Tag 321 – Konstanz – Zuhören in der Städtischen Wessenberg-Galerie

In Konstanz hatte ich gleich zwei Zuhörstationen. Die erste führte mich in die Städtische Wessenberg-Galerie, die zweite am nächsten Tag ins Café Mondial, ein Begegnungscafé, das von Ehrenamtlichen betrieben wird.
Die beiden Termine lagen so, dass ich für wenige Tage nach Hause fahren konnte. Dort wartete unser großer Garten, der sich in dieser Jahreszeit erstaunlich schnell in einen kleinen Urwald verwandelt, wenn man ein paar Wochen nicht da war. Aber natürlich war der Garten nicht der wichtigste Grund. Es sollte mein letzter Besuch zu Hause sein, bevor ich mein Projekt beende. Nach dieser langen Zeit der Trennung mussten Flavia und ich uns langsam darauf einstellen, dass meine Rückkehr näher rückt. Und darauf, gemeinsam zu schauen, wie es danach weitergeht.
Am zweiten Tag zu Hause erwischte mich allerdings schon wieder eine Erkältung. Die letzte hatte ich mir erst kurz vor München zugezogen. Eigentlich kann ich mich glücklich schätzen, dass ich in diesem Jahr bisher nur zweimal richtig erkältet war und nicht schlimmer krank geworden bin. Im Winter hätte eine Erkältung wahrscheinlich ganz andere Konsequenzen gehabt. Jetzt kamen die beiden Erkältungen nur sehr dicht aufeinander. Nervig, aber nicht tragisch. So konnte ich nur das Nötigste erledigen. Eigentlich hatte ich mir auch vorgenommen, einige Texte zu schreiben, die schon länger auf mich warteten. Aber dafür fehlte mir die Energie. Immerhin konnte ich noch den letzten Newsletter fertigstellen. Danach war mein Pulver verschossen.
Mit wenig Energie fuhr ich am Freitagabend zurück nach Konstanz, wo mir die Städtische Wessenberg-Galerie ein Hotel besorgt hatte. Spannend war für mich zu beobachten, dass ich mir trotzdem kaum Sorgen machte, wie es wohl sein würde, erkältet fünf Stunden zuzuhören. Früher hätte mich das im Vorfeld sehr beschäftigt. Halte ich das durch? Kann ich die Aufmerksamkeit und Präsenz halten? Diesmal konnte ich es einfach auf mich zukommen lassen. Der Termin stand. Und so schlecht ging es mir nicht, dass ich hätte absagen müssen. Nur die Luft war raus.
Es war ein Samstag Anfang Mai und für diese Jahreszeit unglaublich schönes Sommerwetter. Die Stadt war voll von Menschen, die einkauften, flanierten oder an einem Eis schleckten. Viele Schweizer waren unterwegs, um in Deutschland einzukaufen. Ich war gespannt, ob sich bei solch einem Wetter überhaupt jemand in ein Museum verirren würde. Auch ich hatte eher das Gefühl, dass es mich an den See zog. Am liebsten hätte ich mir irgendwo ein schattiges Plätzchen gesucht und einfach nur auf das Wasser geschaut.

