Tag 343 – Von Freiburg nach Waldkirch: Begegnung im Regen

Am Morgen bin ich in Freiburg aufgebrochen und habe mich erst einmal zehn Kilometer über den heißen Asphalt der Stadt gequält. Das Gehen auf hartem Boden fiel mir schwer; für den Tag waren drückende Temperaturen angesagt und Gewitter am frühen Abend. Bis dahin war es schwül und heiß.
Zum ersten Mal auf meiner Reise hat mir an einer Tankstelle jemand verboten, meine Benzinflasche für den Kocher aufzufüllen. Ich war so perplex von der unfreundlichen Art, dass es mir auch die Sprache verschlagen hätte, wenn ich gesprochen hätte. Der Frau ist wahrscheinlich nicht einmal aufgefallen, dass ich nicht spreche, weil sie so über mich hergefahren ist und fast wütend fragte, was mir einfalle, eine so kleine Flasche an einer Tankstelle auffüllen zu wollen. An der nächsten Tankstelle war es dann zum Glück überhaupt kein Problem mehr, nachdem ich zuvor schriftlich um Erlaubnis gebeten hatte.
Unterwegs musste ich oft an Flavia denken. An unser letztes gemeinsames Treffen, als ich von Konstanz aus für drei Tage nach Hause gefahren war. In einer Dyade hatte sie mir gesagt, dass diese Zeit ohne mich nicht einfach für sie gewesen sei. Dass sie versucht habe, die Stellung zu halten, mich so wenig wie möglich mit ihren Sorgen zu belasten und vieles alleine zu tragen.
Nichts davon war mir wirklich neu, aber dennoch treibt mir diese Erinnerung manchmal bis heute die Tränen in die Augen. Weil ich in diesem Moment in der Dyade diese unglaublich tiefe Verbindung gespürt habe. Weil ich in ihren Augen lesen konnte, was es wirklich für sie bedeutet hat, was ich ihr zugemutet habe. Wie sehr sie mich auf ihre Weise unterstützt. Und was ich an ihr habe. Vielleicht gehört diese Erinnerung deshalb zu den wichtigsten Momenten unserer Beziehung, weil sie so pur war.
Auf meinem Weg durch Deutschland war immer wieder diese Sehnsucht nach Verbundenheit da. Oft nach Flavia, manchmal aber auch ungerichtet, einfach nach einem Menschen, bei dem für einen Moment alles gut sein könnte. Natürlich weiß ich, dass es diesen Menschen in dieser reinen Form nicht gibt. Wenn man verliebt ist, kann es vielleicht für kurze Zeit so wirken, als würde ein anderer Mensch diese Leerstelle füllen. Aber irgendwann zeigt sich wieder diese alte menschliche Erfahrung, nicht ganz zu sein.
Unsere Liebe hatte nie dieses rauschhafte, alles verschlingende Verliebtsein, in dem die Welt für eine Weile verschwindet. Bei uns fühlte es sich von Anfang an eher so an, als würden wir uns schon sehr lange kennen, vielleicht schon viele Leben miteinander gelebt haben, wie eine sehr alte Freundschaft. Und ich habe das Gefühl, dass das, was unsere Beziehung trägt, über die Jahre immer weiter gewachsen ist: Vertrauen. Annahme. Die Bereitschaft, den anderen so zu sehen, wie er ist.
Vielleicht ist das ja die wahre Liebe. Ich weiß es nicht.
Und trotzdem gibt es manchmal diese innere Leere. Und mit ihr kommen Fantasien, dass vielleicht irgendwo ein Mensch auftauchen könnte, der sie füllt. Während ich an diesem Tag durch die schwüle Hitze ging, haben sie mich wieder heimgesucht, und ich konnte ihnen zuhören. Vielleicht, dachte ein Teil von mir, begegne ich unterwegs einem Menschen, mit dem plötzlich diese besondere Nähe entsteht, die alles erfüllt.
Ich musste beim Zuhören über mich selbst lächeln. Wie konnte es sein, dass ich wenige Kilometer zuvor noch über Flavia geweint hatte, weil mir so deutlich geworden war, wie wichtig sie mir ist, und nun solche Fantasien durch meinen Kopf gingen? Früher hätte mein innerer Kritiker sofort ein Urteil gefällt. Heute konnte ich milder darauf schauen.
