Tag 335 – Vom Verstummen der alten Ängste

Ich freute mich auf die Nacht unter den Kiefern, die in der Abenddämmerung so wunderbar begonnen hatte. Sie versprach großartig zu werden, hielt dann aber doch noch eine Überraschung für mich bereit.
Als die Sonne untergegangen war und ich in der Dämmerung meinen Schlafsack ausbreitete, um den Sternenhimmel zu genießen, fing es um mich herum an zu summen. Innerhalb weniger Minuten war ich trotz Mückenspray komplett zerstochen. Unter diesen Umständen würde ich keine ruhige Nacht haben.
Schweren Herzens entschloss ich mich, wenigstens mein Innenzelt aufzubauen, um die kleinen Plagegeister von mir fernzuhalten. Es sollte dann eben doch nicht dieses ganz unmittelbare Erlebnis unter freiem Himmel werden. Zwischen mir und den Sternen lag nun eine durchsichtige Schicht Stoff, die erahnen ließ, was über mir war, aber zugleich doch einiges ausblendete. Es war ein Kompromiss – ein dünnes Netz, das mir zwar die klare Sicht nahm, mir aber genau die Sicherheit gab, die ich in diesem Moment brauchte.
So durfte ich wenigstens eine ruhige Nacht haben. Schön war sie immer noch. Nur nicht ganz so pur, wie ich es mir erhofft hatte.
Am Morgen erledigte ich noch ein paar organisatorische Dinge, ehe ich mich auf den Weg nach Müllheim hinunter ins Rheintal machte. Sascia, die mich früher in meiner künstlerischen Arbeit unterstützt hatte und mittlerweile eine gute Freundin von mir ist, hatte mich zu ihrem Geburtstag am darauffolgenden Tag eingeladen. Sie kannte meine Strecke, und dass ich nun ausgerechnet an ihrem Geburtstag hier vorbeikommen würde, war Anlass genug, vom Schwarzwald all die in den Tagen zuvor mühsam erkämpften Höhenmeter wieder zu ihr hinunterzusteigen, um ihr bei den Vorbereitungen zu helfen und mit ihr zu feiern. Sonst hätte ich mir die tausend Höhenmeter vom Blauen hinunter wahrscheinlich erspart und hätte Tobias an einem anderen Ort auf der Höhe verabschiedet, von dem aus er wieder zu seinem Auto hätte zurückkehren können.
Außerdem konnte ich die Gelegenheit nutzen, mir andere Wanderschuhe an einen konkreten Ort schicken zu lassen. Die Schuhe, die mich nun etwa 2.700 Kilometer bis hierher getragen und mir in den unterschiedlichsten Situationen wunderbare Dienste geleistet hatten, schienen sich an immer mehr Stellen aufzulösen. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass ein Schuster sie noch einmal so herrichten würde, dass sie mich die verbleibenden Kilometer nach Hause tragen könnten. Schweren Herzens musste ich mich von diesen treuen Begleitern trennen. Also hatte ich Flavia gebeten, mir ein anderes altes Paar Wanderschuhe zu Sascia zu schicken. Sie würden mich hoffentlich noch bis Stuttgart bringen.
Bei Sascia angekommen, half ich zunächst bei den Vorbereitungen für ihren Geburtstag am nächsten Tag. Als das Wichtigste erledigt war, saßen wir in der immer stärker werdenden Mittagshitze im Schatten der Veranda beisammen und tauschten uns aus.
Am Abend sollten weitere Freundinnen von Sascia eintreffen. Unter ihnen war eine Freundin, deren Interesse an meinem Projekt trotz großer Müdigkeit deutlich zu spüren war. Sascia erzählte ihr ein wenig davon, und ich gab ihr meinen ausführlichen Flyer, damit ich nicht allzu viele Fragen schriftlich beantworten musste.
Als Sascia später noch jemanden vom Bahnhof abholen musste, waren diese Freundin und ich eine Weile allein. Ich war gespannt, wie sie mit der Situation umgehen würde. Ob sie mir weiter Fragen stellen würde oder ob sie selbst etwas erzählen würde.
Dann kam von ihr als Erstes die Frage:
Haben sich deine Gefühle in diesem Jahr im Schweigen verändert?
Weil ich nicht direkt schriftlich antwortete, vielleicht auch, weil ich etwas verdutzt geschaut haben muss, folgte gleich im Anschluss ihre zweite Frage: Ob mir die Leute viele Fragen stellen würden und welche die häufigste Frage sei.