Gleichzeitig freute es mich, dass ich mit der Städtischen Wessenberg-Galerie wieder einmal an einem Ort der bildenden Kunst zuhören durfte. Die Galerie liegt mitten in der Altstadt, nur wenige Schritte vom Münster entfernt. Sie befindet sich im ehemaligen Wohnhaus von Ignaz Heinrich von Wessenberg, dem letzten Verweser des Bistums Konstanz, dessen Sammlung den Grundstock des Hauses bildet. Heute werden dort vor allem Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts, Arbeiten aus dem südwestdeutschen Raum und aus dem Bodenseeraum sowie wechselnde Ausstellungen gezeigt.
Für mich wurde im Eingangsbereich ein Platz eingerichtet, im ehemaligen Museumsshop, der zu dieser Zeit leer stand. So konnten Interessierte direkt zu mir kommen, ohne Eintritt zahlen zu müssen, wenn sie nur wegen meines Projekts gekommen wären.
Besonders gefreut hat mich, dass diese Kooperation überhaupt zustande gekommen ist. Die Galerie befand sich gerade in einer Übergangszeit. Die frühere Leiterin hatte das Haus zwei Monate zuvor verlassen, die neue Leitung hatte ihre Stelle noch nicht angetreten. In dieser Zwischenzeit nahm Annika Seeger, die wissenschaftliche Volontärin, meine Anfrage für eine Kooperation an. Sie entschied, dass mein Projekt gut in die Städtische Wessenberg-Galerie passen würde, und machte meinen Aufenthalt möglich. Außerdem informierte sie die Presse, sodass im Südkurier eine kleine Ankündigung erschien.
Und dabei sollte es nicht bleiben. Eine freie Mitarbeiterin des Südkuriers hatte sich angekündigt, um mit mir ein Interview zu führen, bei dem ich ihre Fragen schriftlich beantworten sollte.
Auch Annika war gespannt, ob bei diesem wunderbaren Wetter überhaupt jemand ins Museum kommen würde. Und trotz der Ankündigung im Südkurier und der Werbung in den sozialen Medien blieb es an diesem Tag sehr ruhig. Jedenfalls wurde es keine Station, zu der viele Menschen gezielt wegen meines Projekts kamen. Auch die Besucherzahl im Museum war überschaubar. So gab es nur wenige Begegnungen.
Dafür hatte ich umso mehr Zeit für das Interview. Die Journalistin hatte viele Fragen mitgebracht. Da es eine ihrer ersten Auftragsarbeiten für die Zeitung war, war sie ein wenig nervös. Zugleich war sie sehr angetan von meinem Projekt und freute sich sichtbar, dass ihr diese Aufgabe zugeteilt worden war. Fast zwei Stunden saßen wir zusammen. Ich beantwortete ihre Fragen schriftlich, anschließend wurden noch Fotos gemacht. Und weil in dieser Zeit ohnehin keine Besucher auftauchten, fühlte es sich fast so an, als wäre genau dafür Raum geschaffen worden.
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Ich war an diesem Tag nicht enttäuscht, dass kaum Menschen zum Erzählen kamen. Vielleicht war ich sogar ein wenig erleichtert, weil ich mich weiter erholen konnte. Und vielleicht gehört auch das zu diesem Jahr: dass nicht jede Station intensiv, dicht oder voller Begegnungen sein muss. Manchmal besteht das Zuhören auch aus Warten. Aus Dasein. Aus der Bereitschaft, auch dann präsent zu bleiben, wenn wenig geschieht.
Ein wenig leid tat es mir nur für Annika, die sich neben all den Aufgaben, die sie in dieser Übergangszeit ohnehin schon hatte, auch noch um meinen Aufenthalt bemüht hatte. Aber wirklich verübeln konnte man es niemandem. Bei diesem Wetter wären wahrscheinlich selbst manche Museumsmitarbeiter lieber irgendwo am See gewesen.
Und genau dort sollte ich am Abend dann doch noch landen.

Ich war bei Freunden in Radolfzell eingeladen und fuhr mit dem Zug dorthin, um bei ihnen zu übernachten und am nächsten Tag wieder zurück nach Konstanz zu fahren. In Radolfzell wartete allerdings eine Überraschung auf mich. Die beiden holten mich am Bahnhof ab, aber nicht wie gewöhnlich mit dem Auto, sondern mit einer sechzig Jahre alten, wunderschönen Holzsegeljacht. Für knapp zwei Stunden segelten wir um die Halbinsel Mettnau herum.
So kam ich an diesem Tag ganz unerwartet doch noch zu meinem See-Erlebnis. Nach einem stillen, eher leeren Museumstag saß ich plötzlich auf einem alten Holzboot, spürte den Wind, sah das Wasser glitzern und merkte, dass ich am Abend doch noch aufnahmefähig war. Als hätte sich dieser Tag auf eine ganz eigene Weise gefügt.
Unter normalen Umständen wäre es für mich schon etwas Besonderes gewesen, auf solch einem Segelboot unterwegs zu sein. Aber nach zehneinhalb Monaten in einem sehr reduzierten Wander- und Pilgerleben hatte dieses Erlebnis noch einmal eine andere Dimension. Nach all den Entbehrungen dieses Jahres, nach Nächten im Zelt bei winterlichen Temperaturen und den vielen einfachen Tagen unterwegs, glitt ich nun in der Abendsonne auf einer Segeljacht über den Bodensee.
Was für Kontraste das wieder waren. Und wie schön, dass auch ein Tag, der zunächst so ruhig und unspektakulär wirkte, am Ende noch eine solche Wendung nehmen konnte.
Mein herzlicher Dank geht an Annika Seeger für die Einladung und Organisation, an Rosa Haller für den schönen Artikel im Südkurier und an meine Freunde in Radolfzell für diesen unerwarteten Abend auf dem Wasser.
