Tag 300 – Unterwegs mit Sascia: Von Wegen, die wir wählen, und Wegen, die uns finden

Nach der herzlichen Verabschiedung von Hendrik zog ich von Andechs weiter Richtung Wessobrunn. Viel Zeit zum Alleinsein blieb nicht. Schon für diesen Tag hatte sich Sascia angekündigt. Treffpunkt war die Bushaltestelle, kaum 150 Meter weiter im Ort. Sie kam extra aus Südbaden angereist. Ihr Sohn nahm am Starnberger See an einer Kinderkonferenz von „Plant-for-the-Planet“ teil, und so verband sie diese Reise mit einer Begegnung und einer gemeinsamen Wegstrecke mit mir.
Sascia gehörte vor über zehn Jahren zu den ersten Menschen, mit denen ich über längere Zeit an meinen Texten, Anträgen und Projektbeschreibungen zusammenarbeitete. Aus dieser Zusammenarbeit entstand nach und nach eine Freundschaft.
Schon zu Studienzeiten war klar, dass ich mit meiner Legasthenie beim Schreiben Unterstützung brauche. Anfangs lasen Freunde meine Texte gegen. Irgendwann merkte ich aber, dass diese Hilfsbereitschaft auf Dauer die Grenzen einer Freundschaft übersteigen kann. Also begann ich, für diese Arbeit Menschen zu suchen, die eine eigene sprachliche, kunsthistorische oder organisatorische Kompetenz mitbrachten und diese Arbeit auch bezahlt übernehmen konnten.
Schnell wurde klar, dass es dabei nicht nur um das Korrigieren von Fehlern ging. Es ging um Textarbeit, um das Schärfen von Gedanken, um Anträge, Projektbeschreibungen, Kommunikation und manchmal auch um die Frage, wie eine künstlerische Idee so beschrieben werden kann, dass andere sie verstehen und unterstützen können. Für mich war diese Zusammenarbeit eine wichtige Voraussetzung dafür, mit meiner Arbeit überhaupt in bestimmten institutionellen Zusammenhängen sichtbar werden zu können.
Inzwischen habe ich auf diese Weise mit etwa zwanzig Menschen zusammengearbeitet. Viele von ihnen waren schon damals auf eigenen Wegen unterwegs, mit eigenen Interessen, eigenen Projekten und eigenen Vorstellungen davon, wohin sie wollten. Was mich daran besonders freut: Zu vielen habe ich bis heute ein gutes Verhältnis. Manche empfahlen mir später sogar Menschen weiter, mit denen ich anschließend ebenfalls zusammenarbeitete.
Viele Preise, Stipendien und auch manche aufwendigen Kunstprojekte hätte ich ohne diese Unterstützung vermutlich nicht bekommen oder nicht realisieren können. Zugleich waren diese Arbeitsverhältnisse nie nur technische Hilfeleistungen. Sie waren oft auch Orte des Austauschs, in denen Gedanken, Texte und Projekte gemeinsam präziser wurden. Im besten Fall entstand daraus eine Zusammenarbeit, von der beide Seiten etwas mitnehmen konnten.
Sascia arbeitete mit mir in einer Zeit, in der ich eines meiner größten und verrücktesten Projekte umsetzte: Ich segelte mit einem umgebauten Segelschiff auf Straßen durch Patagonien. Persönlich begegneten wir uns damals nur einmal kurz. Sonst arbeiteten wir mit fünf Stunden Zeitverschiebung zusammen, weil ich in Rio lebte und sie in Stuttgart war. Skype war damals unser gemeinsamer Arbeitsraum.
Was uns über diese Zusammenarbeit hinaus verband, war eine gewisse Reiselust und Freiheitsliebe. Sascia war früh auf eigene Weise unterwegs, auch allein durch Lateinamerika, oft unter abenteuerlichen Bedingungen. Vor dieser Unerschrockenheit hatte ich großen Respekt.
In Stuttgart hatte sie damals ein Stipendium im Kulturmanagement. In diesem Rahmen war sie eng in die Arbeit der Kunststiftung Baden-Württemberg eingebunden und übernahm dort zentrale organisatorische und konzeptionelle Aufgaben. Parallel arbeitete sie noch mit mir, oft spät in der Nacht. Und trotzdem klappte irgendwie immer alles. Schon damals nahm ich ihren Pragmatismus und ihre Entschlossenheit wahr.
