Tag 331 – Zu Besuch bei Alex – Über Synthesizer und die Zwischentöne

Es gibt Menschen, die kenne ich ziemlich gut, obwohl ich ihnen noch nie in Wirklichkeit begegnet bin. Alex ist so ein Mensch.
Kennengelernt habe ich ihn 2019, als ich für meinen Slow-Walk-Marathon jemanden suchte, der die technischen Anforderungen meines Projekts umsetzen konnte. Ich wollte meine rund zehnwöchige Performance live über das Mobilfunknetz übertragen. Während ich mit einer Geschwindigkeit von nur 120 Metern pro Stunde die Marathonstrecke von 42,2 Kilometern zurücklegte, sollten verschiedene Daten direkt ins Videobild eingeblendet werden: Herzfrequenz, Atemfrequenz, Gehgeschwindigkeit und andere Werte.
Was heute mit einem Smartphone, Sensoren und den passenden Apps fast selbstverständlich erscheint, war damals noch eine ziemlich große und kostspielige Herausforderung. Sogar das Karlsruher Institut für Technologie, das KIT, stellte mir dafür spezielle Sensoren zur Verfügung.
Ein Freund verwies mich damals an Alex. Er ließ sich von der Idee begeistern und entwickelte gemeinsam mit Marina die Webseite für das Projekt. Seitdem haben die beiden mir inzwischen fünf Webseiten erstellt. Jede von ihnen brachte neue technische Herausforderungen mit sich. Und obwohl Alex wie ich an der Kunstakademie Stuttgart studiert hat, sind wir uns dort nie wissentlich begegnet. Die Kommunikationsdesigner und die freien Künstler hatten nur bedingt miteinander zu tun.
Alex hatte gemeinsam mit Marina auch die Webseite für „Ich höre zu“ entwickelt. Und weil mein Weg nun über Basel führte, wo er seit der Zeit nach dem Studium lebt, ergab sich zum ersten Mal die Möglichkeit, ihn wirklich zu treffen. Als ich ihn fragte, ob er und seine Familie Lust auf die Begegnung mit einem schweigenden Künstler hätten, sagte er sofort zu.
So entstand zum ersten Mal ein Raum für eine Begegnung jenseits von E-Mails, Telefonaten und Videokonferenzen.
Von Joel aus ging ich am Nachmittag direkt weiter zu Alex, der auf der anderen Rheinseite in Kleinbasel lebt. Ich hatte ihn oft in der Webcam gesehen, aber es macht doch einen Unterschied, ob man immer nur einen Bildausschnitt einer Person kennt oder ob sie plötzlich lebendig vor einem steht. Ich hatte ihn mir etwas größer vorgestellt. Davon abgesehen fühlte es sich sofort vertraut an, fast so, als wären wir uns auch im realen Leben schon öfter begegnet.
Er zeigte mir sein Büro, musste noch ein paar Dinge fertigstellen und ging dann mit mir zu sich nach Hause. Für den Abend war eine etwas größere Runde geplant. Auch sein Nachbar Stefan sollte dazukommen, ein guter Bekannter von mir aus meiner Pfadfinderzeit. Das war wieder einer dieser merkwürdigen Zufälle. Irgendwann musste Alex während eines Urlaubs an einer meiner Webseiten dringend etwas reparieren. Dabei stellte sich heraus, dass er mit Stefan unterwegs war und dass auch Stefan und ich uns kannten.
Immer wieder stelle ich fest, dass Menschen, mit denen ich gerne zusammen bin und gut arbeiten kann, sich oft auch untereinander verstehen. In diesem Fall sind daraus sogar enge Freunde geworden, die sich an einem ganz anderen Punkt im Leben und unter ganz anderen Umständen kennengelernt haben, ohne dass ich dabei irgendeine Rolle gespielt hätte.
Wie klein die Welt manchmal ist.

Größere Runden, noch dazu mit Kindern, sind für mich im Schweigen immer eine Herausforderung. Wenn ich versuche, allen gerecht zu werden, bin ich zu langsam. Man wartet selten, bis ich einen Satz aufgeschrieben habe. Bis ich fertig bin, ist das Gespräch oft schon an einem ganz anderen Punkt. In solchen Situationen bleibt mir meistens nur, Fragen zu beantworten, weil dann auf meine Antwort gewartet wird. Oder ich stelle selbst Fragen.
