Tag 323 bis 326 – Zwischen Erschöpfung und Präsenz entlang des Hochrheins Richtung Basel

Als ich mich am Morgen nach meinen zwei Zuhörstationen in Konstanz auf den Weg Richtung Basel machte, sahen die Wettervorhersagen ziemlich grau und gruselig aus. Die Eisheiligen standen bevor und brachten kaltes, nasses Wetter für eine ganze Woche mit sich.
Ich merkte schon bald, dass mir die Kräfte fehlten. Ob ich mich in Konstanz etwas übernommen hatte oder das kalte Wetter seinen Teil dazu beitrug, meine Erkältung wurde jedenfalls nicht besser. Als ich über Radolfzell und die Höri ging, wurde jeder Anstieg unglaublich mühsam. Dazu hatte ich mir eine Strecke von 23 Kilometern zugemutet. Ich hatte nicht auf meine innere Stimme gehört, die mir längst sagte, dass es gut wäre, langsamer zu machen und mich zu schonen.


Immerhin hatte ich Glück mit dem Regen. Es war kalt und windig, aber die Schauer zogen mal wieder an mir vorbei. Erst als ich am Abend mein Zelt aufgeschlagen hatte, begann es stark zu regnen. Die ganze Nacht prasselte es auf die Zeltplane, bis ich am nächsten Morgen bei Sonnenschein, aber noch kälteren Temperaturen, meine nassen Sachen zusammenpackte und dem Rhein Richtung Schaffhausen folgte.
Für den zweiten Tag hatte ich mir eine kürzere Strecke von 17 Kilometern vorgenommen, um irgendwo am Rheinufer zu übernachten. In meiner Wanderapp hatte ich mehrere Grillplätze gefunden. Als ich dort ankam, bot sich mir ein wunderschöner Blick auf den Fluss, aber der kalte Wind jagte über das Wasser. Mit meiner Erkältung war es nur im Windschatten und in der Sonne halbwegs angenehm.
Noch mehr störten mich allerdings die Schilder, die darauf hinwiesen, dass Zelten im Naturschutzgebiet streng verboten sei. Ich wollte ungern in der Schweiz eine Strafe für illegales Campen bezahlen. Also suchte ich weiter. Erst auf dem Rücken eines darauffolgenden Hügels fand ich auf der Karte eine Quelle neben einer offiziellen Feuerstelle, weit außerhalb des Schutzgebiets. Allerdings bedeutete das noch einmal fünf Kilometer zusätzlich und 200 Höhenmeter den Berg hinauf.

So ging ich den zweiten Tag in Folge deutlich weiter, als mir guttat. In der Situation selbst funktioniere ich dann einfach: Ich gehe nicht in den Widerstand, setze den Rucksack wieder auf und komme in einen Trott, der mich irgendwie ans Ziel bringt. Die Rechnung bekomme ich meist erst an den Folgetagen, wenn die Energiespeicher leer bleiben und die laufende Nase mindestens so viele Kilometer zurücklegt wie ich.
Immerhin kam ich an einer schönen Hütte im Wald an, mit Komposttoilette und Wasser. Ich hoffte auf einen ruhigen Abend, um mich zu erholen. Aber auch daraus wurde nichts.
Kurz darauf kam Philip mit seinem Campingbus. Seinen Namen habe ich geändert. Er verbringt regelmäßig alle zwei Wochen einige Tage hier im Wald, wenn er in der Schweiz arbeitet. Philip machte ein Feuer und lud mich ein, mich zu ihm zu setzen. Er war sichtlich erfreut, jemanden zum Zuhören zu haben. Eigentlich hatte ich mich auf einen Abend allein gefreut, um zu schreiben, zur Ruhe zu kommen und früh schlafen zu gehen. Doch nun saß ich am Feuer.
Er bot mir Rauchbier aus seiner Heimat an, das ich dankend ablehnte, weil es mir wahrscheinlich vollends den Rest gegeben hätte. Ein alkoholfreies Bier nahm ich gerne an. Dann begann er zu erzählen.
Beim Zuhören seiner Geschichten merkte ich, dass manche Themen in mir Widerstand auslösten: Steuervermeidung, Studentenverbindungen, seine Zeit beim Bund. Unter anderen Umständen wären das spannende Einblicke in eine mir fremde Welt gewesen. Aber in meiner Verfassung fehlte mir die Leichtigkeit, die Dinge innerlich einfach stehen zu lassen. Ich saß im Rauch des Feuers und merkte, wie ich immer wieder innerlich dichtmachte. Mir fehlte die Kraft, wirklich wertfrei zuzuhören.
Dabei gab es auch Themen, die hätten Verbindung schaffen können, bei denen wir auf einer ähnlichen Wellenlänge waren. Aber ich konnte sie nicht greifen. Philip sprang von einem Thema zum nächsten, der Alkohol tat sein Übriges, und ich merkte, dass sich zwischen uns kein wirklicher gemeinsamer Raum bildete. Es fühlte sich eher so an, als würden seine Gedanken an mir vorbeiziehen, während ich zwar äußerlich zuhörte, innerlich aber nicht wirklich anwesend war.
So saßen an diesem Abend zwei Menschen zusammen am Lagerfeuer, die beide nicht ganz präsent waren. Das erinnerte mich daran, dass Begegnungen nicht automatisch gelingen, nur weil man sich gegenübersitzt. Auch Zuhören braucht Kraft. Präsenz hängt nicht nur von einer inneren Haltung ab, sondern auch vom Körper, von Müdigkeit und der eigenen Verfassung.

