Tag 322 – Konstanz – Zuhören im Café Mondial

Gleich am Tag nach meiner Station in der Städtischen Wessenberg-Galerie führte mich meine zweite Station in Konstanz ins Café Mondial, einen Begegnungs- und Kreativort am Hussenstein. Der ruhige Tag zuvor hatte mir gutgetan. Ich fühlte mich zwar noch nicht ganz fit, aber doch wieder bereit für neue Begegnungen und einen anderen Ort.
Das Café Mondial ist ein Begegnungs- und Kreativort am Hussenstein. Entstanden ist es 2015 im Umfeld der Zuwanderung vieler geflüchteter Menschen nach Konstanz. Seit 2016 gibt es dort ein richtiges Café, getragen von vielen Ehrenamtlichen. Heute kommen dort Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammen: Konstanzerinnen und Konstanzer, Geflüchtete, Studierende, Durchreisende und alle, die Lust auf Begegnung haben. Bezahlt wird nach dem Prinzip: Gib, was du kannst oder möchtest. Für mein Projekt war das ein sehr passender Ort. Denn auch hier geht es darum, einen Raum zu öffnen, in dem Menschen einander begegnen können, ohne dass Herkunft, Status oder Lebensgeschichte im Vordergrund stehen müssen.
Leonie, meine Kontaktperson vor Ort, hatte mich vorab gefragt, ob sie eine Spendendose aufstellen solle, da der kleine Verein mir keine Gage für meine Zeit dort bezahlen konnte. Im ersten Moment war ich unsicher. Ich wollte nicht, dass der Eindruck entsteht, mein Zuhören sei eine Dienstleistung, für die man bezahlen müsse. Aber irgendetwas bewegte mich dazu, Leonie zu schreiben, dass sie es gerne vorbereiten könne. Auch wenn ich nicht daran glaubte, dass es viel bringen würde.
Als ich ankam, war der Platz vor dem Café voller junger Leute, Familien und Kinder. Eine lange Schlange schob sich ins Café hinein. Wegen mir waren diese Menschen sicher nicht alle da. Und wenn es so gewesen wäre, hätte ich mich vermutlich nicht einmal darüber gefreut. Es wäre eine totale Überforderung gewesen.

Nach einem Augenblick verstand ich, was los war: Vor dem Café fand an diesem Tag ein Pflanzenflohmarkt statt, der vom BUND organisiert wurde. Man konnte eigene Pflanzen verkaufen oder tauschen, Setzlinge für den Garten kaufen, Kuchen essen, Kaffee trinken. Es gab Livemusik und überall saßen Menschen auf der Wiese. Obwohl ich also nicht der Grund für diesen Andrang war, überforderte mich die Situation zunächst. Normalerweise höre ich eher in ruhigen Atmosphären zu. Zugleich konnte ich es auch als Chance wahrnehmen. Einfach schauen, was passiert, wenn ich an einem solch lebendigen Ort sitze.
Als ich Leonie fand und mich vorstellte, zeigte sie mir das Café. Gemeinsam entschieden wir, dass es an diesem wunderschönen Tag besser wäre, draußen im Schatten einen Platz zu suchen. Im Café selbst hielten sich die meisten ohnehin nur kurz auf, um etwas zu bestellen. Direkt neben dem Pflanzenflohmarkt war es mir dann aber doch zu trubelig. Also setzte ich mich etwa fünfzig Meter entfernt in den Schatten eines großen Baumes. Weit genug weg, um mit meinen zwei Stühlen und dem kleinen Tisch eine gewisse Privatsphäre entstehen zu lassen. Und doch nahe genug, dass man auf dem großen Brett, das Leonie mir besorgt und mit „Ich höre zu“ beschriftet hatte, gut lesen konnte, was ich dort tat.
Leonie verteilte auf dem Flohmarkt und an die Gäste des Cafés meine Flyer und machte ein wenig Werbung für mich. Aus der Ferne schaute ich dem Treiben zu und wartete ab. Nach einer halben Stunde saß ich immer noch dort. Ich spürte viele neugierige Blicke, aber niemand setzte sich zu mir. Und langsam kamen die ersten Zweifel.
Was, wenn hier zwar viele Menschen sind, aber niemand sich zu mir setzen möchte? Am Tag zuvor in der Wessenberg-Galerie war ja auch fast niemand gekommen. Vielleicht war es das nun mit meinem Glück. Vielleicht interessiert sich eigentlich niemand für das, was ich mache.