Ich glaube, hinter solchen Fantasien liegt oft etwas Tieferes. Die Sehnsucht nach Liebe, Geborgenheit und Verbundenheit. Etwas, das viele Menschen in sich tragen, vor dem auch ich auf diesem langen und oft einsamen Weg nicht verschont blieb. Man möchte ganz sein. Man möchte irgendwo ankommen. Man möchte für einen Moment nicht mehr spüren, was in einem selbst unvollständig, schwierig oder verletzt ist. Die Erfüllung sucht man im anderen, auch wenn an dieser unerfüllbaren Sehnsucht so viele Beziehungen scheitern.
Manchmal gelingt es mir inzwischen, dieses Gefühl nicht wegzuschieben oder allzu hart über mich selbst zu urteilen, sondern es innerlich zu umarmen. Wahrzunehmen: Ich fühle mich allein. Ich habe Sehnsucht. Ich wünsche mir Nähe. Und manchmal löst sich genau dadurch etwas. Nicht immer. Aber immer öfter.
Um mich an diesem Tag von meinen Fantasien zu befreien, fragte ich mich, was mich am Abend wohl an der Hütte, wo ich übernachten wollte, realistischer erwarten würde. Vielleicht eine Kindergrillparty, dachte ich. Es war Sonntag. Sofort spürte ich Widerstand. Dann wollte ich doch lieber alleine sein, schreiben, Gedanken verarbeiten, vielleicht ein Feuer machen und die Ruhe genießen. Es sollte eine Vollmondnacht werden.
Aber auch diesen Gedanken ließ ich wieder los. Es gab keinen Grund, mir auszumalen, wer irgendwo auf mich warten könnte. Ich konnte es einfach auf mich zukommen lassen. In der Ferne donnerte es bereits. Vielleicht würde ich die Hütte für mich alleine haben. Vielleicht auch nicht. Vielleicht würde ich genau das vorfinden, was ich an diesem Tag brauchte, auch wenn ich noch nicht wusste, was das war.
Als ich mich der Hütte näherte, sah ich schon aus der Ferne einen Mann an einem der Tische davor sitzen. Und aus irgendeinem Grund wusste ich sofort: Dieser Mann ist für mich da. Vielleicht nur, weil mir zuvor all diese Gedanken durch den Kopf gegangen waren. Vielleicht auch, weil er die reale Antwort auf meine inneren Monologe war.
Er grüßte mich nicht, wahrscheinlich weil auch von mir kein Gruß ausging. Also legte ich erst einmal meinen Rucksack ab, schaute in die Hütte und ging dann zu ihm hinüber. Mit Gesten deutete ich an, dass ich nicht spreche. Er antwortete auf Französisch, weil er offenbar dachte, ich sei Ausländer. Ich reichte ihm meinen Flyer. Er begann ihn mühsam zu lesen, wahrscheinlich hatte er ohne Brille Schwierigkeiten, die kleine Schrift zu entziffern. Dann setzte ich mich zu ihm an den Tisch.
Und als ob er nur auf mich gewartet hätte, begann er zu erzählen.
Am Anfang schaute er mich kaum an. Vielleicht ein oder zwei Sekunden. Danach wich sein Blick aus. Er schaute auf den Boden, in die Bäume, vor sich hin, aber nicht zu mir. Lange hatte ich das Gefühl, dass er gar nicht mit mir sprach, sondern mit sich selbst. Als würden Gedanken, die schon seit Jahren in ihm kreisten, nun einfach einen Weg nach außen finden.
Es waren Bruchstücke. Seine Oma, die ihn gerettet hatte. Seine Arbeit als Stuckateur. Kunst und Skulpturen. Erfolg, der ihm zu Kopf gestiegen war. Drogen, die sein Leben zerstörten. Der Jakobsweg, der ihm half, wieder eine Richtung zu finden. Gewalt, Gefängnis, Bundeswehr, Kloster. Dazwischen immer wieder kleine Ausflüge in die Natur. Tiere, die keine Angst vor ihm hatten. Pflanzen und Pilze, die er sammelte. Heilwirkungen, die er kannte.
Gerade an seinem Pflanzenwissen merkte ich, dass das kein oberflächliches Gerede war. Ich habe in den letzten Jahren selbst einiges über Wildpflanzen gelernt, aber schnell wurde mir klar, dass sein Wissen viel tiefer ging als meines. Es war kein Schulwissen. Es war altes Wissen. Etwas, das man nur erlangt, wenn man Pflanzen nicht nur bestimmt, sondern über lange Zeit beobachtet, berührt und sie selbst als Lehrmeister ernst nimmt.
Nach und nach ergaben die Bruchstücke eine Geschichte. Nicht chronologisch. Nicht geordnet. Aber eine Geschichte, die mich immer tiefer berührte.
