden eingreifen, bevor später stärkere Medikamente notwendig werden.
Diesen Chancen steht aber auch die Gefahr gegenüber, dass konventionelle Landwirtschaft mit KI vor allem versucht, noch mehr aus Böden, Tieren und Maschinen herauszuholen. Dann hätte das nichts mehr mit Slow Food zu tun, sondern vor allem mit Gewinnmaximierung und einer noch effizienteren Ausbeutung von Natur.
Ein anderes Beispiel, das Hendrik mir erzählte, beschäftigte sich mit der Frage, wie KI Empfehlungen gibt. In einer Studie, die er gemeinsam mit einem Professor für Datenjournalismus aus Hannover für die Initiative „Milch" durchgeführt hat, wurden verschiedene Profile angelegt, die ChatGPT fragten, ob der Konsum von Milchprodukten empfehlenswert sei. Je nachdem, welches Profil die Frage stellte, fiel die Antwort unterschiedlich aus. Einem urbanen Öko-Hipster wurde eher zu pflanzlichen Alternativen geraten, unter anderem aus Gründen des Tierwohls und der Nachhaltigkeit. Einer Mutter mit kleinen Kindern auf dem Land wurde Milch eher empfohlen, wegen Calcium und Knochenaufbau.
Dieses Beispiel zeigte für Hendrik, wie stark KI-Antworten vom angenommenen Kontext der fragenden Person geprägt sein können. Die Antwort entsteht also nicht nur aus einer neutralen Bewertung wissenschaftlicher Studien, sondern auch aus einer Einschätzung dessen, was wohl zu dieser Person und ihrem Lebensumfeld passt. Genau darin liegt eine Gefahr: Statt gemeinsame Faktenräume zu stärken, können solche Systeme bestehende Blasen weiter verfestigen und gesellschaftliche Spaltung verstärken.
So durfte ich bei Hendrik wieder in eine besondere Welt seiner Erzählungen eintauchen, ohne selbst viel fragen zu müssen. Ich fand das hochspannend und zugleich beängstigend.
Später kam auch Anika dazu, und unser Gespräch verlagerte sich stärker zu Themen wie Achtsamkeit, Natur und Alltag. Hendrik erzählte, was der Walk in Silence am Vormittag mit ihm gemacht hatte. Und gemeinsam sprachen wir darüber, wie in der Hektik des Alltags Achtsamkeit, alleinige Ruhe und Einsamkeit manchmal verschütt gehen und man versucht, das wiederzufinden. Beide bedauerten das sehr. Und durch meinen Besuch wurde ihnen noch einmal bewusster, dass sie diesen Teil ihres Lebens gerne wieder mehr wachrufen und in ihren Alltag integrieren möchten.
Vielleicht war das der eigentliche Kern dieses Wiedersehens: Zwei Menschen begegnen sich nach fünfzehn Jahren wieder. Beide haben sich auf unterschiedliche Weise mit Entschleunigung beschäftigt. Der eine geht schweigend durch Deutschland. Der andere hat über Slow Food, Landwirtschaft und KI nachgedacht und lebt inzwischen im Voralpenland. Und in der Begegnung wird sichtbar, wie schwer es manchmal ist, die Werte, die einem wichtig sind, auch im Alltag lebendig zu halten.
Auch dieser Tag bei Hendrik war wieder etwas Besonderes.