Da ich an zwei Tagen viel weiter gegangen war als geplant, standen für den nächsten Tag nur sieben Kilometer hinunter nach Schaffhausen auf dem Programm. Mehr hätte es auch nicht sein dürfen. Mit dem Geld aus der Spendendose des Cafés Mondial konnte ich mir trotz Schweizer Preisen ein Zimmer in einer Jugendherberge mit Abendessen leisten, worüber ich ausgesprochen dankbar war. Dort war ich am Abend mit Michaela verabredet, die mich am nächsten Tag ein Stück entlang des Rheins begleiten wollte.
Da ich mein Zimmer erst gegen 17 Uhr beziehen konnte, suchte ich mir in der Innenstadt einen windstillen Platz in einem Park. Ich war so erschöpft, dass mir völlig egal war, was die Passanten in diesem gepflegten Schweizer Park dachten. Ich legte mich einfach ins Gras und driftete für eine Stunde komplett weg. Danach war ich wenigstens wieder in der Lage, ein paar organisatorische Dinge abzuarbeiten.

Der Abend mit Michaela verlief ganz anders als der Abend zuvor am Lagerfeuer. Michaela ist Coachin und, wie ich, Mitgefühlslehrerin. In ihrer Arbeit begleitet sie Menschen und Teams darin, einander besser zu verstehen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf Menschen, die anders kommunizieren, etwa im Autismus-Spektrum. Sie brachte etwas mit, was mir am Abend zuvor gefehlt hatte: Ruhe, Präsenz und die Fähigkeit, einfach da zu sein.
Mit Michaela war es so viel einfacher, selbst wieder präsent zu sein. Die Nase lief zwar auch in den nächsten Tagen weiter, aber innerlich entstand wieder mehr Raum. Wenn zwei Menschen aufeinandertreffen, die beide eine gewisse Grundruhe mitbringen, findet sich oft schneller ein gemeinsamer Rhythmus. Auch dann, wenn man selbst gerade nicht ganz klar und präsent ist.

Wir wanderten am Rheinfall vorbei. Selbst dieser Wasserfall, der sonst so ohrenbetäubend tost und ein gewaltiges Naturschauspiel ist, wirkte an diesem grauen Tag seltsam gebändigt und führte erstaunlich wenig Wasser. Er passte zu meiner eigenen gedämpften Energie.
Wegen der schlechten Wettervorhersage waren am Fluss entlang kaum Menschen unterwegs. Es war Christi Himmelfahrt, aber der angekündigte Regen hatte wohl viele zurückgehalten. Uns hielt er nicht ab, und das Wetter hielt wieder einmal nicht, was vorhergesagt worden war. Die Wege am Rhein gehörten fast uns allein. Wir gingen, schwiegen, machten Pausen, schauten aufs Wasser, ließen dem Tag seinen eigenen Rhythmus und genossen die Stille und die Natur.
In diesen Tagen wurde mir noch einmal bewusst, dass Zuhören nicht einfach eine Haltung ist, die man einmal einnimmt und dann besitzt. Es hängt davon ab, wie viel Kraft im Körper ist, wie leer oder voll der innere Raum gerade ist und wer einem gegenübersitzt. Manchmal gelingt es leicht. Manchmal bleibt man an sich selbst hängen. Und manchmal braucht es erst wieder ein paar Kilometer am Fluss, eine ruhige Begleitung und das einfache Weitergehen, bis sich dieser Raum wieder öffnet.