Seinen Namen hatte er mir damals noch nicht genannt, musste ich in diesem Moment auch nicht wissen. Es war keine Konversation im üblichen Sinn. Abgesehen von Nicken, Blicken und kleinen Gesten trug ich fast nichts bei. Ich saß einfach da und hörte ihm zu. Je länger er erzählte, umso häufiger fanden sich unsere Augen, und es entstand so etwas wie Verbindung. Es waren nun nicht mehr nur seine Gedanken, die er laut aussprach, sondern Erzählungen, die an mich gerichtet waren.
Er erzählte von mehreren schweren Kopfverletzungen in seiner Jugend. Eine davon war so gravierend, dass er danach wieder neu sprechen lernen musste. Seine Mutter, die ihm schon zuvor wenig Beachtung geschenkt hatte, gab ihn spätestens danach auf. Seine Oma nahm sich seiner an. Sie wurde der erste Mensch in seinem Leben, der sich wirklich um ihn kümmerte.
Von ihr lernte er wieder sprechen und schreiben. Allerdings nicht Hochdeutsch, sondern Alemannisch, den lokalen Dialekt. Und nicht die lateinische Schrift, sondern Sütterlin. In der Schule bekam er für seine Aufsätze deshalb die schlechtesten Noten, bis eine neue Lehrerin kam, die verstand, was er in Alemannisch geschrieben hatte, und ihm für den Inhalt plötzlich die Bestnote gab.
Er erzählte auch, dass er nach dem Unfall die Fähigkeit verloren habe, Menschen richtig einzuschätzen. Er könne Gesichtsausdrücke nicht lesen, wisse oft nicht, ob jemand ehrlich sei oder ihm etwas vorspiele. Vertrauen sei für ihn schwer geworden. Also habe er andere Wege gesucht, um herauszufinden, wem er trauen könne. Keine einfachen Wege. Keine gesunden Wege. Aber Wege, die aus seiner damaligen Sicht vielleicht die einzigen waren, die ihm zur Verfügung standen.
Irgendwann fand die Wut, die sich in seinem Leben angestaut hatte, ein Ventil im Kickboxen und im Rockermilieu. Er arbeitete als Türsteher, stieg ins Drogengeschäft ein. Dann kamen andere Geschichten: von seinem großen handwerklichen Talent, von seiner Zeit im Gefängnis in Malta und den Jahren bei der Bundeswehr, wo man ihn – entgegen aller psychologischen Diagnosen – zum Kämpfen ausgebildet hatte. Schließlich stand er vor den Trümmern seines Lebens.
Er sprach nicht stolz davon. Er blickte eher mit einem weiten, fernen Blick zurück. Manchmal klang es, als hätte er damals für alles, was er getan hatte, einen vermeintlich gerechten Grund gefunden. Heute aber lag der Schmerz darüber zentnerschwer auf ihm. Ich hatte nicht das Gefühl, dass er diese Geschichten erzählte, um sich zu rechtfertigen. Eher, als würde ihm manches selbst noch immer nachgehen.
Seine Ehe scheiterte nach 26 Jahren, das Haus, das er jahrelang renoviert hatte, war weg. In seiner Verzweiflung und in der Wut dachte er daran, es anzuzünden. Dass er es nicht tat, lag an einem Wendepunkt: der Begegnung mit einer besonderen Frau.
Irgendwann kam er auf ein Kloster zu sprechen. Und auf eine Oberschwester, die in seinen Erzählungen immer wieder auftauchte. Eine Frau, die ihn offenbar gesehen hatte, wie er war. Nicht beschönigend, nicht verurteilend. Sie hatte ihm klare Worte gesagt. Dass seine Entwicklung vielleicht in seiner Jugend stehengeblieben sei. Dass er nie wirklich Verantwortung für sein Handeln übernommen habe.
Von ihr hatte er erfahren, dass es andere Wege gibt als Rache. Dass Vergebung eine Möglichkeit sein kann.
Ein Satz der Nonne prägte sich mir tief ein. Er hatte ihr von dem ganzen Mist in seinem Leben erzählt, und sie antwortete: Ich sehe darin keinen Mist. Ich sehe Kompost, auf dem wunderbare Tomaten wachsen können.
So einfache Worte. So klare Worte. Und doch hatten sie etwas in ihm verändert.
Als er davon erzählte, standen ihm Tränen in den Augen. Ich nahm seine Hand. Auch ich war den Tränen nahe.
Ich hatte nicht den Eindruck, dass es in erster Linie der Glaube war, der ihn verändert hatte. Zumindest sprach er nicht so davon. Es war diese Frau. Diese Oberschwester, die ihm wirklich zugehört und ihn als Mensch gesehen, angenommen und zugleich nicht geschont hatte. Die ihm Raum gab, ohne das Schwere wegzuwischen.
