Tag 304 – Bemerken, annehmen, weiterziehen lassen

Die letzten Tage waren wohl die bislang schönsten meiner bisherigen Reise. Immer wieder dieses Panorama auf die Alpen, in der Ferne Schloss Neuschwanstein, dazu kleine Seen, Wiesen, Höfe und eine fast unwirkliche Idylle. Manchmal kann ich mein Glück kaum fassen, so schön ist es hier.
Als ich an einem Bauernhof vorbeikam, der mittlerweile nur noch als Wohnhaus genutzt wird, hielt ich inne. Was für ein unverschämt schöner Alpenblick. Dazu diese Stille. Keine Straße in der Nähe, kein Fluglärm, nichts. Wer hier leben darf, dachte ich, der muss sehr glücklich sein.
Und im nächsten Moment merkte ich, wie Neid in mir aufstieg.
Es war ein Neid auf die Menschen, die an einem solchen Ort wohnen dürfen. So abgeschieden, so ruhig, mit diesem Blick auf die Berge. Früher hätte ich diesen Gedanken vielleicht gar nicht richtig bemerkt. Er wäre einfach mitgelaufen und hätte sich wie ein Grauschleier über den schönen Moment gelegt.
Doch durch das Schweigen habe ich in diesem Jahr gelernt, meinen eigenen Gedanken zuzuhören. Nicht nur den hellen, sondern auch den engen, schweren und unangenehmen. Ich spürte ziemlich deutlich: Dieser Neid fühlt sich nicht gut an. Er zieht mich zusammen. Er macht den Augenblick klein, obwohl er doch gerade so groß und weit war.
Also blieb ich kurz bei diesem Gefühl. Ich nahm es wahr, atmete ein und ließ es mit dem Ausatmen wieder ein Stück los. Bemerken, annehmen und weiterziehen lassen. Inzwischen kenne ich diesen Rhythmus gut.

Und dann war da auf einmal wieder Raum. Ich konnte aus meinen Gedanken zurückkehren in diesen Augenblick, in dem es eigentlich keinen Grund gab, auf irgendjemanden neidisch zu sein. Im Gegenteil: Plötzlich konnte ich mich für die Menschen freuen, die dort wohnen dürfen. Dafür, dass sie dieses große Glück haben. Und weil diese Freude wirklich aus dem Herzen kam, wurde auch ich wieder leichter.
Das Schwere war verflogen, und ich ging mit einem Lächeln weiter.
Vielleicht war es genau so ein kleiner Moment, in dem ich gespürt habe, was dieses Jahr im Schweigen mit mir macht. Es ist nicht so, dass die schwierigen Gedanken verschwinden. Natürlich tauchen weiterhin enge oder unangenehme Regungen auf. Aber ich bemerke sie früher. Und meistens reicht dieses frühere Bemerken schon aus, damit sie nicht mehr alles bestimmen.
So deutlich habe ich das bisher selten erlebt. Es passt zum Frühling – zu dem, was draußen gerade überall wächst und auch in mir neu wachsen darf. Noch ist es nichts Fertiges. Eher ein junges, zartes Pflänzchen, das gerade erst aus der Erde schaut. Aber ich freue mich darüber, es sprießen zu sehen.