Und ja, mir wurden in diesem Jahr viele Fragen gestellt, die ich dann oft schriftlich zu beantworten versuchte. Aber diese erste Frage überraschte mich. Sie kam so aus dem Nichts, und in dieser Form war sie mir noch nicht begegnet.
Irgendwie wusste ich sofort, dass diese Frage wichtig war. Vielleicht weniger für sie als für mich selbst. Sie setzte etwas in mir in Bewegung. Ich spürte, dass dahinter etwas lag, dem ich auf den Grund gehen musste. Zunächst konnte ich die Frage nicht einmal richtig fassen. Später fragte ich sie noch einmal nach dem genauen Wortlaut, weil ich ihr im ersten Moment keine Antwort geben konnte und erst ihre zweite Frage beantwortete. Auf die erste Frage schrieb ich schließlich eher oberflächlich: Es hat sich alles verändert.
Erst später am Abend verstand ich mehr und mehr, was sich in meiner Gefühlswelt wirklich verändert hatte. Irgendetwas in mir war anders, ohne dass ich es bisher in Worte fassen konnte. Durch ihre Frage arbeitete es in mir weiter, bis es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen fiel:
Da war keine Angst mehr.
Oder vielleicht war sie nicht ganz verschwunden, aber so leise und so weit in den Hintergrund getreten, dass sie mein Denken nicht mehr bestimmte. Dieses ständige Grundrauschen, das mich wahrscheinlich durch mein ganzes Leben begleitet hatte, war nicht mehr da. Die Angst, nicht zu genügen. Die Angst, nicht geliebt zu werden. Die Angst vor Einsamkeit. Die Angst vor dem Scheitern. Die Angst, Fehler zu machen. Die Angst, etwas Falsches zu sagen. Die Angst vor der Zukunft. Die Angst, nicht das zu bekommen, was ich mir so sehr wünsche, um endlich glücklich zu sein. Die Angst, verlassen zu werden. Die Angst vor Krankheit und vielleicht auch vor dem Tod.
All diese Ängste, oder vielleicht diese eine Angst, die hinter all den anderen steckt, waren nicht mehr tonangebend. Vorher hatten sie je nach Situation unterschiedliche Ventile gefunden. Mal trat die Angst, nicht zu genügen, besonders stark hervor, mal die Angst vor der Zukunft, mal eine ganz andere. Manchmal ganz subtil, kaum wahrnehmbar. Manchmal alles überflutend. Und nun war da plötzlich Raum. Raum, der vorher von diesen Ängsten belegt gewesen war.
Ich kann nicht genau sagen, wann das begonnen hatte. Vielleicht gegen Ende des Winters, als klar wurde, dass ich den Winter überstanden hatte und voraussichtlich bis zum Ende durchhalten würde. Vielleicht, als die ersten Sonnenstrahlen mein Gemüt wieder weckten. Vielleicht hatte es sich schon während der Visionssuche angedeutet und war nun fest verankert, ohne dass ich dafür vorher Worte gefunden hatte. Ich wusste nur, dass ich nicht mehr derselbe war.
Und nun, durch ihre Frage, verstand ich auf einmal auch, warum ich mit der Situation um Flavia so ruhig umgehen konnte. Unsere gemeinsame Zukunft war gerade vollkommen offen. Nicht, weil wir in einem schlechten Verhältnis zueinander standen, im Gegenteil. Aber es war nicht klar, wohin unser gemeinsamer Weg führen würde und ob es ihn in der bisherigen Form überhaupt weiter geben könnte.
Früher hätte mich eine solche Offenheit wahrscheinlich innerlich zerrissen. Nun merkte ich, dass ich die Sorgen darum immer wieder loslassen konnte. Nicht, weil mir Flavia weniger bedeutete. Sondern weil ich keine Angst mehr davor hatte, allein zu sein. Keine Angst mehr davor, verlassen zu werden.
Das entspannte so vieles.
Vielleicht hatte zu dieser Entwicklung beigetragen, dass ich mich ein Jahr lang ständig meinen Ängsten gestellt habe. Es gab so viele davon. Die Angst vor dem Winter, vor der Dunkelheit, vor dem Scheitern. Sicherlich auch die Angst, nicht geliebt und abgelehnt zu werden.
So weit es mir möglich war, habe ich diese Ängste nicht verdrängt und nicht unterdrückt. Ich habe sie mir angeschaut, sie angenommen und umarmt. Oft durften sie da sein. Selbst in meinem Blog habe ich sie nicht verschwiegen, sondern immer wieder zum Thema gemacht. Und sie waren ja auch nicht unberechtigt. Was ich getan habe, war schwierig und herausfordernd. Da darf man Angst haben. Man muss nur einen Umgang mit ihr finden.