Solche Gedanken gingen mir durch den Kopf. Vielleicht auch verstärkt dadurch, dass ich noch nicht wieder auf der Höhe meiner Kraft war und mich auf meinen zwei Stühlen ein wenig wie auf einem Präsentierteller fühlte.
Wenn man lernt zuzuhören, dann gilt das nicht nur für die Erzählungen der anderen. Es gilt auch für die eigenen inneren Stimmen. Für Gedanken, die man gar nicht hören möchte, die man am liebsten wegschieben oder ignorieren würde. Aber weg sind sie deshalb nicht. In diesem Jahr habe ich gelernt, auch diesen Gedanken zuzuhören. Sie wahrzunehmen, sie nicht sofort zu bekämpfen und manchmal sogar anzunehmen.
Und so gab es an diesem Tag nicht nur die zweifelnde Stimme, sondern auch eine andere. Sie sagte: Es gibt Schlimmeres, als in einem Park auf einem Stuhl im Schatten zu sitzen und aus der Ferne dem Treiben eines Pflanzenflohmarkts zuzuschauen. Genieße es, dass du hier sein darfst. Du hast schon so vielen Menschen zugehört. Es wäre auch in Ordnung, wenn heute niemand kommt.
Wahrscheinlich wechselten sich diese beiden Gedanken im Minutentakt ab. Raum gab ich beiden.
Dann wurde dieses innere Hin und Her plötzlich unterbrochen. Eine junge Frau kam auf mich zu, begrüßte mich und setzte sich auf den zweiten Stuhl. Sie meinte, beim Zuhören wäre es doch schön, wenn man sich zuerst einmal länger in die Augen schauen würde, bevor man etwas erzählt. Ob das für mich in Ordnung sei.
Einerseits war ich etwas überrascht von ihrer direkten Art. Andererseits musste ich lächeln, denn genau das stand auf meinem Flyer unter der Anleitung für eine Dyade: dass man sich zuerst einige Minuten in die Augen schaut, bevor das Erzählen beginnt. Ich reichte ihr den Flyer, deutete auf die Stelle, und sie schien sehr zufrieden. Dann begannen wir, uns anzuschauen.
Es war sehr intensiv. Ich habe keine Ahnung, ob dieser Augenkontakt zehn oder zwanzig Minuten dauerte. Ich kann auch nicht genau sagen, was mir dabei durch den Kopf ging. Manchmal fragte ich mich, ob sie von mir erwartete, dass ich irgendwann ein Ende signalisiere, oder ob sie selbst entscheiden wollte, wann es genug war. Wenn ich durch minimale Veränderungen andeutete, dass wir enden könnten, spürte ich bei ihr keinen Wunsch danach. Also blieb ich.
Als es schließlich doch zu einem Ende kam und sie sich bedankte, schrieb ich ihr auf, dass sie mir gerne noch etwas erzählen könne. Doch sie meinte, das sei nicht nötig. Dieser Austausch sei voll und ganz ausreichend gewesen.
Und eigentlich hatte sie recht. Obwohl kein Wort gesagt worden war, war auf eine Weise doch alles gesagt. Jede Erzählung hätte dem, was zuvor stattgefunden hatte, kaum etwas hinzufügen können. Sie stand auf und setzte sich wieder zu ihrem Bekannten oder Partner, der das Ganze aus einiger Entfernung beobachtet hatte. Zu gerne hätte ich gewusst, worüber die beiden danach gesprochen haben.
Nach dieser Begegnung musste ich an Marina Abramović denken, die bei ihrer Performance im MoMA Menschen über lange Zeit hinweg gegenübersaß und ihnen in die Augen schaute. Die Energie, die dabei entstehen kann, ist unglaublich groß. In diesem Jahr habe ich oft erlebt, wie unterschiedlich Menschen auf diesen stillen Blickkontakt reagieren. Manche können ihn lange halten, anderen wird er schnell zu viel, was ich natürlich respektiere. Auffällig war für mich, dass sich gerade jüngere Menschen damit oft schwerer tun. Vielleicht, weil es ungewohnt geworden ist, einander so unmittelbar und ohne Ablenkung anzuschauen. Für viele ist es eine vollkommen neue Erfahrung, so gesehen zu werden. Dass nun ausgerechnet eine junge Frau von sich aus genau diesen Augenkontakt vorschlug, ohne vorher meinen Flyer gelesen zu haben, verwunderte und freute mich deshalb besonders.

