Tag 338 – Vom Lauf der Dinge
Direkt von Sascias Geburtstagsfeier ging es am Abend wieder hinauf in den Schwarzwald. Auf dem Weg zu einer Hütte, bei der ich schlafen wollte, begegnete mir ein Marderbaby. Es schrie erbärmlich und herzzerreißend nach seiner Mutter. Es war so verzweifelt und hungrig, dass es mir sogar hinterherlief, wohl in der Hoffnung, ich könnte ihm etwas zu essen geben.
Mir zerriss es fast das Herz. Erst versuchte ich, schnell das Weite zu suchen, drehte dann aber doch noch einmal um und bot ihm etwas von meiner veganen Salami an, auf die es sich mehr als gierig stürzte. Wie gerne hätte ich in dieser Situation telefoniert, einen Förster angerufen und gefragt, was mit diesem kleinen Tier zu tun ist. Ob man es sich selbst und dem Lauf der Dinge überlässt. Ob es seine Mutter vielleicht wiederfindet. Oder ob Menschen es aufziehen müssten, damit es überleben kann.
Ich entschied mich dagegen, diesen Anruf zu machen, und kämpfte noch mehrere Stunden mit der Frage, ob diese Entscheidung richtig war. Immerhin war es ein Wildtier. Die Natur hat ihre eigenen Spielregeln, und ich bin mir nicht sicher, wann wir Menschen eingreifen sollten und wann nicht. Eine eindeutig richtige Entscheidung gab es wahrscheinlich nicht. Und doch musste ich mich entscheiden.
Vielleicht blieb von dieser Begegnung noch etwas in mir zurück, als ich am nächsten Tag weiterging.

An diesem Tag stand eine Etappe an, auf die ich mich besonders gefreut hatte. Es ging über den Belchen hinüber zum Notschrei, weiter Richtung Schauinsland, wo ich am nächsten Tag die nächste Verabredung für eine Begleitung hatte.
Als ich zum letzten Mal den Belchen überschritten hatte, war es Ende September. Es waren die ersten Herbsttage, der Schwarzwald lag in den Wolken, manchmal regnete es ein wenig, und es war kalt. Das war vor 22 Jahren. Aber die Wolkenschwaden, die vom Wind durch die Bäume getrieben wurden, verliehen der Landschaft eine ganz besondere Atmosphäre. Der Wald hatte etwas sehr Mystisches und Altes. Er war verwachsen mit Moosen und Flechten, die wie Bärte von den Bäumen hingen, in denen die Feuchtigkeit verfing und kleine glänzende Perlen bildete. Und ich war so gut wie allein. Bei diesem Wetter war kaum ein anderer Wanderer unterwegs.
Diese Bilder sind bis heute lebhaft in meiner Erinnerung, und ich war gespannt, wie es nun sein würde, durch diesen Wald zu gehen, der damals so viel Eindruck auf mich gemacht hatte.

Doch wie schon bei der Gaststätte auf dem Blauen erging es mir auch mit dem Wald um den Belchen. Er war nicht mehr so, wie ich ihn in Erinnerung hatte. 22 Jahre und der Klimawandel können auch einen Wald dahinraffen, der einmal einen so bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Trockenheit, Hitze und Borkenkäfer hatten ihm wahrscheinlich sichtbar zugesetzt. Vereinzelt standen noch alte, verwitterte Baumstümpfe herum, der Wald war an vielen Stellen sehr licht.
Diesen Anblick kenne ich inzwischen aus vielen Regionen in Deutschland, in denen Fichtenwälder dem Klimawandel nicht mehr standhalten. Es ist erschreckend. Aber zumindest am Belchen liegt dieser traurige Einschnitt schon so lange zurück, dass man sehen kann, wie schnell die Natur sich diesen Raum zurückerobert. Überall wächst der Wald von morgen. Ein Mischwald, der hoffentlich besser mit den neuen Gegebenheiten zurechtkommt als der alte Wald. Das machte auch Hoffnung.
Vor 22 Jahren hatte ich vom Gipfel aus nichts gesehen. Er lag mitten in den Wolken. Dieses Mal gab es eine grandiose Aussicht über den ganzen Schwarzwald, hinüber bis zu den Vogesen, und mit etwas Fantasie ließen sich sogar die Alpen am Horizont erahnen.
Allerdings bestieg ich den Gipfel am Pfingstwochenende. So war auch hier die Stimmung eine ganz andere als damals, als ich ihn ganz für mich allein hatte. Alles war voller Menschen, die der Hitze unten im Rheintal und der Städte entflohen waren. Im Wald und auf den Höhen des Schwarzwaldes ließ es sich gut aushalten. Alle machten ihre Selfies vor dem Gipfelkreuz, das natürlich auch bei mir nicht fehlen durfte.

Dabei wurde mir bewusst, dass ich nun den höchsten Punkt meiner Reise erreicht hatte: 1.400 Höhenmeter. Das wäre eine gute Instagram-Story gewesen. Ich lächelnd unter dem Gipfelkreuz. Nach 337 Tagen unterwegs an der höchsten Stelle einer 3.500 Kilometer langen Reise. Ein Highlight, das wieder für Aufmerksamkeit sorgt.
Und zugleich hätte es sich so falsch angefühlt, diesen Post online zu stellen. Mir war überhaupt nicht nach noch mehr Instagram und Aufmerksamkeit. Ich war froh über meine Entscheidung, dort nur noch Veranstaltungen anzukündigen, Texte von Kooperationspartnern zu teilen oder Reposts von anderen Menschen weiterzugeben.
Einen Ort wie diesen wollte ich mir nicht mehr dadurch verderben, dass ich versuchte, ihn sofort in ein Bild zu verwandeln. Ich wollte nicht nach dem perfekten Moment suchen und dabei den eigentlichen Moment verlieren. Also setzte ich mich etwas abseits der vielen anderen ins Gras, erholte mich von dem anstrengenden Aufstieg, genoss die Aussicht und beobachtete das Treiben aus der Ferne.
Ich versuchte, mich mit den anderen Wanderern und Touristen zu versöhnen. Auch ihnen diesen Augenblick zu gönnen. Die Natur. Das Panorama. Selbst wenn sie vielleicht mit dem Auto hier hochgefahren waren. Es klappte erstaunlich gut.

Meinen angepeilten Schlafplatz konnte ich schon vom Gipfel aus sehen. Ein kleinerer Hügel gleich nebenan, der große Freiflächen erkennen ließ. Über die Höhe führte kein offizieller Wanderweg, und ich hatte das Gefühl, diesen Berg für mich haben zu können.
Allzu viele Wünsche hatte ich an diesen Abend nicht. Vielleicht schenkte mir das Leben genau deshalb, was ich mir kaum zu erhoffen gewagt hatte: einen herrlichen Sonnenuntergang mit Blick auf den Belchen, einen Sternenhimmel ganz ohne Moskitonetz und eine angenehme, ungestörte Nacht.
Es war genug.
Nur dieser Ort. Und die Dankbarkeit, dort sein zu dürfen.