Während ich das jetzt aufschreibe, wird mir klar, dass es nicht nur ein Wegfallen der Ängste ist. Es geht einher mit einem Selbstbewusstsein, mit einem Vertrauen in mich selbst und in das Leben, wie ich es vielleicht noch nie verspürt habe. Auch mit Selbstliebe, nicht zu verwechseln mit Narzissmus. Eher mit der Fähigkeit, mich gerade so anzunehmen, wie ich bin. Mit all meinen Fehlern und Macken.
Tobias hatte mich zwei Tage zuvor auf dem Blauen gefragt, ob ich Angst vor dem Tod habe. Ich hatte den Kopf geschüttelt und dann aufgeschrieben:
Ich habe mein Leben gelebt und habe versucht, meinen Träumen nicht nur hinterherzulaufen.
Daraufhin fragte Tobias mich, ob ich denn nicht auch Träume und Sehnsüchte hätte. Ich schrieb:
Ja, aber es blieb nicht nur bei den Träumen und Ideen. Ich habe sie umgesetzt.
Schon beim Aufschreiben war ich erstaunt über diese Selbstsicherheit. Sie fühlte sich nicht aufgesetzt an, eher wie etwas, das aus meinem tiefsten Herzen kam. Kann man so etwas überhaupt ernsthaft von sich behaupten? Dass man keine Angst mehr vor dem Tod hat? Dass man sein Leben gelebt hat? Seine Träume und Ideen umgesetzt hat?
Wahrscheinlich nicht. Vielleicht konnte ich es nur in diesem Moment, als ich es so wirklich fühlte. Nicht als eine andauernde Wahrheit, sondern als ein Gefühl des Augenblicks. Aber vielleicht stimmte es doch, dass ich immer wieder bereit gewesen war, meiner inneren Stimme zu folgen. Und wenn ich meinen Weg zwischendurch verloren hatte, was auch nicht selten vorkam, dann hatte ich ihn doch oft wiedergefunden.
Diese Erkenntnis deckte sich mit dem Gefühl, keine Angst mehr zu haben und mehr bei mir angekommen zu sein. Und aus diesem Blickwinkel war auch meine erste Antwort an sie nicht falsch: Es hat sich alles verändert. Denn wenn die Angst einmal weg ist, oder zumindest so leise geworden ist, dass sie das Leben nicht mehr dominiert, dann ist man nicht mehr dieselbe Person wie zuvor. Was auch immer das zu bedeuten hat.
Konkret hat sich das gezeigt, als ich in den Wochen zuvor zweimal krank war. Dann war ich eben krank. Früher hätte eine Erkältung sofort die Angst in mir geweckt, dass ich bestimmte Aufgaben und meine Wegstrecke nicht mehr schaffen würde. Im schlimmsten Fall hätte schon ein kleiner Schnupfen Gedanken ausgelöst, dass ich vielleicht das ganze Projekt abbrechen müsste. Manchmal musste ich mich im Nachhinein ehrlich fragen, was mehr Kraft gekostet hatte: die Erkältung selbst oder die Angst davor, welche Konsequenzen sie haben könnte und was alles auf der Strecke bleiben würde.
Dieses Mal bin ich für meine Verhältnisse äußerst gelassen mit den Erkältungen umgegangen. Ich habe akzeptiert, dass einiges liegen bleibt. Dass die Texte nicht so gut werden, wie ich es gerne hätte. Dass meine Präsenz mit den Orten und Menschen in dieser Zeit etwas eingeschränkt war oder, wie in Dachau, überhaupt nicht funktioniert hat. Dass ich vieles nicht oder nur unzureichend erledigen konnte. Natürlich gab es auch Druck. Aber er wurde nicht zu einer Angst, die mir sagte, dass ich es nicht mehr schaffe und alles ganz schlimm ist.
Ich bin einfach weitergelaufen. Die Kraft dafür hatte ich wohl auch, weil sie nicht in den Widerstand gegen die Angst geflossen ist. Stattdessen habe ich Tag für Tag geschaut, was heute möglich ist.
All das ist neu. Und in diesen Tagen, in denen ich es bemerken und in Worte fassen konnte, hatte es zugleich etwas Berauschendes. Kann man ein größeres Geschenk bekommen, als angstfreier auf das Leben zu blicken? Ganz im Vertrauen zu sein? Kann man so etwas mit Erfolg oder Geld aufwiegen?