Viel Zeit, über diese Begegnung nachzusinnen, blieb mir allerdings nicht. Keine Minute später saß schon der nächste Mensch auf meinem Stuhl. Ich musste tief durchatmen, um die vorherige Begegnung loszulassen und mich auf den Mann einzustellen, der mir nun gegenübersaß.
Äußerlich erinnerte er mich zunächst an einen in die Jahre gekommenen Studenten, der den Sonntagnachmittag im Park verbringt, um dort andere alternative Menschen zu treffen. Doch schon bald stellte sich heraus, dass dieser Eindruck nur bedingt zu seiner Tätigkeit passte. Er war Ingenieur und Gründer eines Start-ups, das Produktionsprozesse in Unternehmen analysiert und optimiert. Aus Daten, Maschinen und Fertigungsbändern wurden in seinen Erzählungen Zusammenhänge sichtbar, die weit entfernt wirkten von dem, was man an einem Sonntagnachmittag auf einer Wiese vor dem Café Mondial erwarten würde.
Und doch passte auch die andere Seite zu ihm. Er erzählte, dass in seiner Firma jeden Morgen ein Kreis gebildet wird, in dem alle Mitarbeitenden für eine Minute in die Stille gehen. Um bei sich anzukommen, die anderen wahrzunehmen und einen gemeinsamen Fokus zu finden. Solche Kreise hatte er auch schon in großen Unternehmen angeleitet, was ihm irgendwann den Spitznamen „Industrieschamane“ eingebracht hatte.
So bewegten sich seine Erzählungen zwischen spirituellen Erfahrungen, Meditationsretreats, Hightech, Wirtschaft und Unternehmensentwicklung hin und her. Man merkte, dass er sich in beiden Welten bewegte, sich in beiden auskannte und doch auch mit den Kontrasten rang. Am liebsten, so schien es mir, wäre auch er manchmal einfach losgezogen, so wie ich. Einfach wandern. Einfach unterwegs sein. Er war ein begnadeter Erzähler, und mehr als eine Stunde verging, bis er den Platz wieder freimachte.
Danach riss der Strom der Begegnungen nicht mehr ab. Für den Rest des Tages musste ich kaum länger als ein paar Minuten warten, bis wieder jemand auf dem zweiten Stuhl Platz nahm. Alle Befürchtungen vom Anfang lösten sich nach und nach auf.
Da war eine Frau mit ihren Kindern, die mir einfach danken wollte, dass ich dieses Projekt mache. Einer ihrer Söhne fragte, wie das eigentlich sei, wenn man eine Frage stellt und keine Antwort bekommt. Und schon im Fragen entstand die Antwort fast von selbst. Seine Mutter half ihm, sie klarer zu formulieren: Manchmal braucht es gar keine Antwort von außen, damit sich innerlich etwas klärt.
Ein Student setzte sich zu mir, der selbst in der telefonischen Seelsorge für Studierende zuhört. Mit ihm war sofort eine große Tiefe im Raum. Wir saßen zu Beginn lange still da und schauten uns in die Augen, bevor er davon erzählte, wie wenig Platz negative Gefühle in unserem Alltag oft haben. Wie schnell wir versuchen, uns abzulenken oder zu betäuben, anstatt Trauer, Unsicherheit oder Schmerz wirklich wahrzunehmen. Auch am Ende blieben wir noch einmal lange in der Stille.
Kurz darauf kam sein Freund zu mir, neugierig geworden durch das, was er beobachtet hatte. Für ihn war es ungewohnt, dass ich ihm so ruhig in die Augen schaute. Es war ihm fremd und gleichzeitig nicht unangenehm. Er beschrieb, dass darin etwas lag, das mit Gesehenwerden zu tun hatte. Etwas, das ihn verunsicherte und zugleich berührte. Manchmal ist schon dieser stille Blickkontakt eine kleine Zumutung. Und manchmal gerade deshalb eine Einladung.
Ein älterer Herr interessierte sich zunächst vor allem für das Wandern und Zuhören. Nach und nach wurde deutlich, dass ihn auch spirituelle Fragen beschäftigen. Er erzählte von seiner Suche nach Orten, an denen er sich mit diesen Themen gut aufgehoben fühlt. Zum Abschied fragte er, ob er mein Projekt unterstützen könne. Ich gab ihm keine sehr eindeutige Antwort. Eher schrieb ich ihm, dass ich im Vertrauen unterwegs sei, dass mir zur rechten Zeit die nötigen Mittel gegeben würden. Und dass ich mit diesem Vertrauen bisher gut unterwegs war und mir nie wirklich etwas gefehlt hatte. Er legte zehn Euro in die Spendendose, weil er nicht mehr Geld dabeihatte, verabschiedete sich herzlich und ging.