Zunächst führte sie dieser Weg für mehrere Jahre in die USA. In New York lebte, studierte und arbeitete sie an besonderen Orten zeitgenössischer Kunst und Theorie, unter anderem an der Parsons School of Design und am MoMA PS1. Dort vertiefte sie ihre Auseinandersetzung mit Stadt, sozialer Gerechtigkeit und der politischen Dimension künstlerischer Praxis.
Aus meiner damaligen Perspektive schien vieles in Richtung einer internationalen Laufbahn in Kunst, Forschung und Kultur zu weisen. Später veränderten sich ihre Lebensumstände grundlegend.
Eine Schwangerschaft, die spätere Trennung vom Vater ihres Kindes und die Rückkehr nach Deutschland stellten vieles neu auf. Sascia zog hochschwanger nach Südbaden, in die Nähe ihrer Familie.
Aus dem, was Sascia mir in all den Jahren erzählte, wurde spürbar, wie herausfordernd diese Zeit für sie war. Vieles, was zuvor möglich schien, veränderte sich. Der Bewegungsradius wurde kleiner. Pläne verschoben sich. Freiräume mussten neu gesucht und ausgehandelt werden. Und aus der Frage, wohin das eigene Leben gehen könnte, wurde immer wieder auch die sehr konkrete Aufgabe, Tag für Tag für ein Kind da zu sein und zugleich den eigenen beruflichen Weg weiterzuverfolgen.
Mit einem kleinen Kind und viel Verantwortung wurde vieles, was im Kulturbetrieb oft selbstverständlich vorausgesetzt wird, plötzlich kaum noch möglich: Mobilität, Abendtermine, internationale Netzwerke, spontane Verfügbarkeit.
Sascias Geschichte könnte nun leicht als Geschichte darüber erzählt werden, wie schwer es mit Kindern ist, weiter an einer Karriere zu arbeiten. Wie sehr Care-Arbeit in vielen beruflichen Zusammenhängen noch immer ungleich verteilt ist. Und wie sehr sich diese Ungleichheiten im Kulturbereich, wo vieles prekär, projektbezogen und schlecht abgesichert ist, noch einmal verschärfen können.
All das gehört zu ihrer Geschichte.
Aber ich möchte Sascias Geschichte nicht nur über diese Schwierigkeiten erzählen. Ich möchte erzählen, wie sie unter herausfordernden Bedingungen ihren Weg weitergegangen ist. Nicht ohne Brüche, nicht ohne Verzicht, nicht ohne Erschöpfung. Aber mit einer beeindruckenden Beharrlichkeit.
Manche Menschen nennen mich mutig, weil ich für ein Jahr auf das Sprechen verzichte, mich dem Leben ausliefere und nur mit dem Nötigsten unterwegs bin. Und ja, ein Jahr ist eine lange Zeit. Aber es ist auch eine absehbare Zeit. Vor allem ist es selbst gewählt. Ich könnte jederzeit abbrechen. Ich müsste nur sagen: Es hat doch nicht so funktioniert, wie ich es mir vorgestellt habe.
Natürlich wäre das für mich und für meinen eigenen Anspruch schmerzhaft. Vielleicht wären Förderer oder Sponsoren enttäuscht. Aber am Ende würde die Welt nicht untergehen.
Wie anders ist es, wenn sich Lebensumstände nicht für ein Jahr, sondern über viele Jahre hinweg grundlegend verändern. Wenn Verantwortung entsteht, die nicht einfach abgelegt werden kann. Wenn Freiheit nicht mehr nur eine Frage des Wollens ist, sondern immer wieder neu mit Sorgearbeit, ökonomischen Bedingungen, fehlenden Strukturen und den Bedürfnissen eines Kindes verhandelt werden muss. Wenn nicht absehbar ist, wann wieder mehr Spielraum entsteht. Und wenn aus der Frage „Was möchte ich?“ immer wieder auch die Frage wird: „Was ist unter diesen Umständen überhaupt möglich?“
Ich denke auf dieser Reise oft an die vielen ungesehenen Menschen, die im Alltag Großes leisten. Menschen, die nicht auf einer Bühne stehen, über die keine Artikel geschrieben werden und die trotzdem Tag für Tag tragen, organisieren, pflegen, erziehen, arbeiten, kämpfen und irgendwie weitermachen. Oft eingebunden in finanzielle Zwänge, gesellschaftliche Strukturen oder Verantwortungen, die sich nicht einfach ablegen lassen.
