Tag 332 – Von Basel Richtung Schwarzwald – Von Botschaften, Gedankenschlaufen und dem Kraftraum der Meditation

Eigentlich hatte ich mir für Basel mehr vorgenommen. Abgesehen davon, dass ich dort ursprünglich gerne eine Zuhörstation gemacht hätte, wollte ich mir die Stadt genauer anschauen, vielleicht eines der großen Museen besuchen. Ich kenne Basel vor allem von der Kunstmesse und vom Rhein. Viel mehr nicht.
Doch nichts davon habe ich geschafft.
Das Organisatorische für die letzten Wochen, der Abschluss in Stuttgart und das Schreiben meiner Texte nahmen so viel Raum ein, dass ich im Grunde entweder am Computer saß oder Zeit mit meinen Gastgebern verbrachte. In dieser Hinsicht war es vielleicht sogar ein Segen, dass sich keine Station ergeben hatte. Sonst hätte sich noch mehr angestaut.
Auch wenn man im Gehen vieles verarbeiten und gedanklich tragen kann, ist es nicht schön, wenn der Rucksack, den man ohnehin schon auf den Schultern trägt, auch noch mit all den organisatorischen Dingen und Texten gefüllt wird, die erledigt und geschrieben werden wollen. Gedanken können eine physische Last noch einmal schwerer erscheinen lassen.
Mit Alex war ich an diesem Tag noch bis 13 Uhr am Rhein gesessen und hatte ihm zugehört. Mein Plan war, am Nachmittag noch 19 Kilometer bis an den Fuß des Schwarzwalds zu gehen, wo ich mich schon am nächsten Tag mit Tobias treffen würde, meiner nächsten Begleitung.
19 Kilometer mit meinem Rucksack an einem Nachmittag sind mir eigentlich zu viel. Aber die Tage in Basel hatten mir gutgetan. Die Erkältung war endgültig abgeklungen. Und da ich in den Tagen vor Basel nicht zu Fuß, sondern mit dem Kanu unterwegs gewesen war, waren meine Beine und meine Muskulatur relativ erholt. So ließ sich das Gehen erstaunlich leicht an.
Außerdem stand in Basel der letzte große Richtungswechsel meines Weges durch Deutschland an. Von nun an war die Hauptrichtung auf Stuttgart ausgerichtet. Nach Norden. In Richtung Heimat. Zum ersten Mal wurde wirklich spürbar, dass ich mich mit jedem Schritt meinem Zuhause näherte.
Auf dem Weg entlang des Flusses Wiese hielten plötzlich zwei Radfahrer neben mir. Zwei junge Männer zwischen 30 und 35, beide gut durchtrainiert, dem gängigen Schönheitsideal entsprechend. Einer der beiden sagte: „Du hast eine Botschaft auf dem Rucksack! Das ist gut! Ich möchte dir auch etwas erzählen. Ich habe auch eine Botschaft für dich: Shalom!“
Ich reichte den beiden mein Kärtchen, auf dem steht, dass ich im Schweigen bin, aber gerne zuhöre, und auf dem mein Projekt in drei Sätzen erklärt wird. Das beeindruckte sie beide. Dann erzählte der Mann, dass er bis vor wenigen Jahren, bis Corona, ein sehr schlechter Mensch gewesen sei und vielen Menschen Leid zugefügt habe. Dann aber sei er gerettet worden. Von Jesus Christus. Shalom.
Er fragte, ob er für mich einen Psalm rappen dürfe, und trug mir im Sprechgesang, unter den verwunderten Blicken anderer Radfahrer und Passanten, Psalm 23 vor: Der Herr ist mein Hirte. Anschließend fragte er, ob er für mich ein Horn blasen und für mich beten dürfe.