Manchmal lassen sich auch ein oder zwei Personen ganz auf mich ein. Aber das bedeutet fast immer, dass sie sich vom Rest der Gruppe ein Stück lösen müssen. Durch meine Entschleunigung entsteht ein eigener kleiner Raum, der viel Aufmerksamkeit braucht.
Oft sitze ich in solchen Runden aber auch einfach nur da, beobachte und lausche den Gesprächen der anderen. Vor dem Projekt hätte ich mich in solchen Momenten manchmal allein gefühlt. Allein unter Menschen, weil ich zu keiner Unterhaltung richtig dazugehöre. Dieses Gefühl hat sich im Laufe des Jahres verändert. Inzwischen genieße ich es oft sogar, nichts sagen zu müssen. Einfach dazusitzen, zu beobachten, bei mir zu bleiben und mitten in einer Gruppe einen Raum der Stille zu finden.
Weil ich ohnehin nicht sprechen kann, muss ich mir dabei nicht komisch vorkommen. Und gerade dadurch entsteht auch nicht das Gefühl, dass andere es merkwürdig finden, wenn jemand einfach nur still dabeisitzt. Trotzdem verändert meine Anwesenheit den Raum. Nicht, weil ich etwas tue, sondern weil ich wirklich anwesend bin. Körperlich, aber auch mit einer Aufmerksamkeit, die sehr genau aufnimmt, was um mich herum geschieht.
Wenn ich ganz bei mir bin und die Gedanken loslassen kann, passiert manchmal etwas Erstaunliches. Dann scheint es möglich zu sein, mehreren Gesprächen gleichzeitig zu folgen. Es fühlt sich an, als würden Stimmen, Geräusche und Bewegungen einfach durch mich hindurchfließen. Nichts bleibt hängen, nichts zieht sofort neue Gedankenketten nach sich. Und später stelle ich fest, dass vieles von dem, was gesagt wurde, trotzdem noch präsent ist.
Vielleicht findet Zuhören nicht immer dann am tiefsten statt, wenn wir sofort beginnen, das Gehörte einzuordnen, zu bewerten und gedanklich zu verarbeiten. Vielleicht geschieht es manchmal gerade dann, wenn es sich anfühlt, als täten wir fast nichts. Wenn wir einfach da sind.
Beim Spargelessen bei Alex war allerdings gar nicht so viel Raum, die Gruppe nur zu beobachten. Es wurden so viele Fragen an mich gestellt, dass ich die meiste Zeit damit beschäftigt war, Antworten aufzuschreiben und zwischendurch trotzdem noch etwas zu essen. Nach den vielen Tagen des Wanderns und Paddelns war mein Hunger groß. Und die Portionen, die ich in diesem Jahr zu mir nehme, brauchen inzwischen auch ihre Zeit.
Später wurden die Kinder ins Bett gebracht. Ich hatte noch etwas Zeit für mich und war dann nach 21 Uhr noch einmal mit Alex verabredet. Er machte mir mehrere Vorschläge für den Abend. Unter anderem bot er mir an, noch einmal mit ihm ins Büro zu gehen, damit er mir seine Synthesizer zeigen und erklären könne.
Ein etwas nerdiges Hobby, wie er selbst sagte. Für ihn aber auch ein wichtiger Ausgleich zum Arbeits- und Familienalltag.
Da ich offen war für das, was sich zeigen würde, landeten wir schließlich wieder in seinem Büro. Und für die nächsten zwei Stunden tauchte ich in eine Welt ein, von der ich bis dahin nur nicht wirklich wusste, dass es sie überhaupt existiert.

Technisch und inhaltlich war mir fast nichts davon vertraut. Ich war zwar einmal auf einem Technischen Gymnasium, Physik war mein Leistungskurs, und Begriffe wie Sinuswellen, Frequenzen und Taktgeber sind mir nicht völlig fremd. Aber ehrlich gesagt verstand ich nur einen kleinen Teil von dem, was Alex mir sehr ausführlich und detailreich erklärte.