Deshalb möchte ich in Sascias Fall nicht nur davon erzählen, was sich verengt oder verändert hat. Sondern auch von der Kraft, die darin liegt, unter diesen Bedingungen eigene Wege zu finden und etwas sichtbar zu machen, das viele betrifft.
Trotz schwieriger Rahmenbedingungen hat Sascia promoviert. Und vielleicht hat gerade die eigene Erfahrung dazu beigetragen, dass sie ihr Thema gefunden hat: Care-Arbeit in der Kultur. Also die Frage, wie Sorgearbeit, Elternschaft, Pflege und künstlerische oder wissenschaftliche Arbeit miteinander vereinbar sind oder eben oft nicht.
Der Kunst- und Kulturbetrieb lebt stark von Mobilität, Sichtbarkeit, Abendveranstaltungen, Netzwerken, unbezahlter Vorarbeit und der Erwartung ständiger Verfügbarkeit. Genau das kollidiert mit Care-Arbeit.
Davon sind nicht ausschließlich, aber nach wie vor überwiegend Frauen betroffen. Viele stellen ihre künstlerische oder berufliche Entwicklung zurück, weil sie Kinder versorgen, Angehörige pflegen oder familiäre Verantwortung übernehmen. Oft geschieht das leise, fast selbstverständlich, und bleibt in den offiziellen Erzählungen von Karrieren unsichtbar.
Sascia hat aus ihrer eigenen Erfahrung ein Forschungsfeld, ein künstlerisches und kulturpolitisches Anliegen entwickelt. Nicht, weil diese Erfahrung für sich genommen eine Niederlage gewesen wäre, sondern weil an ihr Strukturen sichtbar werden, die viele betreffen: die Frage, wie Sorgearbeit, Elternschaft, Pflege und künstlerische oder wissenschaftliche Arbeit miteinander vereinbar sind – und welche Bedingungen dafür oft fehlen.
Daraus entstanden Ausstellungen, Gespräche, Podiumsdiskussionen, Publikationen und vor allem ein Netzwerk von Menschen, die diese Strukturen nicht einfach hinnehmen wollen.
Ich glaube, dass darin auch eine Form von Selbstwirksamkeit liegt: die eigene Situation nicht nur individuell bewältigen zu müssen, sondern sie in Beziehung zu anderen Erfahrungen und zu größeren gesellschaftlichen Strukturen zu setzen. Diese Arbeit entstand nicht nebenbei und auch nicht unter idealen Bedingungen. Sie war verbunden mit viel Organisation, finanzieller Unsicherheit, fehlender Planbarkeit und der ständigen Aufgabe, Arbeit und Care-Verantwortung miteinander zu verbinden.

Zur Mittagszeit machten wir eine ausgedehnte Pause an einem kleinen Fluss und genossen die wohltuende Wärme der frühlingshaften Sonne mitten im April. Wir sprachen über Akzeptanz – darüber, wie man einen Umgang mit den Dingen findet, die wir im Leben nicht kontrollieren können. Weil mir das Thema so wichtig war, schrieb ich auf meinem Tablet ungewöhnlich viel und füllte mehrere Seiten. Sascia lag währenddessen in der Sonne und genoss die Ruhe. Vielleicht sinnierte sie auch über das, was ich zuvor aufgeschrieben hatte, während ich nach den nächsten Zeilen suchte. Meine Form der Kommunikation brachte in diesem Moment eine wohltuende Entschleunigung mit sich, die uns beiden Raum für tiefere Gedanken schenkte.
Mich selbst in dieser Form von Akzeptanz zu üben, hat mir in den vergangenen Monaten geholfen, überhaupt durch den Winter zu kommen. Besonders dann, wenn die Dinge unterwegs ganz und gar nicht so funktionierten, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich musste auf meinem Weg immer wieder lernen, dass aus dem, was anders kommt, etwas entstehen kann, das nicht zwingend schlechter ist.