Die Situation war so skurril und zugleich so faszinierend, dass ich zustimmte. Er legte seine Hand auf meine Schulter, betete, wie es in vielen Freikirchen üblich ist, und blies am Ende dreimal in ein Schafshorn, das er aus seinem Rucksack geholt hatte. Es kamen sehr laute und lange Töne heraus, etwas Archaisches. Nachdem er das Horn abgesetzt hatte, schien er erfüllt von dem, was er gerade getan hatte. Die beiden wünschten mir alles Gute, umarmten mich, stiegen wieder auf ihre Fahrräder und fuhren davon.
So ganz verstand ich in diesem Moment nicht, was da gerade mit mir passiert war. Es war ein Gefühl von Überrumpeltwerden. Die ganze Szene hatte vielleicht fünf bis sieben Minuten gedauert. Ich war mir nicht sicher, ob ich mich freuen sollte oder ob mir da etwas aufgedrängt worden war, obwohl ich gefragt worden war und immer zugestimmt hatte. Es hatte etwas Missionarisches. Eine Direktheit auf offener Straße, die durch ihre Intensität etwas Übergriffiges bekam.
Zugleich war diese Begegnung auch einfach eine gute Geschichte. Skurril, besonders und auf eine eigene Weise für mich auch eine Form des wertfreien Zuhörens. Indem ich es zugelassen hatte, konnte ich mit diesem Mann in Verbindung gehen, ohne die Begegnung nur als negativ zu empfinden. Die beiden hatten es gut mit mir gemeint. Letztlich war es dieser Gedanke, der es mich annehmen ließ und mich mit einem Lächeln weitergehen ließ.

Und vielleicht passte diese Begegnung besser zu diesem Tag, als mir in diesem Moment bewusst war. Da war jemand, der eine Botschaft hatte und sie unbedingt loswerden wollte. Eine Botschaft, die aus ihm herausmusste. Direkt, ungefragt und doch mit einer ehrlichen Absicht.
Auch in mir selbst waren an diesem Nachmittag viele Botschaften unterwegs. Keine religiösen, aber Gedanken, die sich immer wieder meldeten, die Aufmerksamkeit wollten, die weitergedacht werden wollten. Gedanken aus den Tagen in Basel. Gedanken an Alex, an seine Synthesizer, an seine Leidenschaft. Gedanken an die Frage, wann eine Leidenschaft Kraft gibt und wann sie zu einer Flucht werden kann.
Wo liegt die Grenze zwischen Hingabe und Ausweichen? Wann ist ein Hobby, wie Alex’ Beschäftigung mit Synthesizern, ein wichtiger Freiraum? Und wann wird es zu etwas, mit dem man sich dem Leben entzieht?
Ich kam zu keinem klaren Ergebnis. Wahrscheinlich gibt es darauf auch keine einfache Antwort. Die Grenzen sind fließend. Sie unterscheiden sich von Mensch zu Mensch, von Situation zu Situation. Jemand mit Familie und kleinen Kindern trägt eine andere Verantwortung als ein Single, der einer Leidenschaft einen viel größeren Platz im Leben einräumen kann.
Und wenn es keine Menschen gäbe, die sich ganz in etwas verlieren, würde dieser Welt vielleicht auch etwas fehlen. Basiert nicht ein großer Teil von Kreativität und Veränderung auf genau dieser Fähigkeit, sich einer Sache hinzugeben? Sich in ein Thema, eine Technik, eine Kunst, eine Bewegung, einen Klang, eine Idee so tief hineinzubegeben, dass daraus etwas entstehen kann, das vorher nicht da war?
Und ist meine Wanderung durch Deutschland, dieses Draußensein, dieses Unterwegssein, nicht auch ein Stück weit eine Leidenschaft? Vielleicht sogar eine, die für andere von außen ebenfalls merkwürdig oder übertrieben wirken kann?
Auch wenn ich keine klare Antwort fand, kam ich doch immer wieder zu einem Gedanken zurück: Es hat mit Bewusstsein zu tun. Mit Bewusstsein für sich selbst, für das eigene Umfeld und für die Umstände, in denen man lebt.