Zum ersten Mal, so schien es mir, konnte er zulassen, zu sehen, was in seinem Leben falsch gelaufen war. Und dieser Schmerz lag auf ihm. Er klang aus fast allem heraus, was er erzählte.
Einmal sagte er sinngemäß, dass es an manchen Punkten seines Lebens nur wenig gebraucht hätte, damit alles noch schlimmer ausgegangen wäre. Dass ihm der Absprung gelungen sei, bevor etwas Unumkehrbares geschah.
Weil ich diesen Schmerz in ihm spürte, schrieb ich ihm irgendwann den einzigen Satz auf, den ich an diesem Nachmittag formulierte:
Du hast deiner Frau vergeben. Das ist eine unglaubliche Leistung. Kannst du dir auch selbst vergeben?
Er wusste, dass genau das der nächste Schritt wäre. Sich selbst vergeben. Für all die schlimmen Dinge, die er getan hatte. Für all die Stellen, an denen er falsch abgebogen war. Aber dafür, sagte er, sei zu viel geschehen. Er könne das nicht einfach loslassen.
Er war ein gründlicher Handwerker. Und nun müsse er sich genauso gründlich mit seinen Taten beschäftigen. Man könne das nicht einfach wegwischen. Man müsse Ordnung hineinbringen. Vielleicht könne dann irgendwann Vergebung möglich werden.
Während der fast zwei Stunden, in denen er erzählte, setzte immer wieder kurz Regen ein. Er und ich ließen uns nicht davon beirren. Manchmal waren es nur ein paar Tropfen, nach wenigen Minuten war alles wieder vorbei. Er mochte den Regen. Der Mairegen, sagte er, sei etwas Besonderes. Er wasche alles ab und gebe den Pflanzen Kraft. Durch ihn könnten sie erst richtig wachsen.
Jedes Mal, wenn der Regen wieder aufhörte, wirkte er fast enttäuscht.
Dann kam ein anderer Regen. Man hörte ihn schon aus der Ferne, wie er auf das Laub der Bäume prasselte, noch bevor er uns erreichte. Innerhalb einer Minute war er da. Und diesmal war klar, dass er nicht gleich wieder aufhören würde.
Ich packte meinen Rucksack in die Hütte und blieb im Türrahmen stehen. Er aber legte sich auf den Tisch in den Regen. Irgendwann stand er freudig auf, stellte sich auf einen großen Baumstamm, der als Tisch diente, breitete die Arme aus und empfing den Regen.
Es sah aus, als würde dieser Regen etwas von ihm abwaschen. Die Schwere. Die Schuld. Vielleicht auch nur für diesen einen Moment. Aber sein Gesicht strahlte.
Dann nahm er seine Sachen und sagte, dass er nun nach Hause gehen könne. Wir umarmten uns. Und er zog weiter.
Ich stand noch lange im Türrahmen und schaute ihm nach. Berührt von allem, was er mir erzählt hatte. Von dem Vertrauen, mit dem er sein Leben vor mir ausgebreitet hatte. Von den Worten, die am Anfang wie ein zusammenhangloses Selbstgespräch gewirkt hatten und sich im Laufe der Zeit zu einer Erzählung gefügt hatten.
Ich weiß nicht, was aus ihm wird. Ob er sich je selbst verzeihen kann oder mit seinen sechzig Jahren noch einmal Boden unter die Füße bekommt. Aber an diesem Tag kam etwas in Bewegung. Nicht, weil ich etwas getan oder gesagt hätte. Vielleicht nur, weil für zwei Stunden jemand da war, der einfach blieb und zuhörte.
Ich wünsche ihm von ganzem Herzen, dass dieser Mairegen nicht nur auf seine Haut gefallen ist, sondern tiefer. Dorthin, wo Schuld nicht einfach verschwindet und nicht ungeschehen gemacht werden kann. Dorthin, wo es nicht um Vergessen geht und nicht um Entschuldigung. Vielleicht fällt dieser Mairegen ja auf jenen dunklen Kompost, von dem die Oberschwester sprach und aus dem trotz allem noch einmal neues Leben wachsen darf. Vielleicht sogar jene Tomaten, von denen sie erzählte.
An dieser einsamen Hütte im Wald durfte ich wieder erfahren: Die berührendsten Begegnungen lassen sich nicht erzwingen. Und manchmal beginnen Zuhören und tiefe Verbindung genau dort, wo unsere Erwartungen und Fantasien enden.