Im letzten Jahr wurde ich immer wieder gefragt, ob ich Kinder habe. Meist verneinte ich das – oft mit dem Zusatz, dass dieses Projekt für mich so wahrscheinlich nie möglich gewesen wäre, wenn ich Vater wäre. Als wir dort am Fluss saßen und Sascia mir Fragen zu meiner Beziehung mit Flavia stellte, kamen wir auch auf das Thema Kinder und auf die Freiheit, die ich hatte, weil ich kinderlos bin.
Doch auch bei mir gab es eine Zeit, in der ein starker Kinderwunsch da war. Trotz intensiver Bemühungen ist dieser Wunsch für Flavia und mich unerfüllt geblieben. Irgendwann kamen wir an den Punkt, an dem wir akzeptieren mussten, dass unser Leben anders verlaufen würde, als ich es mir einmal vorgestellt hatte.
Wenn ich nun auf meiner Reise bei Familien zu Gast war, konnte ich oft beides sehen: wie viel ein Leben mit Kindern einem abverlangt, wie sehr es den Alltag bestimmt und wie wenig frei verfügbar die eigene Zeit oft ist. Aber ich durfte auch eine tiefe Verbundenheit und Nähe, vielleicht auch Liebe erleben, wie sie nur zwischen Kindern und Eltern entstehen kann – etwas, das ich in dieser Form wahrscheinlich nie haben werde.
Eltern geben sehr viel, aber sie bekommen auch sehr viel zurück. Dass mir diese Form von Verbindung nicht offensteht, stimmt mich manchmal immer noch traurig. Gleichzeitig habe ich gelernt, auch diesen Teil meines Lebens anzunehmen. Vielleicht liegt in dieser Akzeptanz nicht nur Verlust, sondern auch ein Raum, den ich anders füllen kann. Vielleicht hat sich dadurch ein Weg geöffnet, auf dem Projekte wie dieses möglich wurden – gerade weil ich keine Sorgeverantwortung für eigene Kinder trage.
Bei Sascia stellte sich diese Frage von einer anderen Seite. Auch sie hat die veränderten Bedingungen angenommen, ohne sich von ihnen vollständig bestimmen zu lassen. Sascia sagte mir, dass Akzeptanz für sie noch immer ein großes Übungsfeld sei. Und gleichzeitig hatte ich beim Zuhören den Eindruck, dass sie auf diesem Feld bereits sehr weit gegangen ist. Nicht, weil es ihr leichtgefallen wäre, sondern weil sie immer wieder weitreichende Entscheidungen treffen musste. Für sich. Für ihr Kind. Für ein Umfeld, in dem Unterstützung möglich ist.
Das bedeutete auch, auf anderes zu verzichten: auf das Leben in einer großen, vibrierenden Stadt, auf manche kulturelle Nähe, auf bestimmte berufliche Möglichkeiten, auf ein Umfeld voller Künstlerinnen und Künstler, auf vieles, was ihr wichtig gewesen wäre. Aber es war eben nicht nur Verzicht. Aus der Beziehung zu ihrem Sohn hat sie auch die Kraft geschöpft, die sie durch schwierige Zeiten getragen hat.
Akzeptiert hat sie diese Situation nie im Sinne einer bloßen Gleichgültigkeit oder Resignation. Sie hat aus ihr heraus gearbeitet, geforscht, geschrieben, organisiert und setzt sich nun dafür ein, dass Care-Arbeit sichtbarer wird und sich Strukturen verändern. Vielleicht ist gerade aus diesem ehrlichen Annehmen heraus ein neuer Handlungsspielraum entstanden: nicht als geradlinige Erfolgsgeschichte, sondern als ein Weg mit Brüchen, Umwegen, Erschöpfung, Kraft und neuen Formen von Handlungsfähigkeit.
So wurde dieser Tag mit Sascia für mich nicht nur zu einem Wiedersehen mit einer alten Weggefährtin und Freundin. Er wurde auch zu einer Begegnung mit einem Menschen, der unter veränderten und herausfordernden Bedingungen eigene Wege gefunden hat und dabei Themen sichtbar macht, die weit über ihre eigene Geschichte hinausreichen.
Als wir später weitergingen, ging mir unser Austausch noch lange durch den Kopf. Vielleicht, weil er nicht nur von Sascias Weg erzählte, sondern auch von meinem eigenen. Von all dem, was im Leben nicht möglich geworden ist – und von dem, was genau daraus erst entstehen durfte. Denn manchmal öffnet sich erst im Akzeptieren dessen, was ist, ganz leise ein neuer Weg.