Zugleich ist da auch eine mahnende Stimme in mir, die sagt: Das ist jetzt. Genieße es. Aber das Leben hält noch die eine oder andere Herausforderung bereit. Es werden wieder Zeiten kommen, in denen du kämpfen musst. In denen du dich deinen Sorgen und Ängsten wieder stellen musst.
Ja, ich weiß, dass solche Zeiten wieder kommen werden. Zugleich fragte ich mich, ob in diesem gesunden Realismus nicht auch schon wieder ein Rest Angst mitspielt. Die Angst vor einer zukünftigen Zeit, in der es vielleicht nicht mehr so gut läuft. Kann man auch das loslassen? Es einfach auf sich zukommen lassen und jeweils ganz im Moment sein?
Diese Gedanken begleiteten mich auch noch am nächsten Tag.
Sascias Geburtstagsgäste trafen sich an einem Seitenarm des Rheins, in dessen erfrischendem Wasser man wunderbar baden konnte. Alle brachten die leckersten Dinge zu essen und zu trinken mit. Was für ein Festessen für einen Wanderer, der die meiste Zeit nur das essen kann, was er mit sich trägt und was im Rucksack nicht allzu schnell verdirbt.
Obwohl es dort sicherlich viele spannende Menschen gab, mit denen ich mich unter normalen Umständen gerne unterhalten hätte, blieb mein Radius auf diesem Fest sehr begrenzt. Zwei, drei Menschen. Mehr nicht.
Unter ihnen war Oliwia, mit der ich früher ebenfalls in künstlerischen Projekten zusammengearbeitet hatte. Mittlerweile ist sie eine mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin, hat vor Kurzem ihr zweites Buch veröffentlicht und tourt durch Deutschland und Polen, um Lesungen zu machen.
Menschen wie Sascia und Oliwia hatten mich früher oft bei meinen Texten unterstützt, weil ich immer jemanden brauchte, der sie lektoriert. Zum einen, weil sie voller Fehler waren. Aber auch, weil ich lange in der Haltung gelebt habe, dass ich nicht schreiben kann.
Diese Angst hat mich mein ganzes Leben begleitet. Die Angst, Fehler zu machen. Die Angst, mich mit meinen Texten zu zeigen. Die Angst, dass andere sehen, was ich nicht kann. Also habe ich das Schreiben, wann immer es möglich war, ausgelagert. An Menschen, bei denen ich wusste, dass sie es gut machen würden.
Nun von Oliwia zu hören, dass sie meine Texte liest, dass sie sich dafür Zeit nimmt und sie schätzt, berührte mich sehr. Und zu merken, dass ich inzwischen auf meinem iPad Texte handschriftlich schreibe, die ich anderen Menschen zum Lesen schicke, abfotografiere oder zur Veröffentlichung weiterreiche, obwohl ich weiß, dass sie nicht fehlerfrei sind, ist für mich eine große Erfahrung.
Am Anfang hat mich das unglaublich viel Überwindung gekostet. In manchen Augenblicken kostet es mich immer noch Überwindung. Wenn ich müde bin oder angeschlagen, kommen die alten Muster wieder hoch. Aber es sind eher die Muster als die Angst, die früher hinter ihnen gesteckt hat. Die Angst selbst ist sehr leise geworden.
Vielleicht ist es wie mit der Nacht zuvor unter dem Sternenhimmel. Sie versprach grandios zu werden, bis sich die Moskitos zeigten und meinem Wunsch einen Strich durch die Rechnung machten. Aber dafür war ich ausgerüstet. Ich konnte das Innenzelt aufbauen. Es war nicht mehr so pur, wie ich gehofft hatte, aber trotzdem eine gute Nacht.
Vielleicht wird es mit der Angst ähnlich sein.
So pur, wie sich dieses angstfreie Erleben in diesen Tagen anfühlte, wird es vermutlich nicht auf Dauer anhalten. Die Moskitos werden wiederkommen. Die alten Muster werden sich wieder melden. Vielleicht wird es wieder Nächte geben, in denen ich eine Schicht Schutz zwischen mich und den offenen Himmel legen muss.
Aber vielleicht kann ich etwas von dieser Erfahrung in mein sprechendes Leben hinüberretten.
Und unter einem Moskitonetz zu schlafen, ist immer noch ein wunderbares Erlebnis. Nicht ganz so frei wie unter offenem Sternenhimmel. Aber frei genug, um loszuziehen.