Zur Flucht wird eine Leidenschaft vielleicht dann, wenn man sich unbewusst mehr und mehr dem Leben entzieht. Wenn man nicht mehr merkt, was man ausblendet, wen man zurücklässt oder welchen Aufgaben man ausweicht. Hingegen kann eine bewusste Entscheidung, sich immer wieder Freiräume zu schaffen, in denen man einer Leidenschaft folgt, stärkend sein. Manchmal sogar Ursprung großer Freude und Kreativität.
Gerade weil die Grenzen fließend sind, braucht es ein Bewusstsein, das von Situation zu Situation neu abwägt. Ein Bewusstsein, das nicht einfach einem unbewussten Drang folgt. Das gilt in beide Richtungen. Für das Sich-Hingeben genauso wie für das Sich-Zurücknehmen.
Ein weiterer Gedanke beschäftigte mich auf dem Weg. Wenn eine Tätigkeit mit großer Leidenschaft ausgeführt wird, wenn man in ihr versinkt, in einen Flow kommt, ganz bei einer Sache ist, dann kann das viele positive Wirkungen haben. Egal ob es ein Synthesizer ist, eine intensive Sportart, Gärtnern, Kochen oder etwas ganz anderes. Solche Tätigkeiten können das Nervensystem beruhigen, Kraft geben, erfüllen und durch die Fokussierung auf eine Sache auch die Konzentration stärken.
Worin liegt dann eigentlich der Unterschied zwischen solchen leidenschaftlichen Tätigkeiten und Meditation? Kann man nicht auch eine Tätigkeit, in der man ganz aufgeht, als meditativen Prozess bezeichnen?
Wahrscheinlich schon. In vielen Klöstern und spirituellen Praxen gehören solche Tätigkeiten fest zur Übung. Gärtnern, Kochen, Teezeremonien, selbst alltägliche Handlungen können zu einer meditativen Praxis werden, wenn sie mit voller Aufmerksamkeit ausgeführt werden.
Vielleicht kann man die Form der Meditation, wie ich sie selbst praktiziere, mit dem Kraftraum im Sport vergleichen. Man kann ein sehr guter Fußballer sein und ständig an seiner Technik arbeiten. Aber wenn bestimmte Muskeln fehlen, wenn Stabilität, Ausdauer oder Beweglichkeit nicht ausreichen, braucht es zusätzlich gezieltes Training. Man muss Bewegungen isolieren, Muskeln stärken, Grundlagen schaffen, um im Spiel im richtigen Moment die ganze Kraft abrufen zu können und einen Vorteil herauszuholen.
So ähnlich ist es vielleicht auch mit achtsamkeitsbasierter Meditation. Natürlich kann man auch bei anderen Tätigkeiten zur Ruhe kommen, in einen Flow geraten, sich sammeln und gestärkt daraus hervorgehen. Aber in der Meditation wird man direkter auf sich selbst zurückgeworfen. Auf die eigenen Gedanken. Auf Schmerzen. Auf Unruhe. Auf Gefühle, die man den ganzen Tag erfolgreich unterdrückt oder gar nicht bemerkt hat.
Man sitzt da und merkt vielleicht, dass man gerade überhaupt keine Lust hat, hier zu sitzen und sich all das anzuhören, was der Kopf einem erzählt. Man begegnet Ängsten, Sorgen, Wut, Ärger, Müdigkeit oder Traurigkeit. Manchmal auch schönen Gefühlen, die im Alltag übersehen wurden. In der achtsamkeitsbasierten Meditation bekommen all diese Dinge Raum. Man beginnt wahrzunehmen, was überhaupt da ist. Welche Geschichten der Kopf erzählt. Welche davon vielleicht stimmen und welche nicht. Welche Muster immer wieder auftauchen.
Das Entscheidende ist, dass man Werkzeuge an die Hand bekommt, mit diesen Dingen umzugehen. Man lernt, sie wahrzunehmen und immer wieder loszulassen. Und wenn das nicht hilft, lernt man, sich ihnen zuzuwenden. Sie vielleicht in den Arm zu nehmen. Zu akzeptieren, dass man nicht perfekt ist, dass man Fehler macht, dass bestimmte Muster da sind. Meditation schafft ein Bewusstsein für das, was sich in uns abspielt, und trainiert zugleich den Umgang damit.