Es blieb nicht bei der Frage, wie aus einer Sinuswelle ein Beat wird, wie man einzelne Spuren übereinanderlegt und miteinander mischt. Alex nahm mich auch mit auf eine kleine geschichtliche Reise. Er zeigte mir Bilder von Pionierinnen und Pionieren dieser Szene, erzählte von unterschiedlichen Strömungen in den USA, von prägenden Köpfen und technischen Entwicklungen. Ich merkte dabei, dass auch diese Geschichte vielschichtiger ist, als ich sie mir vorgestellt hätte. Was von außen vielleicht schnell wie eine männlich geprägte Technikszene wirkt, war offenbar nie ganz so eindeutig. Schon früh spielten auch Frauen eine wichtige Rolle, und heute sind Frauen und queere Personen in dieser Szene selbstverständlich vertreten.
Er erzählte auch davon, dass in einer Welt, in der Algorithmen und KI ohne Weiteres saubere, beinahe perfekte Beats erzeugen können, die Produzenten elektronischer Musik wieder auf eine andere Weise sichtbar werden. Also jene Menschen, die Klänge nicht nur abspielen oder mischen, sondern sie selbst erzeugen. Aus Hinterzimmern, Kellern und Studios treten sie zunehmend auf Bühnen und spielen mit ihren Synthesizern live. Nicht so glatt, nicht so perfekt und nicht so clean wie am Computer oder mit KI erzeugt. Gerade dadurch bekommt elektronische Musik plötzlich wieder etwas Körperliches, etwas Menschliches. Sie wird zu einem Geschehen im Raum.
Alex zeigte mir kleine Videos aus einer weltweit vernetzten Szene, in der man sich kennt, in der es nur wenige Läden gibt, die die richtigen Geräte verkaufen, und in der man viel Geld für ein neues Modul ausgeben kann, das vielleicht noch von Hand zusammengelötet wurde und der eigenen Musik einen ganz neuen Klang geben soll.
Obwohl man schon so viele Apparate besitzt, dass man damit wahrscheinlich bis ans Lebensende Musik machen könnte, bleibt auch hier das Gefühl, dass gerade dieses eine neue Gerät noch fehlt. Dieses eine Modul, mit dem endlich der nächste, der andere, der ultimative Sound möglich wird.
Alex kommentierte das selbstironisch: Irgendwie müsse er ja das Geld ausgeben, das er verdiene, auch wenn er wisse, dass er gar nicht die Zeit habe, all diese Spielereien wirklich auszuschöpfen.
Und obwohl mir die Namen der Synthesizer-Koryphäen nichts sagten, obwohl die Geschichte der Synthesizer für mich bis dahin ziemlich weit weg war, obwohl elektronische Musik nichts ist, womit man mich auf Partys locken könnte, und obwohl ich inhaltlich nur wenig verstand, war es ein absolut spannender Abend.
Denn wenn man sich wirklich auf eine solche Erzählung einlässt, wird darin viel mehr hörbar als nur ein Hobby. Dann geht es um Bewegungen, die aus dem Untergrund entstehen. Um Leidenschaft. Um die Möglichkeit, etwas Eigenes zu erschaffen. Um die Freude am Ausprobieren. Und vielleicht auch um die Suche nach einem Zustand, in dem man für eine Weile ganz eins ist mit dem, was man tut.
Nicht selten ist ein solches Hobby auch eine Möglichkeit, für eine Zeit aus der alltäglichen Welt auszusteigen. Sich einer Sache ganz zuzuwenden. Den Stress, die Sorgen und das ständige innere Reden hinter sich zu lassen. Mit einem Beat mitzugehen, in eine andere Welt einzutauchen.
Die einen setzen sich aufs Fahrrad oder fahren Motorrad, kaufen immer bessere Modelle und sind jede freie Stunde unterwegs. Andere bauen Modelleisenbahnen, legen riesige Puzzle mit mehreren tausend Teilen, setzen aus Lego-Sets für Erwachsene die Titanic nach oder schrauben an ihren Autos. Wieder andere tauchen in Klangwelten ein, drehen an Knöpfen, verbinden Kabel und suchen nach einem Sound, der so vorher noch nicht da war.