Und dann war da noch ein älterer Mann, für den der christliche Glaube eine große Rolle spielt. Er sprach über das Vaterunser, über Versuchung, Frieden und seine Hoffnung, dass verschiedene Religionen eines Tages gemeinsam für den Frieden beten können. Zugleich wurde ihm in unserem stillen Beisammensein bewusst, dass vielleicht auch gemeinsames Schweigen eine verbindende Kraft haben kann.
So waren es am Ende zwölf Menschen in fünf Stunden. Nicht alle Gespräche kann und möchte ich hier nacherzählen. Aber in ihrer Unterschiedlichkeit haben sie etwas von dem sichtbar gemacht, wofür das Café Mondial ohnehin steht: Menschen mit ganz verschiedenen Lebenswegen kommen an einem Ort zusammen. Und manchmal genügt ein zweiter Stuhl im Schatten eines Baumes, damit daraus eine Begegnung wird.
Als ich gerade dabei war, meine Sachen zusammenzupacken, kam der ältere Herr zurück, der mir zuvor die zehn Euro in die Spendendose gelegt hatte. Er sagte, er sei noch einmal nach Hause gegangen, um mehr Geld zu holen. Es war ein größerer Betrag, und es fiel mir nicht leicht, ihn anzunehmen. Aber in diesem Augenblick spürte ich, dass es ihm wichtig war, mich zu unterstützen. Dass er mir etwas zurückgeben wollte für diesen Tag, für das Zuhören, für die Begegnung. Das hat mich sehr berührt und mit großer Dankbarkeit erfüllt.
Drei Tage später, als die Eisheiligen über Deutschland zogen und meine Erkältung wieder schlechter wurde, war es in Schaffhausen ein guter Moment, dieses Geld in eine Übernachtung zu investieren, die ich mir in der Schweiz sonst wahrscheinlich nicht gegönnt hätte. Ohne Leonies Spendendose wäre es wohl nie zu dieser Szene gekommen. So hatte auch sie ihren Sinn erfüllt.

Am Abend fuhr ich mit dem Zug nach Allensbach. Dorthin war ich vor meiner Heimfahrt schon von Konstanz aus gelaufen, um einen Tag zu sparen. Zu Gast war ich bei Kirsten, die vor einem Jahren an einer mehrtägigen Pilgertour teilgenommen hatte, die ich als Pilgerführer und Achtsamkeitslehrer angeboten habe.
An diesem Abend durfte ich noch von ihren vielen Pilgertouren durch ganz Europa erfahren. Manche lagen mehr als zehn Jahre zurück. Besonders beeindruckte mich, wie gegenwärtig diese Wege für sie noch immer waren. Sie erzählte von ihnen, als sei sie erst vor wenigen Wochen zurückgekommen. Namen, Orte, Begegnungen, kleine Begebenheiten. Alles war noch da, lebendig und präsent, als wäre es gestern gewesen. Da wurde mir wieder bewusst, wie tief sich solche Wege in einen Menschen einschreiben können. Wenn Erinnerungen nach so vielen Jahren noch mit dieser Klarheit und Wärme auftauchen, dann müssen sie mehr gewesen sein als nur Reisen von einem Ort zum nächsten. Und vielleicht ist genau das etwas, das mir in diesem Jahr immer wieder bei Pilgernden begegnet ist: dass die Pilgerschaft nicht einfach eine Strecke im eigenen Leben bleibt, sondern zu einer Erfahrung wird, die einen noch lange begleitet.
Auch das war an diesem Tag noch einmal Zuhören: nicht mehr auf einem Stuhl unter einem Baum, sondern am Abend in einem Haus, bei einer Gastgeberin, deren eigene Wege plötzlich wieder ganz lebendig wurden.
Als ich gegen 22 Uhr ins Bett fiel, lag ein langer, aber erfüllender Tag des Zuhörens hinter mir. Ich war dankbar für all diese Begegnungen. Und zugleich froh, die nächsten zwei Tage zum ersten Mal seit Langem wieder allein unterwegs zu sein. All die Geschichten wollten verarbeitet werden.
Gehen ist eine wunderbare Form der Auf- und Verarbeitung. Und es war Zeit, wieder zu gehen.