Deshalb ist Meditation für mich so etwas wie ein Kraftraum, in dem nicht nur Ruhe entsteht, sondern Bewusstsein trainiert wird. Wer gut mit Stress umgehen kann, seelisch ausgeglichen ist und Tätigkeiten hat, die einen erden, braucht diesen Kraftraum vielleicht nicht unbedingt. Wer aber merkt, dass das Leben im Autopiloten vorbeifliegt, dass Sorgen, Ängste oder innere Unruhe zu viel Raum einnehmen, kann dort Übungen finden, die helfen, anders mit sich selbst umzugehen.
Und wie bei jedem Training kann es hilfreich sein, Menschen an der Seite zu haben, die sehen, welche Übung gerade angemessen ist und wann man vielleicht etwas anderes braucht.
Während mir solche Gedanken durch den Kopf gingen, war ich manchmal ganz weit weg von dem wunderschönen Wanderweg entlang der Wiese. Die Sonne brannte mittlerweile recht heiß auf den Asphalt, und das stetige Gewicht meines Rucksacks drückte mich nach unten, während ich innerlich ganz in meiner Gedankenwelt versunken war. Mit etwas Glück riss mich dann das schrille Zwitschern eines Vogels aus dieser Welt und holte mich zurück ins Hier und Jetzt.
Manchmal entschied ich mich aber auch bewusst dafür, diesen Gedanken weiter nachzugehen, weil ich das Gefühl hatte, dass in ihnen eine wichtige Erkenntnis lag.
Aber das Gleichgewicht ist flüchtig. Im vergangenen Jahr kam es oft vor, dass ich mich unbemerkt in Konstrukten, Ideen und Plänen verlor. Ich meine dieses endlose Kreisen, bei dem man denselben Gedanken in immer neuen Formen bewegt, ohne dass noch etwas Wesentliches hinzukommt. Man klebt daran fest, als gäbe es im Augenblick nichts Wichtigeres – und wenn man später versucht, sich daran zu erinnern, bleibt kaum etwas übrig.
Je nach Tagesform gelang es mir mal besser oder schlechter, das Training der letzten Jahre abzurufen und mich aus diesen Gedankenschlaufen zu lösen, um wieder zu sehen, zu hören und zu riechen. Es klappt nicht immer, aber im Laufe der Zeit immer öfter.
Deshalb freute ich mich auch an diesem Tag, als ich all diese Gedanken schließlich loslassen konnte. Sie hatten mich elektrisiert und fasziniert, aber zugleich auch gefesselt. Auch die klügsten Erkenntnisse gilt es irgendwann wieder loszulassen, damit Raum entsteht für das, was gerade wirklich geschieht.
An diesem Nachmittag war das wirkliche Leben mein Weg hin zum Schwarzwald. Die Wiese neben mir. Die Schritte unter mir. Der Rucksack auf meinen Schultern. Irgendwann kam ein Wetterumschwung dazu, und es war klar, dass es bald zu regnen beginnen würde. Der Himmel wurde bedrohlich dunkel, die Luft veränderte sich, und auf einmal war keine Zeit mehr, Gedanken immer weiterzudenken.
Ich musste einen Platz finden.
Und vielleicht ist auch das eine Form von Gnade unterwegs: dass der Körper, das Wetter und der Weg einen irgendwann zurückholen. Nicht durch Einsicht, sondern durch Notwendigkeit.
An diesem Tag stand mein Zelt nach der geschafften Etappe, bevor der Regen mich so richtig erwischen konnte. Ich kroch hinein, hörte die ersten schweren Tropfen auf die Zeltplane fallen und war wieder dort, wo ich sein konnte.
Nicht in der Frage, ob Leidenschaft Flucht oder Kraftquelle ist. Nicht im Kraftraum der Meditation. Nicht in all den Gedanken, die sich wichtig gemacht hatten.
Sondern einfach im Regen.