Als ich spät in der Nacht endlich im Bett lag, ging mir die Frage durch den Kopf, wann ein solches Hobby ein Rückzugsraum ist, der Kraft gibt, und wann es zu einer Flucht werden kann. Wahrscheinlich lässt sich das nicht eindeutig beantworten. Vielleicht hängt alles davon ab, wie bewusst man mit solchen Freiräumen umgeht. Ob sie helfen, den Alltag besser zu bewältigen, oder ob sie irgendwann selbst wichtiger werden als das Leben, das sie eigentlich unterstützen sollten.
Bei Alex hatte ich nicht das Gefühl, dass er über dieser Leidenschaft sein Umfeld vergisst. Oft geht er abends, wenn die Kinder schlafen und das Wichtigste erledigt ist, noch einmal los und taucht in seine Welt ein. Was mir allerdings ein Rätsel blieb, war, wie er mit dem wenigen Schlaf auskommt, der dadurch manchmal entstehen muss.
Vielleicht sind diese Freiräume, die er sich neben Familienalltag und selbstständiger Arbeit nimmt, gerade das, was ihm hilft, mit all dem anderen besser zurechtzukommen. Als Selbstständiger ist er von vielen Seiten gefordert. Mal streikt eine Webseite, mal muss ein Update gemacht werden, und eigentlich steht immer die Entwicklung einer neuen Seite unter dem Druck, dass vereinbarte Deadlines eingehalten werden müssen. Vielleicht ist der Raum der Synthesizer nichts, was noch oben drauf kommt, sondern etwas, das einen anderen Raum öffnet. Einen Raum, der es überhaupt erst ermöglicht, den vollen Alltag zu bewältigen und ihm die Kraft dafür gibt.
Am nächsten Morgen frühstückte ich ausführlich mit Stefan, Alex’ Wohnungsnachbarn, den ich wahrscheinlich seit über zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hatte. Bevor ich weiterziehen wollte, ging ich noch einmal bei Alex im Büro vorbei, um mich zu verabschieden. Am Morgen waren wir uns nicht mehr begegnet.
Eigentlich hatte ich geplant, spätestens um elf Uhr in Basel aufzubrechen, denn ich hatte noch eine längere Strecke bis zum Fuß des Schwarzwaldes vor mir. Aber ich hatte noch ein paar Fragen zu meiner Webseite und wollte wissen, ob es möglich wäre, dort einen Livestream für meine Abschlussveranstaltung einzufügen. Dann kamen wir auch so noch ins Gespräch, wenn man das so nennen kann, wenn einer vor allem zuhört und nur ab und zu etwas aufschreibt.
Plötzlich war es Mittag. Als Alex mir anbot, noch schnell gemeinsam etwas essen zu gehen, nahm ich gerne an. Früher oder später hätte ich ohnehin etwas gebraucht. Wir holten uns etwas zu essen und setzten uns an den Rhein.
Während dieses Essens waren es dann nicht mehr die Synthesizer, von denen Alex sprach. Es ging um Alltag, Arbeit, Familie, Verantwortung und all die Anforderungen, die das Leben mit sich bringt. Und obwohl diese Themen am Vorabend nicht direkt benannt worden waren, hatte ich das Gefühl, dass sie in seinen Erzählungen über Geräte, Klänge und elektronische Musik schon leise mitgeschwungen hatten. So brauchte es beim Mittagessen am Rhein gar nicht viele Fragen von meiner Seite, bis sich ein anderer, persönlicherer Raum öffnete.
Ich kann nicht sicher sagen, ob das daran lag, dass ich am Vorabend einfach aufmerksam zugehört hatte und dadurch manches wahrnehmen konnte. Oder ob dieses Zuhören selbst den Raum und das Vertrauen geschaffen hatte, damit nun auch andere Dinge erzählt werden konnten.
Auf jeden Fall war es schön, einem Menschen, den ich bisher vor allem vom Bildschirm kannte, nach einem gemeinsamen Abend gegenüberzusitzen und so viel Offenheit zu erleben. Es fühlte sich an, als säße ich nicht einem fast Fremden gegenüber, sondern einem alten Freund, der einen an seinem Leben, seinen Sorgen, Gedanken und Ideen teilhaben lässt.
Den Raum dafür hatten wohl die Synthesizer geöffnet. Obwohl ich inhaltlich oft nur Bahnhof verstand, hatte ich doch zugehört.
Und vielleicht war genau das genug.